Liveticker
Italien – Spanien 4:2
EM

20.45 Uhr

Sie können sich der Sache zum Bei­spiel über die Schweiz nähern. Über Basel, Luzern und Locarno. Und dann geht es links und rechts mit den Augen über, das Erstaunen quillt ihnen schier aus den Syn­apsen vor Glück. So viel Schön­heit! Ist das denn zu fassen? Das muss er sein, der schönste Ort der Welt. Ehe es weiter voran geht, gleich über die Grenze, und dann: Ita­lien. Bleibt alles anders. Nur schöner. Weniger per­fekt, weniger geleckt, ein­fach nur: schöner. Weil sie per­fekt schon hatten, vor tau­send und Jahren. Und weil sie jetzt ein­fach nur noch dem Herzen folgen und genießen. Und jetzt, und oh Wunder, auch noch im Fuß­ball. Voller Liebe, voller Lei­den­schaft. Und damit herz­lich will­kommen. Möge der Bes­sere gewinnen. Oder eben Ita­lien.

20.48 Uhr

Sie glauben mir nicht? Dann schauen sie doch bitte hier. Sports­ka­merad Spi­naz­zola, bisher einer der besten Ita­liens im Laufe dieses Tur­niers, und nun mit Achil­les­seh­nen­riss zum Zusehen ver­dammt. Hockt daheim, ohne Hose, mit Herz. Bravo! Was wollen sie denn noch?

20.51 Uhr

Noch nicht voll hier“, sagt der ARD-Reporter. Aber nicht etwa über den Live­ti­cker – der Mann scheint sein Hand­werk zu ver­stehen – son­dern über das Wem­bley-Sta­dion. Nun denn, das mag natür­lich auch daran liegen, dass Jessy Wellmer und Bas­tian nicht vor Ort, son­dern im Sport­schau-Studio aufs Mic pumpen. Unfälle locken ja bekannt­lich beson­ders viele Schau­lus­tige an.

20.52 Uhr

Aber genug der Häme. Schließ­lich, so konnte ich lesen, sind Print- und Online­jour­na­listen nur des­halb so hart mit Jessy Wellmer und Bas­tian Schwein­s­teiger ins Gericht gegangen, weil die ja schon live über das Spiel berichtet haben und also nix mehr übrig blieb, wor­über zu schreiben lohnen würde. Ha. Kommen wir zu einer ähn­li­chen Über­ra­schung, der Auf­stel­lung Spa­niens: Unai Simon – Azpi­li­cueta, Laporte, Garcia, Jordi Alba – S. Bus­quets, Koke, Pedri, Ferran Torres, Dani Olmo – Oyarzabal

20.53

Ohne echten Stürmer also, die Spa­nier. Und irgendwo in London zuckt Alvaro Morata zusammen: Redet da jemand über mich?“

20.55

Und die Auf­stel­lung der Ita­liener: G. Don­na­rumma – di Lorenzo, Bonucci, Chiel­lini, Emerson – Jorginho, Barella, Ver­ratti, Chiesa, L. Insigne – Immo­bile

20.56 Uhr

Es heißt übri­gens Dio del Calcio“. Damit sie es schonmal gehört haben.

20.57 Uhr

Die ita­lie­ni­sche Hymne. Erklingt. Erschmet­tert. Dröhnt. Beglückt. Bums mich. Wie schön. Und ich sagen es ihnen, wie es ist: Hätte das ver­dammte Bür­geramt noch offen, ich stürmte herein wie Ciro Immo­bile aus dem Jung­brunnen: HER MIT DEM PASS!

1.

Anstoß. Und der Ver­lierer steht ja schon fest. Es ist der Fuß­ball, denn, man ey, das hier müsste doch das Finale sein. Ver­dammt seist du Tur­nier­baum mit deinen häss­li­chen Ästen, die ich ganz sicher nicht in meinem gedank­li­chen Fuß­ball­her­ba­rium kon­ser­vieren werde. Nein, ich will sie zer­treten, dass sie kna­ckend zer­bre­chen. Aber gut, so ist es nun mal nun. Los geht’s: Ita­lien in blau, Spa­nien in weiß und ich, ich trage schwarz.

1.

