Bayern München

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Benfica Lissabon

Bayern-Benfica im Liveticker

Keine Panik auf der Titanic

Super-GAU abgewendet, die Bayern können also doch noch gewinnen. Bei der 5:1-Rasur von Benfica schäumte der Ticker ordentlich ein.

20:49 Uhr

Ihr lieben Tapferen, die euch ein Spiel wie Bayern gegen Benfica im 5. Spieltag der Champions League antut, wo ihr doch eigentlich auch in der Sauna / auf dem Weihnachtsmarkt / bei Youtube auf der Suche nach sämtlichen Eusebio-Toren / händchenhaltend bei Paul Breitner sitzend sein könntet: Servus.

20:52 Uhr

Kollegialer Ticker-Gruß an dieser Stelle von hier an die Livetickerer vom kicker, die mit folgendem Satz zum heutigen Spiel geladen haben: "Am Abend entflieht der FC Bayern München der traurigen Realität Bundesliga und ist in der Champions League gegen Benfica Lissabon gefordert." Vor meinem geistigen Auge kann ich Uli Hoeneß erkennen, wie er heute morgen gezeichnet und geschlagen langsam in seinen Cornflakes rührt und am liebsten einfach nur weinen würde. Geht aber nicht, der Mann ist Uli Hoeneß, sein Körper wandelt Trauer sofort in sinnlose Wutattacken um. Tiger Toni streichelt Hoeneß noch einmal sanft den Rücken, dann geht es in den Tag. Muss ja.

20:56 Uhr

Sky-Experte heute: Giovane Elber. Der hat sich gerade vermutlich 15 Minuten den Arsch abgefroren, durfte dann drei Sätze sagen, von denen ich vier vergessen habe, dann schaltet die Regie zu Wolff Fuss. Dieses völlige Herunterstutzen von solch ehemal schillernden Legenden muss auch nicht sein. In England setzen sie solche Typen wenigstens in ein warmes Studio, in München muss der Elber jetzt darauf hoffen, dass die verfressenen Presse-Kollegen im Medien-Raum wenigstens noch ne heiße Bocki übergelassen haben.

20:58 Uhr

Für mich schon Szene des Spiels: wie Niko Kovac weltmännisch Rui Costa umarmt. Zweite Beobachtung des Tages: Manuel Neuer ist ganz schön alt geworden. Wie der Typ, mit dem man mal sechs Semester Sport in Göttingen studierte, der mit breitem Grinsen das pralle Leben genoss und jetzt, zehn Jahre später, mit tiefen Furchen im Gesicht seine drei Kinder von zwei Frauen beim Eisessen in der Kleinstadt bewachen muss. Fängt nach dem zweiten Pils an, von früher zu schwärmen, während der kleine Paul sein Schokoladeneis auskotzt. Man denkt: arme Sau.

2.

Wie das wohl sein muss, einen Chef wie Uli Hoeneß zu haben? In Krisenzeiten wie diesen sicherlich so ähnlich, wie einen stundelangen Umzug mit Hexenschuss durchzuziehen, währenddessen Fotos von der eigenen Freundin in den Armen eines anderen Typen zu empfangen und sich abschließend den Magen am letzten Hackbrötchen zu verderben.

5.

Aus unserer Serie: ehemalige deutsche U-21-Nationalspieler mit klangvollen Namen - Odysseas Vlachodimos. Ich hoffe sehr, dass sie ihn Vlacho nennen dürfen. Oder Dimos. Oder, wie schön das wäre: Odysse.

6.

Eben erster Fehlpass von Jerome Boateng. Uli Hoeneß kann gar nicht so viele Würstchen produzieren, wie er kotzen möchte.

8.

"Mein ganzes Leben bestand darin, dass ich mich durchsetzen musste. Aufgeben existiert in meinem Wortschatz nicht." Wer hat´s gesagt: John Rambo oder Niko Kovac? Der Ticker leuchtet blau.

10.

