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Paris Saint-Germain – Borussia Dortmund 2:0
Champions League

20:47 Uhr

Guten Abend, liebe Fans. In keiner Sprache der Welt, so schrieb einmal Dou­glas Adams, sei der Ver­gleich »so schön wie ein Flug­hafen« denkbar. Das mag einmal gestimmt haben, in einer anderen Zeit. Heute aber wollen wir diesen Ver­gleich doch einmal ziehen: Was uns bevor­steht, das Geis­ter­spiel von Paris, ist so schön wie ein Flug­hafen. Halten wir uns also nur so lange hier auf, wie es eben sein muss. Und hoffen wir, dass die Reise bald, sehr bald woan­ders hin­geht.

20:50 Uhr

Ob das hier nicht nur son­derbar, son­dern letzt­lich auch ver­geb­lich ist, weil die CL-Saison ohnehin abge­bro­chen wird, wissen wir zur Stunde nicht. Nehmen wir es, wie es ist: Als eine Gele­gen­heit, uns von der Beschis­sen­heit der Dinge abzu­lenken, als Fuß­ball­spiel eben. 

Das geht heute wohl etwas besser, wenn wir uns vor­stellen, wir kommen am späten Abend, bei einem Spa­zier­gang durch den Park, zufällig an einem Kick im Schein der Laternen vor­über, setzen uns auf eine Bank und sehen zu, was die Jungs drauf haben. Ab und an rennt ein Dackel über die Wiese und klaut den Ball. Und alle lachen. 

So geht’s. Hof­fent­lich. 

20:56 Uhr

Inter­es­sant zumin­dest zu hören, dass so ein Cham­pions-League-Spiel in den Momenten vor dem Anstoß eigent­lich auch nicht anders klingt als ein Kreis­klas­sen­spiel: Stollen kla­ckern, es wird gemur­melt, die Spieler kratzen sich sonstwo. 

Doch das hält in der Event-Regie offenbar nie­mand aus: Sogleich wird die Hymne rein­ge­or­gelt, und es ertönen allen Ernstes Fan­ge­sänge vom Band. Das haben sie also mit »Geis­ter­spiel« gemeint: Ver­fluchte Seelen, auf dem UEFA-Ton­band gefangen, müssen singen bis ans Ende aller Tage. 

»Tolle Atmo­sphäre«, denkt sich viel­leicht der eine oder andere Mil­li­ardär daheim und wirft einem Hummer ins kochende Wasser.

1.

Anstoß. PSG kann es im Grunde ganz locker angehen: Auch wenn die Mann­schaft heute raus­fliegt, werden die Zuschauer das Sta­dion nicht vor Ent­täu­schung früh­zeitig ver­lassen. 

3.

Feu­er­werk außer­halb des Sta­dions. Netter Ver­such. Klingt nur leider wie Sil­vester auf dem Markt­platz von Claus­thal-Zel­ler­feld. 

6.

Wenn ich mich ganz doll anstrenge, kann ich mir auch vor­stellen, dass das hier »Euro­goals« ist, NAC Breda gegen Go Ahead Eagles, Saison 1995/96. Damals habe ich mir das mit größter Begeis­te­rung rein­ge­zogen, warum also nicht jetzt?

8.

Kaum guckt kein Schwein mehr zu, ver­letzt sich Neymar ernst­haft. Erin­nert mich an die Fabel »Der Hir­ten­junge und der Wolf«. Was am Ende pas­siert, dürfte bekannt sein. Tippe auf 8:0 für den BVB. 

9.

Wer nicht im Sta­dion ist, und das ist ein Trost, der an sich schon traurig ist, hat bis­lang nichts ver­passt. Das bietet mir die Gele­gen­heit, von einem Spiel in meiner Jugend zu erzählen, das genauso klang und auch genauso aussah wie dieses hier – und doch viel span­nender, ja dra­ma­ti­scher war: TSV Wet­schen gegen den FC Sulingen. Wir führten als krasser Außen­seiter mit 1:0, tolles Solotor von Toto Kreuzer, unserem Kapitän. Pro­blem: Die Sonne ging schon unter, und es gab kein Flut­licht. Der Schieds­richter sprach offen über einen mög­li­chen Spiel­ab­bruch. Lösung: Drei cou­ra­gierte Papas parkten ihre Autos um und beleuch­teten das Feld mit ihren Fern­lich­tern. Das warf zwar enorm lange Schatten nach rechts und machte die Ange­le­gen­heit etwas unüber­sicht­lich, aber was soll ich sagen? Wir gewannen das Ding. Der größte Sieg meiner Kar­riere. Gän­se­haut. Bei Ihnen daheim ja sehr wahr­schein­lich auch. 

13.

Favre könnte die Gele­gen­heit nutzen und ein­fach mal in die Stille brüllen: »Ey, Schiri!« Oder: »Wir müssen morgen alle wieder arbeiten!« Wie so’n rich­tiger Kreis­klassen-Otto. Ist aber nicht sein Natu­rell. Wie schade. 

17.

