Liveticker
Deutschland – Argentinien 4:0
WM 2010

11:38 Uhr

Hallo, liebe Fans. Nur mal kurz, weil es eh zu heiß ist, um zu arbeiten. Im Inter­view mit​„11FREUNDE täg­lich“ sagt Jogi vor dem Spiel zu seinen gele­gent­li­chen Zor­nes­aus­brü­chen:​„Auch daheim beim Grillen werde ich mal wütend, wenn mir etwas nicht gelingt.“ Wenn die Argen­ti­nier das noch vor dem Spiel lesen, sind wir erle­digt. Die lachen uns doch aus. Oder sie kriegen Angst vor Jogis Wut. Auf jeden Fall: Keinen Spi­ritus in die Glut schütten!

15:10 Uhr

Um 15 Uhr solle es los­gehen, schrieb Kol­lege Gie­sel­mann heute Morgen. Warum, weiß er jetzt auch nicht mehr so genau. Wahr­schein­lich weil es am Morgen war und das Spiel noch unend­lich weit weg. Jetzt ist es ein­fach nur heiß. Viel zu heiß. Die Gehirne ver­schrum­peln. Jeden Gedanken, der sich noch darin befindet, müssen wir sorgsam auf­be­wahren. Wir melden uns erst in letzter Minute wieder. Bis dahin ein kleiner Vor­ge­schmack:​„Messi kriegt heut auf die Fressi“, schlag­zeilt bild​.de. Wir kon­tern:​„Schweini kriegt heut auf die Beini.“ Über­legt euch gut, ob ihr nicht doch ins Freibad wollt.

15:15 Uhr

Ach, doch noch eins, in eigener Sache: Kann mich nachher jemand in den Kom­men­taren dran erin­nern, dass ich mir Salbei von Gie­sel­manns Balkon klauen wollte? Brauch ich für morgen, und bei Kai­sers gab’s keinen. Danke.

15:41 Uhr

Kol­lege Jonas, du willst mir noch Salbei klauen. So, hätten wir das auch erle­digt. Nun ist der Kopf frei für diese wohl wich­tigste Partie, seitdem ich vorhin noch den ganzen Salbei aus dem Beet gerissen habe. Oh. Sorry, Kol­lege Jonas. Zum Glück halten die Main­zel­männ­chen jetzt den Ball hoch, Kol­lege Jonas ist ver­zückt, denkt nicht ans Salbei-Essen, und Deutsch­land ist in Top­form. St. Paulis Coach Holger Sta­nis­lawski glaubt, dass​„Deutsch­land ein Tor mehr schießt als Messi“. Messi auf die Fressi also wirk­lich? Oder Neuer aufs Gemäuer? Wir wissen nur: All you need is Löw. Und die Main­zel­männ­chen. Gunn Aaaaaaaaamd!

15:51 Uhr

Wir sind aus Ver­sehen in einem Public Viewing gelandet. In Gie­sel­manns Pent­house. Minüt­lich läutet es an der Tür, kommt der Con­cierge mit immer neuen Gästen. Und jetzt: der Gast, geneigten Lesern dieses Tickers bekannt als Gie­sel­manns per­so­ni­fi­zierter Gedan­ken­strom. Begrüßt mich mit:​„Du siehst schon aus wie ein Gaucho“, weil ich einen Hut trage. Einen Hut, den ich eben noch abnehmen wollte, jetzt aber nicht mehr kann, ohne dem Gast Zuge­ständ­nisse zu machen. Ich will nach Hause.

15:55 Uhr

Kommt mal ganz nah, liebe Fans: Heute Nacht habe ich noch mal Uru­guay gegen Ghana geträumt – mit Poldi als Asa­moah Gyan, mit Merte als John Mensah, mit mir als wei­nendem Olli Pocher. Auch ein Alp­traum: Die argen­ti­ni­sche Hymne wird als erste abge­du­delt.​„Das geht nach alpha­be­ti­scher Rei­hen­folge“, tröstet mich der Gast.​„A wie Arsch­loch.“ Ent­schul­digt ihn, liebe Fans, bei Philipp Lahms Ansprache gegen Ras­sismus hing er noch mit dem Gaumen am Zapf­hahn fest.