Ball wurde mal wieder mit einem Mini­auto aufs Spiel­feld gebracht. Nur, dass Insigne dann auch noch aus­ge­stiegen ist, das fand ich ein biss­chen albern.

2.

Geil, da denkt man, das hier wird ein Spiel voller Kunst und dann beginnt es doch nur: mit zwei Fouls. Schneller getreten wird nur wäh­rend der Berg­etappen der Tour de France.

4.

Erste Chance Ita­lien. Barella bekommt an der linken Straf­raum­grenze den Ball, rennt damit quasi ins Aus aber dann doch nicht, kriegt sozu­sagen noch die Kurve, schöner Abschluss, trifft den Pfosten – doch Abseits. Was diese wun­der­bare Aktion gleich dop­pelt egal macht. Es ist, als gewinne man im Lotto, nur um her­aus­zu­finden, dass man die Zahlen doch nur auf eine Ser­vi­ette gekra­kelt hatte. Mit der man sich dann die Nase geputzt hat. Und sie dann in der U‑Bahn liegen gelassen hat. Schnief.

6.

Tom Bar­tels über Ita­liens Anfangs­phase: Die Mann­schaft punktet hier mit Aggres­si­vität.“ Spricht seinen Kom­mentar heute übri­gens in ein an einem langen Kabel von der Decke hän­gendes, sil­bernes 60er-Jahre-Mikro­phon.

9.

Aber jetzt auch mal die Spa­nier vorne. Koke setzt sich gegen ein, zwei Gegen­spieler durch, Oyarzabal ver­wurs­telt das Ding dann im Eins-gegen-Eins. Lacht danach aber süß und sieht ja aus, wie eben BWL-Stu­denten aus­sehen oder auch Bau­ern­söhne oder Polizei-Azubis. Würde man eine Künst­liche Intel­li­genz ein Stan­dard­ge­sicht eines weißen, euro­päi­schen Mannes in seinen 20ern gene­rieren lassen, wahr­schein­lich sähe es aus wie Oyarzabal. Könnte man dann auch beden­kenlos auf ein CDU-Wahl­plakat dru­cken. Und Paul Zie­miak drauf­schreiben. Meine Mei­nung.

12.

Die Spa­nier werfen jetzt die Pass­ma­schine an, Pedri mit Traum­zu­spiel, wieder Oyarzabal. Dieses Mal mit Annah­me­fehler. Alle Post­boten, die wieder einmal ver­gessen haben, den Dein Paket liegt beim Nachbarn“-Zettel in den Brief­kasten zu ste­cken, nicken gerade aner­ken­nend.

15.

Pedri aber wirk­lich ein so toller Spieler. Kickte ja bis ver­gan­genen Sommer noch in der zweiten Liga. Und davor, bis er 15 war, noch beim Viert­li­gisten CD Laguna auf Tene­riffa. Ablöse beim Wechsel zu Barca: fünf Mil­lionen Euro. Absurd. Nur mal so zum Ver­gleich: Das ist der aktu­elle Markt­wert von Matija Nastasic.

18.

Schwer ent­täuscht, dass Tom Bar­tels den deut­schen Unpar­tei­ischen dieser Partie ein­fach nur Brych“ oder Felix Brych“ ruft und nicht etwa wie bisher sonst: DOKTOR FELIX BRYCH“! Heißt das, ich kann die Bestel­lung des Doktor-Titels in Bar­to­logie an der TU Mond & Mars wieder stor­nieren? Weil das außer­halb des aka­de­mi­schen Wir­kens auch völlig wumpe ist? Und was mache ich mit den 36 Euro jetzt?

21.

Klingt komisch, ist aber so: Ita­lien ver­hin­dert die ita­lie­ni­sche Füh­rung gegen einen irr­lich­ternden spa­ni­schen Tor­hüter Unai Simon. Weil Barella es macht wie jeder ver­dammte Tatort-Cha­rakter am Ende von jedem ver­dammten Tatort. Weil er nur antäuscht, anstatt zu schießen. Börne und Thiel stellen fest: alles gesagt.

25.

