Deutschland

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Russland

Deutschland-Russland im Liveticker

Leipziger Allerlei

Flitzer, Blitzer, Schnitzer: Deutschland-Russland hatte alles, was das Herz begehrt. Also fast alles. Was fehlte und warum, weiß: der Liveticker.

20.30 Uhr

Arme hoch, die Russen kommen! Womit vermutlich schon erklärt wäre, weshalb das Leipziger Stadion heute Abend ziemlich luftig besetzt ist auf den Rängen. Kann aber natürlich auch an der abschreckenden Wirkung von Jens Lehmann liegen, der für den übertragenden Sender RTL und also ebenfalls vor Ort ist. Ob er sich auch heute wieder einen Zettel in die Stützis geschoben hat, auf dem er jederzeit nachlesen kann, wen er heute grund- und argumentationslos angehen kann? Und warum hält Lehmann nicht endlich mal etwas sinnvolles, zum Beispiel: seine eigenen Gedanken?

20.34 Uhr

Kommen wir mal direkt zur deutschen Aufstellung: Neuer - Ginter , Süle , Rüdiger - Kehrer , Kimmich , Havertz , J. Hector - Gnabry , Ti. Werner , L. Sané

20.35 Uhr

Ein Spieler des Tabellenzweiten der Bundesliga, bisschen Paris, Manchester und London. Und ansonsten: Bundesliga-Mittelmaß. Ob das reicht?

20.37 Uhr

Auf der anderen Seite die russische Startelf ganz ohne Bundesliga-Spieler, aber mit Konstantin Rausch, der allein ungefähr so stark ist wie Hannover 96. Spannend! Lunev - Nababkin , Neustädter , Jikia , Rausch - Gazinsky , Kuzyaev - Ionov , Al. Miranchuk , Erokhin - Ari

20.39 Uhr

Fantastisch, Der »Fanclub DFB« mit einer Choreo: »Teamgeist« ergibt die Aneinanderreihung der in die Höhe gereckten schwarz-weißen Pappen. Wenn Florian König nett ist, erklärt er Jens Lehmann, was das Wort bedeutet.

20.41 Uhr

Sie müssen mich entschuldigen, die russische Nationalhymne läuft. Ich muss mal eben in ein Land einmarschieren. Während ich melancholische Tränenberge weine. Hach. Ist. Das. Schön.

20.43 Uhr

Sie müssen mich entschuldigen, die deutsche Nationalhymne läuft. Ich muss mal eben meine Steuererklärung machen und an Veronica Ferres denken.

20.44 Uhr

Und dann ist Reinhard Grindel im Bild. Wer jetzt nicht an Wackeldeckel denkt, hat den DFB nie geliebt.

1.

Anstoß. Deutschland schon wieder mit genau elf Mann von Anfang an. Wo bleibt der Umbruch?


2.

Beziehungsweise: Deutschland auch heute wieder mit elf Multimillionären von Anfang an. Oder wie Friedrich Merz sagen würde: Ein Treffen der gehobenen Mittelschicht. 



3.

»Scheiß gehobene Mittelschicht. Wir singen Scheiß gehobene Mittelschicht...«

4.

Und schon seine erste Aktion, eine fantastische Ballannahme samt wunderbarem Anspiel in den Lauf von Sané, zeigt: Havertz ist ein Natural Born Boss. Als er vergangenes Jahr 18 wurde, mussten wahrscheinlich seine Eltern ausziehen. 

6.

Hagemann behauptet, die Handschrift von Cherchesov sei »gut strukturiert«. Hätte in der Grundschule für eine 2 gereicht. 

7.

Erste Ecke GER: zu flach und zu kurz auf den ersten Pfosten. Manchmal glaube ich, das trainieren die genau so. 

8.

TOOOOOOOOOR für Deutschland. Guter Ball in die Schnittstelle auf Gnabry, der legt quer auf Leroy Sané und der bleibt endlich auch mal in der Nationalmannschaft so cool wie er auf Instagram immer tut und schiebt ein zur Führung. Sein erstes Tor für Deutschland überhaupt. 

9.

