Liveticker
Dänemark – Belgien 1:2
EM

17:40 Uhr

Hallo und herz­lich Will­kommen. Gleich spielt Däne­mark gegen Bel­gien. Keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist. Keine Ahnung, ob Däne­mark eine reelle Chance hat. Sicher ist nur eins: Es gibt wich­ti­geres als Fuß­ball. War schon immer zweit­rangig: der Ticker.

17:42 Uhr

Und damit, liebe Freunde, starte ich so ernst und ehr­lich wie mög­lich. Weil das, was am Samstag pas­siert ist, lässt sich nicht bei­seite schieben. Aber: Chris­tian Eriksen ist am Leben. Und das ist ja das Wich­tigste. Wes­halb ich in den nächsten 90 Minuten ver­su­chen werde, euch zu unter­halten und gleich­zeitig immer den rich­tigen Ton zu treffen. Was sich anfühlt, wie Kla­vier zu spielen, das explo­diert, wenn ich ver­se­hent­lich die fal­sche Taste drücke. Und, naja, ich kann halt keine Noten lesen.

17:45 Uhr

Auf der anderen Seite: 90 Minuten Kla­vier­spielen. Damit hat Danger Dan ein ganzes Album voll­be­kommen. Und musste auch nichts befürchten. Nur Reak­tionen von der Polizei. Und spä­tes­tens seitdem ist klar: Man kann schlechte Gags nicht immer planen.

17:48 Uhr

Viel Poten­zial also heute für schlecht­ge­timte Gags auf Kosten der Fal­schen. Keiner lacht, alle schüt­teln den Kopf. Eigent­lich ein Wunder, dass Dieter Nuhr nicht tickern wollte.

17:51 Uhr

Bin übri­gens dafür, dass Bel­gien dieses Spiel frei­willig ver­liert. Aber nicht gön­ner­haft. Son­dern so, wie ein Fami­li­en­vater, der seinem 12-jäh­rigen Nach­wuchs eine Chance bei Siedler von Catan geben will, des­halb die ersten beiden Sied­lungen etwas zu weit von­ein­ander und nahe der Wüste auf­stellt. Den Nach­wuchs auch die Längste Han­dels­straße bauen lässt. Und gerade, als er ernst machen will, fragt das Kind nach einem letzten Schaf, hat die grösste Rit­ter­macht und deckt drei Sieg­punkte auf. Revanche aus­ge­schlossen, alter Mann.

17:55 Uhr

Fünf Minuten vor Anpfiff wird ein rie­siges Eriksen-Trikot ins Sta­dion getragen, der Sta­dion-DJ spielt You’ll never walk alone“, es wird in die Gesichter der däni­schen Spieler gefilmt, die sich sicht­lich zusam­men­reißen müssen. Erste Mal feuchte Augen, aber keine Taschen­tü­cher parat. Und damit bin ich der erste Deut­sche seit Mats Hum­mels, der schon vor dem Spiel ein Tempo-Pro­blem hat.

17:57 Uhr

Bel­gien wie Pfälzer am ersten Tag des Som­mer­sur­laubs: Noch fehlt de Bruyne.

17:59 Uhr

Die däni­sche Hymne. Nach Buda­pest ist also auch das Sta­dion in Kopen­hagen kom­plett aus­ge­füllt. Mit ganz viel Liebe.

1.

Auch dieses Spiel beginnt mit einem Anstoß. Und irgendwie bin ich froh über ein biss­chen Sicher­heit in diesen selt­samen Tagen.

3.

Ist das zu fassen? Ist es nicht! Däne­mark führt! Weil Denayer einen schlechten Pass spielt, Höjb­jerg ist sogleich dazwi­schen, schickt Poulsen. Der trifft sofort. Und wenn sie beim Oscar einen Preis für die Szene des Jahres“ ver­geben, dann hat dieses Tor schon gewonnen. Kate­gorie: Kitsch.

5.

