SC Freiburg

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Bayern München

Freiburg vs. Bayern im Liveticker

Hans im Glück

Kaum nimmt Flick Coutinho vom Rasen, schaffen die Bayern doch noch den Late-Night-Sieg in Freiburg. Der Ticker war mit Knicklichtern dabei.

20:18 Uhr

Freunde, hallo! Zu diesem auf vielen Ebenen irren Spiel. Irre, weil Freiburg nur zwei Punkte hinter Bayern. Irre, weil Christian Streich und Hansi Flick aussehen, als kannten sie sich schon ewig, vom wöchentlichen Nachbarschafts-Skat-Abend im Clubhaus in der Schrebergartenanlage. Flick als der Typ mit dem SUV geparkt auf der Pflastersteinhölle vor dem Haus, dessen einzige Hecke akkurat getrimmt ist, der, der mit 40 Jahren erst angefangen hat, weiße Sneaker ganz ernsthaft zu tragen. Streich als der, bei dem im Vorgarten alles kreuz und quer wächst, dessen Frau ihm den Telefonhörer ans Ohr halten muss, weil er ab 18 Uhr Frikadellen macht. Beide treten an. Welche Taktik geht auf? Ich weiß es doch auch nicht. Aber jetzt habe ich Hunger auf Frikadellen. Meine Meinung.

20:20 Uhr

Sky-Leaks: Die Freiburg-Spieler sind geil auf den FC Bayern. Und auf der Münchener Maximilianstraße kocht bei einigen Frauen die Eifersucht hoch.

20:23 Uhr

Bayern setzt übrigens von Anfang an auf Coutinho. Was ja ungefähr so gewagt ist, wie an Heilig Abend einen Thalia-Gutschein zu verschenken. Freiburg setzt auf unbedingten Willen, an der Seitenlinie zerbeißt Streich den ersten Ziegelstein. Kann aber auch sein, dass er hier einfach fürs Weihnachtsessen übt.

20:26 Uhr

Boateng mit Nasen-Fantasie-Mopped auf der Bank. Hat anscheinend seine Kontaktlinsen zu Hause liegen lassen.

20:27 Uhr

Wann endlich erfindet Boateng eigentlich auch mal Hipster-Kontaktlinsen? So mit Dreiecken als Pupillen? Oder Irokesen-Schnitt statt dem Weiß? Wir bleiben dran.

20:29 Uhr

Falls Sie heute übrigens noch einen unangenehmen Sieg von sehr viel Geld über sehr großen Einsatz sehen wollen: Schalten Sie doch mal ins Impeachment-Verfahren von Donald Trump.

1.

Herrliche Story, die Christian Streich im Vorfeld des Spiels zum Besten gegeben hat. Als 18-Jähriger hat Streich in der Oberliga gegen Hansi Flick gekickt. Streich für den unvergessenen Freiburger FC, Flick für den SV Sandhausen. Wäre man gerne dabei gewesen, damals, vor 36 Jahren. Beim Büchsenbier danach, Filterlose für Streich, loser Filterkaffee für Flick. Möglicher Dialog: "Haschdn Lieblingschfilm, Hanschi?" "Die Klapperschlange mit Kurt Ruschell."
Apropos: Vorhang auf. Spiel läuft.

3.

Kaum warm getickert sprintet Coutinho auch schon, glamourös freigespielt von Alaba, alleine auf Flekken zu, lupft, ach was: liebkost den Ball über den Freiburger Torwart, doch einer seiner tapferen Vorderleute kratzt das Ding noch von der Linie. Als würde man dem Sternekoch am Ende doch noch in die Suppe spucken. Ein Stern weniger. Und das zu Weihnachten.

5.

"In Freiburg", hat Robin Koch, seines Zeichens Abwehrspieler beim Sportclub und Sohn des unvergessenen Harry Koch, vor dem Spiel im Interview gesagt, "ist es immer eklig." Nicht im Bild, wie Hasan Salihamidžić die Stinkbombe unter seinem Stuhl entdeckt und Christian Streich feuchte Flutschis verteilt.

7.

Anruf von Heribert Faßbender.
"Ja, Raack?"
"SPIEL AUF EIN TOR!!"
Aufgelegt.

10.

Ein dreifach Hoch auf Thomas Müller. Kein anderer Spieler versemmelt so stilvoll Großchancen, wie der große alte Stolperer des deutschen Fußballs. Bekommt den Ball von Torwart Flekken fein serviert und drischt den Ball aus eineinhalb Metern gegen den Pfosten und von da physikalisch eigentlich kaum möglich in hohem Bogen aus der Gefahrenzone. Der setzt seinen Porsche an den Baum und hinterher sagen alle: Das war Kunst. Volker Finke bietet für den Pfostenschuss 750 Euro.

