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Borussia Mönchengladbach – BVB 1:2

18:00 Uhr

Guten Abend, liebe Fans, und herz­lich will­kommen zu dieser Partie, von der füh­rende Viro­logen sagen, dass sie gar nicht hätte statt­finden dürfen, wenn wir uns auch in Zukunft noch für Bana­li­täten wie den Fuß­ball inter­es­sieren können wollen. Doch da eine Absage offenbar eine lan­des­weite Mas­sen­panik zur Folge gehabt hätte, sehen wir nun, was wir sehen: Unweit des Corona-Kri­sen­ge­biets Heins­berg treffen sich 50.000 Men­schen auf engstem Raum und sind ange­halten, ein­ander nicht zu umarmen bzw. auf die Schnauze zu hauen, in die Arm­beuge zu grölen und sich Tränen sowohl der Freude als auch der Trauer tun­lichst zu ver­kneifen. Hof­fent­lich traut sich über­haupt jemand, den Ball zu berühren, denn sonst wird es fade. Nennen wir es den­noch: Brot und Spiele. Und hoffen auf das Beste. An erster Stelle natür­lich: die Gesund­heit aller Betei­ligten. 

Car­toon: Meta Bene

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18:11 Uhr

»Wenn man weiter oben dran bleiben will«, so BVB-Sport­di­rektor Michael Zorc, »darf man heute nicht ver­lieren.« Die für Laien oft­mals so undurch­sich­tige Arith­metik der Tabelle, ver­blüf­fend ein­fach erklärt: Was wären wir ohne unsere Experten?

18:15 Uhr

Lothar Mat­thäus sagt, der BVB habe »zwei Cha­rak­te­rien« hin­zu­be­kommen. Hof­fent­lich ist das nicht gefähr­lich. Ich wün­sche den­noch pro­phy­lak­tisch: Gesund­heit! 

18:20 Uhr

In der Wer­bung jetzt ein Roboter, der den Rasen mäht, ohne dass sich jemand darum küm­mern muss. Plötz­lich über­mannt mich eine Vision von einer Welt ohne Men­schen, aber mit immer noch per­fekt fri­sierten Vor­gärten. Haben wir uns so das Erbe unserer Zivi­li­sa­tion vor­ge­stellt? Ja? Ach so. Na dann. 

18:25 Uhr

Am Mikrofon: Frank »Buschi« Busch­mann, der Koberer vor der Tür zur Dis­ko­thek der himm­li­schen Gleich­gül­tig­keit. Lassen wir uns von ihm her­ein­holen und alles andere ver­gessen, das Leben feiern bzw. in der Ecke stehen und zugu­cken, wie die anderen Spaß haben. 

1.

Anstoß. Als wäre nichts gewesen. Irgendwie rüh­rend. 

3.

Lucien Favre zieht ja, wie Beob­achter wissen, gern mal die Nase hoch. Ein harm­loser Tick von ihm, so wie Ottmar Hitz­feld sich immer am Kragen seines Daniel-Hechter-Trench­coats her­um­zup­pelte und Joa­chim Löw… naja, lassen wir das. Jetzt macht man sich gleich Sorgen um den armen Mann und hofft, dass seine Assis­tenten ihn nicht meiden. Wie­derum: Gesund­heit! 

6.

Bürki mit einer tollen Parade: Sieht aus wie ein Vater, der sein Kind, das aus der Bade­wanne abge­hauen ist, mit dem Hand­tuch ein­fängt. Frot­tiert Lainer dann noch lie­be­voll ab. Damit er sich nicht erkältet. Wir müssen alle auf­ein­ander acht­geben. Bei­spiel­hafte Szene. 

8.

Tor. Hazard, der ja gerade eben noch Glad­ba­cher war, mogelt sich unge­hin­dert durch die Abwehr­reihe seiner Ex-Kol­legen, die ganz fas­zi­niert zuschauen, was er sich da Tolles zusam­men­drib­belt, dann schlenzt er den Ball ins lange Eck. »Das gildet nicht«, ruft Yann Sommer noch im Flug. Doch: 0:1. 