Mehle mit der nächsten Chance! Fast das 2:0. Und schon jetzt ist klar: So wiedas Publikum reagiert, könnte Däne­mark durch dieses Tur­nier getragen werden. Und irgendwo schaut Bas­tian Schwein­s­teiger bedau­ernd auf das Hucke­pack-Angebot von Jessy Wellmer.

8.

Wass ist das? Das ist Wass! Der die nächste Chance für Däne­mark hat. Sein Kopf­ball wird von Cour­tois abge­wehrt. Und ich hatte mir geschworen, keinen Herz-Gags zu machen, aber ich glaube, ich ver­liebe mich gerade.

10.

Es ist die zehnte Minute. Und Meu­nier kickt den Ball ins Aus. Das hatten beide Mann­schaften so ver­ab­redet. Die Spieler klat­schen, das Publikum steht auf und klatscht. In der zehnten Minute. 10 – die Rücken­nummer von Chris­tian Eriksen. 

13.

Ich hab‘ so der­maßen Gän­se­haut, kein Wunder, wenn gleich ein irrer Fran­zose rein­kommt, meinen Hals packt und mich mästen will. Was lustig ist, denn wenn es mir phy­sio­gno­misch irgendwo nicht an Größe man­gelt, dann hier bitte: meine Leber.

16.

Aktuell jede Mann­schaft in der Tabelle der Gruppe B wie dieser Satz, am Ende drei Punkte …

20.

Die Bel­gier suchen jetzt Lukaku. Aber Kjäer meldet den Stürmer bisher kom­plett ab. So gesehen ja auch eine seiner leich­teren Auf­gaben in dieser Woche. Keine Pointe.

23.

Bel­gien wie ein Fami­li­en­vater, der schon vor 15 Minuten in den Urlaub fahren wollte. Es war ja so abge­spro­chen. Aber dann fehlte noch was. Dann musste der Wagen noch vor­heizen und sowieso: Habt ihr an Getränke gedacht, Kinder? Jetzt aber wird end­lich Fahrt auf­ge­nommen.

27.

Bitte nicht wun­dern, wenn Sie sich aktuell bei Twitter nicht ein­loggen können. Aber die Server dort sind über­lastet, weil so viele Neu­an­mel­dungen von fra­gilen Männ­lich­keiten einen Post absetzen wollen, weil Claudia Neu­mann kom­men­tiert. Ist aber wie der unan­ge­nehme Kol­lege, der bei der Fir­men­feier seine Chance wit­tert und jetzt am Steh­tisch doch igno­riert wird: Müsste gleich wieder gehen.

31.

Bel­gien jetzt mit der Molen­beek-Vari­ante: eine der häss­li­cheren Ecken.

35.

Es ist unglaub­lich: Der 20-jäh­rige Mikkel Dams­gaard alleine gegen die gesamte bel­gi­sche Abwehr. Tanzt sie aus wie in einer auf­ge­motzten Hol­ly­wood-Musical-Ver­fil­mung. Fast das 2:0. Und ich lege mich fest: Sollte dieses Spiel, diese Geschichte, jemals von Hol­ly­wood ver­filmt werden, dann ist das der Moment, wo sich Chris­tian Eriksen das Trikot über­streift, einen Fan­schal umlegt und von einer Kran­ken­schwester heim­lich Rich­tung Sta­dion gefahren wird.

38.

Bel­gien auf Außen wie ein tes­to­ste­ron­über­la­dener Jugend­li­cher, der in die voll­trunken in die Rocker­kneipe gefallen ist. Sucht selbst­be­wusst das Eins-gegen-Eins, die Ange­le­gen­heit ist dann aber in Sekun­den­bruch­teilen geklärt.

42.

Jetzt kommt Lukaku mal ins Spiel, löst sich aus einer Umklam­me­rung und rennt los. Der Bel­gier für Däne­mark wie ein Vor­ge­schmack auf das Schmelzen der Pol­kappen. Ein ganzes Land bedroht von einer Natur­ge­walt.

