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Russland – Dänemark 1:4
EM

20.45 Uhr

Guten Abend. Und herz­lich will­kommen zur Ent­schei­dung in Gruppe B, Russ­land gegen Däne­mark. So ganz habe ich das noch nicht ver­daut, was da vor gut einer Woche in Kopen­hagen pas­siert ist. Und ich saß ja nur vor dem Fern­seher und habe irgend­wann weg­ge­schaltet, weil ich es mir nicht anschauen wollte. Aber es ist gut aus­ge­gangen, Chris­tian Eriksen lebt, auch dank einer beein­dru­ckenden Mann­schafts­leis­tung in einer Aus­nah­me­si­tua­tion. Inzwi­schen hat er seinen Kol­legen sogar schon einen Besuch abge­stattet. Dass die tap­feren Dänen nun am letzten Spieltag der Gruppe B ohne einen ein­zigen Punkt dastehen, ist in Anbe­tracht der Umstände nicht ver­wun­der­lich. Aber trotzdem unend­lich schade, weil sie gegen Bel­gien ein tolles Spiel gemacht haben. Und weil man ihnen das Ach­tel­fi­nale ohnehin gönnen würde. Schauen wir mal, was heute drin ist.

20.51 Uhr

Denn Stand jetzt ist es ja nicht vorbei. Mit einem Sieg gegen Russ­land können die Dänen noch Grup­pen­zweiter werden, viel­leicht Grup­pen­dritter, das reicht mit ein biss­chen Glück auch für das Ach­tel­fi­nale. Und noch ist es nicht soweit, aber wenn die UEFA ihrem Stil treu bleibt, wird bald auch der vierte Grup­pen­platz zum Wei­ter­kommen qua­li­fi­zieren, EM-Sponsor wird Heckler & Koch sein und das Finale wird, na klar, in Pjöng­jang aus­ge­tragen. Ich freue mich schon.

20.54 Uhr

Wie ich das Spiel heute gucke:
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20.58 Uhr

Die Stim­mung im Kopen­ha­gener Telia Parken ist groß­artig, die Fans singen erst You’ll Never Walk Alone“, jetzt die däni­sche Hymne. Heute liegt was in der Luft. Und ich meine nicht nur Kasper Schmei­chel bei einer spek­ta­ku­lären Parade.

1.

Anstoß. Kann man so pfeifen.

4.

Bis­lang läuft es, wie erwartet, die Dänen machen das Spiel. Die Russen offenbar wie ich nach dem Abi: haben keinen Bock auf den Ball.

9.

Immer wenn ein däni­scher Spieler in aus­sichts­rei­cher Posi­tion am rus­si­schen Sech­zehner den Ball hat, brüllt das Publikum etwas, das sich nach einem lang­ge­zo­genen Hüüüüüüb“ anhört. Ich glaube eigent­lich nicht, dass Ste­vens den Dänen heute helfen könnte, lasse mich aber gerne vom Gegen­teil über­zeugen.

14.

Etwas irri­tie­rend: Alle in Kopen­hagen tragen rote Tri­kots – auch die rus­si­sche Mann­schaft. Däne­mark spielt in weiß. Dabei täte etwas Sicher­heit in diesen Zeiten so gut.

18.

Erste dicke Gele­gen­heit für Russ­land. Golovin drib­belt in den Sech­zehner, schießt, schei­tert aber an Schmei­chel. Der Russe also einer von denen, denen Dänen keine Chance lassen.

23.

Das Spiel ist bis­lang noch nicht wirk­lich berau­schend, die Atmo­sphäre dafür umso mehr. Weil die däni­schen Fans jeden ein­zelnen Ball­ge­winn feiern wie den EM-Titel 1992. Mal sehen, ob sich das mit den Zuschauern beim Fuß­ball lang­fristig durch­setzen wird.

27.

Und auch der Ama­teur­sport kommt ja langsam wieder in Schwung. Mir ist vorhin beim Spa­zier­gehen jemand ent­ge­gen­ge­kommen, ein junger Typ, weiße Socken ent­lang des halben Schien­beins, blaue Trai­nings­jacke und Sport­ta­sche über der linken Schulter. Erst war mir nicht klar, ob es zum Trai­ning oder doch nach Malle geht. Bis ich die Schien­bein­schoner von Uhl­sport“ in seiner Hand gesehen habe. Was einer­seits die Frage auf­wirft: Wer zur Hölle trägt Schien­bein­schoner beim Trai­ning? Ande­rer­seits: Plus­punkt wegen Uhl­sport“. Und ins­ge­samt irgendwie ein beru­hi­gendes Zei­chen. Nature is healing.

29.

Da wär’s fast pas­siert! Højb­jerg knallt die Kugel auf den rus­si­schen Kasten. Der Schuss aber wie mein Vater am Laptop: findet den Weg ins Netz nicht.

33.

Irgendwie drøllig, dass die Dänen Buch­staben immer noch durch­strei­chen, anstatt sie ein­fach zu löschen.

38.

Was! Für! Ein! Tor! Mikkel Dams­gaard, der 20-Jäh­rige, schlenzt den Ball aus 16 Metern über Safonov in den Winkel. Der rus­si­sche Tor­wart bleibt tatenlos stehen. Eine nette Geste. 1:0 Däne­mark.

42.

Russ­land im Mit­tel­feld wieder mit einer Raute. Und auch sonst läuft es bis­lang nicht rund.

