Liveticker
Portugal – Deutschland 2:4
EM

17:27

Liebe Fans, kaum hat das Tur­nier begonnen, kaum hat man die Bilder der deut­schen Natio­nal­spieler aus den Hasel­nuss­ta­feln gepult und ihre Namen und Gesichter aus­wendig gelernt, kaum kann man Klos­ter­mann und Hals­ten­berg von­ein­ander unter­scheiden und kaum hat man sich zwi­schen Abnei­gung, Sym­pa­thie und Gleich­gül­tig­keit gegen­über dieser Mann­schaft ent­schieden – da geht es plötz­lich schon um alles. Und wenn ich »alles« sage, dann meine ich alles – was im Fuß­ball, diesem Metier der fabri­zierten Emo­tionen, leider inzwi­schen so gut wie nichts ist. Aber zu unserem eigenen Amü­se­ment, weil man sich ja schließ­lich für irgend­etwas inter­es­sieren muss und bei dieser Affen­hitze froh sein sollte, dass man wenigs­tens nicht selbst Fuß­ball spielen muss, nennen wir dieses Nichts eben »alles« und ver­su­chen, ganz feste dran zu glauben.

17:28

Apropos dran glauben: Die deut­sche Natio­nal­mann­schaft steht bereits jetzt, im zweiten Grup­pen­spiel, mit dem Rücken zur Wand wie ein Fahr­rad­ku­rier, der vom Ord­nungsamt Neu­kölln auf dem Fußweg erwischt wurde. Sie trifft nun die ganze Härte des Gesetzes, und wie wir alle wissen, haben Tur­niere, da unter­scheidet sich die EM nicht groß vom DFB-Pokal, da ihre ganz eigenen. So sollte sich Joa­chim »Jogi« Löw nicht darauf ver­lassen, dass das letzte Spiel gegen Ungarn, das Ves­ten­bergs­greuth Europas, schon gewonnen ist. Die Älteren unter uns erin­nern sich viel­leicht noch an die Nie­der­lage gegen Süd­korea bei der WM 2018. Wobei »erin­nern« natür­lich nicht heißt, dass wir diese Zumu­tung inzwi­schen irgendwem ver­ziehen hätten. Wütender Smiley!

17:30

Unklar ist – unklarer denn je nach immerhin 15 Jahren Amts­zeit –, worauf sich Löw eigent­lich ver­lässt. Anzu­nehmen ist, dass es sich dabei um eine Art Instinkt han­delt, der ihm gewisse erra­ti­sche Ent­schei­dungen sug­ge­riert: Erst Hum­mels und Müller aus­booten, dann aber als Stamm­spieler zurück­holen, Drei­er­kette spielen lassen, obwohl alle nomi­nellen Ver­tei­diger in ihren Ver­einen die Vie­rer­kette spielen, hohe Bälle auf Kon­ter­stürmer Timo Werner, Volland als Links­ver­tei­diger. Man muss das alles nicht ver­stehen – aber man würde so gern! Man würde auch so gern das Gefühl los­werden, dass diese Mann­schaft, wenn Löw sie ein­fach spielen ließe, wie ihr der Stiefel gewachsen ist, sich schon irgendwie ins Halb­fi­nale durch­mo­geln würde, womög­lich sogar weiter. War es nicht das, was sie einst zur soge­nannten Tur­nier­mann­schaft hat werden lassen: das anfäng­liche Durch­mo­geln, die all­mäh­liche Stei­ge­rung, ein Elf­me­ter­schießen hier und da – zack, fertig?

17:31

Löw aber steht der Sinn danach, seine Hand­schrift zu hin­ter­lassen. Wie mag sie heute aus­sehen? Mit Grausen denken wir an seinen Ein­fall, Toni Kroos im Halb­fi­nale 2012 gegen Ita­lien als Bewa­cher von Andrea Pirlo ein­zu­setzen. Es soll das erste und ein­zige Mal gewesen sein, dass dieser Pirlo gelacht hat, wenn auch müde. Spielt heute Robin Koch die fal­sche Neun? Laufen Klos­ter­mann und/​oder Hals­ten­berg als Dop­pel­sechs auf? Sehen wir Thomas Müller als Vor­stopper? Wel­ches Rad erfindet Löw heute neu bzw. wel­chen Stock steckt er seiner Mann­schaft in die Spei­chen?

