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Kroatien – Schottland 3:1
EM

20.47 Uhr

Guten Abend aller­seits. Und was soll ich sagen, Freunde, ich hatte heute zum ersten Mal wieder Mann­schafts­trai­ning. Seit über sieben Monaten. So lange habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht aufs Fuß­ball­spielen ver­zichtet. Und meine Fresse, tat das gut! Schön bei leichtem Regen, herr­lich. Und nur so viel: Jeder hatte einen, der eine hatte keinen Linken und die Vie­rer­kette stand natür­lich kom­pakt. Also fast. Jetzt aber Kroa­tien gegen Schott­land, Modric gegen McGinn. Davon erwarte ich mir qua­li­tativ dann doch etwas mehr gegen­über dem Gestol­pere vorhin – wobei ich nichts dagegen habe, wenn es in Glasgow am Ende auch 7:4 oder so steht.

20.51 Uhr

Ver­blüf­fend: Schott­lands Auf­stel­lung habe ich vorhin noch auf dem Buch­rü­cken eines Romans von Ian Rankin gelesen.

20.56 Uhr

Jetzt Kroa­tiens Natio­nal­hymne. Und irgendwo in Her­zo­gen­au­rach summt Manuel Neuer leise mit…

1.

Der Hampden Park in Glasgow hat Bock, ich auch. Der Schieds­richter offenbar auch, denn: er pfeift an.

4.

Kurze Ein­ord­nung zum Stand der Pan­demie in Schott­land: Eine schot­ti­sche Bekannte schrieb mir kürz­lich, wie vor­bild­lich sich ihre Freunde wäh­rend der Krise ver­halten hätten, wie sie sich ein Jahr lang strikt an alle Regeln hielten. Um sich dann am ver­gan­genen Wochen­ende mit ein und dem­selben 20-Pfund-Schein das Hirn weg­zu­koksen. So viel dazu.

8.

Die Partie läuft heute exklusiv bei MTV. Was hier aller­dings für Magenta TV und nicht für den Musik­sender steht. Wäre eigent­lich schön, in der Halb­zeit zwi­schen Clearasil und Cos­mo­po­litan ein Jamba-Spa­rabo zu erwerben. Statt­dessen Johannes B. Kerner. Schade.

12.

Fakt ist: Beide Mann­schaften brau­chen einen Sieg, um eine Chance auf das Ach­tel­fi­nale zu haben. Bei einem Unent­schieden sind beide raus. Was im Fall von Kroa­tien bedeuten würde, dass wir Luca Modric vor­aus­sicht­lich nie wieder bei einer EM auf dem Platz sehen werden. Was sehr schade wäre. Das schönste an ihm, neben seinen Pässen, Dribb­lings, Schüssen und, na klar, seinen Haaren, ist ja seine Leich­tig­keit. Ein sel­tenes Phä­nomen. Wäh­rend etwa Julian Brandt schon nach dem Auf­wärmen so aus­sieht, als hätte er gerade den Iron Man absol­viert und kurz darauf im Kopf­stand in einer Sauna gesessen, wirkt Modric auch nach 90 Minuten frisch. Angeber. Aber halt auch total cool.

17.

Und da ist das Tor für Kroa­tien! 1:0! Erste Groß­chance und Nikola Vlasic knallt den Ball in die untere linke Ecke. Kom­men­tator Höhner: Das nenne ich Effek­ti­vi­tätić.“ Naja.

21.

Tor­schütze Vlasic ja für Andrej Kra­maric in die Startelf gekommen. Was ich, ehr­lich gesagt, ein wenig schade finde. So ein ver­dammt guter Zocker, der Kra­maric. Tech­nisch stark, quirlig, macht in jeder Bun­des­li­ga­spiel­zeit um die fünf­zehn Hütten. Frage mich bei ihm nur immer, wie es sich wohl anfühlt, all den in Mai­land, Madrid und London spie­lenden Kol­legen aus der Natio­nal­mann­schaft erklären zu müssen, was es mit Hof­fen­heim auf sich hat. Und was für eine Ehre es sei, in der SAP-Arena in Sins­heim auf­laufen zu dürfen. Als müsste man seinen Freunden erklären, dass ein Urlaub im Fünf-Sterne-Strand­hotel auf den Male­diven bestimmt ganz nett sei, aber die Jugend­her­berge Horn-Bad Mein­berg durchaus auch ihre Vor­züge habe.