15:57 Uhr

Und jetzt die deut­sche Hymne, immerhin als zweit­plat­zierte. Ich wünschte, danach wäre Sen­de­schluss, wie damals, als es nur zwei Sender gab, und dann kam der Schnee, bis es erst mit dem Test­bild und dann mit der Sesam­straße wieder los­ging. Aber heut­zu­tage fängt Cherno Jobatey um vier Uhr mor­gens an zu senden, es geht in einem durch, Tine Wittler, die Sup­per­nanny, Claus Kleber, Waldis WM-Klub,​„Die größten Flug­zeug­träger aller Zeiten“ auf N24, Snooker mit Rolf Kalb, und jetzt dieses Spiel. Der Anstoß! Reiz­über­flu­tung! Ich bin tot, liebe Fans.Und dafür hab ich auch noch Gebühren gezahlt.

2. Minute

Schon zehn Fouls, einmal von Klose, einmal gegen Poldi, die anderen acht Mal Jonas an mir, wegen dem Salbei. Aber egal, Freunde, egal, egal, egal, egal,egal, egal,egal, egal,egal, egal,egal, egal! Denn: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Für Deutsch­land! Frei­stoß von Gott­steiger, diesem Fuß­ball­schwein, dann Kopf­ball von Mül­lers Omas, sie steigen beide hoch! Und köpfen mit dem Dutt! Müller! Müller! Dann macht es BUMM! 1:0 für mich! Und euch! Für Deutsch­land! Ich küsse Kol­lege Jonas, er küsst mich, er schmeckt nach Salbei. Warum? Egal.

5.

Erst jetzt bin ich aus der Super­zeit­lupe erwacht und sehe: Mül­lers Omas machen alles richtig, aber Keeper Romero so gut wie alles falsch: Er scheint gerade seinen Straf­raum aus­zu­fegen und das mit einem Phlegma wie ein Ger­ma­nis­tik­stu­dent, zehn Minuten bevor er Mäd­chen­be­such bekommt, Mäd­chen­be­such, genauer gesagt, von dem er sich nichts ver­spricht, aber man soll ihm nicht nach­sagen können, er sei ein Schlonz, das nicht, aber da ist das Tor auch schon gefallen, die Rache der Omas, der Mäd­chen­be­such rauscht ab und fängt jetzt viel­leicht was mit Andi Köpke an. Besser so.

9.

Fehler von Ota­mendi“, das wird in den deut­schen Sprach­schatz ein­gehen wie​„Aus­sitzen“,​„Aus­ge­rechnet“,​„Rent­ner­schwemme“ oder​„Boxen­luder“, so oft hat Rethy das jetzt schon gesagt. Es würde uns nerven, ist ja Rethy, aber diese Worte klingen wie Honig in unseren Ohren. Oder Musik? Honig­musik? Und jetzt sieht Ota­mendi auch noch Gelb. Hmmm, Honig.

10.

Ota­mendi schwebt schon jetzt am Rande eines Feld­ver­weises, passt auf Poldi auf wie ein gicht­kranker Chi­huahua auf ein Park­haus. Und Poldi freut sich​‚nen Keks, bal­lert, wie nur er bal­lern kann. Jetzt Ecke. Jonas über­nimmt, ich muss Mül­lers Omas jetzt erst mal​‚ne Schachtel Pra­linen schi­cken. So viel Zeit muss sein.

14.

Was ist hier los? Podolski unter­bindet einen Konter, indem er gleich zweimal den Passweg zustellt. Podolski – Passweg – zustellen. Im Ernst: diese Worte, die eigent­lich nicht zusam­men­passen, stellen sich genau so dar. Also nicht die Worte, son­dern die Dings. Egal. Die Argen­ti­nier treten jetzt schon auf alles, was sich bewegt, Mascherano holzt Schwein­s­teiger um, sieht nicht mal Gelb. Aber: Podolski – Passweg – zustellen. Hurra!

17.

Schlecht daran, dass Schwein­s­teiger jetzt ein Mann“ ist (Uli Hoeneß) ist ja nur, dass man jetzt weder​„Basti“ noch​„Schweini“ mehr schreiben darf. Also, für einen Live­ti­cker ist das schlecht, ver­dammt viele Buch­staben, ver­dammt viel Poten­tial für Dreher, wir zählen nachher mal nach.

19.