17:32

Mit der Hand­schrift ist es ja so: Man übt sie lange, bevor man sie zum ersten Mal unter ein Doku­ment setzt, damit sie ele­gant und zugleich gra­vi­tä­tisch genug aus­sieht. Man unter­schreibt gewis­ser­maßen für die Person, die man in Zukunft sein möchte. Und dann betrachtet man sie ein paar Jahre später und stellt fest: Sie sieht immer noch genauso aus, als hätte man als Acht­jäh­riger »Liebe Oma, viele Grüße aus Cux­haven. Das Wetter ist schön. Mir geht es gut. Wie geht es Dir?« geschrieben. Das mag pein­lich sein, aber wir kennen es alle und leben damit.

17:33

Also, lieber Joa­chim Löw: Setzen sie doch bitte ein­fach Ihren »Jogi« unter den Auf­stel­lungs­bogen, sagen Sie den Jungs, wo das Tor unge­fähr steht, und viel­leicht noch, dass man den Typen im roten Trikot mit der Nummer 7 mit ein paar ver­steckten Pfer­de­küssen ganz gut demo­ra­li­sieren kann. Dann wird das schon! Und auch wenn dann kein tak­ti­scher Genie­streich den Weg zum Titel gebahnt hat – Sie dürfen den Pokal trotzdem mal anfassen. Ver­spro­chen.

17:35

Wie ich eben erfahre, denkt Joa­chim Löw nicht daran, meinen Rat anzu­nehmen. Aber das hat ja auch sein Gutes: Dank unserem Bun­des­trainer haben wir nicht erst hin­terher alles besser gewusst, son­dern schon vorher! Was ist gegen dieses erha­bene Gefühl schon ein schmach­volles Aus in der Vor­runde einer EM, bei der man sich schon wahn­sinnig dumm anstellen muss, um über­haupt raus­zu­fliegen?

17:36

Da fällt mir ein Car­toon ein (ich weiß leider nicht mehr, von wem er ist): Ein sehr häss­li­cher Mann sitzt in einer dieser Bars, in denen man von Tisch zu Tisch anrufen kann, um einen ersten Kon­takt auf­zu­nehmen, bevor man sich dann gege­be­nen­falls rüber­setzt und ein­ander noch näher ken­nen­lernt. Da der Mann aber sehr häss­lich ist, ruft ihn nie­mand an. Da ruft er: »Herr Ober! Mein Telefon ist kaputt!« Was ich damit sagen will: Über die Furcht vor einer Nie­der­lage tröste ich mich ein­fach mit der Vor­freude auf das Inter­view mit Löw nach dem Spiel hinweg.

17:37

In 15 Jahren Amts­zeit hat Joa­chim Löw mich durchaus beein­flusst. So ertappe ich mich mit­unter dabei, dass ich, wenn ich mir so meine Gedanken mache, ein »scho au« ein­streue: »Heute ist scho au Samstag«, »Draußen ist es scho au heiß«, »Ich bin scho au müde«. Ich stelle fest, dass ich es immer dann ein­streue, wenn ich mich vor mir selbst dafür recht­fer­tigen will, etwas nicht mit aller Ent­schlos­sen­heit anzu­gehen bzw. es sogar lieber bleiben zu lassen und es dem Glück zu über­ant­worten, das irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Scho au: ein Aus­druck gewisser Leicht­le­big­keit. Und so erin­nere ich mich scho au gern daran, dass Joa­chim Löw es einmal ver­stand, das oft eher schwere Leben tat­säch­lich leicht aus­sehen zu lassen. Ein Espresso hier, ein Ziga­rett­chen da, ein biss­chen unver­bind­lich mit Katrin Müller-Hohen­stein flirten, mal eben 7:1 gegen Bra­si­lien gewinnen – Löw war der ita­lie­nischste deut­sche Bun­des­trainer aller Zeiten. Doch jetzt wirkt er nur­mehr wie einer dieser Männer, die im »Ris­tor­ante« unbe­dingt auf Ita­lie­nisch bestellen wollen und nicht merken, dass der Kellner gleich die Fas­sung ver­liert, weil er es ein­fach nicht mehr aus­hält, dass schon wieder einer »Kosa tschi … äh.… kon­silia dall, Dings, hier: Menü?« sagt. So kann scho au die Stim­mung kippen.

