Liveticker
Schweden – Slowakei 1:0
EM

14:35 Uhr

Men­schen, die sich das Spiel Schweden gegen Slo­wakei an einem Freitag um 15 Uhr antun, wäh­rend draußen 35 Grad sind und die Nach­barn aus dem Pool mit kühlen Getränken grüßen: Schweden, Slo­waken, Alex Raack. In einer halben Stunde ist Anpfiff. Wehe, ich bin dann hier alleine.

1.

Das Auf­ma­cher­foto verrät es: der Autor dieser Zeilen sehnt sich nach Unter­hal­tung und Spek­takel bei dieser bis­lang so merk­wür­digen EM. Ein Tur­nier, auf das man sich gefreut hat wie auf die nächste Zahn­zwi­schen­rei­ni­gung und das man seit Spiel 1 halt dann doch wieder mit mal mehr, mal weniger Inter­esse ver­folgt. Und so ein Typ wie Zlatan macht dann halt doch den Unter­schied bei einer Paa­rung wie Schweden gegen Slo­wakei. Doch Ibra fährt irgendwo in L.A. Fahrrad oben ohne und lässt sich dabei filmen, ergo: er hat Bes­seres zu tun, als heute in St. Peters­burg über den Rasen zu stie­feln.

4.

Seufz. Es hilft ja nichts. Auch wenn die fiesen Nach­barn noch so sehr mit den Eis­wür­feln zum Takt von Sunshine Reggea“ klim­pern und in der Neben­straße fünf Bier­bäuche zum Wet-T-Shirt-Con­test geladen haben. Zeit, sich irgendwie für diesen Kick zu moti­vieren. Zum Bei­spiel in der Hoff­nung, dass hier und heute neue Helden geboren werden. Zum Bei­spiel Alex­ander Isak, ein 21-jäh­riger Schlacks, der mal für Dort­mund spielte und aktuell bei San Sebas­tian unter Ver­trag ist. Gefiel mir gut im ersten Spiel. Auch immer ein geiler Spieler: Marek Hamsik, diese Zwei­kampf­ma­schine im slo­wa­ki­schen Mit­tel­feld. Na, wie klingt das, liebe Pool-Nach­barn?!

8.

Weiß immer noch nicht, was mich mehr nach­haltig erschüt­tert hat. Die ver­sam­melte Lah­mar­schig­keit von Magenta-Experte Manuel Baum im Vor­be­richt oder der tan­zende Lothar Mat­thäus in der Wett­büro-Wer­bung. Man stelle sich vor: End­lich mal wieder Gar­ten­party, gute Laune, kalte Drinks, der Grill am Leuchten, die Grillen am Zirpen, gute Musik und im nächsten Moment fliegt Lothar auf einen zu, mit eksta­ti­schem Blick Wett­scheine wedelnd und dabei ver­füh­re­risch die Hüften schwin­gend. Dann lieber acht Stunden Dia-Show mit Manuel Baum.

12.

Spiel hält bis­lang, was es ver­spricht. Über den Ball tre­tende Schweden, irgendwie ins Spiel kommen wol­lende Slo­waken, Tack­lings auf Hüft­höhe im Mit­tel­kreis und ein Live­ti­ckerer, der sich Schnaps und einem kalten Fußbad sehnt. Ent­täu­schung beim Blick in den Keller: Nur noch lau­warmes Kirsch­wasser im Schrank. Der Manuel Baum unter den Alko­ho­lika.

16.

Bei Marcus Berg jage ich gedan­ken­ver­loren immer zurück in den Sommer 2009, als er bei der U21-EM sieben Buden schoss, als der neue heiße Scheiß im Mit­tel­stür­mer­busi­ness galt, natür­lich umge­hend vom HSV unter Ver­trag genommen wurde, dort mit mehr Vor­schuss­lor­beeren emp­fangen wurde als Cäsar nach der Schlacht bei Munda und dann in 54 Spielen küm­mer­liche fünf Buden schoss. Zwei weniger als bei der kom­pletten U21-EM. Forever and ever Fehl­ein­kauf.

20.

Zwi­schen­fazit des Magenta-Kom­men­ta­tors: Spiel sehr tak­tisch geprägt.“ Sehr tak­tisch, die kleine häss­liche Schwester vom offenen Schlag­ab­tausch. Nicht ver­wandt im übrigen mit Spiel auf Mes­sers Schneide und der irren letzten Vier­tel­stunde.

24.

