B. Leverkusen

6
1

Frankfurt

Leverkusen gegen Frankfurt im Liveticker

Europaqual

Eintracht Frankfurt wollte sich in die Champions League boxen. Aber dann kam Leverkusen und hatte einen Baseballschläger dabei. Kämpft wie ein Mädchen: der Ticker.

imago images

17:45 Uhr

Willkommen! Oder wie sie in Leverkusen sagen: »Spritze?«. Heute also, was man gemeinhin ein »Sechs-Punkte-Spiel« nennt. Und zwar um die Champions-League-Teilnahme. Auf der einen Seite eine Sensation, die immer sensationeller wird. Auf der anderen Seite: Bayer Leverkusen. Spielt für Sie, verehrte Leser, heute einen kleinen Solo-Blues am Ticker-Klavier: Jonah »C-Dur« Lemm. Wir wollen es ja zumindest in der Tonart einfach halten - bei all diesen wilden Was-jetzt-noch-möglich-ist-Berechnungstänzen.

17:47 Uhr

Rudi Völler und Fredi Bobic im Sky-Doppelinterview. Verraten, dass sie gerade noch zusammen essen waren. Haben sich aber irgendwie an den Haaren auf den eigenen Zähnen verschluckt.

17:49 Uhr

Lustig ja, dass wirklich ausnahmslos alle Regionalzeitungen diese Leverkusener noch als »Werkself« bezeichnen. Als hätten sie gerade noch schnell ein paar Tabletten zusammengemischt, bevor sie auf den Platz laufen. Obwohl, wenn ich mir so Kevin Vollands Oberarme anschaue. Und Freund von spontanen Speichelproben ist er ja auch nicht.

17:50 Uhr

Gedanken am Vorabend: Klaus Toppmöller hat ja mal einen lebendigen Steinadler mit in die Frankfurter Kabine gebracht. Was wäre das Äquivalent für Leverkusen? Ein Flakon Heroin?

17:52 Uhr

Egal, jetzt mal zum eigentlichen Thema: Eintracht! Frankfurt! Alter! Was für eine Truppe. Dinge, die im Moment genauso schwierig zu mögen sind, wie diese Mannschaft:

- Teddybären
- Freibier
- Die Vokale in Jan-Aage Fjörtofts Namen

17:53 Uhr

Über Sebastian Rode sagte Trainer Adi Hütter nach dem Spiel gegen Chelsea: »Seppl sieht aus, als hätte er zwölf Runden im Boxring gestanden.« Hat ihn seitdem auch schon zwei Mal auf der Toilette mit Ante Rebic verwechselt.

17:54 Uhr

Aber gut, heute geht es ja um genau das: Sieg nach Punkten. Rudi Völler verpflichtet noch schnell das Sams.

17:56 Uhr

Doch keine Fabelwesen dabei. Außer Wendells Frisur. Der Rest der Leverkusener Aufstellung: Hradecky - L. Bender, Tah, S. Bender, Wendell - Aranguiz , Baumgartlinger - Havertz , Brandt , Volland - Alario.

17:57 Uhr

Aufstellung Frankfurt: Europa - Europa, Europa, Europa, Europa - Europa, Europa, Europa, Europa - Europa, Europa. Und irgendwo weint Martin Schulz eine Solidaritätsträne in eine rote Krawatte.

1.

Sichert auch einen wichtigen Punkt: der Anstoß. Leverkusen legt los.

2.

Leverkusen hinten mit Dreierkette. Hat sich Bosz bei seinem letzten Berghain-Besuch auf dem Klo abgeschaut.

2.

TOOOR! Was. Ist. Das. Denn. Leverkusen kommt schneller über Links als der Typ ohne Schuhe bei politischen Diskussionen in der Uni-Mensa. Kai Havertz frei vor dem Frankfurter Tor und havertzt das Ding dann einfach rein - rechts unten. Politischer Protest? Rudi Völler meldet spontan einen Demozug durch die Eintracht-Hälfte an. Erste Hundertschaften machen sich bereit. Well that escalated quickly.

5.

Frankfurt wie Emmanuel Macron: Vision und realistische Einschätzung für Europa anscheinend nicht vereinbar.

5.

Fyi: Kai Havertz hat übrigens kein Jahr auf der Welt ohne den Euro erlebt. Falls ihr euch heute nochmal alt fühlen wolltet.

7.

Ich würde gerne erzählen, wie Frankfurt jetzt dagegen hält. Aber da ist nicht einmal ein leichtes Drücken. Kostic kommt mal durch, gibt herein, aber Hradecky fängt die Flanke mit seinen Bartstoppeln. Abstoß, Frankfurt wieder am Ball, Fehlpass. Erinnert mich an diese Ganzkörperbuden-Wurstverkäufer am Alexanderplatz. Die Eintracht-Spieler schon mit allen Gliedmaßen dabei - aber es wird immer nur noch billiger.

12.

Leverkusen hingegen so abgezockt, sie fangen hier ein Pokerturnier am Seitenrand an. Einwurf, Bender lässt sich Zeit, weil Wendell sich noch die Schuhe zu machen muss. An der Seite setzt Peter Bosz einen Topf Gulasch auf, für die Pause dann.