17:37

Apropos Stim­mung: Sau­dade, so nennen die Por­tu­giesen das Gefühl all­um­fas­sender Wehmut – als würde man auf ein Schiff warten, das nie­mals kommen wird. Seltsam, dass ich aus­ge­rechnet heute genauso drauf bin, wobei ich eher sagen würde, dass ich auf einen Regio­nalzug warte, der nie­mals kommen wird, am Bahn­steig von Diep­holz, an einem Montag im November um halb neun Uhr abends. Bin ich je so pes­si­mis­tisch in ein Spiel gegangen? Hab ich mich Uwe Spieß vom SC Frei­burg, den die »Sport­schau« einmal »Straf­raum­mel­an­cho­liker« nannte, je so nah gefühlt? Uwe Spieß, wo bist Du? Sag mir bitte, wie man trotzdem Tore schießt.

17:38

Da erreicht mich die Nach­richt eines Freundes: »Gleiche Auf­stel­lung. Das war’s.« Und plötz­lich gesellt sich zur Wehmut noch die Panik, als würde man das Blatt mit der Abi-Klausur umdrehen, und Thema ist das Buch, dessen Zusam­men­fas­sung man in den letzten 48 pani­schen Stunden, in denen man sich vor­be­reitet hat, dann doch nicht mehr gelesen hat. Lieber Joa­chim Löw: Ich wün­sche Ihnen viel Glück. Sie mir eigent­lich auch?

17:39

Die »Sport­schau« hat ermit­telt: Ali Daei hat drei Län­der­spiel­treffer mehr erzielt als Cris­tiano Ronaldo. Hek­ti­sche Szenen auf der deut­schen Bank. Löw: »Anrufen, sofort!« Sorg: »Kennt jemand jemanden in Bie­le­feld?« Klos­ter­mann: »Ich war da schon mal, glaub ich.« Löw: »Mach dich warm, Hals­ten­berg!« Klos­ter­mann: »Klos­ter­mann.« Löw: »Nicht frech werden.«

17:48

Ok. Wenn das hier schief geht, kaufe ich mir alles, wofür jetzt Reklame gemacht wird, und ver­brenne es zusammen mit dem Laub des Som­mers, in dem ich noch ein glück­li­cher Schland-Fan war.

17:50

Ein Blick auf die Auf­stel­lungen. Mit zuge­hal­tenen Augen. So habe ich es als Kind schon gemacht: Dann sehen die anderen mich ja auch nicht. Oder? ODER?

17:51

Joa­chim Löw bewegt sich durch die Kata­komben wie ein Holo­gramm seiner selbst in einem emo­tio­nalen Rück­blick, den sie den Fünft­kläss­lern auf Klas­sen­fahrt im DFB-Museum zeigen. Maxi­mi­lian: »Kann­test du den komi­schen Mann?« Aure­lius: »Ich glaub, der war mal Bun­des­kanzler oder so was.«

17:55

Die por­tu­gie­si­sche Hymne. Bzw. wenn man den Ton abstellt und Cris­tiano Ronaldo betrachtet: ein lau­niger Karaoke-Abend der Kos­me­tiker-Innung.

17:57

Jetzt die deut­sche Hymne. Oha! Thomas Müller plötz­lich mit einer Bern­hard-Dietz-artigen EM-1980-Aus­strah­lung. Sach­lich, unauf­ge­regt, trotzdem sie­ges­ge­wiss. Hab ich etwa Hoff­nung?

1.

Das Spiel beginnt. Auch hier wollte Löw expe­ri­men­tieren, hat sich nach dem Veto des Mann­schafts­rats aber für die her­kömm­liche Vari­ante ent­schieden: Anstoß.

2.

Wenn, wie gerade eben, Rüdiger am Ball ist und dann auch »Rüdiger« genannt wird, dann über­kommen mich immer so ver­traute Gefühle: als wäre dieser »Rüdiger«, den alle eben nur Rüdiger nennen, ein Onkel, der mit­spielt und guckt, das nichts schief geht und sich nie­mand ver­letzt. Und der zur Not eben mal einen rein­häm­mert, weil er keine Lust hat, dass auf der Rück­fahrt wieder der ganze Bus heult. Rüdiger, hol uns aus der Scheiße raus!

