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Hände waschen – Abstand halten 5:5
Bundesliga

15:15 Uhr

Freunde, herz­lich will­kommen zur his­Too­o­ri­schen Kon­fe­renz. Und was soll ich sagen, heute gibt es einen echten Lecker­bissen: Lever­kusen gegen die Bayern aus 1996/97. Effe. Basler. Kirsten. Emerson. Jere­mies. Ramelow – Was für Namen. In einer Sprache, die ich noch erfinden muss, stehen sie für all die schönen Tät­lich­keiten, die ich gleich erwarte. 

15:20 Uhr

Muss ehr­lich sagen: Ich bin Fan der his­to­ri­schen Kon­fe­renz. So sehr sogar, dass ich andere Bereiche meines Lebens jetzt auch his­to­risch gestalte. Kleide mich his­to­risch, passe sogar noch in meine alten Buf­falos. Esse auch his­to­risch, auch wenn die Packung Frucht­zwerge von 1987, die ich letzte Woche auf Ebay geschossen habe, irgendwie eigen­artig geschmeckt hat. Nehme auch keine Nivea-Creme mehr, son­dern reibe mir mein Gesicht mit Radium ein, für einen sexy Teint a la 1878. Wes­wegen mir leider die Zähne locker geworden sind und ich also nächste Woche zum ört­li­chen Huf­schmied muss, um sie ziehen zu lassen. Naja. 

15:26 Uhr

Unter­dessen erstmal Wer­bung:

15:29 Uhr

Denke in unre­gel­mä­ßigen Abständen an die eben gepos­tete Wer­bung. So wichtig wie ein kleines Steak“, als Slogan. Immer wenn ich daran denke, werde ich traurig. Wie sehr die Zeit ver­flogen ist. Ich kann mich noch leb­haft an eine Welt erin­nern, in der Wer­beh­einis dachten, es sei eine gute Idee, Frucht­jo­ghurt als wichtig wie ein Steak“ zu bewerben. Und heute? Essen alle Super­food­bowls, deren Zutaten ich nicht mal aus­spre­chen kann, um ein Foto davon in einem Sozialen Netz­werk zu posten, das ich nicht ver­stehe. Darauf einen 90er-Frucht­zwerg, und dazu einen aus einem aus­ge­spülten Senf­glas getrun­kenen Kaba. Auf die alten Zeiten. 

1.

Egal, Fuß­ball. Anstoß in Lever­kusen 1997, die noch nicht wissen, dass sie es episch ver­scheißen werden. Aber so ist das eben mit der Zeit: Sie ist auch dann ein mieser Ver­räter, wenn du Markus Happe bist. Wahr­schein­lich sogar noch ein biss­chen mehr. 

3.

Elber, raus­ge­kauft aus dem Magi­schen Dreieck des VfB Stutt­gart“, so Kai Ditt­mann. Irre, dass die Bayern die Fähig­keit haben, mich auch mit 23 Jahren Ver­zö­ge­rung noch wütend zu machen. 

5.

Dann der Wechsel nach Frei­burg 2001, direkt Alex­ander Iash­vili in Groß­auf­nahme. Der Mann mit dem legen­dären Schlaf­zim­mer­blick. Wenn man eine Gefäng­nis­zelle als im wei­testen Sinne Schlaf­zimmer aus­legt. 

8.

Toooooor in Lever­kusen: Scholl mit dem Solo, Elber mit dem Kopf. Ein Satz wie pure Poesie. Ich möchte Kinder zeugen, nur um ihnen Abends am Bett diesen Satz vor­zu­lesen. 

11.

Dann: Augs­burg gegen Köln 2011. Irgendwie ein wenig der Internet Explorer dieses Spiel­tags. Biss­chen lang­samer, biss­chen ver­zö­gert alles, Spiel läuft nicht so flüssig. Würde mich nicht wun­dern, wenn hier nachher jemand zum 404 trifft.


14.

Jun­ge­junge, der­weil Spek­takel in Bremen. Erst Werder mit dem 1:0, dann im Gegenzug der Aus­gleich für Wolfs­burg. Würde gern mehr zu beiden Toren tickern, aber weil ich beim Schreiben immer laut mit­spreche, habe ich gerade das Wort Speck“ gesagt und jetzt kann ich mich nicht mehr kon­zen­trieren. 

17.

Lol, bei Lever­kusen in der Innen­ver­tei­di­gung: Markus Happe und Chris­tian Wörns. Ich sags euch: Meine per­sön­liche Vor­hölle ist ein Spiel­aufbau der beiden, bei dem immer einer kurz drüber nach­denkt, den Ball nach vorne zu passen, dann aber lieber auf den Ball tritt und quer zum anderen passt. Und der macht dann das gleiche. Und dann wieder. Und wieder. Und immerimmer wieder. 

21.