0:0 wei­terhin. Auch in dieser Höhe ver­dient. 

20.

Die Geräusch­ku­lisse stei­gert mein Bedürfnis, den Kron­korken einer Haake-Beck-Fla­sche am Bier­kasten auf­zu­biegen, ins Uner­mess­liche. 

21.

Haa­land fast mit dem 1:0. War, genau genommen, nicht mal am Ball. Aber wenn man die Flug­bahn des Passes von Hakimi wei­ter­denkt, dann noch weiter um ein paar Ecken und das Poten­zial dieses Jungen hinein rechnet, aus dem Nichts heraus ein Tor zu machen, dann… naja, »fast« eben. Wollte halt auch mal was berichten. Tut mir leid. 

23.

Apropos fast: Di Maria ver­sucht, sich einen Elf­meter zu erschlei­chen, doch kein Pfiff. Der Finger des UEFA-Ton­re­gis­seurs schwebt über dem Knopf »Pfeif­kon­zert«. Er kann sich gerade noch beherr­schen.

27.

Ecke. Tor. Kopf­ball Neymar. Wie gefähr­lich er sein kann, hat die gesamte Dort­munder Abwehr­reihe in dieser Situa­tion offenbar ver­gessen. Viel­leicht liegt es daran, dass er neu­er­dings mehr einem dritt­klas­sigen Cloud-Rapper ähnelt als sich selbst. Geniale Tar­nung. 1:0. Das Ergebnis lässt Neymar sich auch sofort vom Mann­schafts­arzt unters Auge täto­wieren.

30.

Täu­sche ich mich, oder höre ich im stillen Rund Aki Watzkes Stirn knir­schen? 

33.

Stand jetzt, die Aus­wärts­tor­regel-Experten wissen es längst, ist Dort­mund raus. Ob das weniger weh tun würde, so wie es weniger weh tut, wenn man einen Bauch­klat­scher in einem leeren Freibad macht? 

37.

Frei­stoß Hakimi. Wäre das hier Mini­golf, Bahn 18, wo man den Ball über die Rampe in die Reuse lupfen muss, würde ich sagen: Gar nicht mal so schlecht, der Ver­such. Aber doch vor­sorg­lich schon mal eine 7 auf­schreiben. 

40.

Schlimmer Ver­dacht: Viel­leicht IST das hier NAC Breda gegen Go Ahead Eagles. 

45.

Kai Ditt­mann mut­maßt wie­der­holt, der BVB wolle das 0:1 bis zur Pause halten. Das haben die PSG-Jungs offenbar gehört und machen den Dort­mun­dern einen Strich durch die Rech­nung: 2:0 durch Bernat, der nun »alleine dafür ver­ant­wort­lich, dass wir fast aus­ge­schieden sind«, wie Uli Hoeneß es aus­drü­cken würde. Fre­ne­ti­sches Schweigen auf den Rängen. Eher unfre­ne­ti­sches Schweigen auf der Dort­munder Bank. 

47.

Ja, gut, ich sag mal: Dann rettet sich der BVB eben mit einem 0:2 in die Pause. Und im Studio sitzt ja zum Glück Jens Leh­mann und weiß, wie das hier noch umzu­biegen ist. Er sagt es bloß nicht, er lächelt es nur auf seine unwi­der­steh­liche Art. Der schönste Experte aller Zeiten. 

21:58 Uhr

Aber viel­leicht folgt der BVB in seinem Zwei­kampf­ver­halten, in seiner gesamten Taktik und in seiner wei­teren Sai­son­pla­nung über­haupt auch nur der Emp­feh­lung des Robert-Koch-Insti­tuts, Men­schen­an­samm­lungen zu meiden. 

46.

Ver­blüf­fend: Man hört sogar den Anstoß. Er klingt wie die Auf­lö­sung des alten Zen-Rät­sels: wie eine Hand, die klatscht. Immerhin dafür hat es sich gelohnt. 

48.

Ich habe noch so viele Fragen an den Fuß­ball: 

Wenn der Tor­wart sich den Ball ein­fach unters Trikot steckt und ins gegen­über­lie­gende Tor rennt, zählt der Treffer dann? 

Was wäre gewesen, wenn Bal­lack im WM-Finale 2002 nicht gesperrt gewesen wäre? 

Was wäre aus mir geworden, wenn ich Bayern- und nicht Werder-Fan geworden wäre? 

Sag es mir, Fuß­ball. Wann, wenn nicht heute?

51.

Etwas ver­wun­der­lich, dass der Schieds­richter trotz der Stille im Rund ein Mikrofon trägt, über das er mit seinen Assis­tenten kom­mu­ni­ziert. Sieht aus wie »Right Said Fred« bei der Ein­wei­hung eines Möbel­hauses. He’s too sexy for this match.

54.

Di Maria mit einem schönen Frei­stoß, Bürki mit einer ebenso schönen Parade. Das Aller­schönste aber: Tuchels Lippen flat­tern in der Super­zeit­lupe wie die eines schnau­benden Ponys. 

57.