23.

Viel­leicht kommt dann aber auch Josip Bre­kalo zu ihm, legt seinen Arm um Kra­ma­rics Schulter und sagt ihm leise: Ich weiß, wie das ist.“

28.

Die Schotten spielen hier gut mit, auch nach dem Rück­stand, hätten in Person von John McGinn um ein Haar ihr erstes EM-Tor seit 25 Jahren erzielt. Livo­kavic hält. Jetzt Robertson mit einer Flanke aus dem Halb­feld. Die aber wie mein Stu­dium: kommt zu kurz.

33.

Bitter: Die Schotten müssen früh wech­seln, Hanley kann nicht weiter machen. Für ihn jetzt in der Partie: Scott McKenna. Schot­ti­scher könnte ein Name nicht klingen. Und dass er ein echter Schotte ist, macht McKenna gleich mal klar: Gelbe Karte nach dreißig Sekunden.

38.

Jura­novic pro­biert es für die Kroaten aus der Distanz. Der Schuss aber wie das Auf­treten der UEFA: kom­plett daneben.

41.

SIEHST DU DEN LUKA MODRIC DEN MIT DER KAPI­TÄNS­BINDE AM ARM BEI DEN KROATEN? DER WAR MAL WELT­FUß­BALLER RICHTIG GUTER KICKER AUF DEN MÜSSEN WIR AUF­PASSEN MEINER MEI­NUNG NACH DER SPIELT BEI REAL MADRID ALSO IN SPA­NIEN GUTER VEREIN!!
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42.

TOOOOOOOOR für Schott­land! Da isser! Der erste schot­ti­sche Treffer bei einer Euro­pa­meis­ter­schaft seit 25 Jahren! Callum McGregor wuchtet den Ball in die Maschen. Der Hampden Park jetzt wie ein Break­dancer beim Head­spin: steht Kopf.

45.+2

Halb­zeit. Ein ziem­lich aus­ge­gli­chenes Spiel bis­lang, in dem Schott­land vom Publikum getragen wird. Und dem Luka Modric bis­lang noch nicht seinen Stempel auf­drü­cken kann. Ich freue mich jetzt auf die Halb­zeit­ana­lyse aus dem Magenta-Studio mit Michael Bal­lack. Dem­zu­folge sich offenbar ein Kroate in die par­allel spie­lende eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft ver­laufen hat: Jack Grealić.“ Schön. Bis gleich.

21.57 Uhr

Was ein ein­ziges Foul für dra­ma­ti­sche Folgen haben kann. Im Jahr 2010 rutscht Kevin-Prince Boateng Michael Bal­lack in den Knö­chel. Erst ver­passt Bal­lack die WM in Süd­afrika. Dann ver­liert er die Kapi­täns­binde an Philipp Lahm und absol­viert kein Län­der­spiel mehr. Und wäh­rend Kevin-Prince Boateng heute im Öffent­lich-recht­li­chen glänzen darf, sitzt Bal­lack als Experte bei Magenta TV. Mit Johannes B. Kerner. Mei­nung: Das hat unser Capi­tano wirk­lich nicht ver­dient.

46.

Zurück zum Spiel, die zweite Hälfte läuft. Die Schotten bis­lang übri­gens mit einer Zwei­kampf­quote von 37%. Ein Wert, der für die SPD ein feuchter Traum ist, für die Schotten aber natür­lich eine abso­lute Kata­strophe.

50.