4.

Noch 87 Minuten. Beim Zahn­arzt darf man ja die Hand heben, wenn man es nicht mehr aus­hält. Nur mal so für den Hin­ter­kopf.

5.

Jetzt hebe ich die Hand, sogar beide, denn: Tor! Müller erobert den Ball, wie er sonst nur Tore schießt: Wie ein Dackel auf einem zuge­fro­renen See. Flanke Ginter, Seit­fall­zieher Gosens: Toooooor! Aber, aber, aber, aber, aber, aber, aber, aber: Aber­seits bzw. Abseits. Wenn ich ent­gegen meiner Über­zeu­gungen schon mal das Jubeln anfange! Das war das letzte Mal, Fuß­ball, du blöde Sau.

7.

Schon wieder dieser Gosens. Ein Amalgam aus den Besten der deut­schen Sport­ge­schichte: Miro Klose, Gra­ciano Roc­chi­giani und Steffi Graf. Kann alles, ist überall, wird dieses Spiel zur Not allein gewinnen und den Grand Slam im Damen­tennis noch dazu. Ich lasse mir seinen Körper auf meinen täto­wieren.

9.

Die Deut­schen machen hier einen irren Druck. Die Por­tu­giesen müssen sich fühlen wie ich damals an der Mas­sa­ge­düse im Sta­di­onbad Han­nover, als ich erstmal schön relaxen wollte, da tauchte eine Bade­kappen-Oma neben mir auf und sagte: »Wie lange noch?« Dort blieb sie und starrte mich feind­selig an, bis ich schließ­lich ein­ge­schüch­tert davon­schwamm. Wie gesagt: Irrer Druck.

12.

Irrer Druck auch für mich, meinen anfäng­li­chen Defä­tismus schnell umzu­bauen in ein pro­vi­so­ri­sches Mode­fantum. Ob ich ein­fach mal ganz laut »Schland« brüllen soll? Und »Ent­schul­di­gung, Jogi!«?

15.

Ich hasse es, recht zu behalten, aber: 0:1. Ronaldo nutzt die Gunst der Stunde, in der sich Deutsch­land auf­grund des Chan­cen­feu­er­werks wieder auf Jahre hinaus unschlagbar fühlt, und schiebt den Ball ein. Ein ent­setz­li­cher Schmerz, als würde man in einem etwas zu selbst­be­wussten Anzug zum Abschluss­ball erscheinen und sähe dort seine Freundin mit dem Aus­tausch­schüler übers Par­kett schieben, von dem sie gesagt hat, dass er kein Grund zu Sorge sei. Wie gesagt: Ich hasse es, recht zu behalten. So macht das Leben wirk­lich keinen Spaß.

18.

Gerd Gottlob: »Bas­tian, wie schätzt du die Lage ein.« Schweini: ».….….….….….…« Der Mann spricht mir aus der Seele. Oder ist er auf dem Weg in den Innen­raum, um sich selbst ein­zu­wech­seln? Auch damit spräche er mir aus der Seele. Ver­liebter Smiley.

22.

Ich möchte nicht, dass die Por­tu­giesen wei­terhin kon­tern. Ers­tens weil ich dann Angst habe. Und zwei­tens weil Gerd Gottlob dann immer »Bruno Fer­nandsch« sagt.

23.

Pepe erin­nert mich an den Dorf­schläger Axel, der mir mal auf einem win­ter­li­chen Feld, als ich allein mit meinem Hund spa­zieren ging, ent­gegen kam, es dau­erte Minuten, bis er bei mir war, und ich wusste die ganze Zeit: Gleich haut er mir auf die Fresse. Das tat er dann auch, und ich hätte mit dem Blut, das mir aus der Nase tropfte, meinen Namen in den Schnee schreiben können. Heute frage ich mich: Warum bin ich eigent­lich nicht abge­hauen? Was war mein Hund für ein erbärm­li­cher Feig­ling? Und könnte es sein, dass Pepe tat­säch­lich Axel ist?

26.