45.

Auf der Wer­be­bande fragt Coca-Cola: Ready for Halftime?“ Und irgendwo im Trai­nings­camp der Por­tu­giesen spielt Cris­tiano Ronaldo aus Prinzip ein­fach weiter. Ist das die Chance, von der Joa­chim Löw nichts ahnte?

45.+1

Schieds­richter Kui­pers pfeift zur Halb­zeit. Däne­mark führt 1:0, spielt fan­tas­tisch, und ich fühle mich ein biss­chen wie der Mär­chen­onkel, der nach einem anstren­genden Tag auf dem Spiel­platz, seinen Neffen und Nichten ein Bil­der­buch schmack­haft machen will, aber: Das könnte der Anfang einer ganz groß­ar­tigen Geschichte sein.

46.

Weiter geht’s. Bel­gien bringt de Bruyne. Als spiele man gegen einen Groß­meister Schach. Und schlägt auch einen seiner Bauern. Und dann sieht man, dass er seine eigenen Figuren raus­holt.

49.

Bel­gien jetzt natür­lich stärker, de Bruyne und Lukaku tau­chen gleich mal im geg­ne­ri­schen Sech­zehner auf. Aber Däne­mark reagiert gelassen. Das klingt viel­leicht zynisch, das ist aber gar nicht lustig oder effekt­ha­schend gemeint. Mich beschleicht nur das Gefühl, das gute Gefühl, dass diese däni­sche Mann­schaft nicht mehr allzu viel scho­cken kann.

53.

Frei­stoß Däne­mark, weil Höjb­jerg gefoult wird. Alde­wei­reld beschwert sich: So ein Höjb­jerg und dann fällt er bei der kleinsten Berüh­rung um.“

54.

Tor für Bel­gien. Und wenn Kevin de Bruyne in diesem Jahr die Welt­fuß­bal­ler­wahl gewinnen will, dann sollte er der Jury diese Szene zeigen. Lukaku setzt sich auf rechts durch, dann geht der Ball im Straf­raum zu de Bruyne. Der lässt mit einem kurzen, abge­stimmten Zögern die kom­plette däni­sche Defen­sive ins Leere laufen und legt quer. Thorgan Hazard muss nur noch ein­schieben. In der zweiten Halb­zeit wie die Dop­pel­kopf­runde, die sich spa­ßes­halber an Skat pro­biert, nach zehn Minuten steht fest: Ein kom­plett anderes Spiel.

58.

Hui, Däne­mark ver­hin­dert einen Konter nach eigenem Frei­stoß durch ein tak­ti­sches Foul­spiel. Gelbe Karte. Der Däne (ent­setzt): Wass?!“ Kui­pers: Kui­pers, ange­nehm.“

61.

Pri­vates an dieser Stelle. Muss mich nach dem Spiel beeilen, weil wir seit einer Woche wieder trai­nieren. Mein Trainer, der Andi, lässt eigent­lich keine Ver­spä­tungen zu, will diesmal aber eine Aus­nahme machen. Hat uns ja auch ver­misst. Und also geht‘s gleich auf einen Kunst­ra­sen­platz im Wed­ding, erst biss­chen Eck­chen, irgendein trot­te­liger Tau­ge­nichts wird getun­nelt, zweimal, dann ein­fach Lie­ge­stütze („Tut euch gut, Män­ners“), Tor­schuss, sinnlos anbrüllen lassen und Abschluss­spiel. Hör mal, wie das schmeckt! Warum ich das schreibe? Weil das Fuß­ball für mich ist. Und also ent­fernt damit ver­wandt, was die Typen da in Kopen­hagen treiben. Die aber irgend­wann genau das Mal auch getan haben. Und also ein biss­chen pure Liebe zu diesem Sport in einem durch­kom­mer­zia­li­sierten Event noch ver­spüren müssen. Weil sonst, und da bin ich mir fast sicher, würde eine Mann­schaft heute gar nicht auf dem Platz stehen.

