Liveticker
Jürgen Kramny – Sixten Veit 4:5
Bundesliga

15:15 Uhr

Leute, des­in­fi­ziert eure Vuvu­zelas und wascht eure Fern­seher 30 Sekunden lang mit Seife, denn, ich kann es nicht anders sagen: JJJAAAAAAAAAAAA, FUSSSBAAAAAAALLLL!!!!! His­to­ri­sche Kon­fe­renz auf Sky, fünf alte Spiele, die uns durch diese tro­ckene Wüste namens Sai­son­un­ter­bre­chung bringen wollen. Tanze hier vor Freude mit zwei Metern Abstand zu mir selber durch die Bude!!! Let’s go!

15:17 Uhr

End­lich wieder Fuß­ball. Mal im Ernst, selten war mir an den Wochen­enden so lang­weilig wie in der sozialen Corona-Iso­la­tion der letzten Wochen. Man kann seine Manga-Samm­lung eben nur einmal nach den darin vor­kom­menden Sexu­al­prak­tiken sor­tieren, da kriegt man viel­leicht einen Tag mit rum, aber dann? Will nicht sagen, dass mir lang­weilig war, aber ges­tern habe ich die kleinen Pinöppel auf meiner Rau­fa­ser­ta­pete nach Größe in einer Excel-Tabelle erfasst. Heute hatte ich eigent­lich vor, das Tele­fon­buch zu lesen oder auf der Couch zu sitzen und zu atmen. Die his­to­ri­sche Kon­fe­renz, sie kommt keinen Tag zu früh.

15:18 Uhr

Geht gut los: Sandro Schwarz wird zu seiner Nicht­be­rück­sich­ti­gung für die Startelf 2002 inter­viewt. Das war keine Ent­schei­dung gegen Sandro Schwarz, son­dern für Jürgen Kramny“, so Schwarz. Kann man sich in einen Satz ver­lieben? Frage für den ein­zigen Freund, den ich aktuell habe: mich. 

15:24 Uhr

Kleiner Abzug in der B‑Note: Die Wer­bung ist nicht aus 2002. Schade drum. Hatte mich gefreut auf die neu­este Frufoo-Sorte oder dass mir ein 2002er-Promi a la Ara­bella Kies­bauer oder so erklärt, warum ich den neuen T‑Online Scall XTS Pager unbe­dingt brauche. Keine Sorge, Ara­bella. Den hab ich schon. Ich tickere sogar gerade davon. 

15:29 Uhr

Geht nach Berlin, wo die Hertha RB Dings­bums emp­fängt. Wünschte mir eine Zeit­ma­schine, dann würde ich mich jetzt da in die Ost­kurve beamen und dem Erst­besten sagen: Kol­lege, in zwei Jahren ist Jürgen Klins­mann bei euch Trainer, für 70 Tage, kauft für 80 Mios ein, dann ver­pisst er sich via Face­book live und leakt dann seine Tage­bü­cher an die Presse. Viel Spaß. Dann wieder weg­beamen. Und irgendein Haut­pstadt­ronny steht dann da, reibt sich die Augen, guckt skep­tisch auf sein Bier, schüt­telt den Kopf und quatscht dann weiter mit seinem Neben­mann, warum dieses Jahr das Jahr von Palko Dardai wird. 

15:30 Uhr

So, Anstoß. Bzw. ist ja Ver­gan­gen­heits­form. Also Anstieß. 

2.

Oh, ist gar nicht in Berlin, ist in Leipzig. Trotdzem: Kann mich tat­säch­lich noch genau daran erin­nern, an dieses Spiel vor zwei Jahren, und wie ich es ein­fach kom­plett igno­riert habe. Als wäre es ges­tern gewesen. 

5.

Nächster Halt: Sins­heim, wo der 1. FC Köln zu Gast ist. Bzw. war. Ansonsten aber alles wie immer. Dietmar Hopp steht auf dem Balkon und winkt dem Fuß­volk, der Effzeh ver­edelt gerade eine Chaos-Saison. Da soll mal einer sagen, im Fuß­ball gäbe es keine Kon­stanten. 

7.

Ab zu Lever­kusen gegen Wolfs­burg. Toll, dass die beiden Teams anno 2014 schon ein Corona-Geis­ter­spiel ange­setzt haben. Sicher ist schließ­lich sicher. 

8.

Ha, direkt die erste Hütte. Bas Dost setzt sich gegen Böh­nisch und Spahic durch, und das ist viel­leicht der schönste Satz, den ich je geschrieben habe. Nickt dann in der Mitte ein, liegt quer in der Luft. Wahn­sinn. Kenne Frank­furter, die kennen den Dost gar nicht mehr ohne Rol­lator. 

11.

