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Niederlande – Tschechien 0:2
EM

17:45 Uhr

Hallo Freunde. Es ist warm, circa 4596 Grad in meiner Woh­nung (erste Etage). Ist das noch der deut­sche Sommer oder schon der Kli­ma­wandel? Und was hat Karsten Schwanke damit zu tun? Wäh­rend Paul Ron­zheimer gerade in Tarn­anzug und Wet­ter­ballon auf Recher­che­reise in die Wolken steigt, um dort ein paar Wet­ter­frö­sche zu inter­viewen, bleiben uns kleinen Jour­na­listen, über die nie eine eigene Doku gedreht werden wird, wieder nur die unwich­tigen Themen: Fuß­ball. Nie­der­lande gegen Tsche­chien. Und plötz­lich fließt mein Schweiß zurück in die Ach­sel­höhle, weil selbst er dieses Spiel nicht sehen will.

17:47 Uhr

Aber nein, so schlimm ist nicht: Nie­der­lande bis jetzt unge­schlagen. Aber klar, jetzt ist K.O.-Runde, ein Bodyt­scheck und sie wären raus. Ent­schul­digt uns, wir spielen die Partie schon mal vor: Auf der PS2, Smack­down vs. Raw 2006“.

17:49 Uhr

Gerade in den Wiki­pedia-Artikel von Smack­down vs. Raw 2006“ rein­ge­lesen. Unter den spiel­baren Kämp­fern tat­säch­lich gelistet: Hei­den­reich“. Signa­ture-Move: Gen­der­kritik“.

17:50 Uhr

Die ARD zeigt nochmal dieses Wahn­sinnstor von Schick gegen Schott­land. Und ich bin über­zeugt: Hätte ich in der 6. Klasse im 50-Meter-Lauf gegen diesen Schuss antreten müssen – ich wäre als Letzter ins Ziel gekommen. 

17:51 Uhr

Wir lernen auch: Die Tsche­chen waren als Teambuilding“-Maßnahme zusammen auf dem Schieß­stand. Finde ich nicht über­ra­schend: Spä­tes­tens seit meiner Abi­fahrt nach Prag weiß ich, dass die Jungs da gerne bal­lern.

17:55 Uhr

Letztes Duell bei einem Tur­nier zwi­schen den beiden Teams übri­gens zuletzt bei der Euro 2004. Nach 0:2‑Rückstand gewann Tsche­chien noch mit 3:2. Für die Nie­der­lande trafen: Wilfred Bouma und Ruud van Nistel­rooy. Für Tsche­chien: Jan Koller, Milan Baroš und Vla­dimír Šmicer. Damals auch auf dem Feld: Edgar Davis, Phillip Cocu, Tomáš Rosický und Pavel Nedvěd. Und viel­leicht schalten wir jetzt hier ein­fach ab und gucken uns zusammen die Wie­der­ho­lung von damals an. Was meint ihr? Ant­worten bitte an: nostalgieschmerz@​11freunde.​de

17:57 Uhr

Bei Tsche­chien ja nicht einmal mehr Gebre Sel­assie dabei. Obwohl ver­ständ­lich: Wer soll sonst mit Fin Bar­tels den ganzen Tag Bingo spielen und aus dem Fenster heraus Pas­santen beschimpfen?

1.

Anstoß. Biss­chen ent­täuscht, dass Schick nicht direkt drauf­hält. Schisser.

3.

Ach­tel­fi­nale also. Muss sagen, dass die Nie­der­lande ein biss­chen mein EM-Crush geworden sind. Depay, Wij­naldum, Dum­fries, De Jong – und dann all die schnellen, schönen, scharfen Pässe, die sie sich zuspielen. Das hat tat­säch­lich was von Totaal­voetbal. Und das ist ja eine will­kom­mene Abwechs­lung zum Abso­luut­nicht­voetbal der deut­schen Natio­nal­mann­schaft.

5.

Die Tsche­chen hin­gegen eher eine Art ver­flos­sene Jugend­liebe mei­ner­seits. Poborsky, Nedved und wie sie 1996 alle hießen, als sie mir ein wenig den Kopf ver­drehten und wir einen schönen Sommer hatten, der mit reich­lich Herz­schmerz endete, wie das bei so Som­mer­lieben eben ist. Ob Poborsky und Nedved manchmal auch noch an mich denken? Wahr­schein­lich.

7.

Ach, aber was erzähl ich Opa hier vom Krieg. Die Gegen­wart heißt: Ein mir unbe­kannter Tscheche namens Holes haut aus knapp 35 Meter drauf und erwartbar mei­len­weit vorbei. Das wäre Poborsky nicht pas­siert. Früher war eben doch alles besser.

11.

Auf der anderen Seite der erste Abschluss der Hol­länder, die sich hier langsam aber sicher gen 1:0 kom­bi­nieren. Und wie. Die Pässe der Hol­länder sind so scharf, ich bin mir sicher, dass sie irgend­einer dieser Schärfe-Welt­re­kord-Weirdos, die man ab und an in irgend­wel­chen Trash-TV-Sen­dungen sieht, in Nevada für den jähr­li­chen Sco­ville-Worldcup oder so gezüchtet hat, und eigent­lich heißt das Pas­spiel der Hol­länder jetzt Ghost Pepper Pass­spiel oder so, und Ver­rückte aus der ganzen Welt ver­schlu­cken sich daran und kotzen, schwitzen und heulen, wäh­rend Jumbo Schreiner samt Pro7-Team stau­nend daneben steht.