Auf der Gegen­seite – Über­ra­schung – Spa­nien. Bzw.: Olmo. Bzw.: Hui. Kommt nach guter Flipper-Kombi über den halben Tisch zum Frei­spiel und darf es zen­tral ver­su­chen. Dabei wie so ein Schwabe in Berlin-Mitte: daneben.

28.

Ein erstaun­li­ches Spiel. Kein schönes. Ein erstaun­li­ches. So stelle ich mir das Golf-GTI-Treffen am Wör­thersee in 2o Jahren vor. Alles top in Schuss und auf Hoch­glanz gele­dert. Beein­dru­ckende Technik, beein­dru­ckende Zahlen, beein­dru­ckend dumpf-besof­fene Eigen­tümer. Ein Spiegel-TV-Guilty-Plea­sure-Must-See. Und dann qualmen auch die Reifen und alles ist wie früher. Aber man riecht nix. Man hört nix. Und man weiß, dass das gut ist und trotzdem: man spürt auch nix. Und nun zum Wetter. Es bleibt bewölkt.

31.

Und sie? Wie finden sie das Spiel? Ganz okay, aber auf abs­trakte Art? So als wäre ihnen heiß und kalt zugleich? Als wäre ihnen danach, die Fin­ger­nägel auf Grundmaß zu stutzen und nebenbei die Steuer zu machen? Kurzum, ihnen ist ganz #ITAESP? Kein Pro­blem. Das geht vor­über. Und wenn sie sich wei­terhin unwohl fühlen – drei Mal täg­lich #ENGGER. Und dann langsam aus­schlei­chen. Aber das spüren sie dann schon. Ver­spro­chen.

32.

Bar­tels macht uns drauf auf­merksam, dass die Sport­schau natür­lich“ auf allen Social-Media-Kanälen ver­treten sei. Und bittet alle Zuschauer, doch end­lich auch seiner MyS­pace-Seite zu folgen.

34.

So, also end­lich mal Insigne. Dop­pel­passt sich mit Immo­bile durch die spa­ni­sche Abwehr bis zur Grund­linie. Am Ende aber ein Angriff wie ein unan­ge­nehmes erstes Date: geht ein biss­chen zu weit und wird anschlie­ßend geblockt.

37.

Das Sta­dion indes erin­nert mich an meinen Onkel bei der Fami­li­en­feier. Mit­tel­voll, aber schon sehr laut. Bleibt die Frage, ob das Sta­dion gleich auch auf der Toi­lette heim­lich Men­thol-Ziga­retten rau­chen wird.

41.

Spiel fühlt sich jetzt ein biss­chen an wie die Kam­pagne, die gerade wütende Männer gegen Anna­lena Baer­bock fahren: Man wartet nur auf den Fehler, der eigent­lich keiner ist, eher eine kleine Unauf­merk­sam­keit. Der in jeder anderen Situa­tion so egal wäre, aber hier viel­leicht alles ent­scheidet, bevor es ent­schieden sein müsste. Hat jemand den Lebens­lauf von Jorginho parat? Gern per Mail an: miristscheissegalwodustudierthastundwerwie-​schlechtdeinebiographiegeghostwritethat@​11freunde.​de

44.

Koke foult Emerson. Brych aber will keine Karte zeigen. Also aufs U2-Kon­zert kommt er so nicht.

45.

Und dann nochmal Emerson, dieses Mal mit Schuss nach schönem Zuspiel von Insigne. Haut das Ding aus fünf Metern ans Lat­ten­kreuz. Näher kommen sich die Begriffe Alu­mi­nium“ und Füh­rung“ nur auf Quer­denker­demos.

21:46 Uhr

Im Sinne aller Betei­ligten (uns inbe­griffen): Halb­zeit.

46.

Anstoss zur zweiten Halb­zeit. Oder wie man in Bayern sagt: Are you tal­king to me?
Bildschirmfoto 2021 07 06 um 17 58 37

49.

Habe das Gefühl, dass Ita­lien ja will. Aber sich und den Dingen nicht so recht traut. Als hätten sie den Kauf­ver­trag zum Glück vor sich. Und eigent­lich ist auch alles klar, aber das Ding hat so viele Seiten. Da wird doch irgendwo ein Haken sein?! Man kennt das doch. Am Ende kriegen sie einen über genau die Klei­nig­keit, von der man beim drü­ber­lesen noch dachte: ja, puh, keine Ahnung was das heißt, aber das wird schon nicht so schlimm sein. Und dann eine spa­ni­sche Flanke von rechts. Aber sie pro­vo­zieren es auch“, so Tom Bar­tels. Und ich sage es ungern, aber: Wo er recht hat.