Bei Twitter vorhin gefragt, wie die User eine EM ohne Zlatan finden. Ant­worten: Traurig“, Scheiße“, Mir egal“ und Ich will end­lich wieder Bun­des­liga sehen“. Läuft bei euch, liebe Uefa.

28.

Ja, gut, ich sag mal, wer dieses Spiel nicht sieht und statt­dessen – natür­lich den Live­ti­cker ver­fol­gend – irgendwo im Wasser oder Schatten oder Arm eines lieben Men­schen liegt und mög­li­cher­weise noch ein kaltes Erfri­schungs­ge­tränk in der Faust hält, hat alles richtig gemacht. Schweden – Slo­wakei bis­lang wie ein neuer Film von Til Schweiger: man wusste schon vorher, dass es grausam wird und wun­dert sich jetzt, dass einem in der vierten Reihe das Eis­kon­fekt wieder hoch­kommt.

32.

Schwe­dens Trainer Janne Andersson mit dem klas­si­schen Zucker-und-Peit­sche-Päd­ago­gen­ge­sicht. Lässt sich auch gerne mal auf ein Gespräch über den zurück­lie­genden Spieltag ein und schlägt damit wert­volle Minuten im Erd­kunde-Unter­richt tot, kann aber auch böse werden und erreicht dann eine Auto­rität irgendwo zwi­schen Felix Magath und Klaus Kinski. Freu mich schon auf die nächste Max-Gier­mann-Par­odie.

37.

Apropos Trainer bei dieser EM und ihre Lehr­kraft-Kom­pa­ti­bi­lität: Der starke Mann der Slo­wakei, ein Mann mit dem ker­nigen Namen Stefan Tar­kovic, sah man vor 20 Jahren noch Schlüssel durch die Turn­halle schmeißen oder mit Vol­ley­bällen nach Klas­sen­clowns schießen. War natür­lich auch beim Bund – Luft­waffe, klar – und stoppte immer den Spiel­fluss, wenn irgendwo ein Rotor­ge­räusch zu ver­nehmen war. Kurz monkig die Ohren gespitzt und dann die nie ein­ge­for­derte fach­liche Ein­schät­zung: Ist ne Bell. Kommt von links.“ Wei­ter­spielen.

42.

Ja, es ist das erwar­tete Kack­spiel. Aber langsam beginne ich das Spiel lieb­zu­ge­winnen. Sich so einen Kick zu geben, da gehört schließ­lich schon etwas zu. Komme mir fast schon elitär vor, wie ich hier mit Reis­waf­feln und Bier in meinem Keller hocke, weil draußen die Sonne brennt und das pralle Leben lockt. Nicht mit mir, ich habe Bes­seres zu tun. In der Halb­zeit dann die VHS rein mit den schönsten Quer­schlä­gern von Jörg Hein­rich und den raf­fi­nier­testen Abstau­bern von Sean Dundee.

45.

Gleich Pause und ich kann es kaum erwarten, was Manuel Baum zu sagen hat. Hat sicher­lich eine hüb­sche Power­point-Prä­sen­ta­tion erstellt und wird mir gleich erklären, warum Hamsiks Ver­ti­kal­spiel bis­lang noch nicht die erhoffte Wir­kung erzielt hat. Dann spielt er hof­fent­lich auf seiner Pan­flöte die schönsten slo­wa­ki­schen Schlaf­lieder vor und liest Ferien auf Salt­krokan rück­wärts auf Schwe­disch.

Halb­zeit

Halb­zeit Freunde. Ich lasse mir jetzt ein Manuel-Baum-Tattoo über den Steiß ste­chen und frage ihn zu einer gemein­samen Bio­grafie an. Titel: Mein Freund der Baum“. Bis gleich!

46.

Hui, zweite Halb­zeit, erste Chance! Isak schei­tert knapp. Iksakmal, das darf gerne so wei­ter­gehen!

50.

Frisch ver­liebt, wie ich in dieses Spiel bin, erkenne ich jetzt natür­lich neuen Schwung, höre noch die schal­lernden Ansagen der Trainer in der Kabine, rieche die Stollen von Marcus Berg und natür­lich frage ich mich, wann mir Emil Fors­berg end­lich einen Antrag macht. Hei­raten im Mit­tel­kreis von RB Leipzig, trä­nen­reiche Rede von Oliver Mint­z­laff, ein Honey­moon-Geschenk von Ralf Rang­nick (eine Tak­tik­tafel aus Kon­domen), herr­lich!

55.