Apropos Pferde: Edinson Cavani könnte jeder­zeit als Win­netou bei den Karl-May-Fest­spielen in Bad Sege­berg anfangen. Das nur für den Fall, dass hier doch noch ein Wunder geschieht. 

62.

»Selbst die richtig guten Mög­lich­keiten sind für Dort­mund ein Pro­blem«, so Ditt­mann. Das erin­nert mich an fol­gende Geschichte:

Ein Kumpel von mir fuhr in seiner Jugend einmal, es muss 1995 oder 1996 gewesen sein, mit einem Freund an die Ostsee, um dort zu zelten. Als sie am Lager­feuer saßen, gesellte sich ein hüb­sches Mäd­chen zu ihnen. Mein Kumpel glaubte, er habe keine Chance, und zog sich als­bald ins Zelt zurück. Doch plötz­lich öff­nete sich der Reiß­ver­schluss, und das hüb­sche Mäd­chen schlüpfte zu ihm auf die Luft­ma­tratze.

Hüb­sches Mäd­chen: »Hi, na?«

Kumpel: »Äh, hi.«

Hüb­sches Mäd­chen: »Hörst du gern Musik?«

Kumpel: »Joar.«

Hüb­sches Mäd­chen: »Was denn so?«

Kumpel: »Also, naja, Beastie Boys und so.«

Hüb­sches Mäd­chen: »Mein Lieb­lings­lied ist ja Voulez-vous cou­cher avec moi…«

Kumpel: »Kenn ich nicht, das Lied.«

Und hinaus schlüpfte das Mäd­chen wieder. Soviel zum Thema: Selbst die richtig guten Mög­lich­keiten sind manchmal ein Pro­blem. 

66.

Immer noch 0:2 übri­gens. Und Ditt­mann nennt Tuchel jetzt »Tüchél«. Es wird wohl Zeit, dass auch wir das Spiel aus gesund­heit­li­chen Gründen nicht weiter ver­folgen.

69.

Reyna kommt ins Spiel, der Alt­meister aus dem Kader der Saison 2001/2002. Wenn Favre jetzt gleich noch Koller und Rosicky bringt, kann das doch noch was werden. 

73.

Tuchel mit enga­gierter Gestik am Sei­ten­rand. Wenn ich das richtig inter­pre­tiere, will er, dass seine Spieler meh­rere Schub­karren vor das Tor stellen. Dass da vor ihm noch keiner drauf gekommen ist!

76.

Brandt feuert aus allen Rohren. Wie einer, der nach dem Trai­ning noch eine Son­der­schicht schiebt, bis der Platz­wart das Flut­licht aus­macht, weil die Nach­barn im Neu­bau­ge­biet sich sonst beschweren. 

79.

Hakimi schubst den Ball mit der Fuß­spitze ins Aus wie eine Katze in den Garten, bevor sie in die Woh­nung macht. Depri­mie­rende Szene, sowohl für Fuß­ball- als auch für Kat­zen­freunde. 

82.

Jens Leh­mann geht mit nach vorn.

85.

»Kehrer ver­nascht Sancho«, so Ditt­mann. Warum auch nicht? Von Erre­gung öffent­li­chen Ärger­nisses kann hier und heute ja nicht die Rede sein. 

87.

Götze kommt in Spiel. Favre: »Zeig der Welt, dass du besser bist als Edi Glieder.« Götze: »Der Satz ging anders.« Favre: »Wer sind Sie?«

88.

Kleine Kei­lerei jetzt hier, aus purer Lan­ge­weile einiger Dorf­punks offenbar, wie in einem Schüt­zen­fest­zelt mor­gens um sechs. Tuchel schlichtet wie der Orts­vor­steher. Und den­noch: Can sieht Rot, weil er geschubst hat, Neymar Gelb, weil er sich aufs Lächer­lichste hat fallen lassen. Könnte ich mich jetzt drüber auf­regen, aber irgend­wann ist das gespens­ti­sche Gefühl, dass sei hier alles mehr oder weniger egal, so tief in mich ein­ge­si­ckert, dass ich auch gern Rot sehen würde und Can bloß noch beneide. 

91.

Dort­mund ver­sucht noch mal alles, und mit »alles« meine ich Stab­hoch­sprung, Syn­chron­schwimmen, Vol­ti­gieren, Kegeln und rohe Gewalt. 

94.

Doch es bringt nichts. Der BVB scheidet gegen PSG aus. Hum­mels ist sofort bei Patrick Was­ser­ziehr, der offenbar in den letzten Minuten auch noch mit­ge­stürmt hat, und sagt: »Ähm.« Touché. 

22:57 Uhr

Die PSG-Spieler jubeln jetzt vor leeren Tri­bünen. Eine Meta­pher für vieles um uns herum. Beschließen wir den Abend mit einem Satz von Sta­nislaw Lec: 

»Seltsam, wie schwer es ist – sogar in leeren Köpfen -, ein Echo her­vor­zu­rufen.«

Gute Nacht, liebe Fans. Und bitte bleiben Sie gesund.