Was ich auch bei diesem Spiel wieder denke, wenn ich mir den Hampden Park angucke: wie sehr mich die Ordner beein­dru­cken. Die starren wäh­rend einer Euro­pa­meis­ter­schaft die ganze Zeit stur ins Publikum, diese in sich ruhenden Gelb­wes­t­en­träger. Ent­weder die inter­es­sieren sich nicht die Bohne für Fuß­ball oder sie haben eine wahn­sin­nige Selbst­be­herr­schung. Denn hinter ihnen ereignet sich womög­lich gerade ein Stück Welt­ge­schichte, ein aus 50 Metern ins Netz gelegter Ball, wer weiß, aber nein, sie gucken nicht hin. Diese Frauen und Männer beob­achten 90 Minuten lang pein­lich auf­ge­hei­terte oder auf­ge­brachte Men­schen in lächer­li­chen Kos­tümen, manchmal bier­bäu­chige Briten, manchmal erwach­sene Männer mit Schland-Brille, Schland-Trikot und Drei­vier­tel­hose. Und können dabei nur anhand der gräss­li­chen Fratzen, die sich ihnen bieten, grob erahnen, was sich gerade in ihrem Rücken abspielt. Es ist das moderne Höh­len­gleichnis. Wissen Sie über­haupt, wer Luka Modric ist? Was ein Tor ist? Oder ein Ball? Sie werden es wahr­schein­lich nie erfahren, und wenn doch, werden sie es ver­mut­lich nicht ver­stehen. Aber sie machen ihren Job. Muss auch mal gesagt werden.

55.

Ich möchte einmal jemanden so lässig in den Lauf schi­cken, wie Luka Modric es gerade mit Josko Gvar­diol gemacht hat. Habe ich vorhin auch pro­biert, der Ball gehört jetzt den Anwoh­nern am Sport­platz. Immerhin: Mein Mit­spieler, für den der Pass gedacht war, hat trotzdem den Daumen gehoben. Fair.

62.

Und dann das: Luka Modric steht zen­tral am Sech­zehner der Schotten, der Ball rollt von links auf ihn zu, eigent­lich nicht optimal für einen Rechtsfuß, aber auch nur eigent­lich, denn es ist Luka Modric. Macht noch eben seine Steu­er­erklä­rung und lächelt in die Kamera, schwingt dann den rechten Außen­rist und zir­kelt die Kugel in den Winkel. Ich habe gerade mehr über Flug­kurven gelernt als in zwölf Jahren Phy­sik­un­ter­richt. 2:1 für Kroa­tien.

66.

Robertson gerade mit einer Ecke für Schott­land. Für die aber das gleiche gilt wie für den Wohn­zim­mer­tisch von Chris­toph Daum: Da lag Schnee drauf.

70.

Bei den Kroaten jetzt Andrej Kra­maric im Spiel. Habe mir sagen lassen, dass er unter seinem Trikot ein T‑Shirt mit der Auf­schrift Danke, Dietmar!“ trägt. Rüh­rend.

77.

Okay. Luka Modric hat diesem Spiel inzwi­schen nicht nur seinen Stempel auf­ge­drückt, son­dern gleich das ganze Stem­pel­kissen. Die Ecke von Kroa­tiens Super­star landet auf dem Kopf von Ivan Perisic. Und dann Tor! 3:1 für Kroa­tien. Und irgendwo freut sich Benny Fuchs auf einen erfolg­rei­chen Wett­schein.

82.

Einmal auf Partys so locker sein, wie Luka Modric seine Pässe aus dem Fuß­ge­lenk spielt…

86.

Im Par­al­lel­spiel in London führt Eng­land mit 1:0 gegen Tsche­chien. Kroa­tien damit aktuell auf dem zweiten Platz. Und von Schott­land werden wir uns leider ver­ab­schieden müssen. Glasgow? More like Glasgow home…

90.+4

Der Hampden Park singt noch ein letztes Mal und dann ist es vorbei. Kroa­tien schlägt Schott­land ver­dien­ter­maßen mit 3:1, vor allem dank eines bril­lanten Luka Modric, der nun end­lich im Tur­nier ange­kommen ist. Und den wir also doch noch länger genießen dürfen bei dieser EM, wor­über man sich nur freuen kann. Ich gra­tu­liere Benny Fuchs zum Wett­ge­winn und wün­sche noch einen schönen Diens­tag­abend.