51.

DOKTOR Felix Brych mit der gelben Karte für Sergio Bus­quets. Und wenn ich das richtig ver­stehe, hat er damit jetzt freien Ein­tritt in der WDR-Kan­tine. Bezeich­nend.

53.

Ha! Beflü­gelt von der Aus­sicht auf Fri­kasse à la Cap­tain Blaubär“ gönnt sich Bus­quets gleich mal einen. Direkt­ab­nahme von der Straf­raum­grenze. Aber wie so ziem­lich jede blinde, ver­gan­gen­heits­ori­en­tierte Lob­hu­delei auf Bus­quets in den letzten Jahren: knapp drüber. Weiter 0:0. Auch in der Höhe ver­dient.

56.

Spa­nien drängt Ita­lien nun immer weiter nach hinten. Fünf Meter noch und wir setzen das Spiel im Ärmel­kanal fort.

59.

Spa­nien aber auch immer wie dieser zumin­dest optisch etwas zu jung geblie­bene Tutor. Das müssen sie alles drauf haben“, sagt er, die lange Ethan-Hawke-Rea­lity-Bites-Mähne nach hinten schup­pernd. Das spe­ckige Cord-Sakko stinkt gegen seine Aura an, da er zur Höchst­form auf­läuft und alles vom Stapel lässt, was er in den letzten sieben Jahren an der TU mit­tel­große Stadt gelernt hat. Und irgend­wann, wenn der Mund­ge­ruch die Ober­hand gewinnt, wird einem klar: Eigent­lich ist der Sören eine arme Sau.

61.

Tor!!! 1:0 für Ita­lien. Weil Federico Chiesa seiner eigenen Weihe eine Kerze schenkt und den Weg des hei­ligen Lorenzo Insigne geht. Weil er den Ball mit seinem rechten Fuß strei­chelt und küsst, dass dieser gar nicht anders kann, als zu fliegen. So dass Ita­lien vor Glück schier zer­platzen muss. Weil Federico Chiesa einen aus dem Fuß­ge­lenk schlenzt, dass er bald schon in ita­lie­ni­schen Geo­me­trie-Büchern Einzug halten muss. Als gol­dener Schnitt. In Ewig­keit. Amen.

63.

Falls ihr euch jetzt völlig berech­tig­ter­weise fragt: Wo hat dieser Chiesa das nur gelernt? Hier:

64.

Unfassbar! Oyarzabal ver­gibt die nächste 100-Pro­zen­tige. Steht völlig frei vor dem ita­lie­ni­schen Tor, die Flanke rauscht per­fekt heran – und der Mann köpft ein­fach vorbei. Also am Ball vorbei. Selbst dieser durch­ge­knallte Typ am Haupt­bahnhof, der pau­senlos mit sich selbst spricht, nickt nicht so des­ori­en­tiert ins Leere.

68.

Was viele ja nicht wissen: Das heu­tige Trikot von Dr. Felix Brych ist kom­plett recy­celt aus all den Pinky Gloves, die nie ver­kauft wurden.

Imago1003634944h

69.

Schon wieder Chiesa! Ver­sucht jetzt schon aus spit­zestem Winkel Spa­niens Tor­wart Unai Simon zu tun­neln. Noch zehn Minuten und er pro­biert den Okocha.

73.

Ita­lien vorne. Doch Spa­nien ver­tei­digt. Dann Spa­nien vorne, Patzer in Ita­liens Abwehr, aber Don­na­rumma klärt in höchster Not. Es ist ja so: Ich habe in den ver­gan­genen zwei Tagen die beiden ersten Staf­feln von Master of None“ durch­ge­schaut. Will sagen: Ich bin sehr gute Unter­hal­tung im Moment gewohnt. Aber dieses Spiel macht so viel Spaß, wäre ich Net­flix, ich würde die Rechte kaufen und es in einer Staffel a neun Folgen a zehn Minuten nochmal ver­öf­fent­li­chen. Titel: Mas­ters of Fun“.