12.

Denken wir in dieser besinnlichen Jahreszeit doch auch an die Fußballprofi, die ganz alleine sind und nur traurig zuschauen dürfen, wenn in der Freiburger Hälfte die Post abgeht, während die geschundenen Gelenke von der Kälte steif werden. Wann verpflichtet der FC Bayern einen Sozialarbeiter, der sich in solchen Partien um Manuel Neuer kümmert?

15.

Sensationelle Antwort von Robin Koch im besagten Interview mit den Kollegen von Spiegel Online:
"Wenn ich Jo und Serge (Joshua Kimmich und Serge Gnabry) erzähle, dass wir zu acht bei mir Champions League schauen, dann sagen die schon: Wow, so soll das sein. Bei denen ist das eher selten der Fall. Allerdings müssen die beiden ja auch dauernd selbst spielen."
Die kleinen Freuden eines Nicht-Champions-League-Teilnehmers.

16.

Ach. Du. Scheiße. Alphonso Davies, Jahrgang 2000, eigentlich noch ein Fohlen, aber jetzt mit 300 PS und Nitroantrieb über die linke Seite. Die Freiburger Abwehr dagegen so konsequent wie CDU im Umgang mit Rechtsextremen in ihren Reihen. Völlig teilnahmslos schaut sie zu, wie die Flanke hineinfliegt, wie Robert Lewandowski seine Fußspitze entdeckt, ein bisschen mit ihr spielt und dann drin. Also der Ball. 1:0 für den FC Bayern.

19.

So viel Hoffnung, so wenig Ergebnis. Wenn es nicht ganz schnell besser wird, taufe ich Freiburg in »SC Klimakonferenz« um.

23.

Ich würde ja sagen, jetzt legen sie richtig los, aber die Bayern hatten schon vor ihrem Tor 80 Prozent Ballbesitz. Gerade hat nochmal Lewandwoski eine so sichere Chance verballert, dass ich mir wiederum sicher bin, er will sich einfach noch ein bisschen selbst die Herausforderung wahren. Wie Lanz im Gespräch mit HG Maaßen: Er könnte einfach Schluss machen, nach ein paar Minuten. Wäre ja aber nicht so lustig für uns, diese voyeuristischen Arschlöcher vor dem Fernseher. Die Würde des Amtes als Raketen-Torjäger ist auch eine Bürde. »Und diese Bürde wiegt schon sehr, sehr schwer.«

27.

Bitter. Erster Hauch von so etwas wie einem Angriff für Freiburg und Grifo direkt in so einer blöden Position, dass SPD-Chef plötzlich wie ein Traumposten erscheint. Abseits. Christian Streich schraubt seinen Puls auf 4851841 und schreit den Linienrichter an. Noch weniger Debatte und Sascha Lobo steuert bald mit einer eigenen Kolumne über Streichs Halsschlagader gegen. Erste Folge: »Man hat ja Stoffwechsel«.

33.

+++ EIL +++ Manuel Neuer fliegt spontan direkt aus dem Sechzehner in den Urlaub, Bayern kauft Mario Götze zurück und stellt ihn ins Tor, zum Langsam-wieder-Eingewöhnen. Der aber beschwert sich prompt bei Flick: »Da hatte ich ja in Dortmund mehr Ballkontakte.« +++

36.

Gerne wurde dieser Tage an den 2. Spieltag der Saison 1994/95 erinnert, damals, Deutschland noch recht frisch aus der WM geflogen (Letchkov! Gegen Häßler! Im! Kopfball! Duell!), die Bayern unter Trapattoni mal wieder zerstritten, FC Hollywood und so. Freiburg mit Spanring, Kohl, Cardoso und Todt und wer jetzt anfängt zu lachen, nur weil er an das Kinn von Jens Todt denken muss, hat keine Ahnung. Freiburg damals mit einer überragenden Truppe. Und dazu Volker Finke, den man sich so wunderbar dabei vorstellen konnte, wie er in seinem Trainerbüro auf dem Sitzsack hing und ein bisschen Selbstangebautes in seine Selbstgedrehte streute. 5:1 am Ende für Freiburg, unvergessen. Also in Freiburg.

37.

Der Rasen sieht heute übrigens richtig gut aus. Grüße an Volker Finke.

40.

