Liveticker
Schalke 04 – Werder Bremen 0:1
Bundesliga

13.30 Uhr

Tja Freunde, wochen­lang haben Politik und Sport dar­über debat­tiert, ob die Bun­des­liga wieder starten kann. Was nie­mand bedacht hat: Irgend­wann müssten Schalke und Werder noch gegen­ein­ander spielen. Wir tickern es trotzdem, ab 15.15 Uhr.

13:39 Uhr

Als wir heute Morgen auf den Spiel­plan geschaut und fest­ge­stellt haben, dass wir dieses Spiel tickern sollen:

13.40 Uhr

Für euch jeden­falls dann später an der Tas­tatur: Alex Del­phin“ Raack und Tobias laich­zeit“ Ahrens.

15.20 Uhr

Liebe Freunde, erstmal ein drei­fach Hoch auf meinen Kol­legen Tobias Ahrens für seine lyri­sche Hel­dentat, dem eigent­lich längst aus­ge­lutschten Geis­ter­ver­gleich noch die Krone auf­zu­setzen. GEis­ter­bahn. Ahrens, sie sind ein Genie. Ich hätte da noch eine Idee, falls dieser Kick vor exakt 0 Zuschauern wider Erwarten doch noch geil werden sollte: Geist ist geil. Prost!

15:23 Uhr

Leichte tech­ni­sche Pro­bleme noch hier, aber damit gehen wir ja nur mit in der all­ge­meinen Fuß­ball­krise. Bun­des­liga ohne Zuschauer. Jedes Wochen­ende. Wenn uns das einer vor zwei Jahren erzählt hätte, wir hätten ungläubig husten müssen. In unsere Hand!

15:25 Uhr

Schalke gegen Werder. Bei man­chen Spielen wird einem ganz anders. In diesem Fall überkam mich eine kurze Depres­sion. Dann dachte ich Ebbe Sand und Mirko Votava und Bordon und Ailton und da ging es mir schon besser. Jetzt sitze ich hier mit einem tap­feren Lächeln und harre der Dinge. Das erste Geis­ter­spiel meines Lebens. Ich weiß wirk­lich nicht, ob ich damit klar­kommen. Fuß­ball ohne Fans, das will in meinen Kopf nicht rein. In euren?

15:29 Uhr

Schon vor dem Abpfiff zieht es in der Brust, dort, wo das Herz für Fuß­ball schlägt. Lang­same Auf­nahmen von jungen Sport­lern mit Mund­schutz in einem leeren Sta­dion. Im Hin­ter­grund hört man das Hallen eines Ord­ner­la­chens.

1.

45 Sekunden sind rum. Können die hier nicht wenigs­tens die Lacher vom Band aus Eine schreck­lich nette Familie“ oder Hör mal, wer da häm­mert?“ unter legen? Draußen steht Flo­rian Koh­feldt und wäre gerade lieber Al Bundy.

3.

Zweiter Ein­druck: Wenn man nur den Ton laufen lässt, wäre das eigent­lich eine tolle Medi­ta­ti­ons­musik für Fuß­ball­freunde. Ver­sucht es mal mit mir. Hin­legen, Augen zu, tief durch­atmen und den Rasen rie­chen. Die Rea­lität für alle Werder-Fans: In diesem Moment wird Vogt aus dem Spiel getreten. Die Yoga-Stunde ist vorbei.

5.

Vogt macht erstmal. Und zieht dabei exakt die Gri­masse, die zu dieser Kulisse passt. Die Leiden des jungen V. Auf der Nord hustet ein Ordner. In den Ellen­bogen.

7.

Die Schatten des Arena-Dachs ergeben Muster auf dem Rasen, dass das Sta­dion wie eine alter­tüm­liche Kathe­drale wirkt. Und wer weiß. Viel­leicht laufen in einigen Jahren hier Fami­lien ent­lang, der Vater erzählt, wie wichtig das mal für die Men­schen war. Und die Kinder ver­su­chen sich zu benehmen, Schnauze halten und andächtig gucken, weil sie wissen: Gleich geht’s zum Lim­be­cker Platz. Schön shoppen bei Tal­ly­Weijl.

9.