45.+1

Und dann ist Halb­zeit. Was wäre das für eine wun­der­bare Geschichte, wenn diese däni­sche Mann­schaft es noch ins Ach­tel­fi­nale schaffen sollte. Wir werden sehen. Die ARD zeigt jetzt erstmal einen Wer­be­spot für die neue Sommer-Kol­lek­tion von Tommy Hil­figer. Achso, das sind Jessy Wellmer und Bas­tian Schwein­s­teiger? Pardon. Bis gleich.

46.

Ich kann natür­lich nicht in die Köpfe der Spieler gucken, aber die Dänen wirken befreit. Ein hoch­mo­ti­vierter Auf­tritt, auch von den Fans. Das tut jedem gut, der bei den ewig langen Minuten vom vor­letzten Wochen­ende dabei war. Und viel­leicht reicht es für das Ach­tel­fi­nale. In Sankt Peters­burg steht es noch 0:0 zwi­schen Bel­gien und Finn­land, die Dänen sind momentan Grup­pen­dritter. Hälfte zwei läuft.

49.

Im Angriffs­spiel der Russen geht unge­fähr so viel wie auf der Party eines acht­zehnten Geburts­tages, nachdem die Mutter des Gast­ge­bers ein­fach mal spontan vor­bei­ge­kommen“ ist.

53.

Ich wünschte, ich könnte mit Worten fassen, wie das Kopen­ha­gener Sta­dion gerade klingt. Ganz Däne­mark singt. Gän­se­haut.

59.

Zobnin mit einem Traum­pass vor das Tor. Nur leider, aus Sicht des Russen, vor das fal­sche. Yussuf Poulsen, der eigent­lich noch in der Rück­wärts­be­we­gung war, staubt ab. 2:0 Däne­mark! Kann man Dänen nicht mehr nehmen.

68.

Jetzt über­schlagen sich die Ereig­nisse. Bringen wir ein biss­chen Ord­nung rein: Erst kol­lek­tiver Jubel im Sta­dion, weil Bel­gien gegen Finn­land in Füh­rung geht, Däne­mark damit auf Rang zwei. Dann pfeift der Schieds­richter unter Pro­test des däni­schen Kee­pers einen – Ent­schul­di­gung – schmei­chel­haften Elf­meter für Russ­land. Und dann wird auch noch der Treffer der Bel­gier aberkannt. Was hat der Fuß­ball­gott gegen diese Dänen?

70.

Artem Dzyuba tritt zum Elf­meter an. Der Stürmer, der im ver­gan­genen Jahr für einen kleinen Skandal sorgte, weil ein Video in Russ­land die Runde machte, das ihn beim Mas­tur­bieren zeigte. Der des­wegen kurz­zeitig aus dem Kader der Natio­nal­mann­schaft flog. Schießt in die Mitte und trifft. Abge­wichst. 1:2.

75.

Es wird wieder laut in Kopen­hagen. Bel­gien führt mit 1:0 und diesmal zählt der Treffer wohl auch. Die ARD blendet jetzt die Blitz­ta­belle ein: Bel­gien Grup­pen­erster, die Dänen auf Rang zwei und damit momentan Ach­tel­fi­na­list. Aber Blitz­ta­bellen sind natür­lich Quatsch. Wir bedenken: Der FC Schalke war 2001 nicht Deut­scher Meister, auch nicht für vier Minuten.

82.

Tor, Tor, Tor! Genauso oft, wie es da steht. Eins für Bel­gien auf dem anderen Platz, zwei für Däne­mark in Kopen­hagen. 4:1! Ich ent­schul­dige mich beim Fuß­ball­gott, ihm böse Absichten unter­stellt zu haben. Denn das, was sich gerade in der däni­schen Haupt­stadt abspielt, ist nichts anderes als ein Fuß­ball­mär­chen. Hof­fent­lich ist der Telia Parken auf dem aktu­ellsten Stand der Brand­schutz­be­stim­mungen, denn hier wird Danish Dyna­mite abge­zündet! Irre!

86.

Martin Braithwaite ver­lässt den Platz. Von diesem Abend kann er dem Knirps in Bar­ce­lona noch lange erzählen. Inter­es­sante Sta­tistik der EM-Ach­tel­final-Teil­nahmen. Messi: 0. Braithwaite: 1. Macht nach­denk­lich.

90.+3

Abpfiff! Wahn­sinn! Russ­land ist aus­ge­schieden. Und Däne­mark steht im Ach­te­fi­nale der Euro­pa­meis­ter­schaft! Einem Wett­be­werb, in dem das Sport­liche für die Dänen früh in den Hin­ter­grund rückte. Nach einem Auf­takt, der grau­samer nicht sein konnte. Aber alles ging gut aus. Und jetzt stehen sie da, die Dänen, in einem Kreis, gucken auf ein absurd kleines Smart­phone, ver­folgen die Neu­ig­keiten aus Sankt Peters­burg. Es steht fest, sie haben es tat­säch­lich geschafft. Die Mann­schaft des Tur­niers waren sie schon vor diesem Spiel, den Titel kann ihnen keiner mehr nehmen. Ich habe Gän­se­haut an Stellen, von denen ich nicht wusste, dass man dort Gän­se­haut haben kann. Man spürt wieder was beim Fuß­ball­gu­cken! Danke, Däne­mark! Und til­lykke, herz­li­chen Glück­wunsch!