13.

Hä? Irgendwie Gewusel, keiner weiß, was abgeht, Brandt am Ball. Keinen interessiert's. Der denkt sich: »Ja, gut, ehm, dann mache ich halt ein Tor«. Ok. 2:0.

15.

Doppel-Hä. Irgendein Bruder schlägt den Ball lang, Kostic hält den Fuß hin. Geht schon ganz geil rein. Trotzdem freut sich bei Frankfurt irgendwie niemand. Adi Hütter der unbegeistertste Österreicher bei einem Anschluss seit... ach lassen wir das. 1:2.

18.

Wenn sie hier an der Buden-Frequenz festhalten, fangen gleich betrunkene Obdachlose an, ein paar Hansa-Pils im Mittelkreis zu bestellen.

21.

Von der Tribüne leise Pfiffe zu hören. Versuchen die Leverkusener Fans hier Frankfurt mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen? Beruhigender Blick in die Loge: War nur Reiner Callmund, der sich um die Aufmerksamkeit einer Kellnerin bemüht und eine Flasche Schampus bestellt.

22.

Das schlimmste an Toren in Leverkusen: »Rockin all over the world«. Aber Alario lässt sich davon nicht abschrecken und köpft nach einer Flanke zum 3:1 rein. Zieht beim Jubel unter seinem Trikot ein »Status quo«-Fanshirt hervor. Brandt und Havertz steigen auf der Gitarre ein. Senioren tanzen Discofox im Sechzehner. Wirklich ein durchgedrehtes Spiel, wenn ihr mich fragt.

25.

Wenn das hier weiter so Schlag auf Schlag geht, wird das Spiel morgen Thema bei »Hart aber Fair«. Titel: »Die Bundesliga-Frage. Wie viel Tore sind zumutbar?«. Oskar Lafontaine: »Mir liegen die Schützen nach dem Abschluss immer zu lange auf dem Boden. Die müssen mal #aufstehen«. Plasberg nickt verständnisvoll, der kultig-abgewrackte Experte Jens Nowotny tritt ihm unterm Tisch gegen das Schienbein. Dann Anschrei-Duell auf 300 Dezibel zwischen Ulf Poschardt und Kevin Kühnert über die Fortexistenz des Sechsers in der Postmoderne. Jakob Augstein löst gelangweilt auf einer alten Taktiktafel von Michael Skibbe den Nah-Ost-Konflikt. Das wäre Gerechtigkeit.

27.

Ja, ey, natürlich: Bayer wie Hugh Grant bei Tinder: Jede neue Chance ein Treffer. Oder so. Was weiß ich, bei meinen vorherigen Wortspiel-Überlegungen habe ich nicht mit so vielen Toren gerechnet. Aranguiz fegt den Ball zum 4:1 ins Tor und Trapp gleich mit. Peter Bosz schaut nach, ob der Rechenschieber in der Kabine genug Steine hat.

29.

Fünf Tore und noch keine Fehlentscheidung des Videoschiedsrichters. Die wirkliche Überraschung dieses Spiels.

33.

5:1. Volland durcher als Druffies am Samstagnachmittag an der Warschauer Straße. Hat aber - anders als ebenjene Druffies - noch einen Pass. Alario, die Zivilstreife der Bundesliga-Herzen, kontrolliert, alles sauber. Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen, außer die öffentliche Bloßstellung eines Vereins, der mal Eintracht Frankfurt hieß, heute um 18.01 Uhr.

35.

Julian Brandt schaut selbst, als verstehe er die Welt nicht mehr: Frankfurt? Die, die so gut gegen Chelsea gespielt haben? Machen jetzt in ihrer gesamten Leistung inkarniert von Hintereggers Stirn nach einem Freistoß das 1:6 durch ein Eigentor. Die Boxen fahren wieder hoch: »And I like it, I like it, I like it, I like it - I li-li-like it, li-li-like«. Rudi Völler kann mittlerweile sogar mitsingen, ohne den Text auf seinem Handy nachzuschauen.

39.

Nächste Woche im Spiegel: Markus Feldenkirchens begleitende Reportage über den Aufstieg und Fall von Eintracht Frankfurt.

40.

Spoiler: Fredi Bobic wird nach dem Spiel irgendwas mit »schwere Knochen« sagen. Obelix gefällt das nicht.

41.

Adi Hütter hat übrigens gewechselt: »Not« gegen »Elend«.

45.

Pause. Sollten wir uns alle gönnen.

18:54 Uhr

 

Die erste Hälfte aus der Sicht von Kevin Trapp. 

via GIPHY

46.

Weiter geht's. Schiedsrichter Robert Hartmann wurde nach Hause geschickt. Stattdessen pfeift jetzt ein Richter des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der hält sich allerdings als Selbstschutz die Augen zu.

48.