Schalke in den ersten Minuten schon wieder mit der­maßen wenig Ball­be­sitz, viel­leicht sollten sie da mal ansetzen, bevor der Klub insol­vent geht. 

11.

Werder schon mit zwei guten Chancen. Scheint so, als könne sich Schalke nach der Saison einiges vor­werfen lassen. Aber kei­nes­falls Wett­be­werbs­ver­zer­rung.

13.

Will nicht zu früh spotten, aber Schalke stellt sich derart hinten rein, dass ich den Ver­dacht habe, dass sie aus finan­zi­ellen Gründen nur immer auf einer Hälfte des Platzes spielen wollen. 

14.

Klaaßen aus der zweiten Reihe, wird abge­fälscht. Nübel, der Zurück­ge­kehrte, pflückt sicher aus der Luft. Und irgendwo in Mün­chen streckt Manuel Neuer auf Ver­dacht den Arm in die Höhe.

16.

Wag­ners Kniff scheint nicht zu funk­tio­nieren. Bremen lässt sich nicht beirren und macht zum ersten Mal seit einem halben Jahr das Spiel. 

19.

Konter für Königs­blau. Aber Lang­kamp fällt McKennie beim Über­treten der Mit­tel­linie. Gelb und noch unklar, ob wegen der Gefähr­lich­keit oder aus Über­ra­schung, einem Schalker in der eigenen Hälfte zu begegnen. 

21.

Ball­be­sitz nach 20 Minuten: 18:82 Pro­zent. Gar keine Pointe.

24.

Es fehlen noch fünf Minuten und ein Gegentor und im Schalker Fan­forum ver­gessen sie schon wieder die Groß- und Klein­schrei­bung.

26.

Beide Mann­schaften wie ein Grund­schul­lehrer beim Kor­ri­gieren der Dik­tate: Warten auf den nächsten Fehler. 

28.

Die Sonne scheint milde in die Vel­tins-Arena. Leise ver­hallt der Ruf eines Mannes im Trai­nings­anzug. Man hört das Knallen von Schuh­leder auf Ball. Auf eine gewisse Weise sur­real schön. Wenn es sich nicht um ein Bun­des­li­uga­spiel han­deln würde. So ein Spiel, das wissen nach diesen Wochen hof­fent­lich auch die Letzten, ist ohne Zuschauer nichts anderes als ein stink­nor­males Fuß­ball­spiel.

31.

Bre­mens Friedel im Bild. Er sieht aus wie Marek Mintal. Der wie genannt wurde? Das Phantom. Bes­sere Stürmer für ein Geis­ter­spiel kannste keinem anbieten.

33.

TOOOOR!!! 1:0 für Werder! Und was für eine Bude! Leo Bit­ten­court, bekommt den Ball nach einem Gegen­stoß auf der rechten Seite, zieht nach innen, schlenzt den Ball ins lange Eck. Auf seiner hei­mi­schen Gracht durch­zuckt Arjen Robben ein merk­wür­diger warmer Schmerz im linken Knö­chel.

35.

Keine Chance für Alex Nübel. Der Mann hat die Optik eines Spar­kassen-Mit­ar­bei­ters, der einem gerade die Vor­teile des neuen Giro­kontos erzählt und noch einen Kaffee anbietet. Solche Typen hat sich Oli Kahn früher in den Kakao gebrö­selt.

37.

Da schmilz mein ver­krampftes Herz. Auf der Bremer Ersatz­bank hat sich eine Stim­mung ver­breitet, die man früher nur von den ersten Reihen bei Box­kämpfen der Roc­chi­giani-Brüder kannte. Plötz­lich erhebt sich eine Rot­haa­rige mit Ziga­rette zwi­schen den Fin­gern und gefälschter Rolex ums Hand­ge­lenk: HAU IHN UM, ROCKY! HAU IHN UM!“ Im Hin­ter­grund wird Axel Schulz beschissen.

40.

Die Kameras fangen Huub Ste­vens ein, klar erkennbar am schütter zurück­ge­gelten Haar, den Mann ver­steckt kein Gesichts­schutz der Welt. Daneben ein kleiner Junge mit Maske. Ist das Olaf Thon?“, fragt der Sky-Mann. Der kleine Junge gibt Rolf Töp­per­wien ein Inter­view.