Löw: »Zählen Aus­wärts­tore eigent­lich dop­pelt?« Sorg: »Es gibt kein Rück­spiel, Chef.« Löw: »Das ist, sagen mer mal, scho au doof jetzt.« Sorg: »Ja, find ich auch, Chef.« Löw: »Nehmen wir noch einen Espresso oder wollen wir lieber nach Hause?«

30.

Sané ist, wie Gerd Gottlob uns mit­teilt, »in den Kata­komben ver­schwunden.« In den Kata­komben ver­schwinden: Das »Mal eben Ziga­retten holen« des nicht­rau­chenden Pro­fi­fuß­bal­lers. War schön, ihn ken­nen­ge­lernt zu haben.

32.

Kai Havertz, der Mann, von dem ich das am wenigsten erwartet hätte (ich kenne ihn, er mich nicht), rächt mich für alles, was ich habe erleiden müssen: Macht Pepe bzw. Axel, diesen Dorf­schläger des euro­päi­schen Fuß­balls, dem Erd­boden gleich. Danke, Kai. Jetzt noch der Aus­gleich, und ich klebe mir den Havertz-Sti­cker aus der »Bravo-Sport« meines Sohns aufs Herz.

35.

Unheim­lich, wie ein­fluss­reich ich bin, ja wie ich Kraft meiner Gedanken die Zukunft gestalten kann. Und schon ist sie Gegen­wart: Aus­gleich! Havertz! Wie ich es gefor­dert und pro­phe­zeit habe! Wut-Flanke von Gosens, dem Gra­ciano Roc­chi­giani der linken Außen­bahn, Havertz spit­zelt das Ding rein, viel­leicht war es auch ein Por­tu­giese, aber das lasse ich mal unter den Tisch fallen, was ja im all­ge­meinen Inter­esse sein dürfte. Tor also! Wir sind wieder wer! Und zwar genau die, die wir vor dem Spiel waren, aber ein biss­chen fröh­li­cher.

39.

Und… noch ein Tor! 2:1. Hier geht es zu wie an der Schieß­bude, wenn der ange­trun­kene Jürgen seiner Gaby unbe­dingt eine Rose holen will und bal­lert und bal­lert und bal­lert, und dann fällt sie end­lich, die Rose, und Gaby guckt ihn an, als wäre er ein wahrer Held. War zwar ein Eigentor bzw. Quer­schläger von Klaus-Dieter, der nebenan steht, aber was macht das schon? Per aspera da astra! Hurra!

42.

Thomas Müller werfe hier, so Gottlob, all seine Por­tugal-Erfah­rung in die Waag­schale. Wenn ich jetzt noch meine mit rein­werfe, ist der Sieg unser: Also, ich hab auf der Feri­en­frei­zeit an der Algarve mal ins Zelt gekotzt, wor­aufhin wir uns in der Klein­stadt ein neues kaufen mussten und mein Kumpel zwei Tage lang nicht mehr mit mir sprach. Gern geschehen.

44.

Löw: »Dieser Goofy ist nicht schlecht. Hast du ihn schon nomi­niert, Martin?« Sorg: »Drei Sachen, Chef: Der Mann heißt Gosens, das Tur­nier hat schon begonnen, und ich heiße MARKUS! MARKUS!« Löw: »Seit wann trägst du mein Hemd? Gehst du heim­lich an meinen Schrank, Martin?«

45. +4

Halb­zeit. Jetzt weiß Cris­tiano Ronaldo mal, wie das ist, wenn der Akti­en­kurs ins Boden­lose fällt. Wann geht Robin Gosens an die Börse?

18:56

Ich will die Freude ja nicht trüben, aber Jessy Wellmer behan­delt Schweini ein biss­chen wie die coole Cou­sine aus der großen Stadt, die am dritten Tag des Besuchs des kleinen Bas­tian aus der Pro­vinz nicht unfreund­lich sein will, aber eben viel lieber mit ihrer Clique im Bier­garten sitzen würde, als hier in der Modell­ei­sen­bahn­aus­stel­lung rum­zu­hängen. Und der fährt dann nach Hause und weint im Inter­regio nach Kol­ber­moor und weiß gar nicht, warum: weil er in sein Dorf zurück­kehren muss, das ihm jetzt so eng erscheint, oder weil die große weite Welt doch zu groß und zu weit für ihn ist? Sic transit gloria Schweini!