So sehr ich mich bemühe, ich empfinde noch immer kein Mitleid mit den Bayern in ihrer Super-Krise. In der Champions-League-Gruppe auf Platz 1, 5. Platz in der Bundesliga, im Achtelfinale des DFB-Pokals. Wie der steinreiche Super-Unternehmer, dem gerade leicht die Aktien in den Keller gesackt sind, der vorgestern seinen Porsche auf der Autobahn zersägt hat und jetzt tatsächlich mit einem Golf durch die Gegend fahren muss. Wie gesagt, schwierig.

11.

Jupp Heynckes, ihr Träumer, hat übrigens definitiv und endgültig keinen Bock mehr auf den Job. Er will laut eigener Aussage lieber "in Ruhe frühstücken". Bestimmt Altherren-Synonym für: "Laune hätte ich ja schon, aber meine Alte reißt mir sonst die Eier ab!"

12.

Worauf man sich in unsicheren Zeiten wie diesen verlassen darf:
- dass Donald Trump mindestens einmal am Tag totale Scheiße labert
- den Klimawandel
- Arjen Robben
TOOOOR für den FC Bayern und dreimal dürft ihr raten, wie der Holländer diese Bude erzielt hat. Korrekt. Von rechts nach innen und dann ins lange Eck geschlenzt. Wann übersetzen sie in München diesen Satz auf Niederländisch un hängen ihn endlich unters Stadiondach? 1:0 Bayern.

15.

Vor fast auf den Tag genau 18 Jahren hat der damals 16-jährige Arjen Robben sein Debüt als Profifußballer gefeiert. Was für eine Maschine. Prognose: der macht mit 55 noch 40 Hütten in der Bedumer Kreisliga und zieht im Sprinttraining die A-Jugendlichen ab.

18.

Dritter Fehlpass Boateng. Wer fährt für mich nach Charlottenburg und sucht nach seinem Selbstvertrauen?

20.

Oldschool-Gefühle im November 2018: jetzt zieht Ribery von links in den Strafraum, tänzelt, zieht mal ab. Was gleich noch passiert: Louis van Gaal hält betrunken Sportpalast-Reden auf dem Marienplatz, Philipp Lahm gibt sein Debüt und Luca Toni verzaubert die Liga.

22.

Wer noch ein hübsches Geschenk zu Weihnachten sucht: Ich biete mein "149 Stunden Uli-Hoeneß-Cam"-Video zum Verkauf. In Zeitlupe schauen und dabei schweren Weinbrand schwenken, während im Hintergrund der Tigerkopf vor dem prasselnden Kaminfeuer die ewige Ruhe genießt.

25.

Namen von Benfica-Reservespielern, die wie Cabriofahrten durch Ligurien klingen: Alfa Semedo.

27.

Jetzt zwei fixe Konter von Benfica und die Frage, wie zum Geier es eigentlich möglich ist, dass sich dieser FC Bayern von lang nach vorne getretenen Bällen so schnell in Bedrängnis bringen lässt. Defensives Rückschaltspiel - ob das auch nicht in des Trainers Wortschatz vorrätig ist?

30.

"Münchens wahre Liebe", singen die Fans und mit einem breiten Lächeln steht Kalle Rummenigge auf, um sich persönlich bei jedem Ultra zu bedanken.

31.

Arjen Robben, Killer. 2:0 Bayern und was willst du auch als Gegenspieler machen, wenn bei Tempo 100 ein glatzköpfiger Holländer auf dich zurast, der in seinem linken Fuß mehr Ballgefühl hat, als du in deinem ganzen Körper? Nüscht. Standesgemäß haut Robben den Ball dann erneut unter die Latte und gemeinsam mit den geplagten, geprügelten, geschundenen Anhängern vom FC Bayern, die in dieser Katastrophensaison bereits drei (!!) Niederlagen hinnehmen mussten, kreische ich erleichtert: TOOOOR! So lange es Uli Honeß wieder besser geht, kann ich heute ruhig schlafen.

36.

3:0, Kopfball Lewandowski. Alles wieder beim Alten. Ich roll mich dann mal in den Winterschlaf.

40.