Jetzt trau ich mich nicht mehr wegen des Gastes nicht, meinen Hut abzu­setzen, son­dern aus Aber­glauben. Das soll alles genau so wei­ter­gehen. Klaro ist auch Argen­ti­nien immer mal wieder gefähr­lich, aber nur bis zum Straf­raum und nicht weiter. Und die Deut­schen sind vor allem: da / prä­sent / voll kon­zen­triert. Sucht euch was aus dem Zet­tel­kasten aus, es stimmt schon.

22.

Schwein­s­teiger rächt sich an Demi­chelis, der soll das später an Mascherano wei­ter­geben, man kennt sich, ein Dienst unter Freunden. Dann kurz Herz­still­stand: Messi messit auf Tevez, der emp­fiehlt dem her­aus­stür­zenden Neuer aus opti­schen Gründen auch eine Narbe, legt gleich selber den Stollen an. Neuer hält, ist aber sauer. Sieht dabei aber, ehr­lich gesagt, immer noch nicht annä­hernd so gefähr­lich aus wie Tevez, selbst wenn der lächelt.

25.

Nein! Müller mül­lert, aber Klose…, lassen wir das. Klose ver­gibt eine, naja, Hun­dert­pro­zen­tige, ich ver­schütte vor Schreck den Vier­zig­pro­zen­tigen. Drüber bzw. auf die Hose bzw. Mist!

27.

Kol­lege Jonas kann der Mann­schaft nicht mehr helfen, reist belei­digt ab. Was soll’s, wir haben ja uns, liebe Fans, und wir brau­chen! Uns! Auch! Denn jetzt gehen die Argen­ti­nier über rechts durch, drib­beln, fum­meln, Neuer schwitzt, di Maria, Messi, Heinze, der für meinen Geschmack zu oft auf­rückt, das sollte er nicht tun, das ist zu gefähr­lich, doch nicht so sein Schuss, der ist ein Witz, also kein guter wie zum Bei­spiel auch:​„Was macht ein Clown im Büro? Faxen!“ Also. Abstoß. Puh.

29.

Via bild​.de droht der Bür­ger­meister von Pähl:​„Wir haben eine super Trach­ten­ka­pelle. Es wäre groß­artig, wenn wir Thomas mit ihr am Münchner Flug­hafen emp­fangen und dann mit ihm im Dorf feiern könnten.“ Wie kann man unseren besten Mann bloß so ver­un­si­chern? Was bekommt der bay­ri­sche Büro­krat von Mara­dona dafür? Und was bekommt Mick Jagger, der schon wieder auf der Tri­büne rum­hängt, dafür, dass er jemanden ins Ver­derben rol­ling­stonet? Eine Welt­ver­schwö­rung ist im Gange, doch Neuer hält. Geil.

33.

Deutsch­land spielt so, dass es in unseren Augen sehr, sehr modern aus­sieht, cool sogar, irgendwie Federer-mäßig, als er noch gut war. Doch dann Higuain, der das Break abwenden will, er drib­belt, schießt, doch Neuer hält. Wieder. Müssen wir das noch sagen?

35.

Jetzt hat die Trach­ten­ka­pelle einen Teil­sieg zu ver­bu­chen. Müller sieht Gelb, für ein Hand­spiel. Er. Ver­passt. Das. Halb­fi­nale. Müller, der neue Bal­lack? Danke, Herr Bür­ger­meister. Vielen Dank.

37.

Tor! Tor? Tor! Nein, doch, ja! Nein: Abseits. Argen­ti­nien steht im Abseits, und zwar gleich mit drei Mann, Messi, Tevez, Higuain. Mara­dona, Bur­ruchaga, Evita und Ché Gue­vara schauen auch noch vorbei, kein Tor, kein Tor! Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts mehr zu sehen.

39.

Poldi kommt nicht von dem Film runter, dass er früher irgend­wann mal von der Mit­tel­linie getroffen hat. Aber das war in der F‑Jugend, Klein­feld, den­noch schießt er wei­terhin von überall und überall hin, nur nicht ins Tor. Sollten wir ihm das viel­leicht mal sagen, wenn sich sonst nie­mand traut?

41.

Und jetzt Özil, der Erlözil, auch er schießt, auch er von irgendwo, auch er weit daneben, aber wenigs­tens macht er danach nicht den Poldi-Daumen, er grämt sich sogar. Ein Teil­erfolg.