11.

Frank Busch­mann mit einem plötz­li­chen Lach­krampf. Der Lothar-Mat­thäus-Imi­tator neben ihm ist aber auch echt gut. 

14.

Jetzt Stindl mit einer viel­ver­spre­chenden Tor­chance, trifft aber nur den Pfosten bzw. sogar nur, wie in der Zeit­lupe deut­lich wird, das Gestänge dahinter, den Pfosten des kleinen Mannes, also irgendwie eine dop­pelte Ent­täu­schung. Reden wir lieber nicht weiter dar­über.

17.

Im Mit­tel­kreis liegt Can, ist unschön mit einem Glad­ba­cher zusam­men­ge­prallt bzw. »zusam­men­ge­dongen«, wie Lothar Mat­thäus es nennt, und der muss es wissen, denn wie ein Inuit 100 Wörter für Schnee kennt, kennt ein Lothar Mat­thäus 100 Wörter für einen Zusam­men­prall. 

20.

Biss­chen leise im Sta­dion, finde ich. Hof­fent­lich niest nie­mand in die Stille hinein. 

23.

»Sind wir noch in der Ver­dau­ungs­phase, Lothar?«, fragt Busch­mann. Mag ja roman­tisch sein, wenn sich bei alten Paaren sogar der Meta­bo­lismus angleicht. Aber wissen möchte man es eigent­lich nicht.

26.

Die Glad­ba­cher wissen zwar unge­fähr, wo das Tor steht, aber eben nicht genau genug, um auch wirk­lich mal dort anzu­kommen, sollten sich viel­leicht doch mal über­winden, jemanden nach dem Weg zu fragen, aber so sind sie, die jungen Leute, ver­laufen sich lieber, als auch nur ein Mal uncool zu wirken, ts, ts, ts. 

30.

Busch­mann: »Lothar, was muss besser werden?«

Mat­thäus: »Stindls Ver­ti­kal­spiel«

Muss ich mir merken.

Per­so­nal­chef: »Was würden Sie als Ihre Schwäche bezeichnen?«

Ich: »Mein Ver­ti­kal­spiel.« 

Per­so­nal­chef: »Wow.«

32.

Zakaria hat Pro­bleme mit dem Knie, das ist bedau­er­lich, hinzu mischt sich bei mir jedoch die Angst, dass Busch­mann gleich den allzu busch­mann­ar­tigen Satz »Zakaria hat Knie« sagt. Kaum aus­zu­halten.

37.

Jantschke kommt für Zakaria in die Partie, Typ großer Bruder, der zwar gleich zur Schicht muss, aber vorher noch den kleinen Marlon aus der Scheiße raus­holt, die Prü­gelei beendet, ihn im Golf Bon Jovi nach Hause fährt und ins Bett legt, ohne dass Mama merkt, wie besoffen der Racker schon wieder ist. Seine Ein­wechs­lung: für mich die Wende dieses Spiels. 

40.

Die Glad­ba­cher haben das Tor jetzt gefunden, aber son­der­lich toll ist es da nicht, weil Bürki sie nicht rein­lässt. Das gibt nur einen Stern bei Tri­pAd­visor. 

42.

»So’n biss­chen schwebt immer noch die Ent­täu­schung über den frühen Rück­stand hier über dem Borussia-Park«, so Busch­mann. Gleich läuft er runter und sagt zu den Glad­ba­chern: »Jetzt lacht doch mal!« 

45.

»Eine Bank fürs Leben«, steht auf der Wer­be­bande. Ist ja lieb vom FC Bayern, dass er sogar hier eine Gruß­an­zeige für Alex­ander Nübel schaltet. 

47.

