Liveticker
Belgien – Russland 3:0
EM

20:44

Liebe Leute, wir haben in den ver­gan­genen zwei Stunden dis­ku­tiert, ob und wie wir das heu­tige Abend­spiel zwi­schen Russ­land und Bel­gien tickern. Finden wir es gut, dass dieses Spiel über­haupt statt­findet? Ist es ange­bracht, dass wir tickern? Und wenn ja, wie sollte die Tona­lität des Tickers sein? Ist Humor ange­messen? Ironie, Sar­kasmus? Wohl kaum. Was ist mit Pop-Refe­renzen, Funk-und-Fernseh-Anspie­lungen, wilden Asso­zia­ti­ons­ketten und halb­garen Ver­glei­chen? Ganz ehr­lich: Wir haben keine klaren und ein­stim­migen Ant­worten zu diesen Fragen. Das Spiel Finn­land gegen Däne­mark wurde unlängst fort­ge­setzt, das hat uns irri­tiert, aller­dings geschieht dies wohl auf Wunsch der Teams. Wir werden daher das Spiel Russ­land gegen Bel­gien hier tickern. Oder nennen wir es lieber abbilden, kom­men­tieren, nach­er­zählen – in einem leisen, unauf­dring­li­chen und sach­li­chen Sound. Wir hoffen, wir bekommen es hin. Alles Gute, Chris­tian Eriksen!

20:59 Uhr

Die bel­gi­sche Mann­schaft kniet vor dem Anpfiff, eine mitt­ler­weile bekannte Geste gegen Ras­sismus.

1.

Und Russ­land stößt an. Los geht’s.

3.

Bel­gien am Ball, viele Pfiffe von den Rängen. Gespielt wird in Sankt Peters­burg und rund 30.000 rus­si­sche Fans sind im Sta­dion.

5.

Die ersten fünf Minuten ohne nen­nens­werte Chance. Was bereits zu beob­achten ist: Russ­land steht tief und will es offenbar über Konter vor das bel­gi­sche Tor schaffen. Die Bel­gier bereits mit einigen Kom­bi­na­tionen über die Flügel. Von dort kam auch Timothy Cas­tagne zu einem ersten Abschluss. Der Ver­such aller­dings am Tor vorbei.

10.

Nach einer Flanke von rechts, die an zwei rus­si­schen Ver­tei­di­gern vor­bei­kul­lert, kommt Romelu Lukaku an den Ball, nutzt den Patzer und trifft also sou­verän rechts unten zum 1:0 für die Bel­gier.

11.

Und auch Tor­schütze Lukaku scheint in Gedanken bei Chris­tian Eriksen zu sein: Jubelt ver­halten, läuft zur TV-Kamera und sagt hinein: Chris stay strong, I love you“, Chris bleib stark, ich liebe dich.“ Eine schöne Geste, finden wir.

13.

Russ­land schafft es vor das bel­gi­sche Tor, Cas­tagne klärt zur Ecke. Die wird von links getreten, kommt halb­hoch rein. Doch Bel­giens Tor­wart Thibaut Cour­tois pflückt einen Kopf­ball von Mario Fer­nandes sou­verän aus der Luft und hält den Ball fest.

16.

Und nochmal Russ­land. Ein biss­chen Gewusel vor dem bel­gi­schen Straf­raum, dann gelingt Golovin der Abschluss aus zweiter Reihe. Aller­dings flach und links am Tor vorbei.

21.

Die beiden Mann­schaften gehören für mich irgendwie zusammen. Zwei Erin­ne­rungen: 1986 bei der WM in Mexiko trafen die Sowjet­union und Bel­gien im Ach­tel­fi­nale auf­ein­ander. Es war, zumin­dest in meiner Erin­ne­rung, ein unfass­bares Spiel. Nach 90 Minuten stand es 2:2, in der Ver­län­ge­rung gewann Bel­gien 4:3. Die UdSSR schied aus, Bel­gien verlor das Halb­fi­nale gegen Argen­ti­nien. Ich hätte mir gewünscht, beide Teams wären Welt­meister geworden. Das zweite Mal, dass Bel­gien bei einem großen Tur­nier wirk­lich toll spielte, war wie­derum 2018 in Russ­land. Kom­pany, De Bruyne, Hazard. Was für ein Team, was für ein Fuß­ball. Viel­leicht noch besser als der von Ceu­le­mans, Scifo und Co. Die Mann­schaft war mein Welt­meister der Herzen.

25.

Sehr gute Mög­lich­keit für Thorgan Hazard. Aus spitzem Winkel kommt er frei zum Schuss. Aber Anton Shunin macht das Tor dicht. Gute, alte Tschertsch­essow-Schule.

28.

Thierry Henry im Bild. Er ist wie auch 2018 Bel­giens Sturm­trainer. Zuletzt hatte er aller­dings ein paar Jahre die Angreifer des MLS-Klubs CF Mont­real trai­niert.

32.

Mitt­ler­weile im Spiel: Thomas Meu­nier von Borussia Dort­mund. Er kommt für Cas­tagne, der sich bei einem Kopf­ball­duell ver­letzt hat.