43.

Mara­dona! Hand! In der Coa­ching Zone! Braucht drei Minuten, um den Ball auf­zu­lesen. Zeit für die Diät Gottes.

44.

Konter! Müller! Stor­chig gedrib­belt! Abge­fälscht! Knapp daneben!​„Hui!“, macht Merkel auf der Tri­büne, schwitzt den süßen Schweiß der Liebe in ihr Kostüm. Schweini emp­fängt die Signale, jetzt schießt auch er aus allen Lagen. Diese Frau! SIE ist schuld! Ich leg mich fest.

46.

Auf einmal ein Wim­mern hier im Raum wie im Kin­der­heim kurz vor der Imp­fung.​„Nein­nein­nein­nein­nein­nein­nein!“, betet der Gast. Er will nicht, dass die Argen­ti­nier angreifen, dass Messi schießt, aber er tut es – drüber! So gut ist der Messi dann auch wieder nicht. Meine Mei­nung. Und jetzt ist Halb­zeit. Wir führen 1:0. Dabei könnte es ruhig bleiben. Auch meine Mei­nung.

16:48 Uhr

Wer­bung. Ein Mann, der aus­sieht wie ein Leguan, kauft sich ein Auto, das aus­sieht wie eine Kühl­truhe, obwohl er es nicht haben will. Wo ist jetzt die sub­tile Bot­schaft, auf die wir her­ein­fallen sollen? Viel­leicht reißt dieser Clip auch nur ein Loch in unsere Hirne, in das der gespens­ti­sche​„Doktor Klenk“ aus der Shampoo-Wer­bung jetzt hinein stieren kann. Mit diesen Augen. Die die Augen von Tevez sind. Dem Glöckner von Notre Dame. Der uns noch einen ein­schenken will in Halb­zeit 2. Jetzt hab ich Angst. Kaufe mir schnell ein Auto, obwohl ich es nicht haben will. Aaah! Kom­merz!

16:52 Uhr

JAAA!“, titel bild​.de.​„Wie können wir das toppen?“, grü­belt Kol­lege Jonas, der aus dem Exil zurück­ge­kehrt ist und jetzt als Pres­se­spre­cher fun­giert, dann for­mu­liert er:​„JAAAAAA!“ Genial. Das macht uns keiner nach, und wenn wir dafür alle A‑Tasten der Welt per­sön­lich auf­essen müssen. Hmmm, A‑Tasten!

16:54 Uhr

Kahn erkennt​„kein ein­deutig klares System bei den Argen­ti­niern“, sagt aber leider nicht, dass wir jetzt keine Angst mehr haben müssen. Dann wieder Wer­bung, Autos, Tele­fone, Männer, die wütend Ham­burger essen, obwohl sie dafür einen Haufen Kohle kriegen, Mag­da­lena Neuner, die sich auf die Schnauze legt, mann­mann­mann, ich will, dass Horst Hru­besch jetzt kommt und alle Anflüge von Skepsis ein­fach weg­köpft. Ver­dammter DFB. Der Bier­hoff hängt die ganze Zeit soft auf der Tri­büne rum, aber dass sie mir, der ich 15 Jahre lang Mit­glied des TuS St. Hülfe-Heede war, mal einen Body­guard zur Seite stellen, das kriegen sie nicht hin. Aber: SCHLAND!

17:03 Uhr

Aus den Kom­men­taren erfahren wir soeben, dass Gruner + Jahr jetzt die Mehr­heit an 11FREUNDE hält. Gie­sel­mann bestellt sich sofort ein Freiabo der​„Gala“. Was noch keiner weiß: das ZDF ist offen­sicht­lich auch ver­kauft worden, fir­miert jetzt als Pri­vat­sender, bal­lert soviel Wer­bung in 15 Minuten raus wie sonst in einem ganzen Jahr (- Gruner).

46.

Weiter geht’s, keine Wechsel, aber Argen­ti­nien mit viel Druck. Viel zu viel für meinen Geschmack, jetzt hab ich auch Angst, lege mich zu Gie­sel­mann unters Sofa.

48.

Es sind ja erst zwei­ein­halb Minuten gespielt, aber lange sollten sie das auch nicht so wei­ter­ma­chen. Hoff­nung macht gerade nur, dass wir ja offen­sicht­lich gut kon­tern könnten. Und dass di Maria jetzt auch von überall schießt. Daneben.

