Liveticker
Frankreich – Deutschland 1:0
EM

15:09

Guten Tag, liebe Fans. Jetzt, da end­lich wieder Men­schen zusam­men­finden, um gemeinsam Fuß­ball zu gucken, denke ich manchmal, dass wir aus der Klasse 11b das Public Viewing erfunden haben: Damals bei der EM 1996, als wir uns im Rie­sen­wohn­zimmer von Bastis Eltern, die zu der Zeit auf Mau­ri­tius im Urlaub waren und ihren Sohn ohnehin oft wochen­lang allein ließen mit all seinen tollen, teuren tech­ni­schen Geräten und in seiner luxu­riösen Trau­rig­keit, ein­nis­teten und uns von Chips und Tank­stel­len­bier ernährten. Muss schlimm aus­ge­sehen haben hin­terher. Allein der Rie­sen­fleck aus Kirsch­t­raum-Kotze auf dem weißen Flo­kati! Der Glas­tisch, der zu Bruch ging, als einer von uns sich den Weg zum Fern­seher bahnen wollte, um Stefan Kuntz nach dem Tor im Halb­fi­nale gegen Eng­land zu umarmen! Aber jetzt mal ehr­lich: Kann das sein? Kann es sein, dass wir diese Mode­er­schei­nung los­ge­treten haben? Zu einer Zeit, als eigent­lich noch jeder für sich allein die Matt­scheibe anbrüllte, waren wir immerhin zu fünf­zehnt in einer Bude und haben die Mann­schaft zum Titel gepeitscht. Oder gehen Ihre Erleb­nisse sogar noch weiter zurück? Denken Sie mal drüber nach, allein oder mit Freunden.

20:30

Wie fühlen wir uns? Was macht das hier mit uns? Ich für meinen Teil würde es so aus­drü­cken: Wir fahren mal wieder mit der Familie in den Urlaub, diesmal soll es eine Rund­reise durch ganz Europa sein – alle Mann rein in den Wohn­wagen, ist doch gemüt­lich! Aber so schön die Erin­ne­rungen an die Ferien der Kind­heit (Dortmund/​Berlin 2006, Süd­afrika 2010, Bra­si­lien 2014) auch sein mögen (das werden wir eines Tages noch schmerz­lich fest­stellen), so wenig ver­lo­ckend, zumal nach dem Rein­fall letztes Mal (Russ­land 2016, Schei­ß­idee von Anfang an!), ist jetzt die Aus­sicht auf vier­ein­halb Wochen mit Onkel Joa­chim, Nenn-Onkel Oliver und dieser unüber­schau­baren Anzahl halb­starker Cou­sins, von denen die wenigen, mit denen wir über­haupt Lust hätten, am Strand ein biss­chen zu kicken, sich die ganze Zeit über schwei­gend in den Halb­schatten zurück­ziehen und auf ihr Telefon glotzen. Kann also durchaus sein, dass wir das nach andert­halb Wochen abbre­chen müssen, weil »ich mir das irgendwie au scho fun­da­mental anders vor­ge­stellt hab« (Onkel Joa­chim), »ich mich mich eh noch aufs Abi vor­be­reiten muss« (Cousin Kai) bzw. »man sich das ganze Jahr den Arsch abar­beitet wie so’n Bescheu­erter, sich auf den Urlaub freut und DANN DAS HIER!« (Nenn-Onkel Oliver). Wie dem auch sei! Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine alte Bifi aus Schweinis Glanz­zeiten (ist noch gut, glaub ich), mein David-Odonkor-Trikot, ein Foto von Mario Götze mit gefälschter Wid­mung, was zu lesen, falls mir mal lang­weilig wird, Rei­se­ta­bletten, falls ich kotzen muss, ein paar Münzen für den Fern­spre­cher, falls ich Heimweh kriege – und ein biss­chen Hoff­nung. Gute Reise uns allen!

