Liveticker
1.FC Köln – Holstein Kiel 0:1
Relegation

18:15 Uhr

Freunde, trinkt einen Beru­hi­gungs­schnaps, stellt das Riech­salz bereit und legt nochmal eine neue Tena Men in den Slip, denn es ist: RELE­GA­TION!!! Das heißt: Tod oder Gla­diolen. Sekt oder Sel­ters. Alles oder Nichts. Geile pres­ti­ge­träch­tige Spiele gegen attrak­tive Klubs oder belang­lose, nie­manden inter­es­sie­rende Kicks gegen Fürth, Mainz oder Hof­fen­heim. Also: Let’s go!

18:18 Uhr

Kann aus eigener Erfah­rung sagen: Rele­ga­tion ist wirk­lich ätzend. Und sollte ein­fach abge­schafft werden. Braucht nie­mand. Macht einen ein­fach nur kirre. War selbst schon in der Situa­tion und das war eine Form der Ner­vo­sität, die ich so noch nicht kannte. Und das über Tage. Und weil wir ja auch ein Ser­vice-Magazin sind, hier ein paar Fin­ger­nägel für alle Kölner und Kieler, falls eure schon run­ter­ge­kaut sind. Bon Appetit.
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18:21 Uhr

Freue mich schon aufs Funkel-Inter­view und frage mich, welche ver­gif­teten Kom­pli­mente er Horst Heldt wohl heute macht. Ja gut, klar, der Horst raucht so viel, dass seine Kla­motten rie­chen, als hätte er sie im Aschen­be­cher gewa­schen. Aber ich mag Aschen­be­cher, die Dinger sind doch total nütz­lich.“

18:25 Uhr

Die Auf­stel­lungen. Köln im klas­si­schen o‑m-g, das sie die ganze Saison schon spielen. Kiel im u‑f-f, das sich zuletzt ja bewährt hat.

18:29 Uhr

Kaputte Kölner, die eine ätzende Saison hinter sich haben. Kieler, denen auf der Ziel­ge­raden wegen Corona die Luft aus­ging – ein Fuß­ball­spiel als Grup­pen­the­rapie. Bin gespannt, wann mir im Sitz­kreis das Woll­knäuel zuge­rollt wird. – Hallo, ich bin Ste­phan und ich habe eine ganz schlimm toxi­sche Bezie­hung zum Fuß­ball­sport, den ich aus ganzem Herzen liebe und zugleich hasse wie die Pest, weil er mich immer und immer wieder ver­letzt.“ – Hallo Ste­phan, nimm dir einen Kaffee aus der Ther­mos­kanne“ – Danke, das ist so nett“ *heult*

1.

Zwayer pfeift. Einer stößt an. Dreier gibt’s heute nicht.

2.

Jonas Hector beginnt für den FC in der Sturm­spitze. Und ist gleich mal gefähr­lich im Kieler Sechs­zehner. Das wirft aufs Neue die Frage auf, wieso der eigent­lich nicht mit zur EM fährt. Sehe Thomas Müller ehr­li­cher­weise schon auf der Pres­se­kon­fe­renz: We have Jonas HecTOR, you know? HecTOR!“

5.

Nach wenigen Minuten suppt Kölns Marius Wolf schon Blut aus der Nase, weil sein Mit­spieler Sebas­tiaan Bornauw die inzwi­schen gän­gige Begrü­ßungs­taktik an den Tag legt und den Ell­bogen mit den Worten Ich mach mal so“ aus­fährt.

9.

Geht also action­rei­chen los hier in Mün­gers­dorf. Kurzer Ser­vice­tick für alle, die jetzt erst zuschalten: Wir befinden uns im Rhein-Energie-Sta­dion, wie die Land­ratten aus Köln das nennen. Für alle Kieler, damit ihr auch im Bilde seid, wir befinden uns hier: N 50° 56′ 1.459’‚ O 6° 52′ 25.408‘‘

13.

Bis dato das Spiel aus Kölner Sicht wie meine Mas­ter­ar­beit, an der ich seit zwei Monaten sitze: ein­seitig. So langsam kommt Kiel aber ein wenig aus dem Quark.

16.