51.

Fünf­ein­halb Minuten gespielt, und ich atme zum ersten Mal wieder aus. Jetzt zumin­dest wieder ein biss­chen Ball­be­sitz für Deutsch­land, nicht eben viel, aber immerhin.

53.

Aua! Higuain zieht im Straf­raum ab, trifft Merte voll im Gesicht, der​„blockt mit der Zunge“, schreit Gie­sel­mann, als han­dele es sich dabei um eine Deli­ka­tesse. Mer­te­sa­cker tau­melt zu Mara­dona, den er nun für Mario Adorf hält, stam­melt:​„Träner, isch mach weita, du sachst doch immer, isch bin gut ver­si­schert.“ Mara­dona marioadorft zurück:​„Ja! Aba isch möschte, dat du noch was davon has!“

55.

Seit Merte den Ball auf die Zunge gekriegt hat, kommt Bela nicht mehr von den Box-Phrasen runter:​„Auf die Zwölf!“, schwärmt er.​„Wir­kungs­treffer!“ Wann wirft der Inten­dant end­lich das Hand­tuch?

56.

Pil­len­knick!​„Fried­rich und Klose sind die ein­zigen, die in den 70ern geboren sind!“, gebur­ten­kon­trol­liert Rethy jetzt. Und was ist mir mir? Mit Kol­lege Jonas? Mit dem Geist von Malente? Gibt es uns etwa gar nicht? Jetzt habe ich noch mehr Angst.

60.

Deutsch­land ist im Mit­tel­feld jetzt so offen wie Rolf Edens Hose nachts um drei. Das führt zu Räumen, zu Ner­ven­zu­sam­men­brü­chen, zum Ende auch bis­lang sta­biler Lie­bes­be­zie­hungen.​„Maaaaaaaann! Schwein­s­teiger!“, kotzt Kol­lege Jonas.​„Spiel doch mal sauber was aus!“ Das erin­nert mich an was:​„Spül doch mal sauber was aus!“ Das sagte er neu­lich, als er eine Fluse in seinem Des­sert­schüs­sel­chen fand. Und dann hat er mich gehauen. Ganz dolle. Hilfe, liebe Fans.

64.

Messi macht Stressi! Higuain! Könnte schießen! Doch Lahm: Hat plötz­lich Beine, so lang wie Claudia Schiffer, grätscht ihn ab. Strike a pose!

65.

Und immer wieder Neuer. Der ist zwar unge­fähr 20 Jahre jünger als ich, und den­noch habe ich schon Gefühle für ihn wie ein Sohn zu seinem Vater, so ver­läss­lich ver­packt der dahinten die Bälle.​„Papa!“, quakt auch der Gast, will auf den Arm. Geht jetzt nicht.

67.

Boateng jetzt wie Wolf­gang Weber, als er sich in der Partie 1. FC Köln gegen den FC Liver­pool das Waden­bein brach und 60 Minuten wei­ter­spielte. Schleppt sich, keucht, alles schmerzt. Dann der Pass und noch einer, Poldi! Schießt er? Bitte nicht! Nein, er han­delt sinn­voll! Warum auch immer! Er schiebt den Ball in die Mitte, so soft wie ein Slice von Steffi Graf, da steht Miro, Miro, ich liebe dich! Und er leckt ihn rein! TOOOOOOOOOOOOR! Es ist das 2:0! Das 2:0! Gegen Argen­ti­nien! Notiert Euch das, täto­wiert euch das, liebe Fans! Ich breche mit sofor­tiger Wir­kung zusammen.

68.

Kol­lege Jonas lädt zum​„Dia-Abend Vier­tel­fi­nale 2010“, und wir sehen: Müller gab den Zau­ber­pass! Im Liegen! Wie früher! In der Halle! Der Typ ist nicht zu fassen! Er ist die Jugend, die uns abhanden gekommen ist, durch ihn leben wir die schönsten Jahre unseres Lebens noch einmal. Nicht alles, man will ja kein Lust­greis sein, aber man­ches. Räusper.

72.