Habe mir übri­gens beim Ver­such, die Frisur von Marek Hamsik zu schneiden, tief in die Stirn geschnitten. Wenn man ganz genau hin­schaut, hat die Wunde die Form von Mikael Lustig.

60.

Auf einmal plötz­lich auch Wech­sel­ge­sänge in St. Peters­burg, das Fan­volk scheint eben­falls aus der Starre erwacht. Gleich landet Wla­dimir Putin auf einem weißen Ele­fanten in Block C und erklärt die Pan­demie für erle­digt. Hat sie gerade in den Kata­komben mit seinen eigenen Händen erwürgt.

62.

War zwar Abseits (klar), aber end­lich eine rich­tige, echte, schön anzu­schau­ende, wahr­haf­tige Tor­chance! Hatte man fast ver­gessen, dass so etwas zu einem Fuß­ball­spiel dazu gehört. Herr­li­cher Kopf­ball nach einer Flanke von Hamsik, noch herr­li­chere Parade von Schwe­dens Olsen. Da lacht das Tor­wart­herz, da jubi­liert den innere Gerry Ehr­mann. Habe mir aus gege­benen Anlass dann auch mal gleich einen Ball in die Hoden geschossen.

63.

Und weil Dubravka auch ganz hübsch fliegen kann und in seiner Frei­zeit Fliegen mit Ess­stäb­chen fängt, fäu­s­telt auch er kurz darauf einen Kopf­ball aus der Gefah­ren­zone. Inner­halb von wenigen Minuten mehr als in einer Stunde Spiel­zeit zusammen. Darauf muss man erstmal klar­kommen! Ich benö­tige jetzt ganz drin­gend ein Hör­spiel von und mit Manuel Baum.

72.

Aus gege­benen Anlass habe ich mich übri­gens heut dazu ver­pflichtet, auf wei­tere Gags über den Nach­namen von Ondrej Duda zu ver­zichten. Denn ganz ehr­lich: Dudas Not?

73.

Schriebs und sah kurz darauf das Solo von Isak und den Bei­nahe-Füh­rungs­treffer. Schön. Wie eine Mohn­blume in einem Bom­ben­krater, aber immerhin: schön.

75.

Uff. Elf­meter. Für Schweden.

76.

Foul an Isak, schießen wird Fors­berg. Forsberg…TOOOOOOR!!! 1:0 für Schweden! Und ganz Bul­lerbü haut sich heute die Hucke voll.

80.

Und plötz­lich haben wir wieder ein Fuß­ball­spiel. Denn die Slo­waken sind nun herz­lich ein­ge­laden, sich auch mal mit so etwas wie einer Offen­siv­ak­tion am Spiel zu betei­ligen. Hamsik rauft sich die Haare. Schnitt­wunde. Tackert er zu mit seinem eisernen Willen.

85.

Eben kurze Geträn­ke­pause. Irgendwo streut Felix Magath ver­ächt­lich gerie­bene Medi­zin­bälle in seinen Hage­butten-Tee.

87.

Herr­lich, wie es Pro­fi­fuß­baller ver­in­ner­licht haben, selbst bei den harm­lo­sesten Berüh­rungen des Geg­ners los­zu­brüllen, als würde man ihnen ohne Betäu­bung die Gal­len­blase ent­fernen. Eben gran­dios vor­ge­führt von einem offenbar schwer ver­letzten Slo­waken, der kurz darauf die 100 Meter in 12 Sekunden sprintet.

89.

Sehr inter­es­sante Grup­pen­kon­stel­la­tion, wenn es dabei bleibt. Falls Polen Spa­nien schlägt, wäre Spa­nien plötz­lich Letzter. Ich würde dann gerne mit­bieten für den ange­bis­senen Ess­tisch im Hause Sergio Ramos.

90.+2

Wer sich heute Abend die Kante geben sollte und morgen früh wieder tau­frisch sein möchte, dem emp­fehle ich einen Blick auf die Offen­siv­be­mü­hungen der Slo­wakei: bis­lang sehr ernüch­ternd.

Abpfiff

Und da ist es vorbei und das ist auch gut so. Schweden gegen Slo­wakei hatte pha­sen­weise den Unter­hal­tungs­wert einer Best-of-Folge von In aller Freund­schaft“, mit dem glück­li­chen Ende für die Heil­prak­tiker aus Schweden. Dr. Robert Heil­mann alias Dr. Nick Riviera alias Alex Raack ver­ab­schiedet sich von euch und wünscht ein schönes Wochen­ende!