Gute Kon­ter­ge­le­gen­heit für die Kölner jetzt nach Ecke Kiel. Aber Dudas Pass wie ein Flug nach Vil­nius: kommt nicht an.

20.

Das spie­le­ri­sche Niveau bis hierher? Sagen wir so: Die blu­tige Nase von Wolf war auch fuß­bal­le­risch bis­lang die beste Szene.

24.

Mag den Ole Werner allein schon wegen seiner Arsene-Wenger-Jacke. Wenn er sich jetzt noch öffent­lich mit Jose Mour­inho anlegt, kauf ich mir eine Hol­stein-Funk­ti­ons­jacke im Shop.

29.

Rele­ga­tion kommt übri­gens vom latei­ni­schen rele­gatio“, was so viel wie Aus­schlie­ßung bedeutet, und ich finde ety­mo­lo­gisch gesehen sehr schlüssig, denn ich würde mich gerade sehr gern aus meinem Wohn­zimmer aus­schlie­ßend und irgendwas anderes machen. Aber naja.

35.

Komi­sches Spiel bisher. Erin­nert mich an den uralten Eis­ho­ckey Manager von Soft­ware 2000, den ich vor kurzem mit zwei Kum­pels gezockt habe, was natür­lich ein Vor­wand war, um ein paar Bier zu trinken. Aber auch da war es so, dass im Spiel Dinge pas­sieren, die man nicht nach­voll­ziehen kann, orches­triert von einer KI von 1993, die macht, was sie will, nichts erklärt, ein­fach unnach­voll­ziehbar tut, ein Algo­rithmus, auf den man keinen Ein­fluss hat, Tore fallen oder sie fallen nicht, die kleinen Männ­chen auf dem Bild­schirm machen, oder sie machen nicht, und man selbst hat kei­nerlei Hand­habe, aller­höchs­tens eine Illu­sion davon, und das Spiel geht ein­fach so seiner Wege, nie­mand weiß, was es eigent­lich soll, und man selbst wird dann mit dem SC Rie­ß­ersee Zehnter, nach einer acht­stün­digen Saison, und geht betrunken nach Hause. Toll.

40.

Erst reißt der Stream, dann ist das Internet ganz weg, dann ver­schwindet mein Tick. Ich hab so schlimme tech­ni­sche Pro­bleme, ich könnte glatt beim Effzeh in der Startelf stehen.

42.

Nächster Fehl­pass Kiel, der fast zum Konter der Kölner führt. War gerade eben anders­herum auch schon so. Das Spiel hat mehr gefähr­liche Pässe als die Anden.

45.

Du lieber Himmel, was für eine Blut­grät­sche von Ign­jovski. Bin mir sicher, wenn Helmut Rahner das Spiel irgendwo guckt, kriegt er gerade Spei­chel­fluss.

45.+3

Vier Minuten Nach­spiel­zeit. Quasi eine visu­elle Ign­jovski-Grät­sche ans ästhe­ti­sche Emp­finden des Zuschauers.

45.+4

Pause. Mit der Beto­nung auf au“. In diesem Sinne: Bis gleich.

19:26 Uhr

Ralph Gunesch jetzt mit dem flip­pigen Dazn-Mode­rator im Pau­sen­ge­spräch. Merke dabei, dass der Mann zu einer Art Kon­stante meines Lebens geworden ist, so häufig wie ich den sehe. Wenn’s soweit kommt, läuft in der Regel irgend­etwas falsch. Wird also Zeit, dass die Saison end­lich ein Ende findet und Ralle fürs Erste aus meinem Leben ver­schwindet. So können mir zur EM dann Micky Bei­sen­herz und Kevin-Prince Boateng zur Seite springen, um mich durch den Sommer zu geleiten.

46.

Weiter gehts. Halb­zeit Zwei. Gegen Liga Zwei. Natür­lich wei­terhin ohne Fuß­ball­fans. Gar nicht aus­zu­malen, was hier los wäre, wenn jetzt auch noch Fuß­ball gespielt würde.

48.

Ganz egal, wer als Sieger aus der Rele­ga­tion geht. Die nächste Bun­des­li­ga­saison wird epo­chal. Sams­tags­kon­fe­renz mit Fürth-Augs­burg, Mainz-Bochum, Hof­fen­heim-Wolfs­burg, Bie­le­feld-Union, Frei­burg- Kiel/​Köln. Make German Foot­ball Great Again.

