Liveticker
Schottland – Tschechien 0:2
EM

14:54 Uhr

Will­kommen liebe Freund*innen aus dem legen­dären Hampden Park, wo der 11FREUNDE-Live­ti­cker extra den kom­pletten Ober­rang in Block C abge­sperrt bekommen hat, um hier eine seiner berühmt-berüch­tigten aus­schwei­fenden Euro­pa­meis­ter­schafts­en­drun­den­partys zu feiern. Mit dabei heute im Jacuzzi eures Ver­trauens: Colin Hendry, der uns zeigen wird, wie man sich in den Neun­zi­gern die Haare vorne kurz und hinten blond wachsen ließ, außerdem Milan Baros und Marek Heinz, mit dem Ticker­mann Alex Raack seit der Euro 2004 noch eine Rech­nung offen hat, und natür­lich eine Viel­zahl an eksta­ti­schen schot­ti­schen Fans, die uns fest ver­spro­chen haben, 90 Minuten lang Yes Sir, I Can Boogie“ auf dem Dudel­sack zu spielen. In diesem Sinne: Frohes Fest und viel Freude mit Schott­land gegen Tsche­chien!

14:58 Uhr

Ganz Twitter freute sich auf diesen Moment: Schott­land schmet­tert die Natio­nal­hymne. Irgendwo sitzt der Regis­seur von Bra­ve­heart und weint Tränen aus Eisenerz.

1.

Und bit­te­schön, Anstoß in Glasgow. Schon jetzt ver­liebt ins Trikot der Gast­geber: der Ticker. Schon jetzt schock­ge­frostet vom Anblick der Schi­ri­jer­seys: ebenda. Armer Daniel Sie­bert. Trotzdem viel Freude und ganz viel Schwein­chen­ro­sa­ent­schei­dungs­glück.

3.

Keine drei Minuten alt die Partie und die Schotten haben bereits vier, fünf lange Dinger nach vorne gekloppt. Old­school­fuß­ball vom Feinsten. Draußen steht Trainer Steve Clark und for­dert vehe­ment die Umstel­lung aufs WM-System. Im Sepp-Her­berger-Gedächtnis-Trench­coat.

6.

Andy Robertson, unum­strit­tener Boss bei den Gast­ge­bern, schon jetzt auf 180. Gemes­sener Puls: 4−4−2.

8.

Von den Tsche­chen bis auf eine grob­kör­nige Ball­be­hand­lungen nur wenig zu sehen. Ist das nicht jene Nation, die solche Gold­füße wie Poborsky, Milan Baros, das Schnitzel und den großen Marek Heinz her­vor­ge­bracht hat? Bis­lang eher rum­pel­füßig wie Deutsch­land zur Jahr­tau­send­wende. Draußen macht sich Marko Rehmer warm.

12.

Die letzte Tur­nier­teil­nahme der Schotten liegt schon ein paar Jähr­chen zurück. Bei der WM 1998 in Frank­reich gab es gegen Bra­si­lien und Marokko (mit Mustapha Hadji!) auf den Dudel­sack, ein lum­piges 1:1 gegen Nor­wegen reichte natür­lich nicht fürs Ach­tel­fi­nale. Schluss in der Vor­runde. Damals im Team der Schotten: Paul Lam­bert, auch lange nichts von gehört. War zuletzt bei Ips­wich Town unter Ver­trag und löste dort im März 2021 seinen Ver­trag auf. Begrün­dung: bedeu­tende Mei­nungs­ver­schie­den­heiten“. Oha. Klingt wie eine Grund­satz­dis­kus­sion zwi­schen Anna­lena Baer­bock und Jana aus Kassel.

17.

Unver­gessen natür­lich noch der letzte Auf­tritt Schott­lands bei einer Euro. 1996 war das und wir erin­nern uns: Schon Wochen vorher unru­higer Schlaf, weil Vor­freude aufs Tur­nier, geile Sta­dien, geile Spiel­orte und Jahre später die immer noch geilen Geschichten von Fuß­ball-Fans, die ein­fach einen Monat lang mit dem Camper sämt­liche Spiel­orte abklap­perten, wäh­rend man selbst leider noch viel zu jung für solche Fan­ta­sie­touren war.

22.

Immer wenn ich Wolff Fuss zuhöre/​zuhören muss, und er pathe­tisch seine Stimme anhebt, wenn irgendwo ein Ordner sein Leib­chen zurecht zupft oder ein betrun­kener Bier­bauch in die Natio­nal­flagge hustet, stelle ich mir, wie der Mann in ganz nor­malen All­tags­si­tua­tionen seine Mit­men­schen zum Wahn­sinn treibt. Bei­spiel: (Stimme ruhig und dunkel) 7:45 Uhr, gerade auf­ge­standen, Körper stre­cken, Kaf­fee­duft in der Nase…“ (Stimme hebt langsam an) Unten mög­li­cher­weise schon Früh­stück gemacht, Frage nur, ob Rührei oder Hafer­brei…“ (Stimme wird lauter) Was ist das für ein Geruch in meiner Nase?? Das ist doch, das GIBT ES NICHT!“ (Jetzt völ­lige Ekstase) ES. GIBT. PFANN­KU­CHEN!!! UNGLAUB­LICH! Das gibt es nur hier, auf (Bezahl­sender nach Ver­trags­lage ein­fügen).“ Dann Wer­bung für den Kampf im Wel­ter­ge­wicht morgen früh um 3 Uhr.

