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Tschechien – England 0:1
EM

20:47 Uhr

Guten Abend mit­ein­ander. Tsche­chien heute gegen Eng­land. Beide stehen schon sicher im Ach­tel­fi­nale und das obwohl gerade die Eng­länder alles andere als über­zeu­genden Fuß­ball gespielt haben. Die Grup­pen­phase im neuen EM-Modus also wie ich im Mathe-Abi: Vier Punkte rei­chen.

20:50 Uhr

Ich sag mal so, Regen­bogen-Verbot, volle Sta­dien inmitten einer Pan­demie, Aus­tra­gungsort Baku: Es gibt vie­le­vie­le­viele Gründe, die EM kacke zu finden. Und ich fand sie auch lange Zeit richtig kacke. Bis sie schließ­lich begonnen hat. Da bin ich dann mal wieder auf mich selbst hin­ein­ge­fallen. Mit einer Arro­ganz bin ich in diese Euro­pa­meis­ter­schaft gegangen. Ist mir doch alles egal, dachte ich. Pan­eu­ro­pä­isch? Ihr spinnt doch. Und diese Jogi-Nivea-Truppe inter­es­siert mich eh nicht. Das Min­deste ist, ins Tipp­spiel ein­zu­steigen, um dem Tur­nier wenigs­tens den Hauch einer Bedeu­tung zu ver­leihen und es nicht voll­ends an mir vor­bei­ziehen zu lassen. Tja, die Tinte unter meiner Abwen­dungs­er­klä­rung war noch nicht tro­cken, da kamen die Nord­ma­ze­do­nier, da kam Schicks 50-Meter-Bude, da kam Robin Gosens und die Ankunft von Danish Dyna­mite. Und jetzt sitze ich hier, Dop­pel­moral wie ein jeder Fuß­ballfan, im Tsche­chien-Trikot mit Beckham-Flock, denke Tsche­chisch, rede Bri­tisch, tunk die Sem­mel­knödel in den Tee und denke mir: Pan­eu­ropa? Beste! Kijimea regelt den Rest.

20:53 Uhr

Vor­be­richt­erstat­tung ist auch jedes Mal eine Nummer für sich. Almuth schult Mode­rator Bommes erst mal noch, dass wir hier beim Fuß­ball und nicht beim Hand­ball sind. Boateng erzählt von Ber­lins Straßen, Stefan Kuntz von Kai­sers­lau­tern. Und alle 20 Minuten quen­geln Johannes Oer­ding und Win­cent Weiss aus dem Off: Die guuuuten Zeiten, die sind jeeeetzt!“ Und da muss ich ganz ehr­lich kon­sta­tieren, auch wenn ich erst fünf Jahre später auf die Welt gekommen bin: Alles war an Wir sind schon auf dem Brenner“ 1990 wahr­schein­lich auch nicht schlecht.

20:57 Uhr

Nun ja, 1990 war 1990 und jetzt ist jetzt, wie Bas­tian Schwein­s­teiger ana­ly­sieren würde. Und genau jetzt fallen Mason Mount und Ben Chil­well aus, weil sie nach dem Schott­land-Spiel mit dem später positiv getes­teten Billy Gil­mour abkum­pelten. Small­talk mit Folgen“, schreibt der Kicker. Und ich über­lege, wann ich zuletzt mal einen Small­talk mit Folgen hatte. Viel­leicht damals, als man noch in Bars und Clubs gegangen ist? Nee, wahr­schein­lich nicht mal da. Meine Small­talk-Künste ziehen eigent­lich kei­nerlei Folgen nach sich. Na, obwohl, ich kannte mal einen, der hat ne Lehre zum Kfz-Mecha­tro­niker gemacht. Da gab’s manchmal Small­talk mit Felgen. War auch ganz nett.

20:59 Uhr

Übri­gens ist Sancho erneut nicht dabei. Gleich­zeitig ist Müller ver­letzt. Kann man da am Bür­geramt bis morgen noch was deich­seln?

1.

Anstoß. Oder wie wir mit Blick auf die Trai­ner­sta­tionen des tsche­chi­schen Trai­ners Jaroslav Sil­havy zwi­schen 2008 bis 2011 sagen würden (Vik­toria Pilsen und Dynamo Bud­weis): Prost!

3.

Schneller als wir unser Vik­toria Wicküler zum Anstoßen hoch­heben können, hat Ster­ling hier nach Tor­ten­heber-Vor­lage von Shaw eine Rie­sen­chance. Er steht allein vorm Tor­wart lupft den Ball eigent­lich per­fekt über Vaclik. Der tou­chiert dann aber nur leicht den Pfosten und prallt ent­täu­schend ab wie ich an der Berg­hain-Tür.