Jetzt bin ich kurz nicht mehr sicher, ob ich nicht aus Ver­sehen im Fan­tasy-Channel von Sky gelandet bin, weil Bre­mens Franco Di Santo eine Flanke wun­der­schön volley ins lange Eck legt. Kann ja eigent­lich nicht sein. Ist viel­leicht eine neue Folge West­world, in der es um einen tech­nisch limi­tierten Stürmer geht, der mit Hilfe intel­li­genter KI in einer künst­li­chen Rea­lität plötz­lich Traum­tore schießt. 

25.

Jesses, die Bruchweg Boys“ hatte ich ver­gessen. Oder hatte ich sie ver­gessen? Kann auch sein, dass ich damals vor Wut 293 Mal mit dem Kopf gegen den Tür­rahmen gerannt bin, um die Bruchweg Boys“ aus meinem Gehirn raus­zu­pü­rieren. Weiß ich nicht mehr. Banane. 232. Lal­a­lala. xyxöp­ä­äxx­öüöxxä. 

29.

Hahaha, Carsten Jancker trifft in Lever­kusen zum 2:0. Ach, der Jancker, wie es dem wohl geht? Immer, wenn ich den sehe, muss ich an die 11FREUNDE-Foto­strecke vor ein paar Jahren denken, als wir Straßen in den jewei­ligen Hei­mat­städten tem­porär nach Fuß­bal­lern benannten und mit diesen zere­mo­niell ein­weihten. Und ich Carsten Jancker vor­schlug, einen belie­bigen Kreis­ver­kehr in Gre­ves­mühlen in Carsten-Jancker-Ring umzu­be­nennen. Ich hielt das für den besten Gag der Welt, lachte, und Jancker legte ein­fach auf. Naja. 

34.

De Bruyne im Trikot des VfL Wolfs­burg. Bizarr, den viel­leicht besten Spiel­ma­cher unserer Zeit so zu sehen. Aber gut, es steht ja auch eine Statue von Tupac Shakur in Her­ford, und keiner weiß, warum. 

36.

Der­weil sieht Chris­tian Wörns in Lever­kusen Rot wegen Not­bremse. Krönt damit seine eigent­lich über­ra­gende Leis­tung. 

39.

Toooooooor in Frank­furt. Eine schwache Flanke von Patrick Ochs, dann lau­siges Gewühl im Straf­raum, dann prü­gelt Marco Russ den Abpraller ins kurze Eck, wäh­rend er aus­rutscht. Und so, liebe Freunde, sah mein Fanalltag zwi­schen 1996 und 2017 aus. 

42.

Wieder Aus­g­burg gegen Köln 2011, Poldi for­dert den Elfer, kriegt ihn aber nicht, dann guckt der Prinz den Schiri an, als hätte der ihm gerade in den Döner gespuckt. Wes­wegen er nicht einmal eine Minute später dann doch noch einen Elfer bekommt und pol­di­haft-kom­pro­misslos rein­nagelt. Mit extra Scharf, wie wir Kenner sagen. 

45.

Nächstes Tor, diesmal Mainz in Frank­furt, André Schürrle. Dann der Elfer in Augs­burg, Aus­gleich Nando Raf­fael. Dann das Tor in Lever­kusen, Hektik aller­orten, der Anschluss durch Jan Heintze nach einem abso­luten Sen­sa­tions-Solo, bei der er Mehmet Scholl nass­macht und sich der hell­blaue Oli Kahn meiner Kind­heit ver­ge­bens nach der Murmel streckt, und an der Sei­ten­linie jubelt der 97er-Chris­toph-Daum in einer viel zu großen Taxofit-Jacke. Was für Bilder. Wenn das ein Corona-Fie­ber­traum ist, weckt mich bitte nicht auf. 

16:20 Uhr

So, Halb­zeit. Die ich ver­bringen werde wie früher: Erst in der Küche nach Schnuck­zeug suchen, dann meinen großen Bruder so lange ärgern, bis er mir Muc­k­i­reiten androht. Dann drüber nach­denken, was wohl die schöne Chris­tiane aus der Par­al­lel­klasse heute macht. Bis gleich. 

46.

So, Freunde, holt euch noch schnell eine Dose Bohnen aus dem Bunker und des­in­fi­ziert nochmal die Matt­scheibe, denn es geht weiter. 

47.

Ein­ziger Wechsel zur Pause beim 1. FC Köln: Miso Brecko kommt. Bitter. Als würde man unbe­waffnet zu einer Schie­ßerei gehen, dann sagen: Nee, Moment, ich brauch auch noch eine Waffe, und dann mit einem Löffel zurück­kommen. 

52.

Dann wieder ein Tor, und zwar Bas Dost in Bremen. Schon vor zwei Wochen, als ich die his­to­ri­sche Kon­fe­renz tickerte, traf Dost, und zwar viermal. Jetzt wieder. Dann denke ich an die Spiele, die ich von Dost in dieser Saison in Frank­furt gesehen habe, und frage mich, ob das ein ela­bo­rierter Gag von Sky ist, um mich zu ver­ar­schen. Kommt gleich Guido Cantz oder so rein, Kon­fetti wer­fend, knufft mir zwin­kernd in die Seite und lacht fröh­lich: Haha, der Bas, toller Witz, oder? Wir haben uns gedacht, wir ver­kaufen dir den als eigent­li­chen Welt­klas­se­spieler.“ Ich lächle schon in Rich­tung einer ima­gi­nären Kamera, darf nicht ver­gessen, Cantz nachher nach einem Auto­gramm zu fragen. Dann trifft Dost zum zweiten Mal. Keine Pointe. 

