Liveticker
1. FC Köln – FC Schalke 04 3:0
Bundesliga

18:05 Uhr

Guten Abend, liebe Fans. Eben habe ich mit meinem Sohn, neun Jahre alt und glü­hender Fuß­ballfan, also dieses herr­lich absurden Spiels, bei dem zwei Mann­schaften ver­su­chen, einen Ball in eine Reuse zu treten, die Partie Hof­fen­heim gegen Bayern geschaut, wie wohl so viele von Ihnen. Als sich aber die Mann­schaften in den letzten zehn Minuten den Ball nur noch hin und her passten, fragte er mich: »Was ist denn da los, Papa? Was machen die da?« Ich ver­suchte, es ihm zu erklären, seine Begeis­te­rung für diesen Sport dabei nicht zu schmä­lern und einen sta­bilen Ein­druck zu erwe­cken, so wie man als Vater manchmal mit seinem Sohn im Regen steht und sagt: »Siehst du, da hinten wird der Himmel schon wieder blau.« Obwohl das gar nicht stimmt. Es gelang mir nur leid­lich. Tat­säch­lich fragte ich mich selbst: Wo sind wir bloß hin­ge­kommen? Ich fragte mich das, als wäre ich selbst noch ein Kind, das in den fal­schen Bus gestiegen ist und jetzt ver­geb­lich nach Häu­sern, Bäumen und Land­marken Aus­schau hält, die ihm bekannt vor­kommen. Doch es ent­deckt nichts der­glei­chen. Statt­dessen nur eine Wiese, auf der sich zwei Mann­schaften den Ball hin und her passen, und ein nasser Mil­li­ardär schaut zu, mit undurch­dring­li­chem Blick. Ich will nach Hause. 

18:15 Uhr

Nun aber zu Köln gegen Schalke, dem Klas­siker der Gol­denen Zeiten, an die sich kein Schwein mehr erin­nern kann. Aber was ist Nost­algie anderes als die Sehn­sucht nach einer Ver­gan­gen­heit, in der man auch schon nichts zu lachen hatte? Jetzt live aus Toni Schu­ma­chers Fit­ness­keller: der Live­ti­cker. Ich heiße Dirk Gie­sel­mann, dafür stehe ich mit meinem Namen.

18:20 Uhr

Wer­bung. Kann ich eigent­lich mit dem »Lexus Hybrid« oder wie die Karre heißt in eine Zeit zurück brausen, in der alles noch in Ord­nung war? Und wenn ja: Wel­ches Datum müsste ich ins Navi­ga­ti­ons­system ein­geben? Viel­leicht zirka den August vor bald 30 Jahren, als ich mir in der Eis­diele Toma­sella in Diep­holz einen Italia-90-Becher mit der süßen Katja teilte und dachte, unsere Liebe sei auf Jahre hinaus unschlagbar? Ach. 

18:25 Uhr

Apropos Italia 1990: Wenigs­tens Lothar ist da, der Send­bote einer Welt, der ich abhanden gekommen bin. Und wo er ist, zumal in Köln, können ja auch Icke und Litti nicht fern sein. Wird jetzt alles wieder gut? Katja, wenn Du das liest: Morgen, 15 Uhr bei Toma­sella?

18:28 Uhr

Zum Spiel. »Sie kommen heraus, sie kommen heraus.« (Albert Camus, »Die Pest«). Die Kapi­täne machen den soge­nannten Corona-Gruß, Ell­bogen an Ell­bogen. Anstoß. Hof­fent­lich traut sich jemand, den Ball zu berühren, sonst wird’s öde. 

2. Minute

Frei­stoß für Köln, weil sich ein Schalker in die Hand­fläche geniest hat. 

5.

Das Pass­bild des Kom­men­ta­tors Martin Gross wird ein­ge­blendet. Sieht genauso aus, wie wenn mein Onkel anruft, um mir zum Geburtstag zu gra­tu­lieren, obwohl wir sonst das ganze Jahr über null Kon­takt haben, und ich weiß: Die nächste Vier­tel­stunde Lebens­zeit wird in den Gulli fließen. Viele Grüße.

8.

Tor. Hector. Jubelt wie einer, der in der Dro­gerie noch Des­in­fek­ti­ons­mittel ergat­tern konnte. Aber: Abseits. Eine Meta­pher für vieles um uns herum.

9.

Ecke. Tor. Nastasic steigt hoch, sieht dabei so anmutig und zugleich auf uner­bitt­liche Weise ent­schlossen aus wie Mar­tina Nav­ra­ti­lova beim Schmet­ter­ball. Advan­tage Köln. 