6.

Jetzt eher so vor­sich­tiges Abtasten. Wir ver­zichten an dieser Stelle aller­dings lieber auf schlüpf­rige Pointen. Denn das, was hier zu sagen und denken erlaubt ist, ent­scheidet noch immer die Uefa. Und die mag es gar nicht, wenn ich schreibe, da-

9.

Gareth Sou­th­gate sieht super aus. Anzug sitzt. Punk­te­schnitt sei eben­falls super, behauptet der Kom­men­tator. Ich finde ja vor allem seinen Vor­namen super. Denn Gareth ist der gefühlt erste Vor­name eines Fuß­bal­lers, bei dem ich nicht nach­schauen muss, wie er genau geschrieben wird. Hach, wie schnö! Liebe Grüße, dein Gaerht.

12.

Toooor! Nach sehr schönem Zusam­men­spiel der durch­ge­wür­felten eng­li­schen Offen­sive, netzt Ster­ling per Kopf ein. Eng­land 1. Tsche­chien 0. Sou­th­gate bleibt cool, trinkt einen Schluck Wasser und wickelt sich genüss­lich einen mit­ge­brachten Fisch aus der Yel­low­press. Der in der Kritik ste­hende Kane war übri­gens auch an der Vor­be­rei­tung des Tref­fers betei­ligt und reicht seinem Trainer dazu ein paar Chips. Es ist ange­richtet.

15.

43 Ball­kon­takte hatte Harry Kane übri­gens bei dieser EM vor Anpfiff. Hinzu kommt noch einer heute, wenn ich richtig gezählt habe. Aber was solls. Wir haben eh alle die Schnauze voll von Kon­takt­ver­fol­gung, oder?

18.

Wieso hatte Saka eigent­lich bei Ster­lings Tor plötz­lich das Trikot aus? Finde ich per­sön­lich ja super, wie der sich mit­freut. Frag mich eh, wann das eigent­lich ange­fangen hat, dass Fuß­baller beim Tor­er­folg den Rühr­quirl bemühen, Fort­nite-Tänze auf­führen oder nord­ma­ze­do­ni­sche Erzeu­ge­rinnen belei­digen? Es ist doch viel schöner wirr her­um­zu­rennen, Arme hoch­reißen, springen, krei­schen, Trauben bilden, keine Luft bekommen und im abso­luten Ide­al­fall das Bier vom Nacken in die Unter­buxe rinnen zu lassen.

22.

Jetzt mal die Tsche­chen in Eng­lands Hälfte. Ver­su­chen’s mit einer Sta­fette über rechts. Nach Foul von Shaw reißt sie aber ab – wie die Türkei vor­ges­tern.

26.

Die EM 2004 war das erste große Tur­nier, das ich bewusst wahr­ge­nommen habe. Mein Lieb­lings­team damals war Tsche­chien. Mit Cech im Tor, bei dem ich damals dachte, er heißt so, weil er Tscheche ist. Genau das gleiche dachte ich übri­gens bei Arsene Wenger, als er Trainer bei Arsenal war. Naja, ich schweife ganz schön ab und weiß auch gar nicht mehr, worauf ich hin­aus­wollte. Ach ja, dass die Tsche­chen sich hier in Sachen Angriffs­be­mü­hungen in einer Tour ver­zet­teln.

29.

Hui. Jetzt geht’s hier aber ein biss­chen runder. Erst Kane und die dicke Chance aufs 2:0. Wird geschickt, lässt ein‘ stehen und schei­tert an Vaclik. Dann auf der Gegen­seite Fern­schuss durch die Tsche­chen, Eng­lands Tor­wart hat ihn. Das Spiel gut anzu­schauen. Picke­packe­ford bis­lang.

32.

Krass eigent­lich, dass die UEFA im Rasen­muster noch kein poli­ti­sches State­ment erkannt hat. Und dann ist der auch noch grün. Immerhin steht die Farbe für Hoff­nung. Geht laut Sta­tuten eigent­lich nicht.

35.

Dop­pel­chance für die Tsche­chen. Erst ein Press­schlag zwi­schen einem was­ser­stoff­blonden Angreifer (Name von Uefa zen­siert, ver­mut­lich irgendein Boy­band-Mit­glied aus den Neun­zi­gern) und Shaw und dann fast das Gegentor für die eng­li­sche Defen­sive nach einer satten Vol­ley­ab­nahme von Soucek. Der Ball geht circa 2 Mil­li­meter vorbei. Die eng­li­sche Defen­sive so:

39.