46.

Renato San­ches kommt, das große FC-Bayern-Miss­ver­ständnis. Löw reagiert umge­hend – und bringt Jan Schlaud­raff.

47.

Pepe trägt den Ball in die deut­sche Hälfte. Womit er nicht gerechnet hat: Gosens hat seinen eigenen Ball mit­ge­bracht und initi­iert einen Konter. Dieser Gosens: Für mich der Hans-Peter Briegel des 21. Jahr­hun­derts.

49.

Meine liebe Frau, bei uns zu Hause für die soft skills zuständig, hat mich in der Pause darauf hin­ge­wiesen, dass die Deut­schen Pepe beson­ders fair behan­deln, ihm auf­helfen, wenn er gestürzt ist, ihn trösten, wenn er schimpft – aber nur, um ihn auf den Schieds­richter noch feind­se­liger wirken zu lassen. Berät meine Frau heim­lich den DFB? Und ist das, was jetzt hier pas­siert, etwa auch ihr Erfolg? Und also auch meiner? Ich würde sagen: JAAA! HUR­RAAA! Gosens, wer sonst, mit der Her­ein­gabe, Havertz, wer sonst, spit­zelt den Ball rein. Gosens und Havertz: Zwei junge Männer, die sich noch nie zuvor getroffen haben, ja, von denen der eine (Havertz) bis vor kurzem gar nicht wusste, dass der andere (Gosens) über­haupt exis­tiert, har­mo­nieren hier wie Sieg­fried und Roy und zau­bern uns einen weißen Tiger in die Seele. Magisch!

53.

Löw: »Hab ich es nicht gleich gesagt?« Sorg: »Du hast nur gesagt: scho au, sagen mer mal und FFFFF.« Löw: »Sag ich doch.« Sorg: »Ich kün­dige.«

56.

Robin Gosens, der Volks­held: spielt hier auf Welt­klasse-Niveau, aber immer noch so, wie unser­eins spielen würde, wenn sich der große Traum je erfüllt hätte – wie einer, der seinen Platz auf Links­außen beim Tor­wand­schießen gewonnen hat. Jeder­zeit ist es denkbar, dass die sagen­hafte Glücks­strähne aus ankom­menden Flanken reißt, jeder­zeit kann alles vorbei sein und sich ins Gegen­teil ver­kehren. Junge, genieß es, solange es gut­geht! Wir tun es auch!

59.

Und jetzt auch noch das: Gosens macht sein Tor! Mit einem Kopf­ball aus dem Lehr­buch! Wie viele You­Tube-Tuto­rials hat sich der Junge rein­ge­zogen, um bei dieser EM mit­halten zu können? Und wie er mit­hält! Tolle Flanke natür­lich von Havertz. Havertz Gosens Hol­ly­wood! Und Jogi hört »Relax« auf dem Walkman. Es sei ihm gegönnt!

63.

In diesem Gosens, der eben selbst noch ein Fan war, ballt sich alle Unzu­frie­den­heit, alle Frus­tra­tion, alles So-müsste-man-es machen der letzten drei, vier Jahre – und jetzt lässt er es für uns alle raus. Ist das herr­lich! Cris­tiano Ronaldo muss sich fühlen, als würde ich ihm die Frau aus­spannen.

65.

Ein Wort auch zu Thomas Müller: Er ist das Schweizer Taschen­messer des Welt­fuß­balls, hat für jede Spiel­si­tua­tion das rich­tige Werk­zeug. Ent­korkt jetzt an der Sei­ten­linie eine Wein­fla­sche für Jogi Löw. Mit dem kleinen Zeh.

66.

Für die Sta­tis­tik­freaks: Por­tugal erzielt das 2:4. Mich inter­es­siert das keinen Jota.

69.

Seit Hals­ten­berg für Gosens gekommen ist, hat sich meine Stim­mung arg getrübt. Als hätte meine Mutter, wenn ich bei »Kick Off II« gerade 4:1 führe, gesagt: »Lass den Marcel doch auch mal.« Und der kann’s halt nicht, schon steht es 2:4, und ich muss das alles mit ansehen. Soll sich halt selbst nen Amiga wün­schen, der Lauch.