Nee… Nee… Neeeeeee… Mein Kopf ist kaputt. Wahr­schein­lich bin ich in Wahr­heit sogar nach dem Ser­­bien-Spiel gestorben. Denn was ich jetzt sehe, kann nicht der Rea­lität ent­spre­chen: Schweini mit dem geilsten Solo aller Zeiten, geht über links durch, legt dann in die Mitte, und wer steht da? Wer steht da, liebe Fans? ARNE FRIED­RICH! TOOOOOOOOOR! Der Mann, der mit Hertha abstieg, macht hier das 3:0. Ich liebe ihn. Ich liebe Bela Rethy. Ich liebe mich, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich bin raus aus der Nummer. Grüßt mich, wenn Ihr mich seht.

75.

Was wird jetzt aus Mara­dona? Ruft Raul Castro an und macht ihn zum Staats­trainer von Kuba? Kapert er mit seinen elf Söhnen die zweite Mann­schaft des SSC Neapel? Oder wird er, wie Bela Rethy jetzt ora­kelt,​„Rin­der­baron“? Wir wissen es nicht. Wir wün­schen ihm nur: Alles Gute.

80.

Hätte, hätte, Fahr­rad­kette. Mascherano legt Klose, sieht Gelb, wäre gesperrt, kann er sich sparen. Noch zehn Minuten, und es geht nur noch darum, dass nicht noch einer gelb­ge­sperrt aus­fällt. Außer Müller. Außerdem könnte es noch darum gehen, den Argen­ti­niern viel­leicht noch einen ein­zu­schenken. Oder zwei. Oder drei. Ich les mir das jetzt noch mal durch, viel­leicht glaube ich es dann.

82.

Kroos ist für Khe­dira gekommen, hat sich auch gleich in die Ich-schieß-auch-mal-Reihe ein­ge­glie­dert. Hätten wir vorher bescheuert gefunden, jetzt toll. Fuß­ball, du bist ein Supertyp!

84.

Müller ist auch ein Supertyp. Müller = Fuß­ball. Der Fuß­ball hat​‚nen Krampf, wird aus­ge­wech­selt, für ihn kommt Tro­chowski.

86.

Gott sei Dank (und wir meinen fortan nicht mehr Mara­dona damit, son­dern Schwein­s­teiger) erzählt Rethy uns erst jetzt, dass es in Kap­stadt 16 Grad hat. 16 Grad. Lechz!

88.

Einen lachenden Michael Bal­lack“, ent­deckt Rethy. Ich ent­decke einen Mann, der sich eine Grin­se­fas­sade auf­ge­baut hat, der dahinter aber womög­lich andere Gedanken hegt. Zum Bei­spiel diesen: KRASS!!! 4 (VIER) ZU 0 (NULL)!!! KLOSE!!! Özil chippt den Ball von links but­ter­weich rein, Klose zau­dert nicht mehr, son­dern hält ein­fach den Schlappen rein. Drin. Salto. SALTO. (Bitte Com­puter umdrehen!)

90.+1

Ich hab ein Gedicht geschrieben, liebe Fans. Reimt sich nicht, dazu war ich zu erregt, aber trotzdem. Hier:

Mara­dona, geliebter Feind.

Es tut weh, dich zu schlagen,

als schlügen wir uns selbst.

Hurra und oh weh.

Geh nun mit Gott.

Komm wieder mit Kuba.

Schön, oder? Nicht? Schade. Naja. Egal.

90.+3

Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutsch­land ist Welt­meis… stopp jetzt, sonst platze ich noch vor Patrio­tismus. Der Reihe nach, so nüch­tern, wie das bei 38 Grad im Schatten und acht Fla­schen Bier noch geht: Deutsch­land schlägt Argen­ti­nien 4:0, die Jungs haben unheim­lich, wirk­lich unheim­lich gut gespielt, der Bun­des­trainer hat die Skep­tiker abge­schüt­telt, das Team kann nun zum Titel greifen, viel­leicht macht sogar ein gewisser Müller wieder das 2:1. Gegen Hol­land! Und ich dachte, nur im ZDF gibt’s Wie­der­ho­lungen. Wie kommt das alles? Noch nie haben wir so bedauert, dass die so genannten​„Experten“ keine Experten sind und uns diese Frage also nicht werden beant­worten können. Viel­leicht ist es ein​„Wunder“, auch wenn wir Wunder eigent­lich ätzend finden. Oder wie Oscar Wilde sagte:​„Ich glaube nicht an Wunder. Ich habe davon zu viele gesehen.“