20:33

Ein Wort noch zu Onkel Joa­chim: Unab­hängig davon, was sein beharr­li­ches Wei­ter­ma­chen für den sport­li­chen Erfolg der deut­schen Natio­nal­mann­schaft bedeuten mag – es ist »scho au« inter­es­sant, einen Trainer in einer derart langen Spät­phase beob­achten zu können. Das hat inzwi­schen viel von einem einst­mals großen Künstler, der der Welt abhanden gekommen ist. Moment – dieser Ver­gleich würde Löw womög­lich schmei­cheln. Doch es ist zu früh für Kom­pli­mente! Auch wenn mich wirk­lich mal inter­es­sieren würde, wie man in dem Alter noch solche Haare… Aber lassen wir das.

20:35

Ach! Was haben wir uns an dieser Stelle schon mit und über den Bun­des­trainer gefreut. »All you need is Löw«, jubelten wir auf dem Zenit seines Schaf­fens. Und nach einem Sieg gegen Frank­reich nannten wir ihn voll­kommen zurecht »Alain Delöw«. Nun stellt sich viel­mehr die Frage, wie wir ihn über­haupt nennen dürfen. Ist es nicht so, dass man Spitz­namen nur in seiner Jugend und dann erst wieder im Grei­sen­alter tragen sollte? Der ganz so junge Jogi ist er, trotz ewig fri­scher Haar­pracht, ja nun nicht mehr, Opa Jogi aber auch noch nicht. Joa­chim? Das klingt, als würde ihn seine Mutter so nennen, wenn sie streng wird, und das steht uns nicht zu. Herr Löw? Zu distan­ziert – auch wenn sich eine gewissen emo­tio­nale Ent­fer­nung nicht leugnen lässt, ganz erkalten soll unsere Bezie­hung dann aber doch nicht. Chef – so wie Her­berger? Äh, nö. Der Mann mit der Mütze – so wie Schön? Zu wenig Mütze! Kaiser – so wie Becken­bauer. Auch eher nicht. Berti – so wie Vogts? Unan­ge­bracht! Sir – so wie Rib­beck? Zu iro­nisch! Rudi, Klinsi? Eben nicht. Dieses Tur­nier wird, so scheint es, Joa­chim Löw einen Namen geben, den er für die Ewig­keit tragen wird. Wie man aus Karls­ruhe hört, wäre Euro-Eddy Schmidt durchaus bereit, seine Vor­silbe abzu­treten. Nur für den Fall.

20:37

Neu­lich traf ich zwei Freunde, der eine stammt aus Kroa­tien, der andere aus Polen. Sie lebten, sagten sie, inzwi­schen schon so lange in Deutsch­land, dass sie den Bezug zu ihren Her­kunfts­län­dern beinah voll­kommen ver­loren hätten. Jedoch seien sie, wenn es um Fuß­ball gehe, ein »Tur­nier-Kroate« bzw. ein »Tur­nier-Pole«. Ich fand das inter­es­sant, und fragte mich: Bin ich eigent­lich ein Tur­nier-Deut­scher? Das nun nicht gerade, dazu bin ich zu wenig Schwabe, Rhein­länder, vor allem Bayer. Ich wäre gern Tur­nier-Bremer. Aber der SV Werder hat sich ja bekannt­lich nicht für diese EM qua­li­fi­ziert. Bau­mann raus!

20:38

Wir sehen Joshua Kim­mich, wie er bei seinem Mar­ken­zei­chen, dem ver­bis­senen Jubel, foto­gra­fiert wird. Als das Bild end­lich im Kasten ist, jubelt er ver­bissen. Und weil das Shoo­ting damit vorbei und Fei­er­abend ist, jubelt er noch mal ver­bissen. Schönen Abend noch, Herr Kim­mich! »Danke!«, brüllt Kim­mich und jubelt ver­bissen. Muss schlimm sein.

