Liveticker
Hansa Rostock – Dynamo Dresden 1:3
3. Liga

13:55 Uhr

Will­kommen, liebe Freunde, zum Top­spiel der Dritten Liga, Hansa Ros­tock gegen Dynamo Dresden, was ein Lecker­bissen. So rein von der Paa­rung her betrachtet. Der Live­ti­cker erwartet reinen Alpha-Nach­wuchs und freut sich schon auf süße kleine Welpen, die wir dann alle Tor“ nennen werden.

1.

Lasst uns für einen kurzen Moment auch all jenen Hun­dert­schaften gedenken, die an diesem Tag ganz traurig zu Hause sitzen und vor lauter Taten­lo­sig­keit hilflos ihre Schild­krö­ten­panzer mit dem Gum­mi­knüppel strei­cheln. Viel­leicht hilft ne warme Was­ser­wer­fer­du­sche zur Auf­mun­te­rung?

4.

Herr­lich. Die Kolleg*innen vom Sport­buzzer haben eine Galerie mit Spie­lern ent­worfen, die einst sowohl für Dynamo, als auch für Hansa spielten. Eine wilde Ach­ter­bahn­fahrt durch die seligen Neun­ziger: Abde­laziz Ahan­fouf, Rocco Milde, Henri Fuchs, Flo­rian Wei­chert. Ein Dank geht nach­träg­lich raus an die krea­tiven Eltern Milde, ihrem Soh­ne­mann diesen klang­haften und vor allem wun­derbar pas­senden Vor­namen zu ver­passen. Eng befreundet übri­gens mit Sanfti Ärger­lich.

8.

Große Sorgen um Hansa-Trainer Jens Härtel. Hat vor dem Spiel Ein­blick in seine Kran­ken­akte gegeben: Das Herz blutet dop­pelt.“ Juri Schlünz lässt sich vor­sorg­lich Blut abnehmen.

10.

Aber recht hat er ja, der Härtel. Klar, an Fuß­ball­spiele ohne Zuschauer haben wir uns wohl oder übel schon gewöhnen müssen, aber bei so einer Partie, die man ja dann doch außer­halb von Ros­tock oder Dresden vor allem wegen der krassen Fan­szenen ange­schaut hätte, ist das beson­ders bitter. Dop­pelt bitter. Das Herz, es här­telt.

14.

TOR! Kata­stro­phen­pass von Helm­träger Roß­bach, Ball kommt in die Mitte, da steht Dres­dens Daferner, 1:0 für Dynamo. Und das diese Bude auf die Kappe von Roß­bach trägt, weiß selbst Petr Cech.

19.

Hätte man uns das mal vor ein paar Jahren erzählt. Hansa gegen Dynamo im Ost­see­sta­dion und dazu Stim­mung vom Band. Biss­chen so wie erstes Date mit einer Gum­mi­puppe. 90 Minuten bag­gern, echte Gefühle.

23.

Nicht vom Band, son­dern aus schwer gereiztem Trai­ner­halse: das gute alte RAA­AUUSS!“. Meine per­sön­liche Nummer 3 hinter Nur stellen!“ und Kein Foul!“.

27.

Die Ticker-Kol­legen vom kicker haben ein opti­sches Über­ge­wicht“ für Hansa fest­ge­stellt. Dicke Schön­heits­kö­nige wissen, was damit gemeint ist.

30.

2:0 Dynamo! Frei­stoß­flanke auf den Elfer­punkt der Ros­to­cker, Hart­mann brüs­telt sich den Ball fein zurecht, schließt volley ab und trifft. Wirk­lich schönes Tor, das mich fast ver­gessen lässt, in wel­cher Liga wir uns hier bewegen. Würde mich ja gerne bei der Ros­to­cker Abwehr erkun­digen, auf welche Form der Defen­siv­ar­beit die sich heute geei­nigt haben, aber das wird schwierig: ist näm­lich nie­mand mehr da. Straf­raum so ver­waist wie die Haupt­tri­büne. Wann drückt Härtel die Vie­rer­ketten-Option auf seiner Fern­be­die­nung?

35.

Netter Ver­such der Anwe­senden, trotzdem heute so etwas wie Derby-Atmo­sphäre“ auf dem Rasen kre­ieren zu wollen. Freue mich schon darauf, wenn Kolke end­lich die ersten Ben­galos ent­zündet und Knip­ping die Block­fahne in seiner Vie­rer­kette ent­rollt.

38.

Kleine Kurio­sität: Dynamos Kevin Ehlers ist der Soh­ne­mann von Hansas Co-Trainer Uwe. Heute Abend dann gemein­same Video­ana­lyse mit Schnitt­chen und Gür­k­chen. Oder je nach Spiel­ver­lauf ein kom­pli­ziertes Weih­nachts­fest. Ich drücke Mama Ehlers die Daumen. Und hätte dann gerne noch ein paar schle­si­sche Gur­kenhappen.