75.

Ver­ratti geht raus. Rein kommt sein Bruder Betrü­gerri. Papa Übers-Ohr-Hauui ist stolz.

78.

Ball­be­sitz Spa­nien, kom­bi­nieren sich hier geschickt zurück in die eigene Hälfte. Oder wie man in Madrid sagt: kroosartig.

80.

Ita­lie­nisch für Tod? Morata! Der hier das 1:1 mar­kiert. Ein­fach so. Ball in den Lauf, Annahme und: ein­ge­schoben. Fuß­ball kann so erschre­ckend simpel sein, dass es fast schon pein­lich ist. Apropos: Was wohl Mario Basler gerade macht?

83.

Ita­lien wie zu Lire-Zeiten: nach dem Aus­gleich sichtbar geschockt.

86.

Sehr viele Wechsel jetzt. Habe das leider nicht alles im Detail mit­be­kommen. Nehme aber an, dass Ita­liens Mit­tel­feld jetzt en Gros von Chris­tine Lam­brecht über­nommen wurde.

89.

Nach­trag: es gibt keinen Kleinen mehr. Insigne also aus dem Spiel.

90. +2

DOKTOR FELIX BRYCH zeigt an: kein Hand­spiel bei Chiel­lini, der da beim Klä­rungs­ver­such im Straf­raum den Ball an die Hand bekommt. Bzw. die Stütz­hand“, wie Tom Bar­tels doziert. Nun ja. Der Mann wird schon wissen, wovon er da redet. Haha­ha­ha­ha­haha. Kleiner Scherz. Aber mal im Ernst: Schonmal bemerkt, dass DOKTOR FELIX BRYCH bei jeder Geste so wirkt, als hätte er gerade den per­fekten Tele­mark gelandet? Neu­jahrs­springen-Sieger der Herzen. Meine Mei­nung.

22.51

Ver­län­ge­rung. Sie mich auch. Aber schön, dass sie fragen.

91.

Nun denn. Das Spiel also wie ein mit­tel­alter Mann mit zu viel Geld und zu großer Unzu­frie­den­heit mit der natür­li­chen Größe seines Gemächts: Die Ent­schei­dung liegt in der Ver­län­ge­rung.

92.

Und direkt mal Foul, direkt mal Frei­stoß für Spa­nien aus viel­ver­spre­chender Posi­tion. Also so viel­ver­spre­chend wie ein Ver­si­che­rungs­ver­treter, der an einem Mon­tag­morgen bei dir vor der Tür steht und fragt: Wie viel bezahlen Sie eigent­lich für die jähr­liche Zahn­rei­ni­gung?“ Und du denkst: Das wüsste ich, wenn ich jähr­lich zur Zahn­rei­ni­gung gehen würde.“ Und aber lügst, wie du immer lügst, wenn es um deine Zähne geht. Zum Bei­spiel auch, wenn der Zahn­arzt fragt: Wann haben Sie das letzte Mal Zahn­seide benutzt?“ Und du denkst: Du warst doch dabei?!“ Aber sagst: Letzte Woche!“ Also so unge­fähr der Frei­stoß von Spa­nien. Wei­terhin 1:1.

95.

Ansonsten bisher noch keine gute Mög­lich­keit, keine tolle Kom­bi­na­tion. Wenn ihnen das in 20 Jahren mal nicht auf die Füße fällt, sollte jemand einen ganz genauen Blick auf den Lebens­lauf der Spieler werfen.

97.

Ja also. Toloi checkt Olmo in bester WWE-Smack­down-Manier um. Ergo: wieder Frei­stoß Spa­nien. Aus – keine Ahnung – 25 Metern? Und Olmo hält ein­fach mal drauf. Flach. Kommt gut und hart. Don­na­rumma kann den Ball nicht fest­halten, lässt abprallen. Kud­del­muddel, am Ende zieht Morata nochmal aus nächster Nähe ab, der Ball wuselt sich durch den ita­lie­ni­schen Straf­raum und knapp am Tor vorbei. Hätte ich nicht mit gerechnet, aber ich habe ja auch auf meinem Taschen­rechner immer nur 7353 ein­ge­geben. In diesem Sinne: Ich 7353. Weiter geht’s.