Habt ihr den Windstoß grade auch gespürt? Keine Sorge, war nur das ganz tiefe Durchatmen von Sané.

10.

So offen, wie Russland hier in den ersten Minuten steht, könnte man meinen, sie hätten sich per Benimm-Regel zu enge Grüppchenbildung verboten. 

12.

Apropos runderneuerter DFB: Man kann es mit der neuen Fan-Nähe auch übertreiben. Oder warum nimmt Werner den langen Ball da grade an wie ein besoffener Kuttenträger Mitte 40?

15.

Ein wenn überhaupt halb volles Zentralstadion bei schönstem Pisswetter, dazu kaputter Rasen und scheiß Stimmung. Muss sich für die Russen anfühlen wie ein Heimspiel. 

16.

Bisher richtig stark: Lou Bega!

18.

Konstantin Rausch bereitet sich intensiv auf einen Freistoß aus gefühlt 700 Metern vor. Und erstmals ist das Leipziger Stadion nicht komplett still, erstmals sind Pfiffe zu hören. Warum, könnte man meinen? Aber dann schälen sich die Zweifel von den Synapsen. Die Zuschauer hier und heute wissen einfach, dass jetzt Gefahr droht, dass das Field Goal jetzt möglich ist. Und dann passiert einfach nichts. Fast so wie beim DFB nach der WM.

21.

Bei den Russen im Sturm spielt ein Mann namens Ari. Ist mal als Brasilianer auf die Welt gekommen, aber was heißt das schon. Viel wichtiger: Immer wenn Kommentator Marco Hagemann »Ari« sagt, rutscht mir ein gebrülltes »van Lent« aus der Quetschkommode, die meine Lunge ist. Und dann denke ich mir, dass der auch ein toller Russe gewesen wäre. Einfach, weil er alles konnte, der Arie. Aber solche Spieler bauen sie ja heute nicht mehr.

23.

Russland wie einst in den Vierzigern, zieht sich immer weiter zurück.

24.

Hui, den muss er machen, der Leroy, der Sané! Schöner Ball in die Tiefe von Gnabry auf Havertz, der den linken Flügel schneller überbrückt als Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine bei der Date-Night und millimetergenau auf die Matte von Sané flankt. Doch dessen Kopfball ist weder platziert noch kraftvoll. Ich lege mich fest: Wenn da jetzt Arie van Lent anstelle von Leroy Sané gestanden hätte, gäbe es jetzt eine Spielunterbrechung wegen allgemeiner Fassungslosigkeit.

26.

Das haben die wenigen Zuschauer in Leipzig nicht verdient! Keine halbe Stunde gespielt, und schon zum zweiten Mal prengelt es ihnen Oliver Pocher um die Ohren. 2:0 für Deutschland. Nach Ecke. Nach Süle. Was zu einem Nomen werden könnten bald. So beeindruckend steht dieser Mensch gewordene Schrank auf dem Fußballplatz. Süle. Bekommt den Ball vor die Füße, sortierte kurz - kein Russe da oder zumindest willens, ihn daran zu hindern - seine Raketen gleichen Beine und schiebt dann überlegt in die Ecktasche. Jetzt braucht Russland schon Snooker. Meine Meinung.

28.

Ungewöhnlich Sätze für eine russische Beteiligung: »Findet Rausch nicht«.

30.

Stimmung wie im Gewandhaus jetzt. Jetzt muss der erste Geiger ran. Und Rüdiger hört die Signale, chippt den Ball ins Abseits. Leichtes Raunen. Kann ich besser, denkt sich Jonas Hector, und säbelt eine Direktabnahme Richtung Dresden. Unmut. Geht doch.

32.

Klares Zeichen, dass wir in Sachsen sind. Einzelne »Büh«-Rufe sind zu hören. 

34.

Sané mit einem blitzsauberen Beinschuss, was ich zuletzt so oder so ähnlich in der Nationalmannschaft von Mesut Özil 2010 gesehen habe. Wenn also alles normal läuft, lässt sich Sané vor der WM 2026 mit Alice Weigel fotografieren und tritt kurz danach zurück. 

37.