Weiß übri­gens nicht, was der Kol­lege Nölke hat. Bei mir findet die Über­tra­gung des Spiels nach strikter Anwei­sung der Uefa auf meinem Welt­emp­fänger in Schwarz-Weiß statt. Alles andere wäre zu bunt.

42.

Kane mit der nächsten guten Chance. Lässt per ein­fa­chem Haken und tro­ckenem Abschluss aus 16 Metern die tsche­chi­sche Defen­sive aus­sehen wie ein paar Tho­masse aus einer x‑beliebigen Kita in Prenz­lauer Berg. Tat­säch­lich war es aber trotzdem Abseits. Und tat­säch­lich hat einer von vier Tomassen aus der tsche­chi­schen Startelf diesen Ball sicher. Tomas Vaclik näm­lich. Das hast du aber wirk­lich gut gemacht, Tomas.

45.

Jetzt ist aber erstmal Vesper und Mit­tags­ruhe für alle Tomasse, Vla­di­mirs und auch Harrys und Gareths. Dazu spielt die Ard-Studio Kapelle »Billy Jean«. Aber Michael Jackson erlaubt die Uefa, oder was? Frisst fas­sungslos Din­kel­c­rä­cker: der Ticker.

21:54 Uhr

Ein biss­chen wohl­feil ist ja auch, wie welt­offen viele Leute plötz­lich angeb­lich sind und die Uefa kri­ti­sieren. Selbst viele Poli­tiker der baye­ri­schen CSU wollen ja auf einmal die Mün­chener Arena in Regen­bo­gen­farben sehen. Ja, richtig, es han­delt sich um genau die selbe CSU, die vor drei Jahren noch Victor Orban als Star­gast auf ihren Par­teitag lud. Merk­würdig nur, dass Samra damals nicht auf­treten durfte.

21:55 Uhr

Mats Hum­mels jetzt auf der Pres­se­kon­fe­renz mit Regen­bogen-Shirt zu sehen. Außerdem sollen morgen tau­sende Fähn­chen im Sta­dion und in der Stadt ver­teilt werden. Schöne Aktion! Mehr Fahnen gibt’s in Mün­chen sonst nur zum Oktober.

21:58 Uhr

Boateng erklärt, wie er die erste Groß­chance von Ster­ling locker rein­ge­schoben hätte. Wirkt dabei ein biss­chen wie ein Alt­herren-Kicker, der seine besten Zeiten hinter sich hat und noch immer von seinem Früh­ling schwärmt – oh, wait.

46.

Spiel geht weiter. Es bleibt wie mein T‑Shirt ober­halb der Gür­tel­linie: span­nend.

49.

Jordan Hen­derson ist jetzt im Spiel, Jadon Sancho bleibt vor­erst draußen. Aber wir wollen da mal nicht noch weiter drauf­hauen. Gareth Sou­th­gate bekommt schon genug Gegen­wind von den eigenen Fans, von der Presse, natür­lich von Roy Keane und sogar von der BVB-Twitter-Bubble. Was bei der Dis­kus­sion um Sancho aber voll­kommen unter­geht, ist ein noch viel grö­ßerer Skandal: Denn wie lange will Tsche­chiens Coach Jaroslav Sil­havy Lau­terns Vra­tislav Lok­venc eigent­lich noch igno­rieren?

54.

Kom­men­tator Flo­rian Naß schimpft in einer Tour über den Schieds­richter. Nur weil der aus­sieht wie Mirko Nont­schew?

57.

Jetzt Harry Kane und Tomas Kalas im Gespräch: Sag mal, Harry, jetzt wo ihr ja nicht mehr in der EU seid, kann ich dann noch mit einem Rei­se­pass nach Eng­land fliegen?“ Nein, Tomas, du brauchst nach wie vor ein Flug­zeug.“ Dann dreht Kane auch schon ab. See ya, big fella. Doch den Pass erreicht er nicht mehr.

63.

Kyle Walker, immer gut für ein Skandal oder ein Skan­däl­chen“, sagt Flo­rian Naß. Sex­partys wäh­rend Corona-Lock­down und all so ein Blech. Des­wegen sei er auch der Lieb­ling des Bou­le­vards, also auch von 11FREUNDE. Da bleibt uns nur eins zu sagen: Bleib‘ Geil, Walker!

66.