101.

Spa­nien jetzt hier mit so viel Druck, irgend­je­mand müsste mal los, paar Tin­ten­pa­tronen auf Vorrat kaufen.

103.

Llo­rente jetzt über rechts. Flankt rein, der Ball aber wird abge­fangen. Und immer wenn ich Llo­rente lese, muss ich an Lloret de Mar denken, an meinen Urlaub dort, mit 17. Jeden Tag bis 15 Uhr schlafen, dann zum Strand, dann Döner essen, dann betrinken, dann in irgend­eine Groß­raum­disco, drei Stunden lang David-Guett­aige Musik, Drinks, die einem das Hirn ver­kleben. Viele Tanktops, viel Schweiß. Viele Männer. Und alle mit der glei­chen Hoff­nung wie Llo­rente hier: Nur einmal zum Schuss kommen.

106.

Anstoss zur zweiten Halb­zeit der Ver­län­ge­rung. Und nennen sie mich ver­rückt, aber ich lege mich fest: 117. Minute, Sieg­treffer Felix Brych, Deutsch­land im Finale.

109.

Tor! Nein! Doch! Weil Berardi zwar schön auf Sche­ren­schlager macht, aber dann doch schon halb in Schott­land stand dabei. Weiter 1:1. Nicht mehr lange, und Ralf Rang­nick bringt sich als Elf­me­ter­schütze ins Spiel.

112.

Im Herzen, man spürt das, wollen beide voran. Aber die Kraft, das sieht man, sie ist dahin. Ich fühle mit. Denn auch ich war an diesem Ort. Zusammen mit Pierre, meinem Nach­hil­fe­lehrer Fran­zö­sisch. Apropos: le magne­to­phone n’est marche pas. Und machen wir uns nix vor: das wird es auch nie.

115.

Beide Mann­schaften jetzt wie Superman am Waschtag: hinten blank und vorne Prinzip Hoff­nung.

118.

Lege mich fest: irgendwas ist immer. Und gleich Elf­me­ter­schießen. Keine Pointe. 

23:30 Uhr

Elf­me­ter­schießen also. Beide Teams bespre­chen sich nun, über allem schwebt die selbe Frage wie bei einer SPD-Kan­di­datur: Wer hat hier den sichersten Abschluss?

23:31 Uhr

Chiel­lini gewinnt das Münz­werfen. DOKTOR FELIX BRYCH ordnet noch schnell eine Darm­spie­ge­lung bei ihm an.

23:34 Uhr

Erster Elfer. Loca­telli. Rechts unten. Simón hält. Loca­telli me why. 

23.35 Uhr

Dani Olmo für Spa­nien. Drüber. Was immer ihm Flügel ver­liehen hat. Es war zu viel davon.

23:36 Uhr

Belotti. Wieder links unten. Aber hart. Simón hat die Ecke, kommt aber nicht dran. Ita­lien führt. Aber wohin? 

23:37 Uhr

Gerard für Spa­nien. Wie die AfD im Bun­destag. Rechts oben. Leider drin.

23:37 Uhr

Auch Bonucci trifft. Vor­teil Ita­lien. Wer hat Auf­schlag?

23:38 Uhr

Jetzt für Spa­nien: Thiago. Arro­gantet ihn rein. Und also: weiter, immer weiter.

23:38 Uhr

Ber­nar­de­schi mit Traum-Elfer. Per Innen­rist oben rechts ein­ge­schlenzt. Bitte haut mir mal einer eine. 3:2.

23:39 Uhr

Morata. Gehalten. Was für ein Wahn­sinn. Geschichten, die nur der Morata schreibt. 3:2 Ita­lien. Match­ball.

23:40 Uhr

Jorginho. Macht’s. Und wie. Kurz abge­stoppt. Lässt Simón schon mal springen. In die fal­sche Ecke. Und schiebt dann ganz lässig rechts unten ein. Ita­lien steht im Finale. Spa­nien ist raus. Wie würde Tom Bar­tels sagen? Das ist Fuß­ball. Ich lese schnell Karl Popper und veri­fi­ziere: Das ist Fuß­ball.