20:41

Im Studio: Welt­meister Chris­tian Kar­embeu. Sitzt zur Stunde etwa Pierre Litt­barski im fran­zö­si­schen Fern­sehen, und alle denken: Der heißt ja Pierre, der spricht bestimmt fran­zö­sisch? Und Litti lässt sie sou­verän in dem Glauben (»Oh, là, là!«)? Dann schalte ich hiermit um!

20:49

Ich möchte noch mal meinen Gedanken vom Eröff­nungs­spiel auf­werfen. Wir kennen es: das »ent­schei­dende Tor«. Wir kennen auch: das »alles ent­schei­dende Tor«. In letzter Zeit ertappe ich mich aber bei dem Gedanken, dass ich »das alles für immer ent­schei­dende Tor« her­bei­sehne. Das letzte Tor der Geschichte, das den seit der Erfin­dung dieses Spiels durch die Chi­nesen im zweiten Jahr­tau­send vor Christus andau­ernden Kampf beendet. Und wenn es schließ­lich gefallen ist, dieses Tor, können wir alle nach Hause gehen, uns ins Bett legen und uns aus­schlafen von diesen abnormen Anstren­gungen, die das Fan-Dasein uns abver­langt hat, ohne jeg­liche Angst, etwas zu ver­passen. Heute wird das wohl nicht geschehen, das lässt die Tur­nier­arith­metik leider nicht zu, aber wer weiß: viel­leicht ja im Finale. Ein Grund dran­zu­bleiben, liebe Fans.

20:50

Und auch noch mal die bange Frage: Sollte Thomas Müller am 11. Juli im Wem­­bley-Sta­­dion dieses »alles für immer ent­schei­denden Tor« schießen, wird er dann end­lich mal nicht jubeln wie der spor­t­­lich-ehr­­gei­­zige Markus aus der 9b, wenn er bei den Bun­des­ju­gend­spielen den Schul­re­kord im Hoch­sprung mit einem unor­tho­doxen Straddle gebro­chen hat? Wird er sich bewusst sein, welche Demut diese his­to­ri­sche Stunde erfor­dert? Nein? Na, dann eben nicht.

20:51

Bela Rethy und Sandro Wagner: Wie Vater und Sohn, die nach einer Zeit der Ent­frem­dung (neue Part­nerin hier, Aus­lands­jahr da) auf einem Städ­te­trip wieder »zusam­men­finden wollen«. Und wider Erwarten (Sandro schrieb schon am Flug­hafen an seine Freundin, dass ihm Papas Sprüche ganz schön unan­ge­nehm seien) wird es auf einmal doch »ganz schön«. Dem­nächst im ZDF: »Bela und Sandro«, mit Heino Ferch als Bela und Jannik Schü­mann als Sandro.

20:55

Hansi Flick ist im Sta­dion. Joa­chim Löw will ihm ein Auto­gramm geben. Flick: »Kein Inter­esse.« Löw: »Aber ich würde mich über eine Unter­schrift von ihnen scho au freuen! Ein­fach hier, auf dem Hals… Danke!«

1.

Wenn ich das hier alles richtig ver­stehe, ist Frank­reich die beste Mann­schaft, die es je gegeben hat. Besser sogar als der FC Sulingen, gegen den wir vom TuS St. Hülfe allein in den Jahren 1992 bis 1996 eine Bilanz von 0:24 Punkten und 3:47 Toren hatten. Aber immerhin: Auch Sekunden nach dem Anstoß steht es hier immer noch 0:0. Das haben wir damals nicht geschafft! Hoff­nungs­schimmer!

3.

Sandro schweigt, weil es ihm jetzt doch pein­lich ist, wie alter-weißer-Mann-mäßig Bela über den Green­peace-Fall­schirm­springer geschimpft hat. Schickt einen genervten Smiley an seine Freundin. Bela: »Ist doch so.« Sandro: »Paaaa­paaa!«

5.