26.

Tsche­chiens Vla­dimir Darida, bekannt aus Funk und Fern­sehen und von HaHo­He­Her­thaBSC, hat die Partie gegen Schott­land gleich mal als Schlüs­sel­spiel“ bezeichnet. Das gute alte Schlüs­sel­spiel, deut­lich weniger anzüg­li­cher Bruder des Schlüs­sel­lochs, ver­schwä­gert mit dem Sechs-Punkte-Spiel und eng befreundet mit der Last-Minute-Chance.

30.

Zeit für ein Zwi­schen­fazit nach einer halben Stunde: ges­tern mit kurzen Hosen Fahr­rad­un­fall auf Roll­split war irgendwie besser zu ertragen als dieser Kick. Hashtag für die Partie bis­lang schon ziem­lich ange­messen: zum #scocze(n)

35.

Denken wir lieber wieder an früher. Ent­schei­dendes Spiel damals 1996 in Gruppe A: Natür­lich das Duell Eng­land gegen Schott­land. Shea­rers Tor nach 54 Minuten und dann zehn Minuten vor dem Ende jener iko­ni­sche Solo­lauf von Paul Gas­coigne, der erst die Kar­riere des armen Holz­fußes Colin Hendry zu Ende lupft und dann volley da viel­leicht schönste Tor des Tur­niers erzielt. Noch spek­ta­ku­lärer: der Jubel mit der Trink­fla­sche, kleiner Gruß an alle Jour­na­listen, die sich ins Hemd gemacht hatten, weil die Eng­länder vor dem Tur­nier beim Saufen erwischt worden waren. Wir erin­nern uns: Hoch­pro­zen­tiges im Zahn­arzt­stuhl. Viel­leicht eine schöne Idee, um sich das Tur­nier der Gegen­wart noch schön zu trinken.

40.

Wäre Johannes B. Kerner noch Wer­be­mo­dell für diesen Fleisch­pro­du­zenten, er könnte diese Partie bestimmt ganz gut ver­wursten. Räu­diger war bis­lang nur die Vor­drän­gelei des Rügen­walder-Rei­ters.

42.

Und dann aus schot­ti­scher Sicht noch dieses: TOR für Tsche­chien! Ecke eigent­lich schon ver­gurkt, dann doch noch eine anstän­dige Flanke in die Mitte und dort steht Patrik Schick von Bayer Lever­kusen und köpft den Ball lehr­buch­artig ein. Muss man erstmal schaffen, wenn zwei Klei­der­schränke mit nach oben steigen. Der beein­dru­ckendste Sprung seit Woody Harelson in Weiße Jungs bringen´s nicht“. 1:0 Tsche­chien.

45.

Tem­po­ge­gen­stoß auf Schot­tisch. McTo­minay sprintet mit Ball in den geg­ne­ri­schen Straf­raum, Ball­be­hand­lung erstmal zweit­rangig, dafür volles Pfund in den Gegner. Aus­gleich ver­passt, Pfer­de­kuss ver­teilt. Sie­bert hat ein Ein­sehen und beendet Halb­zeit 1. Auch der Ticker pustet kurz durch und wirft im Garten ein paar Baum­stämme durch die Gegend. Bis gleich.

46.

In Schott­lands Schulen, so hieß es vor dem Spiel, dürfen heute alle Kinder die Partie ver­folgen. Bis­lang Bewegt­bilder auf dem Niveau von 45-minü­tigen Doku­men­ta­tion über das große Baum­sterben an Ungarns Süd­spitze. Ab wie viel Ball­ver­lusten darf man sich eigent­lich selbst eine Ent­schul­di­gung schreiben?

48.

Schreibt der miss­mu­tige Ticker und sieht dann einen Lat­ten­treffer von Schott­lands Hendry. Die Bra­ve­he­arts, sie leben noch. Steve Clark zieht sofort blank.

52.

Wahn­sinn. Die ersten Minuten der zweiten Halb­zeit ent­schä­digen für alles. Angriff der Schotten, Konter Tsche­chien. Patrik Schick bekommt den Ball knapp hinter der Mit­tel­linie, zieht sofort ab, denkt dabei viel­leicht an Klaus Augen­thaler, viel­leicht auch an David Beckham oder Diego oder Alex Raack neu­lich beim Trai­ning der Alten Herren des SSV Groß-Hehlen und lobt den Ball über Keeper Mar­shall hinweg ins Tor. Sen­sa­tio­neller Treffer. 2:0 Tsche­chien!

58.