Und auf einmal, mitten hinein in die achte oder neunte Sturm- und Drangphase der Bayern, bekommt Grifo zehn Meter vor dem Tor von Neuer, völlig alleingelassen den Ball volley auf den Schlappen. Das ist jetzt die Gelegenheit für Grifo, der Fußballwelt zu zeigen, dass er eigentlich zu groß ist fürs kleine Freiburg, dass, wenn er schlau ist, Uli Hoeneß gleich nach diesem Spiel in die Kabine hetzt, um Grifo sofort unter Vertrag zu nehmen. Grifo haut den Ball in den Oberrang. Uli Hoeneß löscht seine Rückennummer.

43.

Erhöhter Bluthochdruck bei Hoeneß, betretenes Schweigen bei mir, denn beinahe hätte Grifo einen wunderbaren Rechtsschuss ins lange Eck geschweißt und mir und Gott und der Welt bewiesen, wie gut er mit einem Fußball umgehen kann. Es bleibt beim 0:1.

45.

Gröschtmöglischstesch Kompliment an dieser Stelle an die Freiburger Defensive. Hat sich in Lewandowski und Co. verbissen wie ein treuer Kampfhund. Dem armen Coutinho haben sie eben fast ins Ohr gebissen. Flick sucht verzweifelt seine Leckerlis.

Halbzeit

Was in den ersten Minuten aussah, wie das nächste Schlachtfest der Münchener Metzger, wurde dann doch noch zu einem ausgeglichenen Spitzenspiel. Freiburg ist eben nicht Bremen. Streich nicht Flick. Flick aber auch nicht Löw. Denkt mal drüber nach. Wir machen Pause. Bis gleich.

46.

Ein Satz, über den sich auch alle ADAC-Mitarbeiter freuen dürften: Das Ding rollt wieder.

47.

Sky spielt die gesamte Halbzeit übrigens »All I want for Christmas is you«. Zielgruppengerecht, denke ich, hat wahrscheinlich doch der Durchschnitts-Zuschauer bei dieser Dauerbeschallung an Wettangeboten sein gesamtes Budget für materielle Geschenke gen Null getippt.

48.

Gnabry mit der ersten Chance und vor allem: Boney-M-Gedächtnisfrise. Der Schuss allerdings eher wie Frank Farians Projekte 2019: kein Erfolg.

51.

Müller darf auch mal. Nimmt den Ball per offenem Schnürsenkel. Irgendwo bindet Bibiana Steinhaus eine Solidaritätsschleife in Franck Ribérys Zunge.

53.

Man, ey. Man wünscht sich echt, dass Freiburg jetzt hier irgendwas unerwartetes macht, nur irgendwas. Wie damals, Oberstufe, in der Disco, als man all seinen Mut zusammennahm, ein bisschen zu viel Wodka-E im Blut, ein bisschen zu viel Drei-Kilo-Flohmarkt-Pott-Gel im Haar und das Mädchen der absoluten Träume, also mit Bauchnabel-Piercing und Marlboro-Gold-Zigaretten in der Handtasche, einfach von hinten antanzte, einfach so, Hände um die Hüfte, Blick nach vorne, nur für zwei Sekunden, ehe sie sich umdrehte, angewidert auf das C&A-Hemd schaute und dann auf das Akne-Mienenfeld im eigenen Gesicht und verschwand, zu den Sofas, zu den guten Jungs, die schon Mini fuhren und Bootsschuhe trugen. Und jetzt bekommt Koch den Ball vor dem Bayern-Tor. Nur ganz kurz. Dann fällt er auch schon wieder hin. Und ich weiß: Für den Moment hat es sich doch gelohnt.

57.

JAAAAAAHFEHOIGEQHGIOHGIOEGHOIQHGIIQGjJ! Grifo bekommt das Ding schöner aufgelegt als der Plattenspieler der Kalkbrenner-Brüder. Halblang, halbhoch, richtig geil. Nimmt ihn per Dropkick ins Glück, 1:1, EINSEINS. Freiburg rastet aus, morgen taufen sie eine Kuckucksuhr auf ihn oder einen Schlossgarten oder eine Achterbahn im Europa-Park. »Blue Fire Vincenzo Megacoaster«. Abfahrt, Leute, Abfahrt!

61.

Christian Streichs Puls mittlerweile auf 4851839 gesunken.

64.

Haben wir heute Abend eigentlich schon über Leroy Sané gesprochen? Kommt angeblich schon im Winter nach München. Was für ein Transfer. Würde selbst Ruggiero Rizzitelli anno 96 in den Schatten stellen. Wird dann vermutlich doch nix mit ein wenig mehr Chancengleichheit in der Bundesliga. Seufz.

67.