Ein­wechs­lung des 18-jäh­rigen Alex Kral. Kom­mentar Nuß: »Man soll ja vor­sichtig sein mit Begriffen wie Wun­der­kind, aber der hier steht bei ALLEN euro­päi­schen Top­klubs auf dem Wunsch­zettel.« Man soll vor­sichtig sein mit For­mu­lie­rungen die vor »aber« stehen, aber wir behalten das mal im Auge, beäugen den prall gefüllten Ruck­sack des Knaben erstmal kri­tisch bei einem Schluck aus unserem Kral.

71.

Flo­rian Naß beschwert sich übri­gens andau­ernd und laut­stark über die poli­ti­sche Ent­schei­dung der eng­li­schen Regie­rung, zum Finale in Wem­bley 60.000 Zuschauer zuzu­lassen, Delta-Vari­ante hin oder her. Wo bleiben da die Alphas aus der Uefa-Chef­etage, um ihn zu can­celn? Drückt Alt + F4: der Ticker.

73.

Die eng­li­schen Fans singen »Foot­ball’s coming home« und ich schweife nicht nur wegen Fodens Fri­seur kurz nach 1996 ab, son­dern haupt­säch­lich wegen Gazza natür­lich. Hach.

75.

Wun­der­kind Kral startet einen Flan­ken­lauf über die linke Seite. Die Uefa can­celt den Angriff aller­dings wegen links. Zu poli­tisch.

77.

Darf man eigent­lich noch durch die Mitte angreifen? Und ist die Mitte über­haupt unpo­li­tisch? Kauft ein Huf­eisen und will lösen: der Ticker.

80.

Schick ist übri­gens mitt­ler­weile aus­ge­wech­selt und das Spiel nur noch so inter­es­sant wie ein Misch­brot mit Mar­ga­rine. Tor­chancen: Fehl­an­zeige. Und Nuß erzählt zu allem Über­fluss auch noch von den gerade bei Kroa­tien gegen Schott­land fal­lenden Traum­toren. Und über­haupt ist der Rasen dort irgendwie grüner, die Wun­der­kinder sind noch rich­tige Wun­der­kinder. Ja, toll, dann geh doch nach drüben.

82.

Auch John Stones ver­lässt jetzt den Platz. Sehe ich von seinem Erschei­nungs­bild auch eher Whisky sau­fend im Eng­land der 20er Jahre. In Tweed-Anzug, dazu Penny-Kragen und Weste, außerdem mit Rasier­klingen-Schie­ber­mütze. Spricht in feinstem Brummie Dialect. Und grätscht einen Tsche­chen nach dem anderen aus Bir­mingham. By order of the Peaky Blin­ders.“

84.

Und jetzt kommt Jadon Sancho doch noch ins Spiel. Dann hoffen wir mal für alle BVB-Fans, dass er sich jetzt nicht in den Fokus anderer Teams spielt.

87.

Na immerhin pas­siert mal wieder was. Hen­derson trifft zum 2:0. Tor wird aber umge­hend zurück­ge­nommen. VAR ja klar. Sie können sich wieder setzen, hier gibt es nach wie vor nichts zu sehen.

89.

Also, es sind nun 89 Minuten gespielt und ich bemühe mal eine Zusam­men­fas­sung. Weil so wirk­lich über­zeu­gend waren die Eng­länder auch heute nicht. Da stehen Grea­lish, Ster­ling und Kane auf dem Platz, von der Bank kommen Sancho und Rash­ford. Mehr Offen­sive gibt‘s sonst nur am Mar­ga­rita-Mitt­woch in Ullas Pinte, wo die Stamm­kund­schaft auf Pres­sing­linie Eins seit vier Tagen kein Tages­licht gesehen hat und sich plötz­lich zwei Geschöpfe anderen Geschlechts in den Laden ver­irren. Aber anstatt in den Angriffs­modus zu gehen, trinkt jeder noch ne warme Milch mit Honig, ehe einer nach dem anderen in seiner Arm­beuge einratzt. Ernüch­ternd.

90.+3

Wie viel brauche ich wirk­lich, um glück­lich zu sein? Was bedeutet eigent­lich Besitz? Die Eng­länder leben den mini­ma­lis­ti­schen Stil vor, machen sich frei von all dem Bal­last, weg von diesem Kon­sum­wahn. Springen nur so hoch, wie sie müssen. So stehen nur zwei mick­rige Tore aus drei Spielen zu Buche. Das macht sieben Punkte und auf dem Papier einen sou­ve­ränen Ach­tel­fi­nal­einzug. Dort könnte Eng­land nun im Tiny House von Wem­bley auf Deutsch­land treffen. Stay tuned!