Die Bude aus schot­ti­scher Sicht auch des­halb so bitter, weil es sich ers­tens eben so anfühlte, als fiele hier gleich der Aus­gleich und zwei­tens, weil die knapp 15.000 Schotten im Sta­dion gerade so schön ange­fangen hatten zu singen. Der Boden also bestellt schien für das 1:1 und dann doch Patrick Schick diese groß­ar­tige Bude aus dem Fuß­ge­lenk zau­berte. Schlimmer Ver­dacht von Fuss: Viel­leicht haben sie genau dar­über in der Halb­zeit gespro­chen!“ Tsche­chiens Mar­shall-Plan ist jeden­falls auf­ge­gangen.

60.

Aus unserer Serie Pathe­ti­sche EM-Zitate, die einem nach dem frühen Aus­scheiden um die Ohren fliegen“: Schott­lands Mit­tel­feld­mann John McGinn mit seinem Satz Wir sind hungrig, Legenden zu werden.“ Lecker. Einmal bitte das Haggis Kenny Dalg­lish“!

62.

Schott­land lebt. Arm­strongs Schuss wird gerade noch abge­blockt. Ein kleiner Aus­fall­schritt für die Abwehr, ein großer für die Tsche­chen.

69.

Das ist natür­lich wieder das Tolle an sol­chen Tur­nieren. Dass Typen wie Patrick Schick, von dem ich bis­lang ehr­lich gesagt jetzt nicht wirlk­lich fas­zi­niert war, auf so einer Bühne so ein Tor schießen kann und auf einmal der Held für einen Tag ist. Viel­leicht sollte ich doch noch mal angreifen. Paar Wald­läufe, bei Hansi Flick ein­schleimen und in Katar erst mit den Hoden das Gegentor im Finale ver­hin­dern und dann kurz Schluss per Drop­kick das 2:1. Anschlie­ßend natür­lich aus­giebig den Aus­richter kri­ti­sieren und die Gold­me­daille allen ver­stor­benen Zwangs­ar­bei­tern widmen. Bis dahin bleibe ich schön auf dem Sofa sitzen und ver­suche das Bier so schnell aus­zu­trinken, dass es nicht warm wird. Man muss klein anfangen, um groß raus­zu­kommen.

73.

Herr­liche Anek­dote aus dem Text Schüsse ins Knie: 22“ des Kol­legen Harry Pearson (https://​11freunde​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​s​c​h​u​e​s​s​e​-​i​n​s​-​k​n​i​e​-​2​2​/​3​9​88124): 1978 wurde Schott­lands Willie John­stone vor­zeitig bei der WM nach Hause geschickt, weil sein Doping­test positiv aus­ge­fallen war. Ursache: Er hatte eine Pille genommen, die für Schwan­gere gedacht war. Biss­chen über­trie­bene Inter­pre­ta­tion des sicher­lich auch auf der Insel sehr beliebten Spiels Fünf gegen Willie“.

75.

Weil hier gerade eh nicht viel pas­siert: Wie nennt man eigent­lich einen unsym­pa­thi­schen schot­ti­schen Bayern-Fan? Dusel­sack.

82.

Von den Toren und ein paar Szenen mal abge­sehen, ist das hier über weite Stre­cken aber doch recht schwere Kost. Als müsse man mit vier Por­tionen Black Pud­ding und acht Halben im Magen zum Wald­lauf antreten. Mit Egon Coordes. Der, wie ihr alle wisst, angeb­lich mal seinen Schä­fer­hund tot­ge­laufen hat.

87.

Mann des Spiels aber bis­lang ohne Zweifel Patrick Schick. Eben nochmal seinen Kopf­ball gegen zwei Schotten bestaunt. Erin­nerte an Kalle Riedle zu seinen besten Zeiten. Und sicher­lich fragen sie sich in Lever­kusen, warum der Mann solche Dinge nicht schon mal in der Bun­des­liga gezeigt hat. Damit end­lich das Vize­kusen-Image ein­ge­mottet wird und Platz für ein neues Bran­ding gemacht wird. Stich­wort: ange­schi­ckert.

89.

Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und sage: Schott­land wird dieses Spiel ver­lieren. Nur lange Eisen als Stil­mittel in der Offen­sive hat halt schon vor 25 Jahren nicht geklappt. Und die Tsche­chen? Sehen wir sie wieder im Finale? Und: Geht dann der Stern von Oliver Bier­hoff viel­leicht ein zweites Mal auf? Nomi­niert Jogi Jens Todt nach? Und wie geht es eigent­lich Dieter Eilts?

90.+2

Tomas Soucek, verrät Fuss, wird bei West Ham United gefeiert, weil er mit den Öffis zum Trai­ning fährt. Außerdem über­legen sie in seiner Hei­mat­stadt, ob nicht ein acht Meter hohes Denkmal aus Silber ange­messen wäre, weil der Mann ab und an selbst den Müll raus­bringt und manchmal bei Burger King bestellt.

Abpfiff

Ende, aus. Schott­land ver­liert mit 0:2 gegen Tsche­chien, daran hat auch der Hampden Park und die Euphorie nach 25 Jahren Euro-Absti­nenz nichts ändern können. Der Ticker bedankt sich für die Auf­merk­sam­keit und legt sich jetzt erstmal in die Eis­tonne. Viel Freude heute noch mit den Kol­legen bei den Spielen Polen gegen Slo­wakei (18 Uhr) und Spa­nien vs. Schweden (21 Uhr)!