11.

Liebe Fans, ich leg mich fest: Nur noch ein paar Spiel­ab­brüche, Punkt­ab­züge und Zwangs­ab­stiege, dann ist dieser ent­fes­selt auf­spie­lende 1.FC Köln auf seinem Weg zur Deut­schen Meis­ter­schaft nicht mehr auf­zu­halten. Viel­leicht nur zur Sicher­heit mal einen Prä­sent­korb nach Sins­heim schi­cken, dann läuft das wie von selbst. 

14.

Ich möchte nicht allzu anspruchs­voll erscheinen. Den­noch: Kaum aus­zu­denken, was das hier für ein Spiel wäre, wenn die Schalker dabei wären. 

17.

»Die Schalker haben ein biss­chen zu knab­bern an den letzten Ergeb­nissen«, so Lothars Ein­schät­zung. Die letzten Ergeb­nisse: die Salz­stangen der Profis. 

19.

Schalke jetzt mit Klein-Klein im eigenen Straf­raum. Der lächer­lichste Ver­such von Ange­berei, an den ich mich erin­nern kann. Zeigen sie den Köl­nern gleich ihre Superman-Tat­toos?

22.

Wie Cor­doba seinen Körper »zu seinem Vor­teil« ein­setze, so Gross­mann, das sei »schon nicht so schlecht«. Ich frage mich gerade, wie man seinen Körper wohl zu seinem Nach­teil ein­setzen kann, da fällt mir mein letzter Besuch im Hal­lenbad ein. Jetzt bin ich traurig. 

26.

Das muss Sie nicht groß küm­mern, den­noch: Die Ban­den­wer­bung für »Herren Kurz­arm­hemden 4,99« übt gera­dezu hyp­no­ti­sche Wir­kung auf mich aus. Jetzt weiß ich end­lich, wo Thomas Schaaf ein­kauft. 

30.

Schalke jetzt mit Angriffs­be­mü­hungen, Mit­leids­ap­plaus der Kölner Ver­tei­diger, und auch Lothar Mat­thäus klingt wie ein netter, allzu netter Grund­schul­lehrer, der der Klas­sen­niete »mit beiden Augen zuge­drückt« eine Vier gibt, von der alle wissen, dass sie eine eigent­lich Sechs ist. 

33.

Über­haupt: Lothars Stimme. War die immer schon so lieb­lich, ja, beinah groß­müt­ter­lich? Wenn er gleich live via SKY fragt, ob ich ihn nicht mal wieder besu­chen kommen möchte, es sei ja so einsam in Her­zo­gen­au­rach, gerade im Februar, wenn es so früh dunkel wird, mein Junge, fahr ich sofort los. Den Blu­men­strauß hol ich an der Tanke.

37.

Ein Spiel, das aus­sieht wie ein mit­tel­al­ter­li­ches Spek­ta­kulum, ein Live-Rol­len­spiel irgendwo in der Eifel: Die Kölner erstürmen hier einen Wall, bereit, ihr Leben dabei zu lassen. Einige tragen Streit­äxte, auch Fackeln flammen auf. Dann fällt schließ­lich die brü­chige Bas­tion der Schalker Ritter von der trau­rigen Gestalt: Cor­doba mit dem 2:0. Und auf der Tri­büne fallen sich Geo­grafie-Stu­denten mit Pfer­de­schwänzen in die Arme, fließt der Met in Strömen. 

42.

Der FC, momentan viel­leicht die beste Mann­schaft der Welt. Und Lukas Podolski kramt nach dem Bier­de­ckel, auf dem Wolf­gang Overath ihm damals eine Ver­trag auf Lebens­zeit skiz­ziert hat. 

45.

Vier Minuten Nach­spiel­zeit. Die Kölner gehen trotzdem schon mal in die Kabine. Was soll schon pas­sieren?

19:29 Uhr

Die span­nendsten Fragen vor der zweiten Halb­zeit: Lassen die Ordner Hasan Sali­ha­midzic zur FC-Kabine durch, um Ver­trags­ver­hand­lungen mit allen Köl­nern zu führen? Wie schafft die DFL die Meis­ter­schale so schnell ins Mün­gers­dorfer Sta­dion? Und: Warum um alles in der Welt müssen wir jetzt ein Inter­view mit dem Jung­schau­spieler bezeugen, der im SKY-B-Movie »Spides« ver­heizt wird? 