Verzweifelter Abschluss von Ari. Wenn die Angriffe der russischen Mannschaft noch ein bisschen ungefährlicher werden, dann spielt Trump die Wiederholungen bald rückwärts ab und entzieht dem Team die Akkreditierung fürs Weiße Haus. 

39.

Aber zurück zu Sané. Der und Gnabry scheinen derart gut zueinander zu passen, ich will, dass Susi mir alles bisher zwischen den beiden Besprochene zusammenfasst und der Herzblatt-Hubschrauber das Paar danach ins malerische Kitzbühel fliegt, wo sie ein ungezwungen-zauberhaft-romantisches Wochenende verbringen. Was macht eigentlich Christian Clerici?

41.

Und kaum denke ich an Herzblatt, geht einem das Herz auf, weil schon wieder ein Tor fällt. Und nicht irgendwie, sondern richtig gut herausgespielt. Uneigennütziger »Steckpass« von Havertz, Gnabry, der Nutznießer, nimmt die Großspende kurzentschlossener an als Alice Weidel und jagt den Ball trocken ins Eck. 3:0. 

43.

Spielerische Vintage-Leistung der DFB-Elf. Und wir? Fühlen uns plötzlich so 2011. Hoffentlich kommt später noch eine neue Folge Two and a half Man auf Pro7! Und wie Breaking Bad wohl weitergeht?

45.

Mit einer 3:0-Führung geht Deutschland in die Pause. Aber die Geschichte zeigt glücklicherweise, dass, so gut es gegen Russland anfangs auch laufen mag, immer erst am Ende abgerechnet wird. Halbzeit. 

21:38 Uhr

Grade gesehen, dass 2 von 926 Herzblatt-Paaren tatsächlich geheiratet haben. Eine miesere Erfolgsquote hatte nur der DFB im Jahr 2018.

21:43 Uhr

Florian König meldet sich für knapp sieben Sekunden und ohne Jens Lehmann, der wohl grade wem die Brille stibitzt, live aus Leipzig, sagt, wie es steht und gibt danach wieder ab in die Werbung. Nie war RTL so wenig nervig.

46.

Jogi Löw schlurft noch bisschen Espresso, richtet sich das Nasenbein, das Publikum geht wieder in Schweigeminuten-Stellung. Anpfiff zu zweiten Halbzeit. Wie toll wir das finden? Auf einer Skala von 1 bis Jogi? Knapp unter Süle.

48.

Dicke Chance für Russland. Deutschland mit dem Ballverlust, dann der flinke Umschaltversuch der Russen, der tatsächlich zur Gefahr wird, weil Rüdiger ungefähr drei Kontinente entfernt steht von dort, wo er wohl stehen sollte. Will es dann wieder gut machen und grätscht einfach mal drauf los. Erwischt damit immerhin den Rasen. Und eine Chance, den Russen zu irritieren. Doch der Russe lässt sich nicht irritieren, nicht mal vom Zirkus Antonio, und drückt ab und drückt drüber. Manuel Neuers Reklamierarm geht trotzdem hoch. Sicher ist sicher. Er ist fast wieder der Alte.

51.

Das Spiel jetzt fast so spannend wie die Vereinsstruktur von RB Leipzig.

52.

»Havertz, der Kopf ist oben«, so Marco Hagemann über Leverkusens Zauberfuß. Wäre der Kopf unten, so zwischen den Knien vielleicht, das sähe doch aber auch nicht aus.

54.

Kann sein, dass ich mich irre, dass das jetzt meine ganz eigene Verblendung ist, aber ich finde: Dieser Rüdiger, wie er da gerade wieder ins Pressing gehen will und einfach ins Leere läuft, das wäre einer für Hertha II.

56.

Das russische Spiel erinnert mich an das, was sie sagen: »Хрен редьки не слаще.« Denkt mal drüber nach.

57.

Das vielleicht zur Hälfte gefüllte Stadion versucht sich jetzt an der La-Ola-Welle. Was kommt als nächstes? Massenhochzeit beim 4:0? Red-Bull-Schaumparties im Bauchnabel von Reinhard Grindel? Situative Reaktionen fußballinteressierter Zuschauer?