40 Minuten rum, die Bayern führen 3:0 und Benfica hat noch nicht einmal auf das gegnerische Tor geschossen. Bei einem Spiel in der Champions League. So sieht königsklassiger Wettbewerb im Jahre 2018 aus. Kein Wunder, dass Rummenigge seine Elite-Liga haben will, dem ist das hier alles zu langweilig. Oder leak ich da ganz falsch?

42.

Armes Benfica. Erinnern mich stark an den dicken Justin, der beim Turnen hilflos am Barren hing, die Arschritze gut sichtbar, Fresse total rot und verschwitzt, der ganze Leib ein einziger Quell der Pein. Man wollte gerne helfen, versuchte nicht zu lachen, fand es irgendwie grausam. Draußen wirft Rui Costa mit dem Hallenschlüssel.

44.

Der erste halbwegs gefährliche Torabschluss von Benfica. Daneben. So wenig erfolgversprechend wie die Flirtversuche vom dicken Justin nach dem zehnten Apfel-Korn. Der DJ spielt was von Queen. Immerhin.

Halbzeit

Nur kurz fühlte man mit Niko Kovac und hoffte dabei doch klammheimlich auf die nächste Pleite zur Verschärfung von Krise und Weltuntergangsstimmung in München, dann kam Arjen Robben, kam Robert Lewandowski und die Bayern zeigten kurz mal, wo der Ziegenbock den Hönig hat. Ich geh mich mal mit Starkbier waschen, bis gleich.

46.

Szenen aus der Bayern-Kabine:
Kovac (gedämpft): "Danke, Jungs."
Peinliches Schweigen, im Hintergrund muss Hermann Gerland leise rülpsen.
Der Schiri pfeift zur zweiten Halbzeit.

47.

Da zeigt sie sich, die Krise. Sie hat die Haare schön und heißt Gedson. Nur noch 1:3. Zuckende Gesichtsmuskeln bei Uli Hoeneß. Oder hat ihm Kalle wieder das alte Furzkissen von Pep Guardiola untergeschoben.

50.

Die Bayern vielleicht immer noch beim rührseligen Auftritt von Kovac. Hat Schnaps und Fleisch versprochen, wenn heute mal wieder sauber gewonnen wird. Sein Bruder dreht am Spieß.

52.

Und: TOOOOOR!! Hübsche Vorbereitung vom Klassenbesten Kimmich, Kopfball Lewandowski, 4:1, Benfica: setzen, 6. Kalle Rummenigge klebt Blumensticker auf den Spielberichtsbogen.

55.

Immer wieder Vlachodimos. Die gute alte deutsche Torwartschule, Gerry Ehrmann verdrückt auf der Hantelbank ein Tränchen Kraft.

58.

Schöne neue alte Welt beim FC Bayern. Jupp Heynckes gönnt sich ein drittes Frühstückchen.

59.

Wolff Fuss schwer ergriffen: "Auch. Defensiv. Stimmt. Die. Leistung. Das. Ist. Die. Basis." Mia san hinten dicht.

60.

Seferovic kommt! In Frankfurt sitzt Sebastien Haller vor dem Fernseher und weiß nicht, wer da ist.

63.

Ich persönlich merka ja stark, wie sehr mit Franz Beckenbauer fehlt, wenn die Kameras die bayrische Ehrentribüne streift. Der brachte in diese Gang der eisgekühlten Unsympathen so etwas wie Menschlichkeit mit rein. Jetzt vermutlich im kahlen Wohnzimmer eines abgelegenen Bungalows im Exil, die Haut aschfahl, der Blick unstet. Armer Franz, armer Kaiser, die Monarchie ist endültig hinüber.

65.

Steile These von Fuss: Weil Kovac jetzt noch nicht gewechselt hat, will er "kein Risiko eingehen", denn "die Oberen brauchen Futter für die Jahreshauptversammlung". Erklärt dann im Detail, wie es wirklich auf dem Mars aussieht, wie der Klimawandel zu stoppen ist und wie man aus einem alten Kaugummi Chili con Carne zaubert. Der McGyver der deutschen Fußballkommentatorenlandschaft.

67.