Was haben die Fran­zosen und ich, wenn ich wieder mal wie im Wahn den ganzen Ein­kaufs­wagen mit »Fred Ferkel« voll­ge­laden habe, gemeinsam? Wir trauen uns nicht raus­zu­schieben.

7.

N’Golo Kanté hat jetzt schon sieben Gegen­tore ver­hin­dert, aber das weiß nur er, und weil er so bescheiden ist, wird er nie jemandem davon erzählen.

8.

Antonio Rüdiger sei, so Wagner, »immer schon giftig im Zwei­kampf und auch außer­halb des Platzes ein toller Mensch gewesen«. Wer kennt sie nicht, die wun­der­baren Kol­legen, die einem Reiß­zwe­cken auf den Büro­stuhl legen, aber privat gern mit ihrem Hund im Wald spa­zieren gehen?

11.

Apropos »mit dem Hund im Wald spa­zieren gehen« – was hat eigent­lich der »Fan­club Natio­nal­mann­schaft« in all der Zeit gemacht? Haben die alle in Oliver Bier­hoffs Loft eine Corona-Bubble gebildet und zusammen Sauer­teig-Brote geba­cken? Hab’s mir anders über­legt: Ich will es nicht wissen.

13.

Toni Kroos, ganz stark: Er nimmt den Fran­zosen den Ball nicht ein­fach nur weg, er beschlag­nahmt ihn wie ein Pro­vinz­wacht­meister einen Beutel Gras auf dem Disco-Park­platz. »Damit könnt ihr nicht umgehen, Jungs. Seid ver­nünftig.« Wirft dann den Ball in den Gulli.

15.

Erste Ecke, erste Angst. Kopf­ball Pogba. Rüdiger irgendwie des­ori­en­tiert. Kroos: »Guten Abend. All­ge­meine Ver­kehrs­kon­trolle. Haben wir was getrunken?«

18.

Mats Hum­mels wirkt wie der Typ Lehr­amts­stu­dent, der nie im Leben als Lehrer an seine alte Schule zurück­gehen will, »auf keinen Fall, ich will ins Aus­land!« Und jetzt unter­richtet er, na, wo wohl? Aber das Rei­hen­haus in der Vor­stadt mit Garten ist schön.

20.

Tor. Von Hum­mels. Sie sehen: Ich setze kein Aus­ru­fe­zei­chen, nur einen trau­rigen, ja sehr trau­rigen Punkt. Der Grund: Eigentor von Hum­mels nach Flanke von Her­nandez. Aber schön war es!

21.

Bela total depri­miert, will den gemein­samen Urlaub abbre­chen und sofort zurück nach Mainz. »Das schaffen die noch, Bela«, sagt Sandro trös­tend. Das hat er von seiner Freundin gelernt, die Zücho­logie stu­diert oder wie das heißt. Und tat­säch­lich: Kopf­ball Müller, zwar weit am Tor vorbei, doch immerhin: Sie scheinen zu wissen, wo es steht. Ist ja nicht selbst­ver­ständ­lich gewesen in letzter Zeit.

26.

Wir wohnen hier jetzt einem öffent­li­chen Frei­stoß­trai­ning von Toni Kroos bei. Sagen wir so: Das Trai­ning hat er aber auch wirk­lich nötig. Einmal landet der Ball in der Mauer, einmal im Nichts. Irgendwie nett von den Fran­zosen, dass sie da mit­ma­chen, mitten in einem so wich­tigen Tur­nier.

29.

Das Henne-Ei-Pro­blem: Was war zuerst da – dass es keinen Straf­stoß gibt oder dass Bela Rethy sagt, dass es keinen Straf­stoß gibt? Wenn Sie mich fragen: Das eine hat mit dem anderen rein gar nichts zu tun.

32.