17:56 Uhr

Hallo, Fans. Ich liege jetzt hier mitten unter einer Jubel­traube und kann kaum noch atmen. Thomas Müller kann das nicht wissen, auf die Frage, wie die Stim­mung in Deutsch­land wohl sei, sagt er:​„Trau­rige Gesichter bei schlechtem Wetter – und kein Grill­fleisch.“ Stimmt nicht, trotzdem ver­dammt witzig, so wie der ganze Kerl. Ach! So einen großen Bruder hätte ich gern gehabt, als ich klein war. Und Kahn als noch grö­ßeren Bruder, für den Ernst­fall.​„Hehe­hehe, Trai­nings­spiel“, grient er. Ach, Titan! Lass uns tanzen zur offi­zi­ellen WM-Hymne, die wir jetzt auch toll finden. Toll! Toll! Alles toll! Selbst, dass wir alles toll finden, finden wir toll. Toll!

18:01 Uhr

Bloß Schweini ist immer noch sauer auf Argen­ti­nien. Du hast gewonnen, Junge! Jetzt freu dich doch mal! Viel­leicht kann auch er das alles nicht glauben, als Fried­richs Tor ein­ge­spielt wird, stockt ihm die Stimme. Fried­rich! Der hat das 3:0 gemacht! Da brat mir doch einer​‚nen Storch (und damit meine ich nicht Mer­te­sa­cker)!​„Er sollte ein­fach sagen, dass er jetzt Welt­meister werden will“, kahnt Kahn, der natür­lich Welt­meister werden will. Immer. Auch als Rentner. Mit Deutsch­land. Im Finale gegen Müller-Hohen­stein. Lechz.

18:04 Uhr

8:1 Tore in den Spielen gegen Eng­land und Argen­ti­nien, 13:2 Tore ins­ge­samt, das wollen wir fest­halten, da jetzt Philipp Lahm vor Para­guay warnt. Sorry, aber: Hah­ah­ha­ha­ha­h­ah­pa­ra­ha­ha­guay! Noch mal 8:1, sag ich. Sorry, Roque.

18:06 Uhr

Jetzt Löw, der schönste Bun­des­trainer aller Zeiten.​„Die Mann­schaft hat, sag ich jetzt mal, ein Wil­ling gezeigt von Cham­pions.“ Jetzt ver­miest er den Eng­län­dern auch noch die Sprache. Geht das nicht zu weit?

18:08 Uhr

Und die Tore jetzt noch mal in der Wie­der­ho­lung, eines schland­asti­scher als das andere. Und noch mal springt die Kanz­lerin auf, Köhler, Guido, Gauck und See­hofer – wer ist das? Noch einmal muckt des Lebens Unbill auf, als Klose den Ball über die Latte häm­mert, aber dann hüpft Angie, sie jumpt, sie schwebt, sie hat die abso­lute Mehr­heit. Löw:​„Ein unglaub­li­ches Pensum, ffffff!“

18:11 Uhr

Ist Klose dabei, hier richtig Geschichte zu schreiben?“, will Michael Stein­ver­bre­cher nun unbe­dingt wissen.​„Ja, ffff, er hat schon, ffff, Geschichte geschrieben, ffff.“ Und ich, ffff, gebe, ffff, jetzt mal ab, fffff, an Kol­lege, ffff, Jonas, um in Ruhe raus­zu­finden, ffff, warum, fffff, Löw immer​„fffff“ macht, fffff.

18:18 Uhr

Wir machen jetzt Schluss, liebe Fans. Es ist ein­fach zu krass. Auf der Fan­meile inter­viewen sie einen Fan, der außer​„Welt­meister“ nichts mehr raus­bringt. Das ist nicht unge­wöhn­lich, so einen finden sie nach jedem Spiel, sogar nach Nie­der­lagen. Uns fällt nur nicht mehr so viel ein, was dagegen spricht. Spa­nien, Para­guay, Nie­der­lande, Uru­guay. Klingt jetzt nicht schlimmer als Eng­land und Argen­ti­nien. Müller fehlt, das schon. Im Halb­fi­nale. Dann nicht mehr. Was soll man zu diesem Spiel noch sagen? Es war: Toll. Schluss aus. Wir grinsen uns jetzt in Rich­tung Abend. Macht’s gut.