Eintracht Frankfurt jetzt zugucken ist wie damals auf dem Schulhof, als die Oberstufen-Schüler den dicken Jungen die Unterhose hochzogen. Man schämt sich irgendwie, aber man weggehen geht jetzt auch nicht mehr. Kostic schießt die Leverkusener Verteidigung an und guckt verdutzt. Weiß anscheinend von seiner eigenen Mannschaft nicht mehr, dass sowas überhaupt existiert: eine Verteidigung.

51.

Bayer indes macht hier so freudig aggressiv weiter wie in Hälfte eins. Brandt dribbelt sich aus Langeweile selbst durch die Beine, im Frankfurter Zentrum ist so wenig los, dass die Stadt spontan nach Sachsen eingemeindet wird. Da kennen sie sich ja auch mit der Angst vor sterbender Tradition aus.

56.

Roland Emmerich hat bereits die Filmrechte an diesem Katastrophenabend angemeldet. »Eintracht Down« kommt, starring Hinteregger als Slapstic, Kostic als leeres Magazin und Adi Hütter als kaputtes Römer.

60.

15 Minuten ohne Tor. Wann kommt der ARD-Brennpunkt?

61.

Um auch mal was über das Spiel zu erzählen, hier eine kleine Auflistung der Highlights der vergangenen zehn Minuten:

64.

Aranguiz und Bender so unglaublich frei vor Trapp, Abiturientinnen lassen sich diese Szene bald während ihres Work-and-Travel-Jahrs in Australien aufs Handgelenk tätowieren. Aranguiz schießt dann einfach mal in den Himmel, warum auch nicht den direkten Weg gehen, der Ball kommt allerdings leider wieder hinunter. Bender köpft - so entschlossen wie Gelegenheits-Trinker die Flasche Wein. Trapp fängt den Ball, es war eh Abseits. Dass das hier überhaupt noch jemanden interessiert, verwundert ja doch.

67.

Mitchell Weiser kommt. Finde ich unsympathisch, diese Gehässigkeit von Peter Bosz.

69.

Eintracht Frankfurt führt. Nach dem Eckenverhältnis. 2:1. Die Teilnehmerurkunde der Bundesliga-Statistik.

71.

Noch mehr Zahlen: BayArena ist ausverkauft. Glaube aber, die Hälfte ist erst zur Halbzeit reingekommen.

74.

Da Costa wird ausgewechselt, kriegt Applaus vom ganzen Stadion. Wahrscheinlich aus Dankbarkeit, dass er nie mehr als zehn Spiele für Leverkusen gemacht hat.

76.

Es passiert jetzt wirklich gar nichts mehr. Glaube sogar Sky hat gerade heimlich für ein paar Minuten dieses Kaminfeuer eingespielt, das früher immer nachts auf Super RTL lief. Und glaube, ich habe es nicht gemerkt.

79.

Lustig aber, dass man trotzdem nur die Gästefans hört. Beim Stand von 6:1. Wahrscheinlich ist Rudi Völler gerade pissen.

81.

Paulinho jetzt auf dem Feld. Man muss die Jugend sich ja auch mal ein bisschen ausprobieren lassen.

83.

Liebe Leser, ich rate Ihnen: Schalten Sie jetzt aus. Gehen Sie in die Sonne oder einen Saufen oder einen Sack Nägel kneten. Alles angenehmer als diese zweite Halbzeit, für die das Prädikat »zäh« mindestens genauso erfunden wurde wie für unangenehm-altväterliche Kosenamen junger Politikerinnen, vornehmlich vergeben von Männern mit Mundgeruch. Womit wir wieder bei... ach komm. Die Frankfurter wurden heute schon genug gedemütigt.

88.

Tolle Szene: Standing Ovation auf der Bayer-Tribüne. Muss ein schöner Nachmittag für die drei sein.

90.

»Eine Leistung der Frankfurter, die nicht repräsentativ ist für den Rest der Saison«, raunt Wolff Fuss. Logisch, denkt man, sonst wäre es ja eine gewöhnliche Eintracht-Saison.

19:49 Uhr

Jetzt wie damals mit der Freundin, die mich immer »meine Motte« nannte und ständig Hummus selbst machen wollte: endlich Schluss.

19:51 Uhr

Christoph Kramer mit Impulsanalyse: »Das Spiel hätte aus Sicht der Borussia nicht stattfinden dürfen, egal, wie es ausgeht. Aber so isses halt«. Irgendwo googlet ein Physiotherapeuten: »Folgeschäden«.

19:53 Uhr

Dann die Programmankündigung wie eine Drohung. Talkrunde mit Patrick Wasserziehr, Kai Dittmann und Marcel Reich. Sorry, ich muss los, da warten noch ein paar Zeugen Jehovas vor meiner Tür. Die Hard Facts zum Abschluss: Nie kassierte ein Team schneller sechs Tore als Eintracht Frankfurt heute. Toller Rekord! Plan sonst auch voll aufgegangen: Erfolgsfan-Gefahr gelöst und Chelsea in Sicherheit gewogen. Lob an Adi Hütter, wieder einmal allen einen Gedanken voraus. Ich muss jetzt erstmal warm duschen, um das alles zu vergessen. Bis bald!