65.

Sollte diesem Spiel jemals eine Statue gebaut werden, dann wün­sche ich mir die ver­keilten Kjaer und Lukaku im Pri­vat­duell. Bei denen man gar nicht mehr erkennt, wo der Arm des einen beginnt und das Bein des anderen auf­hört. Moderne Kunst.

68.

Was heißt Zu abge­zockt“ auf Dänisch? Dams­gaard. Der 20-Jäh­rige läuft in den Straf­raum, Meu­nier bei ihm. Plötz­lich hebt er ab. Kui­pers erkennt sofort auf Schwalbe. Dams­gaard zuckt mit den Schul­tern: Macht noch keinen Sommer. Aber es sind 33 Grad. Und also alles richtig.

72.

Von wegen Sommer! In Kopen­hagen sind die Tem­pe­ra­turen schlag­artig gefallen. 2:1 für Bel­gien, so ist es pas­siert: Nach einem Pass von Eden Hazard zieht Kevin de Bruyne aus 20 Metern ab. Der Ball fliegt ins untere linke Eck, Schmei­chel ist chan­cenlos. Und de Bruyne? Zuckt nicht. Guckt nicht. So eis­kalt, der erste Eisbär in Däne­mark seit der Auto­nomie Grön­lands.

75.

Kjaer gegen den davon­ei­lenden Lukaku, grätscht ihn im letzten Moment ab. Die bel­gi­sche Dele­ga­tion bestellt ein Pri­vat­s­huttle für den Stürmer. Denn die Lauf­wege des Stür­mers werden der­maßen gut bewacht, nicht aus­ge­schlossen, dass Kjaer ihn später nicht in den Mann­schaftsbus lässt.

80.

Ja, Bel­gien war zuge­schnürt in der ersten halben Stunde, aber seitdem: Was für ein Fuß­ball. Alleine de Bruyne beim Kicken zuzu­sehen ist wie ein Muse­ums­be­such. Was soll’s, ich laufe in den Keller, hole meinen Schland-Iro­kesen hervor und werde Bel­gien-Fan. Allez, les Bleus!

83.

Däne­mark ver­sucht es jetzt mit langen, hohen Bällen. Scheint aus­sichtslos. Oder aber: Genial. Weil de Bruyne viel­leicht doch noch denkt, dass er sich beim Tur­nier vertan hat, und vom Platz gehen wird.

87.

Die däni­schen Fans singen gemeinsam. Ein wenig hof­fend, dass noch was pas­siert. Ein biss­chen dan­kend, über das, was heute pas­siert ist. Und ich summe mit, weil ich den Text nicht kenne, zu Don’t take me Home, please don’t take me Home.“ Dabei sitze ich zuhause auf der Couch. 1:2 für Bel­gien.

90.

So viel Ein­satz und trotzdem nichts Zähl­bares auf dem Konto. Keine Ahnung, wie sie Euro­pa­meis­ter­schaft in Däne­mark abkürzen, aber ich tippe auf FSJ.

90.+3

Ich sag, wie’s ist: Gerade nochmal den Pass von de Bruyne zum 1:1 gesehen. Und ich möchte mir für diesen Pass mein ein­ziges gebü­geltes Hemd anziehen, bei einem Date (viel­leicht mag es Fritten) tief in die Augen bli­cken und von mir über­zeugen. Gemeinsam ans Meer ziehen. Der Pass arbeitet weiter als große Kunst, ich mache irgendwas mit Autos. Dann viele kleine Pässe machen. Zuckersüß. Aber auch sehr gefähr­lich, wenn man sich mal umdreht. Hat jemand die Nummer?

90.+5

Kui­pers pfeift ab. Fast schon schade. Was für ein fan­tas­ti­sches Spiel. 2:1. Aber eigent­lich, und nur fünf Tage nach dem schreck­li­chen Vor­fall um Chris­tian Eriksen, hat heute vor allem der Fuß­ball gewonnen. Die gute Nach­richt.