72.

Wenigs­tens das: Kroos bringt jetzt hier Ruhe rein. Fährt die Jungs nach dem Spiel auch nach Hause, schiebt die Ben­jamin-Blüm­chen-Kas­sette rein und sieht im Rück­spiegel, wie sie vor Erschöp­fung ein­schlafen.

75.

Gelb für Ginter. Nur noch 867 Gelbe, dann bricht er Pepes Rekord.

78.

San­ches häm­mert den Ball mit einer beängs­ti­genden 4:4‑Mentalität aufs deut­sche Tor. Manuel Neuer ruft mit Nach­druck etwas Rich­tung Bank, will offenbar mehr Sicher­heit im deut­schen Spiel ver­an­lassen. Sorg: »Chef, der Manu ruft dich.« Löw: »Sag ihm, ich bin nicht da.« Sorg: »Er weiß, dass du da bist. Er kann dich sehen.« Löw: »Ihr jungen Leuten mit eurer ver­rückten Technik.«

81.

Der Schuss von Renato San­ches noch mal in der Super-Slomo: Da sieht man erst, dass es nicht der Pfosten war, der hier gerettet hat, son­dern – natür­lich – Robin Gosens, der rein zufällig da her­um­stand, zwinker-zwinker.

84.

Selt­same Stim­mung jetzt gerade, so leise, so ver­halten, so seltsam bedroh­lich. Und aus­ge­rechnet jetzt habe ich ver­gessen, ob es »die Ruhe vor dem Sturm« oder »die Ruhe nach dem Sturm« heißt. Ver­dammt.

86.

Müller und Danilo schep­pern mit den Köpfen zusammen. Danilo bleibt benommen liegen, Müller sam­melt indes die Pres­se­kon­fe­renz-Witz­chen ein, die ihm raus­ge­fallen sind.

88.

Gnabry geht, Sané kommt. Biss­chen ange­be­risch von Löw, in der 88. Minute einen wei­teren Welt­klas­se­mann zu bringen, aber wer kann, der kann.

88.

Süle muss der Typ sein, der sich auf Löws Anzeige »Junger Mann zum Mit­reisen gesucht« gemeldet hat – und jetzt baut er ein­fach mal das por­tu­gie­si­sche Angriffs­ka­rus­sell ab, lädt es auf den Laster und fährt es nach Buch­holz in der Nord­heide.

92.

Joa­chim Löw gönnt sich schon mal den einen oder anderen Fin­ger­nagel. Pro­secco wäre auch da gewesen in der DFB-Kühlbox, aber Geschmä­cker sind ver­schieden.

92.

Müller überall. Schlägt Neuer sogar vor, auf »Letzter Mann hält« umzu­stellen, »dann kannst du auch noch ne Bude machen, Junge.« Der lehnt ab. Noch!

94.

Und Robin Gosens pfeift ab! »Deutsch­land ist zurück im Tur­nier«, jubelt Gerd Gottlob, was ja im Umkehr­schluss heißt, dass Deutsch­land zuvor raus war – und ich meinen allzu pes­si­mis­ti­schen Prolog nicht über­ar­beiten muss. Dafür bin ich sehr dankbar – und ohnehin dafür, dass es nun wieder so etwas ähn­li­ches wie Spaß machen könnte, dieses Tur­nier zu ver­folgen. Um nicht gleich abzu­heben, ist es übri­gens sehr heilsam, Manuel Neuer dabei zu beob­achten, wie er seiner Entou­rage winkt: wie eine greise Königin ihrem Volk. Putzig! Putzig auch Oliver Bier­hoff, der über den Platz läuft wie ein Musik­lehrer, nachdem die Urauf­füh­rung des Stücks, das er ein Halb­jahr lang mit seiner Musical-AG erar­beitet hat, echt prima geklappt hat. Titel: »Träumen lohnt sich«, beru­hend auf der Auto­bio­grafie Robin Gosens – die ich mir jetzt noch mal rein­ziehen werde. Aber wie blät­tert man um, wenn man vor Begeis­te­rung die Arme die ganze Zeit zum Himmel hebt? Ich werde berichten, dem­nächst an dieser Stelle. Gute Nacht, liebe Fans.