Liveticker
Ungarn – Frankreich 1:1
EM

14:41 Uhr

Hello und Ciao, wie der Fran­zose sagt, zum zweiten Spieltag in unserer Lieb­lings­gruppe F! Ungarn gegen Frank­reich, die einst beste Mann­schaft der Welt und Heimat von Lothar Mat­thäus gegen die aktuell beste Mann­schaft der Welt, in der Lothar Mat­thäus noch nie zu Hause war. Der Live­ti­cker freut sich im kühlen Schatten hinter hoch­ge­zo­genen Jalou­sien auf eine Hit­ze­schlacht in Buda­pest und ver­sucht dabei irgendwie aus­zu­blenden, dass in Ungarn offenbar nie­mand eine Absicht hat, das Virus noch ernst zu nehmen. Wird natür­lich nicht gelingen, aber wie sagte schon der große Philipp Lahm: Man muss nicht immer das Salz in der Suppe suchen.“ Anpfiff in knapp 20 Minuten.

14:54 Uhr

Puh. Ein Blick in die Augen der Fran­zosen und man hat gleich wieder dieses Mike-Tyson-Gefühl, dass es gleich so richtig auf die Fresse gibt. Willi Orban ver­kleidet sich noch vor der Natio­nal­hymne als Evander Holy­field.

1.

Und los geht’s! Ungarn gegen Frank­reich, Samstag, 15 Uhr, schon geil. Hätte ich nicht gedacht, aber Wochen­ende und Weiß­bier sorgen gerade dafür, dass doch so etwas wie Tur­nier­freude in meinem kleinen Hun­de­hirn auf­keimt. Dauert nicht mehr lange und ich klemme draußen die Schland-Flaggen an die Fenster meines Kombis. Später am Abend dann ent­weder Auto­corso durch die Celler Alt­stadt oder Kotzen im schwarz-rot-gol­denen Strahl. So oder so: Euch jetzt viel Freude.

3.

Erstes High­light des Spiels: Adam Szalai hat sich als Marco Russ ver­kleidet. Attila gefällt das.

6.

Botka am Boden. Botka, immer wieder Botka. Tief in seinem Grab ent­schul­digt sich Her­bert Zim­mer­mann für seinen mor­biden Enthu­si­asmus.

8.

Ungarn steht nach dem 0:3 gegen Por­tugal im ersten Match bereits – wie heißt es so schön – unter Zug­zwang. Gerne genutzte Fuß­ball­floskel, doch nie wirk­lich gecheckt, was sie eigent­lich bedeutet. Mit vor­ge­hal­tener Schrot­flinte von erpres­se­ri­schen Schaff­nern zur S‑Bahn-Fahrt nach Aurich gezwungen? Onkel Wiki­pedia ver­neint: Zug­zwang ist eine Situa­tion in Spielen mit abwech­selnder Zug­pflicht, in der die am Zug befind­liche Partei einen Vor­teil davon hätte, wenn nicht sie, son­dern die Gegen­partei einen Zug machen müsste. Ein Spiel mit abwech­selnder Zug­pflicht ist bei­spiels­weise Schach.“ Die Fran­zosen übri­gens heute in deep blue.

13.

Schwung­voller Beginn der Ungarn. Aber wie die Fran­zosen dann trotzdem immer wieder zwi­schen­durch in kleinen und grö­ßeren Zwei­kämpfen zeigen, dass sie Boss sind, finde ich schon schwer beein­dru­ckend. Beson­ders Paul Pogba scheint sich nebenbei bei der Stra­ßen­meis­terei von Man­chester zu ver­dingen: kann ein­fach wahn­sinnig gut Zei­chen setzen.

15.

Erste dicke Chance des Spiels. Ben­zema zieht ab. Gulasci pariert, Griezman ver­passt den Abstauber und wäh­rend ich mich noch auf­rege, was für ein unglaub­li­cher Voll­ver­sager Griezman ist, wird auf Abseits ent­schieden. Trotzdem ganz klar: der kann gar nichts. SMS von Eric Can­tona: ein Lachs­miley. Suche noch nach der pas­senden Inter­pre­ta­tion.

19.

Vorhin zur Vor­be­rei­tung eine Doku über die Tour de France 1997 gesehen und jetzt total Bock, mit Jürgen Emig in die Pyre­näen aus­zu­wan­dern. Muss ich mir Sorgen machen?

23.

Was mir, als alten Dreck­sack auf dem Rasen, beson­ders gut gefällt, ist die Tat­sache, dass die Fran­zosen neben ihren feinen Füßen auch über äußerst rus­ti­kale Klei­der­schränke ver­fügen, die mit ihren Gegen­spie­lern kurzen Pro­zess machen. Eben Kim­pempe mit einem Body­check, der mein ver­narbtes Herz jauchzen ließ. Solche Typen wachen mor­gens auf, rasieren sich mit einer ros­tigen Sense und fangen sich anschlie­ßend das Früh­stück mit bloßen Händen.