Jetzt geht’s aber rund: Tobias Werner erzielt das 1:0 gegen Pader­born und steigt damit zum Rekord­tor­schützen Augs­burgs auf. Juhu, juhu. Habe Werner immer geliebt, ein­fach weil er Fuß­ball spielte, wie andere Men­schen die Treppe run­ter­fallen. Der fleisch­ge­wor­dene Das-kann-ich-auch. Danke, Tobi. Und Glück­wunsch. 

15.

Mein High­light heute: Das Spiel Mainz gegen Union aus dem Jahr 2002. Das Bild grob gekörnt, Tamas Bodog. Dennis Wei­landt. Chris­toph Babatz auf dem Platz, Namen wie von der letzten Bank einer Berufs­schul­klasse, Aus­bil­dungsweg Metz­gerei. Ent­spre­chend Dennis Wei­landt mit einem Befrei­ungs­schlag Marke Fleisch­klopfer, anschlie­ßend ein unap­pe­tit­li­cher, irgenwie fettig wir­kender Zwei­kampf an der Sei­ten­linie. Wie man ein Spiel file­tiert, lernen sie wohl erst im nächsten Halb­jahr. Und an der Sei­ten­linie steht Jürgen Klopp im blu­tigen Kittel, schüt­telt miss­mutig den Kopf und freut sich auf das Mett­bröt­chen, den gräu­li­chen Fil­ter­kaffee und die aus unge­wa­schenen Fin­gern gerauchte Ernte23, die er sich gleich in der großen Pause gönnen wird. Warum tut er sich den Mist eigent­lich an, denkt er. Er könnte in der Zeit ja was Sinn­volles machen. Den elter­li­chen Betrieb über­nehmen, oder Liver­pool zur Meis­ter­schaft führen. Naja. Gong. Schnell noch eine Ernte23, bevor er zurück zu diesen Blagen muss, die da gelang­weilt in der letzten Bank lüm­meln und leicht­mütig den Auf­stieg ver­spielen.

19.

Geil, Naldo mit dem Frei­stoß­hammer, 2:0 für Wolfs­burg. Was ein Huf. Naldo wahr­schein­lich wirk­lich der ein­zige Spieler auf der Welt, der einen Frei­stoß von 2014 bis nach 2020 prü­geln könnte. Habe ein biss­chen Schiss, dass sich hier gleich ein Wurm­loch im Raum öffnet und mich ein Naldo-Ball mit Warp-Geschwin­dig­keit k.o. schießt.

24.

Jetzt mal wieder Hof­fen­heim gegen Köln. Und wäh­rend ich schreibe, erfindet die Kölner Defen­sive das Social Distan­cing, lässt Serge Gnabry zwei Meter Platz, der schweißt das Ding zum 1:0 unter die Latte. Und an der Sei­ten­linie jubelt Julian Nagels­mann in seine Arm­beuge. 

28

Habe ja den Ver­dacht, dass Sky die Paa­rung Augs­burg gegen Pader­born nur zeigt, um die Her­denim­mu­nität gegen Scheiß­spiele in der Bevöl­ke­rung zu stei­gern. 

31.

Der­weil Hakan Cal­ha­noglu für Lever­kusen beim Frei­stoß. Geht knapp vorbei, aber ich hatte ganz ver­gessen, wie schön so ein Cal­ha­nogu-Frei­stoß ist. Als würde man ein altes Buch aus dem Regal nehmen und ein Foto der Ex-Freundin fällt heraus. Und plötz­lich sind sie alle wieder da, die schönen Momente. Der erste schüch­terne Schuss, die Ver­traut­heit, mit der man irgend­wann all die kleinen Eigen­wil­lig­keiten in der Flug­kurve wahr­nimmt, das wie Ker­zen­licht fla­ckernde Tor­netz. Ach, Hakan, es war nicht alles schlecht damals, oder? Denkst du noch manchmal an mich?

34.

Halb­sätze, die man sich ins Poe­sie­album schreiben möchte: „… hat sich einen Ruf als Rau­bein erar­beitet.“ Egal, um wen es ging, ich brauche ein Trikot von ihm. 

38.

Geil, bei Mainz im Tor: Dimo Wache. Fun Fact: Dimo Wache ist der ein­zige Timo auf der Welt, den Lothar Mat­thäus kor­rekt aus­spre­chen kann. 

42.

Innen­ver­tei­di­gerduo bei Augs­burg ist übri­gens: Ragnar Klavan und Jan-Ingwer Callsen-Bra­cker. Wäre das hier Scrabble, hätte Augs­burg schon gewonnen. Bzw. ver­loren. 

45.