Kennen Sie auch diese pani­sche Angst, oder bin ich damit allein? Immer wenn ich Antoine Griez­manns Frisur sehe, denke ich, dass er gleich ein Lager­feuer im Mit­tel­kreis ent­facht, von seinem Work-and-Travel durch Peru und Chile erzählt und dann Won­der­wall auf der Wan­der­gi­tarre spielt. Bitte, bitte sagen Sie mir, dass ich damit nicht allein bin! Pani­scher Smiley!

34.

Sta­tis­tiken, die nur N’Golo Kanté kennt, Teil 2. Anzahl der gewon­nenen Psycho-Zwei­kämpfe gegen Deut­sche, die auf der Bank sitzen: 378.

37.

Flick: »Ich beob­achte dich, Joa­chim.« Löw (ver­steckt sich im Ersatz­bank­häus­chen): »Jetzt scho au immer noch?« Flick: »Ich beob­achte dich immer und überall.« Löw: »FFFFFFFFF­ver­dammt.«

38.

Chance für Deutsch­land. Hab aber ver­gessen, was da genau los war. Ist nicht so wichtig. Reden wir lieber nicht weiter dar­über.

40.

Her­nandez foult Kim­mich, der ver­sucht, dem Schieds­richter noch einmal pan­to­mi­misch vor Augen zu führen, was da los war, es sieht aber wieder mal so aus, als würde er ver­bissen jubeln, was er ja so oft und eigent­lich nur macht, den lieben langen Tag lang. Der Schiri wendet sich gelang­weilt ab. Würde ich auch machen.

42.

Sta­tis­tiken, die nur N’Golo Kanté kennt, Teil 3. Anzahl der Momente, in denen Gün­dogan dachte »Scheiße, ist der Kanté überall, oder was?«: 17.

45.

Rüdiger beißt Pogba ins Schul­ter­blatt – oder wie Bela und Sandro es nennen: »Er knab­bert ihn freund­schaft­lich an.« Dann wird es belas­tend. Sandro: »Hast du auch schon mal gemacht, oder?« Bela: »Unbe­dingt!« Und Luis Suarez macht sich schnell was in der Mikro­welle warm. Ist ja auch Halb­zeit jetzt. Ich werde solange meinen Kopf gegen die Wand schlagen und so ver­su­chen, die Vor­stel­lung los­zu­werden, wie sich zwei ZDF-Typen »freund­schaft­lich anknab­bern«.

21:55

In den Kata­komben. Hum­mels (eupho­risch): »Nicht schlecht, oder?« Neuer (die Reste seiner Tor­wart­hand­schuhe zwi­schen den Zähnen): »Ey, Flitz­piepe! Das hier ist nicht Bayern gegen Dort­mund!« Hum­mels (ver­wun­dert): »Echt jetzt?« Sub­otic (nost­al­gisch): »Leider nicht. Aber ich hab die VHS vom Pokal­fi­nale dabei. Bock?« Hum­mels (wieder eupho­risch): »Geil! Ich würde dich am liebsten freund­schaft­lich anknab­bern.«

21:59

Jochen Breyer: »Was ist schief­ge­laufen, Per?« Mer­te­sa­cker: »Ich lege mich jetzt erst mal drei Tage in die Eis­tonne, und dann sehen wir weiter.«

22:00

Dieser hat zwar noch kein Trikot an, aber immerhin schon sein Jacket vom Schüt­zen­verein Han­nover. Bringt Löw ihn als Brech­stange?

46.

Sta­tis­tiken, die nur N’Golo Kanté kennt, Teil 4. Anzahl der Anstöße, die Frank­reich heute nach diesem hier noch aus­führen wird: 0.

47.

Kylian Mbappé jetzt im Lauf­duell mit Hum­mels, wobei das Wort »Duell« nicht ganz ange­messen scheint, bedenkt man, dass Mbappé wahr­schein­lich dreimal so schnell rennen kann, wie er es hier tut, wäh­rend Hum­mels am Limit ist. Nennen wir es lieber: Per­so­nal­trai­ning (30 Euro/​Stunde).