51.

Könnt ihr mal bitte auf­hören zu schreien?“, sagt Schiri Zwayer jetzt zu den Spie­lern. Ähh, wie stellt er sich das denn vor? Das ist hier schließ­lich immer noch ne Death-Metal-Ver­an­stal­tung! Sagst ja auch nicht aufm Reggae-Gig, die Leute sollen die Joints aus­ma­chen oder beim HipHop bitte die Kraft­aus­drücke bleiben lassen. Also: Kreischt, Männer.

55.

Meine Güte, ist das Spiel jetzt eigen­artig. Die Anspan­nung ist beiden Teams anzu­merken. Rele­ga­tion ist eben auch irgendwo wie ein Trip mit alten Kum­pels aus der Schul­zeit. Mit Mitte 30 in die USA zum Spring Break. Die zwei Spiele zählen weder zur 1. noch zur 2. Liga. Was hier geschieht, bleibt hier. Der Ehe­ring wird abge­legt, ein letzter Blick auf die Fotos der Kinder im Port­monee. Dann holt der ver­rückte Kumpel Alan drei bunte Pillen aus der Tasche und alles wird schwarz. Erst nach drei Tagen gelangt eine Art Bewusst­sein zurück, nach sieben Tagen kommt man als gebro­chener Mann zurück nach Hause. Mit blut­un­ter­lau­fenen Augen quält sich nur ein zitt­riges Ich bin zurück, Schatz“ heraus. Fragen sind nicht erlaubt. Aus Schutz all seinen Geliebten gegen­über. Wochen­lang ver­folgen einen die Alb­träume, nur ganz sche­men­haft kommt die Erin­ne­rung zurück: Düs­sel­dorf. Elf­me­ter­punkt. Igor de Camargo. Nord­veidt. Eigentor. Und dann das. Nein. Nein. Nein. Nein. Wie sehr man sich auch wehrt, da erscheint er im Schlaf: Mar­celo Diaz. Alles aber nicht das. Bitte nicht Mar­celo Diaz.

59.

Und TOOOOOR! Für Kiel! Simon Lorenz oder auch das Pla­tin­händ­chen von Ole Werner“, wie Kom­men­tator Jan Platte ihn nennt, hat’s gemacht. Ich hab von dem Typen noch nie was gehört, die Kölner offenbar auch nicht. Der Mann ist 15 Sekunden auf dem Platz und bringt die Gäste frei­ste­hend mit der ersten gefähr­li­chen Ecke des Spiels in Front. Ich sag’s wie’s ist: Et jitt kei größer Leid, als wat de Effzeh sich selvs andät.

64.

Das wird jetzt natür­lich schwierig für den 1. FC Köln. Aber sie wollen, das merkt man. Köln jetzt wie mein Hosen­bund nach andert­halb Jahren Pan­demie: drückt auf Höhe der Mit­tel­linie.

68.

Und da ist die dicke Chance zum Aus­gleich. Ellyes Skhiri zieht aus 16 Metern ab, zu zen­tral. Der Mara­thon­mann Skhiri. Läuft knapp 13 Kilo­meter pro Spiel, womit er der lauf­stärkste Spieler der ver­gan­genen Saison ist. Trägt auch heute Stoppuhr und neon­grüne Funk­ti­on­s­klei­dung, schlürft Ran­den­saft, nickt anderen Läu­fern, die ihm ent­ge­gen­kommen aner­ken­nend zu und postet im Drei-Tages-Rhythmus seine Lauf­route. Hihi seht Mal, ich bin einen Pil­le­mann gelaufen. Tja, reicht nicht. Weiter 0:1.

71.

Unfass­bares Geschrei hier übri­gens die ganze Zeit, bei je!der! Ent­schei­dung wird geme­ckert. Frage mich: Hat schonmal jemand die Kölner bzw. Kieler Bank mit der Bremer Bank zeit­gleich in einem Raum gesehen?

74.

Nächste Chance Köln. Der Effzeh jetzt wie ein durch­schnitt­li­cher 11FREUNDE-Redak­teur auf der Weih­nachts­feier, wenn die erste Rut­sche Kill­epitsch durch ist und der DJ end­lich Rednex auf­legt: Wird end­lich ein biss­chen aktiver.