Unser alter Skisprunghero Martin Schmitt hat vor ein paar Tagen der "Abendzeitung" ein süßes Interview gegeben.
Frage AZ: "Aber Sie singen schon immer kräftig mit, oder?"
Antwort Schmitt: "Naja, eher so im Stillen."
Herrliche Vorstellung wie Schmitt 140 Meter irgendwo durch Norwegen fliegt und dabei lautlos seine Liebe herausschreit: "EsZeFreibuuuuuuurggg..."

70.

Zwischenfazit: Richtig gutes Fußballspiel. Hier, im kleinen Breisgau-Stadion, riecht es nach 1994, nach Spanring und Todt. Hintergrundmusik: "Smells like teen spirit", eingesungen von Volker Finkes Gundelfingener Gospel-Chor.

73.

Was für eine Intensität. Uli Borowka macht sich jetzt schon Gedanken darüber, wie er jemals diese Ganzkörper-Gänsehaut loswerden wird. Wäre dieses Spiel ein Zweikampf, es wäre der eingesprungene Pressschlag.

74.

Jetzt, wo Freiburg so spielt wie Argentinien 94, denke ich an Rodolfo Esteban Cardoso und wie überragend der damals für Freiburg gespielt hat. Ging dann zu Werder, dort war bald aus die Zaubermaus. Weiß Aad de Mos vermutlich bis heute nicht, wie er dieses Talent versauen konnte.

76.

Vorhin zur Vorbereitung "Bayern München" gegoogelt und dieses Ergebnis erhalten:
Bayern
Lkw verliert 80 Kästen Bier in München

München mal wieder in der Krise.

78.

Berufe, in denen der Satz »Und wieder Flekken!« etwas Gutes bedeutet:

- Waschsalonbetreiber
- Tatortreiniger
- Trainer des SC Freiburg

79.

Tor von Gnabry, aber nicht gegeben, weil Lewandowski mit Hohem Bein reinging. Finde ich unfair, soll er etwa im Sitzen spielen, oder was?

82.

Die Freiburger Fans peitschen hier ihre Mannschaft so entschlossen nach vorn, wenn die Massen noch lauter für ihr Ziel eintreten, schreibt gleich die Deutsche Bahn einen bösen Tweet gegen Christian Streich. »Lieber #Christian, danke, dass Du uns Eisenbahner im Kampf für unverständliche Ansagen unterstützt! Noch schöner wäre es gewesen, wenn Du zusätzlich am Spielfeldrand betont hättest, wie freundlich und kompetent wir dir unsere Oberleitungen als Nerven aus Stahl überlassen haben.«

85.

Gerade hat übrigens Freiburg noch mal den Pfosten getroffen. »Einmal«, lacht Rummenigge in die Nachtluft. » Ich bin dem jahrelang jeden Tag auf der Geschäftsstelle über den Weg gelaufen.«

88.

Und Freiburg macht und will und probiert. Thiago, eigentlich ja der kleinste Magier seit der Micky-Mouse-Version vom Zauberlehrling, muss schon per Beinstellen retten. Hier, Freunde, ist Bewegung drin.

90.

Argh! Coutinho gerade erst gegen Joshua Zirkzee ausgewechselt, einen niederländischen Youngster, der, einfach so, 90 Sekunden auf dem Feld jetzt das 2:1 abstaubt. Tja. Grifo ins Klo würde ich sagen.

90.+4

Und Gnabry. Versucht es einmal. Flekken hält. Aber Gnabry, dieser Ewighungrige, dieser Sisyphos des Vollspannschusses, auf ewig verdammt, immer noch einen draufzuhämmern, macht das natürlich. Und zack, drin isser. 3:1. Das hat Volker Finke nicht verdient. Meine Meinung.

22:23 Uhr

Schluss. »Das sind die Bayern«, resümiert Volkskundler Dittmann.

22:27 Uhr

Hansi Flick und Christian Streich geben sich die Hand. Ist ja auch Weihnachten. Also fast. Wie die wohl feiern? Ich tippe: Hansi Flick mit Low-Carb-Zucchinipuffern, Christian Streich mit blutigem Rehfleisch, handgefangen. Was uns das lehrt? Ich weiß es nicht. Sky legt uns alle Spiele und alle Tore ans Herz. Und, ja, das ist es, das Herz muss man öffnen, für die Schönheit dieses Sports, für wirklich jeden, vereinsübergreifend. Auch mal Geben, ein bisschen Begeisterung zum Beispiel. Nein, natürlich nicht. Natürlich knallen wir uns jetzt alle schön mit Eierlikör weg, damit dieser Abend wenigstens einen guten Moment hat. Oder mach das nur ich? Ist das nur bei mir so? Habt ihr alle jemanden, der euch liebt, oder was? Hm. Na, dann. Tschüss. Ihr Undankbaren. Ihr Fanboys. Hicks.