Wolfs­burg führt mitt­ler­weile mit 3:0. Und so, wie dieses Spiel läuft, hat Bas Dost unge­fähr sechs der drei Tore geschossen 

16:18 Uhr

So, Halb­zeit. Bin gespannt, ob es auch eine his­to­ri­sche Halb­zeitshow geben wird. Viel­leicht die Man­nes­mann-Mobil­funk Halb­zeit­ana­lyse in einem ver­rauchten, irgendwie beige­farben wir­kenden Papp­studio, in dem uns Lothar Buch­mann und Udo Latteck die Mann­de­ckung erklären und sich Mode­rator Gerd Ruben­bauer über die geplante Rück­pass­regel echauf­fiert. 

16:20 Uhr

Hach, wat schön. Das ist ohne Witz die beste Zeit­reise seit meinem Ven­ga­boys-DVD-Abend ges­tern. Dädä­dä­dä­d­ä­ä­ää­däää…

16:21 Uhr

So, Leute, ich gucke mal eben, ob ich noch Frufoo im Kühl­schrank habe. Drückt mir die Daumen und bis gleich.

46.

Weiter geht’s. Habt ihr euch alle die Hände gewa­schen? Gut. Anpfiff.

48.

Wir starten übri­gens wieder in Hof­fen­heim 2018, wo Serge Gnabry quasi mit Anstoß das 2:0 schießt. Was ein Spieler. Den haben sich die Bayern ja damals schon zehn Mil­lionen Euro kosten lassen. Ist ja nur zwei Jahre her, aber der ist heute sicher­lich ein viel­fa­ches wert. Bestimmt zwei, viel­leicht drei Packungen Klo­pa­pier.

50.

Unter­dessen Tobi Werner mit dem 2:0 für Augs­burg. Um so schön abzu­stauben, wie Werner das macht, müssen andere erst Haus­wirt­schafts­lehre stu­dieren. Toll. 

54.

Zurück nach Leipzig anno 2018. Also da hätte ich mir tat­säch­lich mal einen his­to­ri­schen Klas­siker gewünscht. Der SSV Markran­städt in den Neun­zi­gern gegen die BSG Irgendwas-leben, vier säch­selnde Rentner an einer Eisen­stan­gen­bal­lus­trade am Spiel­feld­rand, die schon beim Anstoß meckernd abwinken. Letzte Reste von Koh­le­staub in der Luft, ein über­ge­wich­tiger Mau­rer­ge­selle stol­pert über den Ball, ein anderer über­ge­wich­tiger Mau­rer­ge­selle staubt ab, der Grill­rost knis­tert, wenige Kilo­meter ent­fernt hält VfB-Kapitän Frank Edmond seinen Minipli in eine Flanke von Steffen Heid­rich, auf der Tri­büne Reiner Cal­mund, der sich Notizen macht.

58.

Abso­lutes High­light auch die Ban­den­wer­bung in Berlin 2002. Micky-Tours – der freund­liche Fahr­dienst­leister“. Lol. Was für unschul­dige Zeiten, als sich der Besitzer von Micky-Tours eine Zweit­li­ga­bande leisten konnte. Der Anfrage würde ich heute gerne mal bei­wohnen. Hier is Micky, von Micky-Tours. Ick wollt ma fragen, wat so ne Bande kostet. Wat? Nee, ick kann keen Chi­ne­sisch, warum? Nee, digital is auch schwierig. Wat? Wie viel? Samma, seid ihr noch janz knusper?“

61.

Eieiei, Chris­toph Babatz ver­ur­sacht den Elfer, Chris­tian Fiel schießt Mainz vom Auf­stiegs­platz. Frage mich, ob Babatz der ein­zige Spieler der Welt ist, dessen Name sich anhört wie sein Signa­ture Move klingt: Das Zu-spät-in-den-Zwei­kampf-kommen-und-den-Gegner-auf-Waden­höhe-umna­geln. *BABATZ*

64.

Jürgen Kramny dann mit dem grausten Zwei­tau­sender-Zweit­li­gaf­rei­stoß, den ich je gesehen habe. Läuft an, stoppt ab, läuft wieder an, hat beim Schuss noch die Hand in die Hüfte gestützt, löf­felt den Ball dann ins Nir­gendwo. Wenn das Hakan Cal­ha­noglu im Par­al­lel­spiel erfährt, hängt er die Schuhe noch 2014 an den Nagel.

67.

Unter­dessen fallen hier übri­gens gefühlt 200 Tore, die meisten davon anschei­nend von Bas Dost. Mir geht es der­weil wie Jürgen Kramny in einem hypo­the­ti­schen Zwei­kampf mit Heung-min Son: Ich komme ein­fach nicht hin­terher.

68.

Men­schen, die ich kom­plett ver­gessen habe: Stefan Ruthen­beck. 

70.

Köln mitt­ler­weile übri­gens 0:5 in Sins­heim hinten. Der Effzeh derart im Chaos, nicht einmal Markus Söder könnte sie aus der Krise führen. 