75.

Nächste Ecke für Kiel. Und nicht nur der Effzeh weiß: Kiel hat gefähr­liche Ecken.

78.

Später wird es irgend­wann heißen: Er war ein ganz nor­maler Kerl. Guter Nachbar, hat immer so freund­lich gegrüßt. Biss­chen ruhig viel­leicht. Und dann hat ihn der stetig abrei­ßende DAZN-Stream radi­ka­li­siert.

80.

Uuuuuuuuiiiii, nächste Chance Kiel, Reese holt sich den Ball auf links, Flanke, Janni Serra nagelt das Ding per Kopf an die Latte. Köln jetzt wie ich am tra­di­tio­nellen Bier-Freitag in der Redak­tion: wankt.

81.

Gunesch mit ein paar guten Sätzen zu Reese. Mag den Gunesch, ist ja quasi der Tusche von DAZN. Sollte mal ein Cross­over der beiden Sender geben, Tusche und Felgen-Ralle in EINER Sen­dung, in der sie sich die Anek­doten um die Ohren kloppen und die Zuschauer können im Studio anrufen und dürfen dann per Telefon ein Bier mit den beiden trinken und sich eine olle Kamelle über irgend­einen 90er/2000er-Bun­des­li­ga­spieler wün­schen, die die beiden brüh­warm und poin­tiert run­ter­erzählen, und dann lachen sich alle schlapp und mögen sich und komm, Gitti, machste nochmal drei, und ver­dammt, warum bin ich nicht Pro­gramm­di­rektor irgendwo?

83.

Fin Bar­tels und Janni Serra raus. Dafür Joshua Mees und Ben­jamin Wirth drin. Außerdem Fabian Reese noch auf dem Platz. Fin, Fabi, Janni, Joshi, Benni: Das klingt nach D‑Jugend im Speck­gürtel, wo ein Trikot nicht zwei Mal getragen wird, noch dis­ku­tiert wird, ob dieses Mal die neu­esten Nike-Treter in grün oder pink dran sind. Da, wo die Mama ihren Jungen noch im BMW X3 zum Trai­ning fährt.

86.

Uii. Duda mit einer Frei­stoß­po­si­tion, wie du sie dir bei FIFA 04 nicht besser hät­test wün­schen können. Dann mit Thierry Henry das Ding mit Hilfe des Faden­kreuzes in den Giebel drü­cken. Yeah, you know what I’m tal­king about, Ondrej. No? Okay. Dann rutsch halt weg. Pro Evo­lu­tion Soccer war eh immer besser.

89.

Sebas­tian Andersson jetzt im Duell mit Hauke Wahl. Kann ein Name noch mehr nach Fisch­ver­käufer auf dem Kieler Wochen­markt klingen? Wahl: Jetzt werd ich euch mal zeigen, was Qua­lität is, Kin­ners.“ Andersson genervt: Lass gut sein Wal-Hauke, keiner will deine Flossen essen.“

90.+2

Köln fällt nichts mehr ein. Kiel setzt sich in der geg­ne­ri­schen Hälfte fest. Und unten steht Fried­helm Funkel in einer See­len­ruhe. Strahlt etwas aus, als befände er sich an einem geweihten Ort, der ihm einen inneren Frieden bereitet, wie kein Ort sonst. Ich hin­gegen, weder mit Köln noch mit Kiel viel am Hut, könnte trotzdem 90 Minuten lang Kar­da­mo­m­körner knab­bern und Vali­um­ta­bletten lut­schen, mich in Melis­sentee baden oder die Füße mit Lavendel ein­cremen.

90.+4

Abpfiff. Leck mich en de Täsch. Köln ver­liert das Hin­spiel gegen Kiel. Die Gäste reißen die Arme hoch, die Kölner beschweren sich bei Schieds­richter Zwayer. Warum? Weil sie sich mit der Leis­tung für die Zwayer Liga beworben haben? Naja, mit diesem Joke der Marke Uff“ ver­ab­schiedet sich der Ticker an dieser Stelle. Ihr seid doch alle jeck. Tschö!