43.

Viel ist nicht geblieben von der Energie des David Wagner. Strahlte der Mann zu Beginn seiner Tätig­keit eine beein­dru­ckende Vita­lität aus, würden wir uns nicht wun­dern, wenn er gleich ein­fach wei­nend zusam­men­bricht und von Huub Ste­vens getröstet werden muss. Dia­gnose beim Psych­iater: Schalke.

45.

Hätte ich auch nie gedacht: Dass ich Block­banner und Riesen-Cho­reos mal ver­missen sollte. Wenn wenigs­tens ein paar Mode­fans oder Mecker­r­entner auf die Tri­büne gelassen werden könnten!

Halb­zeit

1:0 für Werder. Müssen wir noch mehr über diese Halb­zeit berichten? Viel­leicht nur, dass sich natür­lich eben ein Bremer ver­letzt hat. Der Tor­schütze des ein­zigen Tores. Koh­feldt sticht sich mit Bau­mann ein Partner-Tattoo: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“. In brauner Farbe.

46.

Schalke führt den Anstoß aus. Ab jetzt wird wieder impro­vi­siert. 

48.

Gerade war wieder die Vor­stands-/Auf­sichts­rats­riege bei Schalke zu sehen. Und ganz ehr­lich: Für mich wäre es okay, wenn sich Ste­vens und Thon gleich halb­graue All­wet­ter­ja­cken anziehen würden, um sich mit einem Dosen­bier an die Bande zu stellen und über den dicken Libero bei Schalke abzu­läs­tern, dass der es hört und den nächsten Ball vor lauter Wut gen nächstes Mais­feld schlägt. 

50.

Geis­ter­spiele sind für Schalke mitt­ler­weile ein großes Glück. So bekommt wenigs­tens keiner mit, wie sie das Sta­dion leer spielen.

52.

Uff. Weston McKennie mit einem derart dre­ckigen Ell­bo­gen­ein­satz gegen Osako, dass es mich wun­dern würde, wenn das noch mit den Hygie­ne­re­geln zu ver­ein­baren wäre.

54.

Und Schalke mit der nächsten guten Chance. Schöpf mit einer Flanke Marke mal gucken“ in den Sech­zehner, der Ball wird nicht ver­nünftig geklärt, Raman hält drauf. Zwar kein Tor, aber doch eine Erin­ne­rung, dass Bremen Pro­bleme hat, sobald Fuß­ball gespielt wird.

56.

Wagner nimmt McKennie runter, der wild dis­ku­tie­rend den Platz ver­lässt. Muss man ihm aber nach­sehen: Der Mensch wird nör­gelig, wenn er nicht seinen Schlaf bekommt. 

58.

Ernst­haft: Dass McKennie kein Gelb für das Foul an Osako gesehen hat, ist der Witz des Tages. Und das will was heißen bei diesen Offen­siv­be­mü­hungen. 

60.

Ich sag wie’s ist: Wenn die beiden Mann­schaften so wei­ter­spielen, landen sie bei der nächsten DFB-Pokal­aus­lo­sung im Ama­teur­topf.

62.

Mun­teres Schei­ben­schießen auf das Tor von Werder Bremen. David Wagner kauft noch Chips für seine Jungs, McKennie bestellt gebrannte Man­deln, Flo­rian Koh­feldt ver­senkt seine letzte Mark beim Enten­an­geln. Frank Bau­mann schießt sich selbst eine Rose. Noch immer 0:1.

64.

Osako, der eben umge­checkt wurde, ohne, dass der Gegner bestraft wurde, bekommt jetzt Gelb für einen gemeinsam aus­ge­führten Luft­sprung. Auch der arme Felix Zwayer offenbar völlig über­for­dert von der unglaub­li­chen Kulisse. Kann pas­sieren.

66.

Wer es nicht kennt: Ich emp­fehle nach Ansicht der ver­gan­genen Minuten das Portal Crap 90s Foot­ball“. Die schönsten Ver­stol­perer, die mie­sesten Fehl­pässe, die am meisten über­for­derten Mit­tel­feld­spieler. Oder man schaut eben ein­fach weiter bei diesem Spiel“ zu. Es ist so erbärm­lich, wie es sich liest. 