60.

Antonio Rüdiger verlässt das Feld. Jogi macht Ernst.

61.

Tah kommt dafür auf den Platz. Hummels nach wie vor nicht krank genug für einen Einsatz. 

63.

Um Stimmung zu erleben, die noch krampfhafter versucht, nicht scheiße zu sein, müsste man schon einen Wahlabend im Willy-Brandt-Haus verbringen. Aber so krank ist ja doch keiner.

64.

Jetzt bringt Jogi Rudy. Will er die Russen verhöhnen?

65.

Kurz davor ein übles Knöchel-Foul an Hector, der vom Platz getragen werden muss. Gute Besserung. 

66.

Auch nicht mehr dabei, aber zumindest noch gesund: Kai Havertz, unser neue Lieblingsspieler. Ein dermaßen feiner Fußballer, wir würden gerne sein Butler sein. 

68.

11FREUNDE-Football-Leaks: Leroy Sané und Serge Gnabry und Kai Havertz planen heimlich Super Nationalmannschaft.

69.

69. Minute, und ich kenn immer noch genau keinen bei Russland (nichtmal Koka Rausch). Kann also nicht mehr lange dauern, bis ich Sky-Experte bin.

72.

Gott, tritt das Publikum in Leipzig heute divenhaft auf. Kann da mal wer ein paar Snickers verteilen? 

73.

Deutschland in der zweiten Halbzeit wie Markus Gisdols Haare kurz nach dem Gang zur Friteuse: sehr pomadig. 

75.

Müller für Gnabry. Hätte ich heute nicht dauernd das Wort »Brexit« um die Ohren gehauen bekommen, würde ich sagen: Schlechtester Deal des Tages. 

79.

Hätte das Spiel übrigens beinahe verpasst, weil ich mir extra einen Zattoo-Account anlegen musste, um RTL zu empfangen, und dann – bitte nicht an die Kollegen petzen – ab nachmittags und zum ersten Mal seit knapp fünf Jahren RTL geglotzt habe. Erst »Die Superhändler«, dann »Hol dir die Kohle«, danach »Meine Geschichte, Mein Leben«, dann »Freundinnen – Jetzt erst recht«, und zum Schluss, Ehrensache, »Unter Uns« und »GZSZ«. Danach habe ich mich wie ferngesteuert halbnackt zu Hause auf den Esstisch gelegt, meine Freundin dazu genötigt, Spaghetti Bolognese von meinem Bauch zu essen und als sie das nicht wollte und geschockt aus der Wohnung stürmte (sie isst eigentlich vegetarisch), schrie ich ihr vom Balkon aus Schimpfwörtern hinterher, für die ich als 15-Jähriger von der Schule geflogen wäre. Aber, keine Sorge: Schon nach 9 Bier und 87 Kippen hatte ich mich wieder beruhigt. Bin jetzt auch Fan. Deutschland!!!

81.

Neueste FootballLeaks-Enthüllung: #GERRUS wird nicht in den Kreis der 500.000 besten Spiele aller Zeiten aufgenommen. Mehr dazu am Samstag im Spiegel.

82.

Begeisterung ist 1 Lebensgefühl.

85.

Deutschland lässt jetzt Ball und Gegner laufen. Fun Fact: Bei uns wäre das ein und dasselbe.

87.

Ein Flitzer auf dem Rasen. Und das Publikum johlt. Es ist alles so traurig.

90.

Vier Minuten Nachspielzeit und die gute alte Frage: Warum?

90. +4

Nochmal der Konter für Deutschland, nochmal Julian Brandt. Diese gesegnete Naturgewalt, dieses vom Glück und Talent geküsste Kind. Zieht davon, unwiderstehlich, und macht dann einen Fehler nur, es nicht selbst zu machen. Will quer legen, legt und liegt falsch damit. Egal. Ganz egal. Wie dieses Spiel.

22.40 Uhr

Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Schnell weg hier, ehe Jens Lehmann ein offenes Mikrofon findet. Wir finden: alles toll. Publikum, Spiel, Coca-Cola, Grindel und Co. Super? Super! Schönen Abend.