35.

Bel­gien spielt sich den Ball nach Belieben zu. Russ­land ver­schanzt sich. Und dann fällt das 2:0. Shunin wehrt unglück­lich in den Fuß von Meu­nier und der schiebt ein.

37.

Russ­land mit einem Frei­stoß aus viel­ver­spre­chender Posi­tion: Etwa aus 20 Metern, halb­links vor dem Tor. Golovin bringt den Ball eigent­lich gut rein, ein Kopf­ball­ver­such von Dsjuba flat­tert aber sehr unge­fähr­lich am linken Pfosten vorbei ins Aus.

39.

Man muss Jan Platte, der das Spiel gerade auf Magenta TV kom­men­tiert, wirk­lich ein Kom­pli­ment machen: Bleibt sehr sach­lich und vor allem ruhig, erklärt regel­mäßig, warum sich die Situa­tion für ihn gerade ein­fach komisch anfühlt, warum er seine Emo­tionen nach der Sache mit Eriksen ganz bewusst zurück­ge­schraubt hat. Super ange­nehm, super inhalt­lich – und irgendwie fehlt zumin­dest uns im Ver­gleich zu sonst auch gar nicht so viel.

43.

Juri Schirkow, mitt­ler­weile 37 Jahre alt, einst von den rus­si­schen Medien als Ronald­inho Russ­lands“ gefeiert, manch einer kennt ihn viel­leicht noch aus seiner Zeit bei Chelsea, ver­lässt den Platz, dafür kommt der 26-jäh­rige Vyacheslav Kara­vaev. Und wo wir gerade beim Thema Alter sind: Bel­gien übri­gens stellt die älteste Mann­schaft des Tur­niers.

45.+2

Die Bel­gier machen vor der Pause noch einmal Druck: Meu­nier kommt erst durch und dann nach einem Kon­takt mit Ver­tei­diger Zhirkov im rus­si­schen Straf­raum zu Fall. Der Schieds­richter aber lässt laufen, der VAR bestä­tigt die Ent­schei­dung. Dann Yan­nick Carr­asco mit einem ein­drucks­vollen Solo. Lässt ein paar Gegen­spieler wirk­lich sehr lässig aus­steigen, ver­sucht’s am Ende mit einem schönen Fern­schuss, der aber leider leicht drüber.

45.+4

Und Halb­zeit.

21:52

Weil Fuß­ball­fans, Fuß­ball­ex­perten (und auch wir) Ver­gleiche lieben: Bel­gien hat exakt so viele Ein­wohner wie Moskau: 11,5 Mil­lionen. Und damit geben wir zum ZDF heute Journal.

46.

Bel­giens Spiel sah in der ersten Hälfte fast gro­tesk lässig aus. Lockeres Kurz­pass­spiel, fast wie auf dem Bolz­platz. Die Russen schauten dabei zu. Nun Anstoß, zweite Hälfte. Auch ein Wechsel für mich: Von Magenta TV zum ZDF.

50.

Beim ZDF an Seite von Kom­men­ta­torin Claudia Neu­mann: Ariane Hingst. Die Frau ist vier Mal Euro­pa­meis­terin geworden und hat sagen­hafte 174 Län­der­spiele gemacht. Wenn das Lothar Mat­thäus erfährt, ver­kündet er nächste Woche sein Spieler-Come­back.

53.

Dsjuba mit seinem ersten Tor­schuss. Okay. Tor­schüs­s­chen. Was ich mich immer gefragt habe: Warum Dsjuba nie in einer großen west­eu­ro­päi­schen Liga gespielt hat. Er hat in der Natio­nalelf eine tolle Quote (29 Tore in 49 Spielen), in der Premjer Liga auch (327 Spiele, 137 Tore), in der abge­lau­fenen Saison hat er in 27 Spielen 20 Mal getroffen. Ja, okay, bei Zenit wird er mehr ver­dienen als beim FC Sevilla oder Ein­tracht Frank­furt. Trotzdem.

59.

Immerhin, Russ­land gewinnt den heu­tigen Tri­kot­wett­be­werb. Was erstaun­lich ist, denn Bel­giens Tur­nier-Leib­chen sehen sonst immer exquisit aus. Diesmal eher: Word Art Spray Paint 1995. Schade.

62.

Bel­gien macht etwas weniger. Russ­land etwas mehr. Aber so wirk­lich viel pas­siert nicht. Eine Ecke. Faustab­wehr Shunin. Ein paar Tröten im Hin­ter­grund. Irgendwo hört man Tschertsch­essow rufen. Dop­pel­wechsel.

65.