73.

Und Toooooor für Mainz, Blaise N’Kufo mit dem Aus­gleich. Für mich bisher hier ganz klar der blaiste Mann. Hust.

78.

Hach, schön, dieses laue Lüft­chen Ver­gan­gen­heit, das durch meinen weit geöff­neten Fern­seher gerade her­ein­weht. Wei­land mit dem Pass, N’Kufo mit dem Tor, Klopp mit dem Taxofit-Trai­nings­ja­cken-Jubel. Da liegt es vor mir, in gekörnten Bil­dern, und ist doch so weit weg. Noch ein Jahr, dann mach ich Abi. Nachher kommen meine Kum­pels, dann fahren wir ins Spot nach Kassel, wo es Bier für einen Euro gibt. Morgen dann Band­probe, in der Pause rau­chen wir und reden Quatsch, Montag hab ich eine Dop­pel­stunde Mathe, aber dafür sehe ich auch meine Flamme, die mir bald das Herz bre­chen wird. Nach der Schule laufe ich heim, die Sonne steht schon schräg, abends ist Fuß­ball­trai­ning. Das sind die besten Tage meines Lebens, ohne dass ich es weiß. 

80.

Mensch, den Boba­dilla hab ich ver­gessen, diesen argen­ti­ni­schen Kopf-durch-die-Wand-Stur­mochsen, mit dem Nacken eines Sie­ben­ton­ners, der in Zwei­kämpfe ging wie andere in den Krieg zogen. Was der wohl macht? Ob er sich aus dem Fuß­ball­ge­schäft zurück­ge­zogen hat und jetzt nur noch Dinge tut, die ihm Spaß machen? Barfuß gegen Bahn­schwellen treten? Back­steine in der Mitte aus­ein­an­der­reißen? Reiß­nägel kauen?

81.

Oh, war der Möl­ders. Oder wie ihn Kenner nennen: Der deut­sche Boba­dilla.

83.

Bin übri­gens unt­öst­lich, dass Jörg Dah­l­mann heute nicht kom­men­tiert. Hab schon das abend­liche Gespräch im Hause Dah­l­mann vor mir gesehen:

Frau Dah­l­mann: Mensch, Jörg, toll wie du die his­to­ri­sche Kon­fe­renz heute kom­men­tiert hast. So echt.“

Dah­l­mann: His­to­ri­sche Kon­fe­renz?“

Frau Dah­l­mann: Na, die alten Spiele. Von 2002 und so.“

Dah­l­mann: 2002? Wel­ches Jahr ist denn? Oh, schau mal, da draußen ist ein Eich­hörn­chen…“

85.

Eieiei, Mainz nur noch Tabel­len­vierter, weil ein Spieler namens Vadimov oder so ein abso­lutes Außen­rist-Schman­kerl-Fern­schusstor aus­packt. Auch wenn das kein Trost ist, aber wenn die Mainzer hier heute den Auf­stiegstod 2002 stirbt, dann dank Vadimov wenigs­tens in Schön­heit.

90.

Vidolov, heißt der Mann übri­gens. Jubelte nach dem Tor an der Mainzer Bank, um sich für ein Klopp-Zitat zu rächen, der meinte, Union sei eine Klop­per­truppe. Tja, Vidolov, soichmov. Oder so. 

91.

1:3. Auf­stieg futsch. Wei­nende Mainzer im TV. Für mich als Frank­furter ein quasi ero­ti­sches Erlebnis. Wusste gar nicht, dass es den Blue Channel auch auf Sky noch gibt. 

94.

Und Toooooor in Lever­kusen, Bas Dost macht den Deckel in der 94. Minute drauf. Darf ich den Bas-Bas-wir-brau­chen-Bas-Gag noch machen? Tech­nisch gesehen ist ja 2015 und ich wäre so viel­leicht der erste…

17:25 Uhr

Und das war’s. Hach, Fuß­ball, du geilste Sache der Welt. Wir ver­missen dich, komm schnell wieder. Bis dahin gerne mehr von den Zeit­rei­se­kon­fe­renzen. Nächste Woche hätte ich gerne eine Dirk-Schuster-Grät­sche, einen Pass von Uwe Bein, eine Kopf­nuss von Maik Franz und einen Press­schlag zwi­schen Uli Borowka und Hans-Peter Briegel, wenn sich das ein­richten lässt. Bis dahin sor­tiere ich meine Match­worn-Nasen­pflaster von Olaf Mar­schall nach Durch­schwei­ßungs­grad, schieße auf Ebay ein paar unge­öff­nete Ractiv-Fla­schen und freue mich des Lebens, das mit Fuß­ball ein­fach ein biss­chen schöner ist. Gehabt euch wohl und bleibt gesund.