19:36 Uhr

Bestechende Ana­lyse des Jung­schau­spie­lers auf die Frage von Patrick Was­ser­ziehr, warum die Kölner so gut drauf seien: »Man muss das vorm Kopf visua­li­sieren, dann läuft es.« Wenn ich das eher gewusst hätte.

19.39 Uhr

Jetzt ver­zö­gert sich auch hier der Anstoß wegen eines Schmäh­trans­par­ents gegen Dietmar Hopp. Muss man nicht gut finden, aber wie Gross­mann und Mat­thäus hier vor Empö­rung aus der Hose springen, das klingt dann doch ein biss­chen nach zwei Lai­en­dar­stel­lern bei »Rich­terin Bar­bara Salesch«, die als Zeugen aus­sagen, nachdem einer armen Oma die Hand­ta­sche geklaut wurde. 

46.

Dann doch: Anstoß. Ganz gute Idee eigent­lich. 

48.

Mich fas­zi­niert die Brille von Schalke-Trainer David Wagner. Ist das so ein neu­mo­di­sches Modell, auf dessen Innen­seite Filme pro­ji­ziert werden? Guckt womög­lich gerade eine Doku über Faul­tiere, und keiner merkt es. Viel­leicht ist das das Geheimnis seiner Gelas­sen­heit. 

53.

Toni Leistner mit seinem Dieter-Hoeneß-Kostüm war bestimmt der Hit beim Kar­neval. Würde ich auch das ganze Jahr durch tragen. 

Dieter

56.

Das Spiel ver­flacht hier zuse­hends, laut­ma­le­ri­sche ver­an­schau­licht von Spoken-Word-Künstler Mat­thäus. »Lothar, glaubst du noch an Schalke?«, so Gross­mann. Lothar: »Hmmmm­mnnnnnnnnneeeeeee.«

60.

Jetzt wird es bedroh­lich. Jürgen Klins­mann goo­gelt: »Wo liegt Schalke?« 

65.

Schalke-Boss Cle­mens Tön­nies ist auf dem Weg nach Rheda-Wie­den­brück, um per­sön­lich ein paar Schweine zu schlachten. Druck abbauen, das tut gut. 

70.

Prinzip Hoff­nung: Edi Glieder läuft sich warm. Und dann hat David Wagner ja auch noch Zé Roberto II, III und IV in der Hin­ter­hand. Viel­leicht geht doch noch »was«.

74.

Tolle Szene auf der Tri­büne: Ein Kölner Fan erklärt einem Schalker wort- und ges­ten­reich das Spiel. Kölner: »Und da hinten ist unser Tor. Da könntet ihr mal hin­laufen, wenn ihr wolltet.« Schalker: »Is ja n dickes Ding.«

76.

Tor. 3:0 für Köln. Alex­ander Nübel, der mal Schalkes Tor­wart war, aber sich mitt­ler­weile offenbar für andere Dinge inter­es­siert, lesen viel­leicht, vol­ti­gieren oder Rad­touren, legt sich den Ball gewis­ser­maßen selbst rein. Wird die Bank, auf der er nächste Saison beim FC Bayern sitzt, über­haupt im Sta­dion stehen? 

80.

Gross­mann: »David Wagner hat ein Tor­wart­pro­blem. Aber Schu­bert ist wieder fit, Patel­la­sehne geht auch wieder.« Dass jetzt schon ein­zelnen Kör­per­teilen mehr zuge­traut wird als Nübel, halte ich dann aber doch für über­zogen. 

85.

Schont er seine Spieler, oder demü­tigt er den Gegner? Gisdol wech­selt Kainz aus und nie­manden ein. 

87.

Gross­mann erwähnt nur ganz leise das Pokal­spiel gegen Bayern, schon bre­chen alle Schalke-Spieler wei­nend auf dem Rasen zusammen. »Nicht schlagen, nicht schlagen!«, jam­mern sie. Wäre nicht Corona, man müsste sie ganz fest umarmen. 

89.

Drei Kölner Fans mit Hüten in Geiß­bock-Form. Vor dem Cham­pions-League-Finale 2021 gehen wir aber noch mal shoppen, Freunde. 

91.

Abpfiff. David Wagner eilt plötz­lich über den Platz wie ein Vater, der seine Kinder auf dem Rummel ver­loren hat. Ist ja auch so. Aber wahr­schein­lich hängen sie bloß wieder am Auto-Scooter rum und machen einen auf dicke Hose. Ein­fach mal nach­gu­cken. Viel Glück wünscht: Ihr 11FREUNDE-Live­ti­cker. Gute Nacht, liebe Fans.