Gerade dar­über nach­ge­dacht, dass ich es immer noch, auch zwei Jahre nach dessen Rück­tritt, komisch, seltsam, ja schade finde, die bel­gi­sche Natio­nalelf ohne Fel­laini zu sehen. Wirk­lich ein so feiner Spieler, mit so viel Gefühl, gerade in seinen United-Zeiten hat er über Jahre toll die Bälle ver­teilt, den Spiel­aufbau aus­ge­macht. Zu seiner jet­zigen Form bei Shan­dong Luneng Taishan kann ich zwar leider nicht so viel sagen. Was ich aber sagen kann: Dass ernst­haft der Satz Einer brei­teren Öffent­lich­keit wurde er durch ein bizarres Foto, das wäh­rend des Super-Cup Spiels von Man­chester United gegen Real Madrid am 8. August 2017 ent­stand, bekannt“ in seinem Wiki­pedia-Artikel steht, ist wirk­lich absurd. Unge­fähr so, als würde man sagen: Ronaldo wurde durch seinen 2002-Haar­schnitt einer breiten Öffent­lich­keit bekannt.

69.

Spiel tru­delt jetzt so vor sich hin. Bel­gien steht breit. Lässt Russ­land laufen. Die ver­su­chen mit­zu­halten. Es klappt eher nicht.

72.

Wechsel bei den Bel­giern. Mer­tens geht, der Ehe­mals-Super­star, aber immer noch Min­des­tens-Star der Mann­schaft Eden Hazard kommt rein.

75.

Und noch ein Wechsel: Kapitän Jan Ver­tonghen geht. Dafür kommt Thomas Ver­maelen, der bekann­ter­maßen lange bei Arsenal und danach beim FC Bar­ce­lona gespielt hat und nun beim Ex-Poldi-Klub Vissel Kobe in Japan unter Ver­trag steht.

80.

Die rus­si­schen Fans wirk­lich sehr laut, fast schon unge­wohnt wirkt das nach andert­halb Jahren Pan­demie. Alte neue Nor­ma­lität. Nur hilft es der Mann­schaft offenbar sehr wenig: Sie kam in den ver­gan­genen zehn Minuten kaum aus dem Mit­tel­feld hinaus, eine Tor­chance gab es nicht.

82.

Und auch die Bel­gier nun eher halb­herzig: Eden Hazard stürzt sich zwar fast schon eupho­risch in die Eins-gegen-eins-Duelle – und gewinnt sie auch. Jetzt spielt er einen guten Steil­pass rechts raus auf Praet, doch der flankt direkt auf den Kopf eines rus­si­schen Ver­tei­di­gers.

86.

Doch obwohl sie kaum angreifen: den Ball haben die Bel­gier nahezu durch­ge­hend. 66 Pro­zent Ball­be­sitz und 89 Pro­zent Pass­ge­nau­ig­keit spre­chen für sich.

87.

Tor. Meu­nier schickt Lukaku per fla­chem Steil­pass von der Mit­tel­linie aus, der sprintet los, lässt sich nicht beirren oder bedrängen, läuft allen davon und schiebt den Ball ins Netz. 3:0.

88.

Was man aller­dings auch sagen muss: Bei dem Tor von Lukaku macht der rus­si­sche Tor­wart Schunin keine wahn­sinnig gute Figur. Wird eigent­lich im Tor­wart-Eck erwischt. Aber darauf kommt es nun auch nicht mehr an.

90.+1

Und Abpfiff. Ein ver­dienter Sieg für die Bel­gier. Kein großer Jubel, keine große Freude. Ver­ständ­li­cher­weise.

23:04

Der zweite EM-Tag ist zu Ende. Es macht sich Erleich­te­rung breit. Laut Medi­en­be­richten soll Däne­marks Chris­tian Eriksen wach“ sein. Sein Zustand soll sich sta­bi­li­siert“ haben. Wir wissen bis jetzt wenig über den Vor­fall. Wir wissen auch wenig über das, was danach pas­sierte und dis­ku­tiert wurde. Es scheint seltsam, dass das Spiel Däne­mark gegen Finn­land fort­ge­setzt wurde, selbst wenn die Mann­schaften und sogar Eriksen es gewollt haben (so jeden­falls berichten einige Medien). Aber wel­cher Spieler kann nach sol­chen Gescheh­nissen eine ratio­nale Ent­schei­dung treffen? Einen klaren Gedanken fassen? Einen kon­kreten Wunsch for­mu­lieren? Selbst wir, die hun­derte Kilo­meter weg vom Geschehen waren, die den Spieler nicht per­sön­lich kennen – wir hockten, wie so viele andere da draußen, para­ly­siert vor dem Fern­seher, nahezu sprachlos, ver­stei­nert. Hätte die UEFA nicht die ver­meint­li­chen Wün­sche der Spieler igno­rieren müssen. Hätte sie nicht ein­fach sagen müssen: Schluss, aus, vorbei – wir spielen die Partie morgen oder über­morgen oder irgend­wann anders weiter“? Viel­leicht. Viel­leicht ist es aber auch zu früh, solche Dis­kus­sionen zu führen. Momentan sind wir froh, dass Chris­tian Eriksen auf dem Weg der Bes­se­rung ist. Das Spiel Bel­gien gegen Russ­land ging 3:0 aus. Romelu Lukaku hat gran­dios gespielt – und die wich­tigste Bot­schaft des Abends in eine TV-Kamera gespro­chen: Chris, stay strong, I love you!“