28.

Pogba und Kante, höre ich gerade, haben in 30 Spielen gemeinsam auf dem Rasen nicht ver­loren. Die beiden später beim WWF-Cage-Raw und ich sterbe als glück­li­cher Mann. Sehe vorm geis­tigen Auge schon den Klapp­stuhl auf die Wir­bel­säule des Under­taker kra­chen.

34.

Die Ungarn – bis eben – mit dem Sturmduo Sallai und Szalai am Start. Klang nach den Prot­ago­nisten von einer dieser ost­eu­ro­päi­schen Comic-Sen­dungen bei Krusty, wenn Itchy und Scratchy mal wieder aus dem Pro­gramm genommen werden. Kann mir übri­gens Peter Gulasci gut als Tin­gel­tangel-Mel vor­stellen, wenn er sich nach getaner Arbeit den Kno­chen aus der Frisur pult. PS: Szalai inzwi­schen aus­ge­wech­selt. Hat scheinbar was an die Rübe bekommen. Chris Kramer hat diesen Tick ver­gessen.

38.

Frank­reich jetzt schon mit vier, fünf richtig guten Chancen. Mbappé läuft langsam heiß und ich bin ein­fach nur froh, in diesem Moment ein leicht unter­setzter Alt­herren-Kicker aus der mit­tel­nie­der­säch­si­schen Pro­vinz zu sein, statt jetzt gegen diesen Typen ver­tei­digen zu müssen. Ist ein­fach in allen Belangen stärker. Zieht seine Gegen­spieler gleich in der Halb­zeit noch im Hüt­chen­spiel ab und jagt anschlie­ßend Viktor Orban aus dem Land. Mit dem Außen­rist.

40.

Ein Tor würde diesem Spiel gut tun. Irgendwo in Madrid bekommt ein aus­ge­dienter Platz­wart Schweiß­aus­brüche und weiß nicht, warum.

43.

Ach, diese Fran­zosen. Die haben ja schon gegen DIE MANN­SCHAFT ein­drück­lich unter Beweis gestellt, wie gut sie Fuß­ball spielen können. Sind ein­fach mal in jedem Mann­schafts­teil her­vor­ra­gend besetzt. Würde mich jetzt nicht wun­dern, wenn selbst der Zeug­wart acht Havard-Diplome in der Zeug­wart­ho­sen­ta­sche ste­cken hat und in seiner Frei­zeit gerne Klap­per­schlangen dres­siert und vom Aus­sterben bedrohte Krö­ten­arten im hei­mi­schen Garten auf­züchtet.

45.+1

TOOOOOOOOOR!!!!! 1:0 für die Ungarn!! Konter kurz vor der Halb­zeit, ewig langer Sprint von Attila Fiola und dann Abschluss ins kurze Eck. Krass. Der Welt­meister liegt hinten und ein Ungar namens Attila hat die Bude gemacht. Im Sta­dion natür­lich jetzt Hys­terie und so sehr es einen irri­tiert, dass die Bude in Buda­pest wieder voll ist, die Stim­mung macht jetzt natür­lich Laune, sich ein­fach in die Kurve zu beamen und den Rest des Tages in Bier zu duschen.

Halb­zeit

Und der Pau­sentee schmeckt nach lecker Gulasch. Bis gleich!

46.

15 Minuten lang habe ich mich jetzt gezwickt und noch immer führt Ungarn mit 1:0, obwohl die Fran­zosen die klar bes­sere Mann­schaft waren. Dat is Fuß­ball hätte mein Opa gesagt, wenn er sich für Fuß­ball inter­es­siert und dat statt das gesagt hätte.

49.

Bilder, von denen man nicht glaubte, sie irgend­wann mal zu ver­missen: die noch halb­leere Haupt­tri­büne kurz nach der Pause, wenn alle noch pin­keln sind oder vorm Brat­wurst­stand anstehen.

52.

Bei Pogba sieht selbst bei 38 Grad jedes Dribb­ling so leicht aus. Der Mann zieht ganz alleine sieben Kinder groß, über­nimmt aus Freude an der Auf­gabe die Nacht­schichten im Stahl­werk für den über­for­derten Nach­barn und malt wäh­rend­dessen die Kuppel im Petersdom neu aus. Mit zwei Blei­stiften.

56.

Jetzt Alex Zickler sein und für die Ungarn spielen. 45 Minuten lauern am Mit­tel­kreis und dann Fer­sen­geld. Natür­lich frisch ein­ge­wech­selt.

60.

Dem­bele frisch im Spiel und gleich mal Haken geschlagen wie Bugs Bunny und anschlie­ßend Ball an den Pfosten gena­gelt, wie…, ach, sagen wir ein­fach auch Bugs Bunny. Arbeit halb­tags am Hafen und spielt dort den See­leuten die not­wen­digen Knoten in die Stricke.

63.