50.

Plötz­lich ein Hupen im Sta­dion. Harry Koch: »Robin, kommst du bitte? Mama hat Abend­brot fertig!« Robin Koch: »Noch fünf Minuten, Papa.« Harry: »Na, gut.« Schaltet das Auto­radio an, hört das beste aus den Sieb­zi­gern, Acht­zi­gern und Neun­zi­gern. Herz­er­wär­mend.

52.

Jetzt hupt der Harry aber doch beharr­lich. »Robin, der Auf­lauf wird kalt!« Da wird die Chance von Gnabry beinah zur Neben­sache. Der muss übri­gens auch gleich mit (Fahr­ge­mein­schaft).

55.

Kim­mich will es jetzt ganz allein richten: In der Manier eines mit Abstand besten Mannes der C‑Jugend (Klein­feld) rennt er frontal auf die Abwehr­reihe zu, alle anderen neben ihm her, rufen: »Hier! Hier! Hier!« Doch Kim­mich gibt nicht ab, denn er weiß: Heute gucken die Scouts vom Bezirks­li­gisten zu!

58.

Gosens wirft sich jetzt mit allem, was er hat, und das ist ein­s­er­seits viel, ander­seits wenig, in die Flanke bzw. viel­mehr in Pavard. Die Älteren unter uns (Jogi Löw, Harry Koch und ich) denken sofort an Schu­ma­cher gegen Bat­tiston. Mann­schafts­arzt: »Wel­ches Jahr haben wir?« Pavard: »Unge­fähr 1982?« Mann­schafts­arzt: »Kor­rekt!«

61.

Erste Ecke für die Deut­schen, aus­ge­führt von Kim­mich, wem sonst? Kim­mich sucht Kim­mich, findet Kim­mich nicht, ver­bis­sene Selbst­vor­würfe. Ent­setz­liche Szene.

63.

Deutsch­land jetzt am Drü­cker wie Kevin Groß­kreutz nachts um zwei im Mann­schafts­hotel von Campo Bahia bei der WM 2014, als Bier­hoff ver­gessen hat, die Spie­le­kon­solen ein­zu­sa­cken.

65.

N’Golo Kanté hat den Ball in einem unbe­ob­ach­teten Moment durch eine Ball­skulptur aus Stein ersetzt, spielt aber selbst ein­fach weiter. Per­fide.

66.

Tor von Kylian Mbappé. Aber: Abseits. Aber was heißt hier »aber«? Ich ver­mute, dass es Mbappés volle Absicht war, hier im Abseits zu stehen, so wie eine Katze stun­den­lang mit einer Maus spielt, bevor sie sie ver­speist. Oder sie dem Didier Deschamps tot auf die Fuß­matte legt. Ich weiß gar nicht, was ich mehr ver­achte: die Natur oder den Fuß­ball.

70.

Wenn ich das richtig sehe, wech­selt Löw jetzt Werner, Sané und Andi Köpke ein. Die beiden können ja viel­leicht noch was bewirken. Aber warum Werner?

72.

Dann ver­letzt sich plötz­lich Ginter, muss aus­ge­wech­selt werden. Löw: »Wo ist Mus­tafi?« Sorg: »Den haben wir nicht nomi­niert.« Löw: »Irgendein anderer, der scho au hinten, sagen mer mal, spielen kann?« Sorg: »Can.« Löw: »Heißt das Ja? Warum sprichst du so komisch, Martin?« Sorg: »Markus.« Löw: »Babbel? Zu alt!« (Can wech­selt sich selbst ein.)

76.

Mbappé bricht den 100-Meter-Welt­re­kord von Usain Bolt, wird aber auf dem Weg zum Tor von Mats Hum­mels gestoppt, der gerade den Dort­munder 800-Meter-Stadt­re­kord bricht. Tolle Grät­sche! Elf­meter? Rethy ent­scheidet auf Wei­ter­spielen, und dann sei es so, soll mir recht sein.