57.

Beide Dost-Tore übri­gens wun­derbar auf­ge­legt von Kevin De Bruyne. Was ein Kicker. Der Mann hat mehr schöne Pässe als die ita­lie­ni­schen Alpen.

63.

Geil auch: Bei Mainz im Tor steht Chris­tian Wetklo. Den mochte ich, weil der so eine Art schlechtes Oli-Kahn-Imitat war. Blond, auf­ge­pumpt, immer irgendwie grund-wütend und ver­bissen. Aber halt Chris­tian Wetklo, und nicht Oli Kahn. Eher eine Art Oli Kahn light, made in China. Wie diese Spiel­zeuge, die dann nicht Superman heißen son­dern Mega Boy oder so und schon in der Packung kaputt gehen. 

70.

Zurück nach Bremen, wo Davie Selke vor sechs Jahren ver­ge­bens einem Pass hin­ter­her­he­chelt. Alles wie immer also. Selke ist wie der Typ, mit dem du zur Schule gegangen bist und der dich nach dem Abi voll­ge­schwallt hat, er würde jetzt erstmal auf Welt­reise gehen und danach beruf­lich richtig durch­starten. Und wenn du dann ein paar Jahre später mal wieder in der Heimat bist und an der Dorf­kneipe vor­bei­schlen­derst, siehst du ihn darin bräsig am Balken sitzen und behaupten, der Job in der Firma seines Vaters sei gar nicht so schlecht. 

74.

Und Toooooooor in Lever­kusen, Aus­gleich, der Schwatte hat’s gemacht, in seiner typi­schen Ulf-Kirsten-Wusel­ma­nier, schält sich aus einem Zwei­kampf mit Kuf­four, wie sich andere Men­schen aus zu enger, nasser Klei­dung schälen würden, und schä­delt den Ball dann mit Unter­latte ins Tor. Kirsten, diese Legende. Wenn ich irgend­wann sterbe, beer­digt mich nicht. Ich will ein­fach von Ulf Kirsten über eine Klippe gesto­chert werden. 

79.

Eieiei, in Lever­kusen wird Erik Meijer von Tanne Tarnat mit der Schulter halb bewusstlos gecheckt. Und Kai Ditt­mann macht den besten Gag des Tages, dann wird Meijer halt TV-Experte.“ Da ziehe ich meinen Turban. 

83.

Zurück nach Bremen, ein Spiel, das mich irgendwie traurig macht. Ich glaube, weil man genau in diesem Spiel, wenn man nur ganz genau hin­sieht, den exakten Moment erkennen kann, in dem die Ent­wick­lung Wer­ders vom 2000er-Top­club hin zu einem 2010er/2020er-Abstiegs­kan­di­daten ihre end­gül­tige Voll­endung findet. Und ich glaube, es ist die triste, völlig hilf­lose Ein­wech­se­lung von Cedric Makiadi gegen Felix Kroos. 

87.

Und Toooooor in Frank­furt, Theo­fanis Gekas, der ein­zige Spieler der Geschichte, der 16 Sai­son­tore schoss und trotzdem der mit Abstand schlech­teste Spieler der Mann­schaft war. Cha­peau. 

89.

Zurück nach Frei­burg 2001. Ich möchte euch, weil das hier ja gleich alles vorbei ist, auf­mun­ternde Worte für die aktuell schwie­rige Zeit mit­geben. Worte, an denen ihr euch auf­richten und die euch eine Per­spek­tive zeigen können. Worte für die Seele: Sladan Asanin. Steffen Korell. Ivo Ulich. Peter van Houdt. Fabian Gerber. Igor Demo. Und immer dran denken: Lars Hermel. Bitte, gern geschehen. 

91.

Jaaaaaaaaaa, Kirsten, der alte Teu­fels­kerl, 3:2, dann 4:2, Dop­pel­pack, dreht das Spiel inner­halb von zwei Minuten. Und über Lever­kusen 1997 leuchtet der Abend­himmel rot, Uli Hoeneß hat die Birne ange­knipst. 

17:23 Uhr

Und das war’s. Mann, was ein Finish in Lever­kusen. Es ist wirk­lich eine him­mels­schrei­ende Unge­rech­tig­keit, dass die Truppe um Kirsten nicht Meister wurde. Aber viel­leicht ja nächste Woche in der nächsten his­Too­o­ri­schen Kon­fe­renz? Mal schauen, würde ich sagen. Bis dahin: Bitte Hände halten und Abstand waschen. Oder so. Tschööö.