Zag­adou stellt den Ell­bogen raus, das hätte einen Elfer geben können, viel­leicht sogar müssen. Aber wie Lothar Mat­thäus einmal gesagt hat und jetzt eigent­lich wieder sagen müsste, aber er ist seit Minuten in ein rät­sel­haftes Schweigen ver­fallen, so dass es an mir ist, ihn zu zitieren: »Wäre, wäre, Fahr­rad­kette.« Und damit gehen wir in die Pause. Hoffen wir, dass »Buschi« das Lade­kabel für seinen Co-Kom­men­tator wie­der­findet. 

19:30 Uhr

Eine Wer­bung mit Icke Häßler, einem Idol meiner Jugend. Gleich danach eine Wer­bung für einen Trep­pen­lift. Eine wun­derbar sub­tile Art der Indus­trie, mir bei­zu­bringen, dass ich in eine Ziel­gruppe weiter nach unten gerutscht bin. 

19:35 Uhr

»Wir warten noch auf ein Inter­view mit Alex­ander Zickler«, ver­kündet »Buschi«. Die Zeit, bis es zustande kommt, ver­bringe ich mit der Über­le­gung, was das Gegen­teil von Vor­freude ist. 

46.

Es kommt dann doch nicht zustande, das groß ange­kün­digte Inter­view mit Alex­ander Zickler, was die Chro­nisten der Mensch­heits­ge­schichte jedoch werden ver­schmerzen können. Kommt zum Glück zustande: der Anstoß. Auf­atmen allent­halben. 

48.

1:1. Und das kam so: Ecke Glad­bach, Kud­del­muddel im Straf­raum, und da ist er wieder einmal: Lars Stindl, der Thomas Müller von Glad­bach, steht genau da richtig, wo alle anderen falsch stehen würden, gurkt, sto­chert, mogelt den Ball irgendwie rein, ein Tor, das in seiner ganzen Häss­lich­keit wie­derum beinah pracht­voll ist. Wenn er so wei­ter­macht, der Stindl, ver­bannt Joa­chim Löw ihn noch aus der Natio­nal­mann­schaft. 

52.

Der angeb­lich so gran­diose Haa­land hat übri­gens das Abseits auf­ge­hoben. Der Lack ist ab. Meine Mei­nung. 

54.

Favre rutscht nervös auf seinem Trai­ner­sessel hin und her, erin­nert mich ein biss­chen an meinen Opa, der, wenn er mich Kick Off II auf dem Amiga spielen sah, immer dachte, das sei ein echtes Spiel. Mit dem Unter­schied, dass das hier ein echtes Spiel ist. »Wie steht’s?«, fragt Favre seine Assis­tenten. »1:1, Chef.« Favre: »Puh. Geht ja noch.«

57.

Hazard mit dem Hackentrick zum Gegner bzw. zu seinen ehe­ma­ligen Mit­spie­lern. Wirkt wie eine nächt­liche, besof­fene SMS an die Ex-Freundin. Begreif es end­lich, Thorgan: Es ist aus!

60.

Busch­mann: »Mo Dahoud wird gleich kommen. Was sagt uns das, Lothar?«

Mat­thäus: »Das sagt uns, dass Can nicht mehr kann.«

Der wohl größte Dialog seit: 

63.

Hazard mit dem Kopf­ball, Yann Sommer ist jedoch schneller unten als ein Prepper, wenn der DHL-Bote klin­gelt, der das Des­in­fek­ti­ons­mittel bringt. 

67.

Wovon ich meinen Enkeln mal nicht erzählen werde: Jantschkes Beinah-Eigentor am 7. März 2020.

69.

»Fuß­ball ohne Emo­tionen ist Koko­lores«, so Busch­mann. Irgendwas an diesem Satz ist wider­sprüch­lich, und eines Tages werde ich der Sache auf den Grund gehen. Doch nicht jetzt. Denn: 2:1 für den BVB. Hakimi nutzt die momen­tane Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Glad­ba­cher, die wahr­schein­lich auch noch über das Busch­man­n’­sche Oxy­moron nach­dachten. Und jetzt stehen sie da, und man hört ihren stummen Schrei. 