79.

Die spek­ta­ku­lärste Todes­ver­ach­tungs­grät­sche seit Höwedes gegen Giroud bei der EM vor vier Jahren noch mal in der Super­zeit­lupe. Elf­meter oder nicht? Ich sag mal so: Das Mate­rial kann im »Deutsch als Fremdsprache«-Unterricht ein­ge­setzt werden, wenn es darum geht, die Rede­wen­dung »Wo geho­belt wird, fallen Späne« zu erklären.

82.

Schön und traurig zugleich: Wenn die Deut­schen am eigenen Straf­raum auch nur für eine Sekunde an den Ball kommen, brandet sofort Kon­ter­stim­mung auf, bei Bela, bei Sandro, beim Fan­club Natio­nal­mann­schaft, selbst bei mir. Es ist ein biss­chen so, als würde DJ Hans-Dieter auf der Betriebs­feier nachts um halb vier noch mal »We will rock you« auf­legen und ins Mikro rufen: »Da geht noch was!«

85.

Tor von Ben­zema. Doch nach dem Stu­dium des Video­be­weises weiß der Schieds­richter, was N’Golo Kanté schon vor dem Spiel wusste: Abseits. Langsam nimmt das Spiel der Katze mit der halb­toten Maus Züge an, dass Sie dar­über nach­denken sollten, Ihre Kinder ins Bett zu schi­cken.

88.

Hand­spiel. Frei­stoß. Sané. Bela Rethy: »Aua.« Schöner kann man des nicht sagen.

89.

Löw bringt Volland, zum Ent­setzen Sandro Wag­ners (und nicht nur dessen) aber als Links­ver­tei­diger. Wirk­lich absurd. Als wäre Andi Scheuer Ver­kehrs­mi­nister!

90.

Erklä­rung: Löw macht hier das, wovon er glaubt, dass Guar­diola es gemacht hätte, was dieser aber nur machen würde, wenn er in lus­tiger Runde mit seinen Co-Trai­nern eben diesen eigen­tüm­li­chen Löw imi­tieren und Zucker­streuer und Espresso­tassen auf den Tisch werfen würde wie ein Seher die Hüh­ner­kno­chen. Tra­gi­sches Miss­ver­ständnis.

93.

Große Geste von Deschamps: Er wech­selt Dem­bele ein, aber für Deutsch­land.

95.

N’Golo Kanté fährt sich mit dem kleinen Finger über die Augen­braue hin. So nervös hat man ihn noch nie erlebt.

96.

Flanke auf Werner, wie gemacht für einen Zwei­me­ter­mann. Der tobt: »Ey, ich bin nur 1,81!« N’Golo Kanté: »1,80, um genau zu sein.«

97.

Joa­chim »Jogi« Löw zieht sich schon mal die Maske auf, das Late-Night-Shop­ping in der Maxi­mi­li­an­straße geht ja auch gleich schon los. Und da erklingt der Abpfiff, es könnte der dritt­letzte sein in der Amts­zeit dieses Mannes, der uns heute nicht das erste Rätsel auf­ge­geben hat. Volland hinten links? Auf die Erklä­rung wäre ich gespannt, wenn ich der Erklä­rungen nicht so ent­setz­lich müde wäre. Und hinter vor­ge­hal­tener Hand, damit wir pas­sio­nierten Lip­pen­leser es nicht ent­schlüs­seln können, unter­halten sich die Spieler, wie hier Leroy Sané, auch schon über irgendwas anderes. Das ein­zige, was mich tröstet, sind die Augen­ringe von Toni Kroos, die selbst schon Augen­ringe haben. Er sieht so aus wie ich mich fühle im Jahr 15 der Ära Löw. Gute Nacht, liebe Fans.