Eiderdaus, der Fuss. Interpretiert jetzt in jeden Handschlag und jeden Pass den endgültigen Weg aus der bayrischen Tristesse und so weit ist es schon gekommen, dass sich ein FCB, der einmal in 100 Jahren NICHT an der Tabellenspitze steht und natürlich nach 67 Minuten ganz locker mit 4:1 gegen Benfica Lissabon führt, schon verwerfen lassen muss, dass alles einfach totale Katastrophe ist. Wettbewerb, ick hab dir lieb gehabt.

70.

Was in München noch Krisen auslöst:
- drei Tage kein Sonnenschein
- 1 Prozent mehr Arbeitslosigkeit
- um drei Tage verspätet beginnende Ski-Saison

72.

Danke, Bayern-Fans, dafür habt ihr nun ein Platz in meinem Herzen. Singen die doch tatsächlich:
"Wieder alles im Griff, ohohohoh, keine Panik, auf der Titanic!" Sehr geil. Nicht im Blick: wie Uli Hoeneß am Bug des Schiffes Kalle Rummenigge umarmt und ihm die ewige Liebe schwört. Morgen verfilmt James Cameron das Leben von Arjen Robben.

74.

Jetzt sogar im Kanon. Und endlich, endlich hat auch Wolff Fuss jemand zugeflüstert, was da im Block gesungen wird. Lacht sich scheckig, schlägt sich die Schenkel blau und grün und blättert dann zum Runterkommen im Jahresbericht der Münchener Lach- und Schießgesellschaft.

75.

Kleine Wunschliste von dieser Stelle in Richtung Bayern-Kurve:
"Ich bin wieder hier"
"Totgesagte leben länger"
"Singing in the rain"

76.

TOR: 5:1 Bayern, Frönk Ribery. Ekstase in München, jetzt bringt Kovac sogar Wagner für den lachenden Ribery. Rührend, wie die große Versöhnung beim Frauentausch.

79.

Würde man aus der Genugtuung von Uli Hoeneß jetzt eine Suppe kochen können, der Hunger in der Welt wäre besiegt.

81.

Die Bayern gönnen sich jetzt einen großen Spaß und wechseln jenen südkoreanischen Austauschstudenten ein, der gerade bei den Kovac´ wohnt und seinen Master in Industriedesign machen will. Alles Quatsch, schreit das Internet und behauptet, dass Woo-Yeong Jeong ein heiß gehandeltes Fußball-Talent ist, 19 Jahre jung, Star von morgen, ach so. Goldig: Foto auf sportbild.de vom Vater, der stolz wie Bolle hinter dem Trainingszaun steht "und sich jede Übungseinheit seines Sohnes anschaut". Die Romantik ist im Fußball noch nicht ganz ausgestorben.

85.

Jetzt will ich aber auch was sehen von diesem mir bislang unbekannten asiatischen Wirbelwind. Irgendwie muss ich gerade an Ali Karimi denken und frage mich, was er wohl so macht. Steht er auch an irgendwelchen Trainingszäunen und bestaunt seinen Nachwuchs? Ist er längst irgendein Minister geworden oder sitzt als Botschafter in Australien? Nein, der Mann trainiert seit 2012 einen iranischen Erstligisten mit dem hübschen Namen Tractor Sazi Täbris. Der Platz? Ein Acker.

89.

Und so schaukelt sich hier das dem Ende entgegen, galoppiert der FC Bayern aus der Krise und freut sich Werder Bremen ganz sicher schon, gegen diese schwer gereizte und nun offenbar wiedererstarkte Weltauswahl antreten zu dürfen.

90.

Nach elf langen Tagen darf im Hause Hoeneß heute endlich mal wieder gelacht werden. Schön wars mit dir, Bayern-Krise.

Abpfiff

Ja, mei. Da drohten bei den Bayern kurz mal die Kacke richtig zu Dampfen anzufangen, da holte Niko Kovac den Kotbeutel aus der Tasche, verteilte ein paar Leckerlis und seine Mannschaft zeigte brav ein paar einstudierte Kunststücke, bis die gestrengen Rudelführer oben auf der Tribüne kernig Beifall klatschten. Der Ticker verabschiedet sich in den Feierabend, rollt sich auf die Decke unter der Heinzung und macht leise Platz. Auf bald und wuff.