Neuer Lieb­lings­spieler: Laszlo Klein­heisler. Könnte locker als Böse­wicht in jedem 80er-Jahre-Stal­lone-Streifen mit­mi­schen. Immer der Dude, der am Ende doch abge­knallt wird und dann schreiend (obwohl abge­knallt) aus dem 13. Stock in die Tiefe stürzt.

65.

Angeb­li­cher Spitz­name von Klein­heisler: Scholes. Klar. So wie meine guten Freunde mich immer wahl­weise Toni, Pizza oder Rade Bog­da­nevic rufen.

66.

TOOOOOOOR!!! 1:1! Langes fran­zö­si­sches Eisen nach vorne, Mbappé wurs­telt sich durch, bringt den Ball nach innen und über Umwege gelangt die Pille zu Griez­mann, der ent­spannt den Aus­gleich erzielt. Inklu­sive anschlie­ßendem Arsch­wackler beim Jubel. Würde ich als Fan ja auf die Bar­ri­kaden gehen, aber jut. Der Welt­meister wieder da.

72.

Zwi­schen­fazit nach 70 Minuten: Wenn Deutsch­land gleich nur halb so viele Emo­tionen raus­haut wie Ungarn, gewinnen wir“ gegen Por­tugal mit 6:1. Min­des­tens.

75.

Lieb­ling nicht nur der Fran­zosen natür­lich der so unend­lich beschei­dene Mit­tel­feld-Alles­könner N’Golo Kanté. Über den hat sein frü­herer Team­kol­lege bei Lei­cester City, Chris­tian Fuchs, mal den schönen Satz gesagt: Wenn ich mir aus­su­chen müsste, welche drei Spieler ich mit auf eine ein­same Insel mit­nehmen dürfte, würde ich nur einen nehmen: N’Golo Kanté, er würde mich von der Insel weg-tragen und durch den Ozean schwimmen, bis wir in Sicher¬heit wären.“ Nur um dann natür­lich den ver­dienten Schlüssel der Fuch­schen Hei­mat­stadt Neun­kir­chen ein­schmelzen zu lassen, um daraus kleine Hals­ketten für Wai­sen­kinder zu klöp­peln.

77.

Noch so ein hüb­scher Satz über den fran­zö­si­schen Dau­er­läufer Kanté: 70 Pro­zent der Erde sind von Wasser bedeckt, der Rest von N’Golo Kanté.“ Nur noch eine Frage der Zeit, bis der Mann die Kli­ma­krise abläuft. Wir werden, hinter der Ozon­schicht ver­steckt, natür­lich sinn­volle Zwi­schen­rufe abgeben. Meine Favo­riten Stand jetzt: Nur stellen!“ Und: Die Krise kocht auch nur mit Wasser!“

78.

Die letzten zehn Minuten laufen gleich an. Und noch immer 1:1. Hög­schden Reschpekt, liebe Ungarn.

80.

Thomas Broich in seiner Rolle als Co-Kom­men­tator mit so einer wei­chen und ent­spannten Stimme aus­ge­stattet, dass ich mir sehr zeitnah Hör­spiele wün­sche. Thomas Broich liest: den Spiel­be­richt von Werder gegen Parma 1999. Fea­turing Dieter Eilts als: Dieter Eilts.“

84.

Mbappé bret­tert aus wenigen Metern drauf und eigent­lich ist klar, dass der Favorit jetzt doch noch in Füh­rung geht. Doch Peter Gulasci reißt recht­zeitig die Fäuste hoch und pariert den Ball. Mit absolut schlei­er­haft, warum der Mann noch immer nicht als Ver­tei­di­gungs­mi­nister ver­ei­digt wurde.

86.

Die Fran­zosen jetzt mit dem guten alten Power­play. Spontan muss Wayne Gretzky in seinen Lieb­lings­puck schnäuzen.

89.

Dem­bele wieder raus. Aber war schön, dass wir uns mal wieder gesehen haben. Draußen kaut Didier Deschamps Bienen und ver­kauft fri­schen Honig.

90.+1

Mal wieder eine gute alte Abwehr­schlacht. Ver­krampfte Waden aller­orten, unga­ri­sche Augen­ringe bis nach Meppen. Herr­lich. Momente, wo man mit einem ein­fa­chen Befrei­ungs­schlag zum Volks­helden werden kann und der Konter zur geg­ne­ri­schen Eck­fahne stür­mi­sche Jubel­rufe her­vor­ruft.

90.+4

Die letzten Sekunden dieses tat­säch­lich denk­wür­digen Spiels. Wirk­lich beein­dru­ckend, wie die Ungarn hier gegen­ge­halten haben. Muss mir morgen unbe­dingt ein Klein­heisler-Trikot kaufen.

Abpfiff

Wow. 1:1. Für Ungarn. Krasse Leis­tung. Hut ab. Und so weiter. Jetzt warm­laufen für Deutsch­land-Por­tugal. Danke für Zuschauen!