40.

TOOOR!! 3:0 für Dynamo durch einen jungen Mann mit dem wun­der­schönen Namen Rans­ford-Yeboah Königs­dörffer. Ros­tocks Defen­sive so exis­tent wie die Ber­liner Mauer.

43.

Keine Zeit für neue Gags, denn Ros­tock gelingt durch Breier der Anschluss­treffer – nur noch 1:3.

45.

Neuer Lieb­lings­fuß­baller: Dres­dens Rans­ford-Yeboah Königs­dörffer. Zieht damit an Bentley Baxter Bahn vorbei. Und ich gebe die Hoff­nung nicht auf, meinen zukünf­tigen Erst­ge­bo­renen Dieter-Wynton-Rune nennen zu dürfen.

Halb­zeit

Junge, Junge. Eises­kälte im Ros­to­cker Ost­see­sta­dion, viel erhofft hatte ich mir nicht von diesem Spiel, doch die her­bei­ge­sehnte Derby-Stim­mung auf dem Rasen ist tat­säch­lich ein­ge­treten. Vier Tore auch des­halb, weil sinn­volle Abwehr­ar­beit bis­lang nicht wirk­lich im Fokus stand. Mehr Fehler als damals in der Rede von Scha­bowski. Der Ticker macht kurz Pause und meldet sich gleich wieder. Wird gut!

46.

Die Mann­schaften sind zurück, Schiri Gräfe schießt den Ball auf den Rasen und schaut Wolf­gang Over­a­thig hin­terher. Schönster Pass der Partie. Weiter geht´s.

49.

Dresden on fire. Da denke ich zurück an den 1. Sep­tember 2003. Ich frisch geba­ckener Abitu­rient, kna­ckige 19 Jahre alt und natür­lich leicht zu beein­flussen. Zum Bei­spiel mit dem kurz­fris­tigen Angebot, zum Pokal­spiel Dresden gegen Ham­burg zu fahren, weil bei Dynamo immer so eine geile Stim­mung wäre. Wir also in den Miet­wagen (mit Ham­burger Kenn­zei­chen, schlau) und von Celle nach Dresden. Vor Ort Bekannt­schaft mit dem ört­li­chen Dia­lekt gemacht („Da vorne rechts geht es zum Sta­dion, oder?“ Nu.“ Wie, nu?“) und dann im alten Rudolf Harbig 90 Minuten lang den Sup­port der SGD andächtig gelauscht. Das Spiel? Furz­pie­pegal. Aber Block­ge­sang von 5000 da und 5000 dort – so noch nie gesehen oder gehört. Nach dem Spiel (1:0 für Ham­burg) dann volle Kanne Wir sind der zwölfte Mann“ auf­ge­dreht, um zu ver­hin­dern, dass düster drein­bli­ckende Kanten uns die Außen­spiegel abtreten. Hat irgendwie funk­tio­niert. Schönes Aben­teuer. 17 Jahre her. Oh Mann.

54.

Bin ja großer Fan von Markus Kauc­zinski. Besser gesagt: von seinem Gesicht. Sieht immer so aus, als wäre er mor­gens um halb 4 von lauten Bau­ar­beiten im Neben­zimmer auf­ge­weckt worden, hätte sich dann auf dem Weg zur Toi­lette den großen Zeh an der Tür gestoßen, ran­zige Milch in den Kaffee gekippt und einen Hund mit noto­ri­schem Dünn­schiss Gassi geführt. Bestimmt aber eigent­lich ein ganz lieber Kerl.

57.

Immerhin: Ros­tock ver­sucht es ja. Eben zum Bei­spiel Klei­der­schrank Löh­manns­röben mit einem Schuss aus der zweiten Reihe, der dann aller­dings im Abfang­netz lan­dete. Hansa bis­lang wie ein ver­zwei­felter Fahr­schüler, der die Prü­fung unbe­dingt noch retten will und den Fahr­lehrer mit einer Drift­ein­lage vor dem Alten­heim zu beein­dru­cken ver­sucht. Kicker-Note durch­ge­fallen.

61.

Erin­ne­rungen wurden dieser Tage wach an ein Duell beider Teams vor drei Jahr­zehnten, als sich Hansa völlig über­ra­schend zum letzten Meister der DDR-Ober­liga kürte und Uwe Rein­ders Schnäuzer zum haa­rigen Symbol des Auf­bruchs wurde. Legendär übri­gens, wie der Wessi Rein­ders beim ersten Trai­ning seinen Jungs mit­teilte, dass er Tag und Nacht für sie zu errei­chen sei. Ein­fach anrufen“, bellte Rein­ders und die Ober­lippe bebte vor­freudig. Schüch­terner Ein­wand von Kapitän Schlünz: Trainer, wir haben gar kein Telefon.“ Da wusste auch Rein­ders, dass er in einem anderen Land ange­kommen war.