69.

Es sinkt für sie: Das Niveau. Im Hin­ter­grund der Chor, der Ver­dammten – Flo­rian Koh­feldt, David Wagner, der deut­sche Fuß­ball.

71.

Im Minu­ten­takt liegt ein Bremer auf dem Boden. Schalke nach der guten alten Devise: Wenn wir schon ver­lieren, treten wir ihnen wenigs­tens den Rasen kaputt. Erst spät stellt Wagner fest, dass es sich hier um ein Heim­spiel han­delt. In seinem Schuppen weint der Platz­wart leise in sein Green.

73.

Also wenn Werder Bremen in dieser Saison tat­säch­lich die Klasse halten sollte, dann muss sich die Bun­des­liga ernst­haft Gedanken um ihre Klasse machen.

74.

Jonjoe Kelly am Ball. Macht in seiner Frei­zeit gerne Musik mit den anderen Fami­li­en­mit­glie­dern: Svän­peter Kelly, Stef­an­kris­tjan Kelly, Hor­straalf Kelly und Tho­mas­martin Kelly.

76.

Die schönste Nach­richt des Tages: Nur noch 15 Minuten. Wenn Zwayer ein Herz hat, pfeift er pünkt­lich ab. 

78.

Flo­rian Koh­feldt ange­spannt wie der Abitu­rient vor der Abschluss­prü­fung. Der Abitu­rient, der statt zu lernen die letzten Monate nur Party gemacht hat und jetzt darauf setzt, sich irgendwie durch­zu­mo­geln.

80.

Koh­feldt mault, Zwayer greift ihn sich, zieht plötz­lich sein Spray und nebelt Koh­feldt ein. Bau­mann springt auf, grätscht Zwayer in die Beine. David Wagner bekommt von Pander eine gezim­mert. Aus den Kata­komben prescht Claudio Pizarro auf einem Poli­zei­pferd in die Menge…

Statt­dessen: Noch immer 10 Minuten. Auch schlimm.

82.

Bin dafür, dass solche Spiele in Zukunft ein­fach nicht mehr ange­pfiffen werden. Aus Sicher­heits­gründen. Denn was kol­lek­tives Hoffen und Beten in diesen Zeiten anrichten kann, haben die Kir­chen ja gerade erst bewiesen.

84.

Herr­lich,…“

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86.

Wie Wagner gerade nach vorne gedeutet hat und seinen Spie­lern dabei auf­mun­ternd zurief Komm!“ und Werder sich dar­aufhin gemüt­lich den Ball im Mit­tel­feld zuspielte, erin­nert mich irgendwie an meine Mutter, die ihr Leben lang ver­geb­lich hofft, dass wir unsere Gläser in und nicht auf die Spül­ma­schine stellen.

88.

Auf der anderen Seite: Wenn ich sehe, wie Davie Selke sich vorne ertraglos den Arsch abwetzt, habe ich große Sorge, dass er irgend­wann auf Schalke das große Erbe von Franco di Santo antritt.

90.+1

Bremen will jetzt mit allen Mit­teln den Sieg ver­tei­digen: Geben Schalke den Ball. Genial.

90.+3

Will nicht sagen, dass sich Schalke seinem Schicksal ergibt, aber David Wagner über­gibt das Kom­mando so eben an einen her­an­ei­lenden Delfin-Domp­teur. 

90.+4

Zwayer pfeift ab! Werder Bremen gewinnt mit 1:0, bleibt damit im Abstiegs­kampf auf Tuch­füh­lung. Und damit ist auch klar: Am Mitt­woch gegen Frank­furt folgt ein auch in dieser Höhe ver­dientes 0:3. 

Abpfiff

Sie haben jetzt die Wahl..“, höre ich. Die Wahl, dass wir nun das Spiel in der Wie­der­ho­lung schauen könnten. Aber da muss ich leider passen, denn ich bin schon ver­ab­redet, meine Hände auf ein heißes Bügel­eisen zu legen und mir dabei von Freunden Essig­säure in die Augen tröp­feln zu lassen. Und ich denke, damit bin ich bedient.