73.

Noch so ein Para­doxon, diesmal ein opti­sches: Rudel­bil­dung mit Favre. Sieht aus wie Franz Kafka beim Win­ter­schluss­ver­kauf, der sich mit Omas um die Strumpf­hosen kloppt. Ver­stö­rend. 

76.

Busch­mann: »Is ruhig hier, oder?«

Mat­thäus: »Hm.«

Die beiden sind diese Art von älteren Ehe­leuten, die im Restau­rant neben­ein­ander sitzen, sich nichts zu sagen haben und die ganze Zeit die anderen Gäste anglotzen, wäh­rend sie im kleinen Salat her­um­sto­chert und er mit pas­siver Aggres­si­vität seinen Hunger ver­nichtet. Ein­ziger Wort­wechsel:

Sie: »Wie lange sind wir eigent­lich schon ver­hei­ratet?«

Er: »Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß.«

78.

Sancho mit einem Pfos­ten­schuss, der so schön aussah und vor allem klang, dass er, wie ich finde, irgendwie in die Wer­tung mit ein­fließen sollte. Zwi­schen­stand laut meiner Buch­füh­rung: 2,5:1 für den BVB. 

81.

Mat­thäus nennt die Dort­munder jetzt »Ras­sel­bande«. Und in der Tat: Mit einem Durch­schnitts­alter von drei Jahren ist dies die jüngste Mann­schaft die jemals bei einem Bun­des­li­ga­spiel auf dem Platz stand.

84.

Haa­land mit dem etwas zu wütenden Schuss, mit dem er pit­to­resk das Netz zer­fetzen möchte, den Ball jedoch nur über das Tor häm­mert. »Er ist ein Mensch«, ana­ly­siert Busch­mann mes­ser­scharf. »Viel­leicht denkt er zu viel«, ver­mutet Mat­thäus. Ein Mensch, der zu viel denkt: Viel­leicht hat er ja später mal Lust, SKY-Kom­men­tator zu werden. Ich würd mich freuen!

88.

Lainer und Guer­reiro mit einer kleinen Schlä­gerei, die erst in der Super­zeit­lupe ihre volle Schön­heit ent­faltet: Ein Kampf im Flie­gen­ge­wicht, nachts um halb drei auf Euro­sport. Tolle Bilder. 

90.

Vier Minuten Nach­spiel­zeit. Zu wenig, um sich eine Fünf-Minuten-Ter­rine zu machen. Zu wenig wahr­schein­lich auch, um dieses Spiel noch mal rum­zu­reißen. 

92.

Ein­wurf Glad­bach. Doch Trainer Rose sagt nicht: »Hey, Jungs, was soll’s? Wenigs­tens haben wir noch einen Ein­wurf raus­ge­holt!« Nein, er peitscht sie immer weiter nach vorn. Fuß­ball: ein gna­den­loser Sport. 

94.

Und nun ist Schluss. Wie die meisten wohl erwartet haben, Unent­schieden-Fana­tiker einmal außen vor gelassen, gewinnt hier eine Borussia, genauer gesagt: die aus Dort­mund. Die Glad­ba­cher hin­gegen werden noch geraume Zeit einem nicht gege­benen Elf­meter nach­trauern, so wie wir alle zuweilen im Ber­mu­da­dreieck zwi­schen Zufall, Wahr­schein­lich­keit und Kon­tin­genz ver­loren gehen. Oder wie Lothar Mat­thäus sagt: »Bla­blabla.« So ist es nun mal, es lässt sich nicht ändern. Hoffen wir, dass die beiden Tor­hüter die ein­zigen sind, die sich hier und heute was ein­ge­fangen haben. Gute Nacht, liebe Fans.