63.

Apropos Meis­ter­schaft. Noch immer eines meiner abso­luten Lieb­lings­fotos. Gernot Alms an der Luft­gi­tarre.
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68.

Um nicht zu viel Sand in den Kopf zu ste­cken: ein Vor­teil hat so ein leeres Fuß­ball­sta­dion ja. Man hört jedes rein­ge­brüllte Trai­ner­wort. Muss ich immer wieder an einen Arbeits­ein­satz vor vielen, vielen Jahren denken, der mich als jungen Lokal­re­porter auf einen hie­sigen Sport­platz führte, wo gerade die zweite Mann­schaft des Gast­ge­bers die letzten Minuten zu über­stehen ver­suchte. Lag ori­ginal mit 0:8 hinten. An der Sei­ten­linie der unter­le­gene Trainer, nur echt im schwarzen Trench­coat und Akten­ta­sche unter dem Arm. In der 3. Kreis­klasse, wohl­ge­merkt. Dann dieses: Anschluss­treffer in der 89. Minute. Nur noch 1:8. Akten­ta­schen-Trainer mit gel­lender Stimme: Super, Jungs! Jetzt haben wir sie da, wo wir sie haben wollten!“ Nach dem an sich ja nur logi­schen Zynismus suche ich bis heute.

73.

Alles kann, nichts muss in diesem Spiel. Wüsten Atta­cken auf feuchtem Geläuf gegen geg­ne­ri­sche Außen­bänder im Fuß­ge­lenk folgen Zucker­pässe aus dem Halb­feld, über­ra­schend ele­ganten Ball­an­nahmen Spiel­züge aus der Vor­hölle. Wenn dieses Spiel ein Erst­li­gist wäre, wäre es Werder Bremen.

79.

Neid­hart drückt Daferner direkt vor den Trai­ner­bänken seinen Unterarm ins Gesicht, ein Check von sol­cher Prä­zi­sion, dass er im Eis­ho­ckey wahre Jubel­stürme oder zumin­dest eine hand­feste Kei­lerei pro­vo­ziert hätte, aber wir befinden uns noch immer einem Fuß­ball­sta­dion und des­halb bekommt Neid­hart Gelb, brüllt draußen einer Was ist denn los mit dir?“ und denkt außer mir nie­mand an Wayne Gretzky.

82.

Ros­tock wei­terhin so kreativ wie ein Land­schafts­maler im Win­ter­schlaf. Härtel steht ver­zwei­felt vor einem leeren Blatt Papier und sucht den Tusch­kasten. Und irgendwo sitzt Martin Max und mei­ßelt im Garten seinen Tor­rie­cher in Granit.

86.

Ent­las­tungs­an­griff über Königs­dörffer, keine Gefahr. Namens­vetter Tony zündet im Wohn­zimmer ein Lager­feuer an und schickt auf­mun­ternde Rauch­zei­chen Rich­tung Ros­tock.

88.

Vor Jahren sah ich mal ein Spiel auf der Pres­se­tri­büne in Dresden, hinter mir wie­selte viele Minuten lang ein ziem­lich auf­dring­li­cher Kerl, der sich dann auch noch auf der Lehne meines eh schon wack­ligen Büro­stuhls auf­lehnte und sich offenbar nicht an meiner Anwe­sen­heit störte. Lange Sekunden über­legte ich mir einen schlauen Spruch, um den Typen zu ver­treiben und einigte mich schließ­lich auf: Kol­lege, gehört dir hier das Sta­dion oder was? Geh weiter.“ Nicht son­der­lich kreativ, aber wir­kungs­voll. Dachte ich. Ich dreh mich also um, hol tief Luft, will los­pol­tern – und blicke in das Gesicht von Ralf Minge bzw. auf dessen stolze Adler­nase. Spruch geklemmt, schließ­lich gehörte dem Mann zum dama­ligen Zeit­punkt tat­säch­lich das Sta­dion. Jeden­falls deut­lich mehr als sonst wem vor Ort.

90.+1.

Nur noch Donald Trump zwei­felt am Sieg der Dres­dener. Rudy Giu­liani for­dert Rot für Ulf Kirsten.

Abpfiff

Ende, aus, 3:1 gewinnt Dynamo Dresden den Kra­cher in der Dritten Liga. Ver­dient auch des­halb, weil Ros­tock weniger ein­fiel als Corona-Leug­nern nach den ersten Erkäl­tungs­sym­ptomen. Der Ticker ver­ab­schiedet sich, wünscht ein schönes Wochen­ende, biss­chen Sonne zwi­schen­durch und hofft auf ein bal­diges Wie­der­sehen!