15.

Nächste Chance für Hol­land, langer Ball, Keeper kommt zu früh raus, Malens Schuss wird aber gerade noch so von Kalas geblockt. Den­noch: Mehr gedrückt als hier von den Hol­län­dern wird nicht mal im Frank­furter Bahn­hofs­viertel.

17.

Gespielt wird übri­gens in Buda­pest. Um Viktor Orban nicht mit poli­ti­schen State­ments“ zu ver­är­gern, hat die Uefa vor­sorg­lich alle guten Aktionen über links unter­sagt. 

18.

Aber die Nie­der­lande halten sich nicht dran. Tolle Flanke von Malen. Nur der Abschluss leider wie ein Kin­der­garten-Man­dala: weit weg von der Linie.

21.

Aber die Tsche­chen spielen mit, ver­su­chen es vor allem über hohe Bälle. Und irgendwo nickt ein Kreis­liga-C-Trainer aner­ken­nend.

24.

Trink­pause. Oder wie man in den Nie­der­landen sagt: Frei­boer.

26.

Auch viele nie­der­län­di­sche Fans hier übri­gens im Sta­dion. Als gäbe es keine Pan­demie. Wobei, viel­leicht arbeiten die ja auch alle hier:
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29.

Kom­men­tator Flo­rian Naß: Das ist natür­lich gerade eine Art Fuß­ball mit mäßigem Unter­hal­tungs­wert.“ Wir nennen es: die Jogi-Löw-Taktik.

31.

Schlechte Ecke der Nie­der­lande. Sofort kommen deut­sche Tou­risten mit Spie­gel­re­flex-Kameras um den Hals ange­laufen, bleiben ver­wirrt stehen: Hä, ich dachte hier gibt’s halb­nackte Frauen in Schau­fens­tern?!“

35.

Hol­land mitt­ler­weile relativ ideenlos. Und ich ver­stehe end­lich, warum das Tur­nier von Lie­fe­r­ando gespon­sert wird: Weil die Tsche­chen so gut zustellen. Hoffe, Trainer Jaroslav Sil­havy gibt ordent­li­ches Trink­geld. Aber bitte nicht über die App, sonst wird da noch was abge­zogen.

38.

Hui, Tsche­chens Coufal knapp am Ehre­noscar für die beste Slap­stick-Ein­lage vorbei, als er gerade einen Haken schlagen wollte, sich dann aber ein­fach auf die Schnauze legte. Der Konter der Nie­der­länder ver­sackt aber ein­fach irgendwo. Trotzdem: Gibt von mir gute 7,2 Punkte bei IMDb.

41.

Hui, nächste Chance für die Tsche­chen, die wirk­lich gut im Spiel sind. Mas­opust schießt aus halb­rechter Posi­tion, Stekel­en­burg muss retten. Czech lass nach – hier könnte es wirk­lich zur Über­ra­schung kommen.

44.

Dum­fries nochmal mit der Her­ein­gabe, aber irgendein Tscheche springt eigent­lich immer dazwi­schen. Die Nie­der­länder hier jetzt wie Jürgen Milski beim Promi-Wer-Wird-Mil­lionär: Völlig ratlos.

45.+2

Pause. Hier ein Sym­bol­bild der bis­he­rigen hol­län­di­schen Offen­siv­be­mü­hungen:
E4 BQ Kw G Vc AA8 ENM

18:54 Uhr

Kleiner Leser­ser­vice, damit ihr euch den Wer­be­block klemmen könnt: WEIL ICH MEINE HAARE BEHALTEN WILL!!!!!!

19:01 Uhr

Gerade bei Twitter unter einem unserer Tweets auf Nie­der­län­disch belei­digt worden, laut Google-Trans­late mit: Gehen Sie Wurst mit Sauer­kraut essen, fettes Plopkop.“ Gru­selig, das klingt als könnte der Typ bei mir in die Küche gucken kann. Woher weiß er sonst, was ich in den Halb­zeit­pausen mache.

46.

Wie­der­an­pfiff: 22 bisher glück­lose Männer ver­su­chen wei­terhin, hier zum Schuss zu kommen. Irre, dachte eigent­lich, dieses Sen­dungs­kon­zept hätte sich RTL schon lange für Die Bache­lo­rette“ paten­tieren lassen.

47.

Tsche­chien bisher übri­gens mit bes­serer Pass­quote als die Nie­der­lande. End­lich zahlt sich das Trai­ning an der Grenze zu Sachsen mal aus.

48.

Zweite Hälfte beginnt direkt mit einem Foul: Dum­fries haut seinem Gegen­spieler den Ellen­bogen ins Gesicht und bekommt Gelb. In den Nie­der­landen sagt man dazu: die gute alte Van-Bommel-Schule.

49.

Jetzt wieder Angriff Nie­der­lande, kurz Über­zahl. Wieder Dum­fries, der gut quer­legt. Aber ein Pass wie die Hasch-Brow­nies, die die Polizei ges­tern wieder in einem Dea­lerauto nach einem Trip nach Venlo gefunden hat: erreicht seinen Abnehmer nicht.

51.

Und dann: Malen plötz­lich mit dem Ball am Fuß allein vor dem tsche­chi­schen Tor­wart. Löst das Eins-gegen-Eins aber schlechter auf als Viert­klässler mit Divi­dier­schwäche. De Boer zückt den Rot­stift. Wei­terhin 0:0. Bezie­hungs­weise: NaN.

55.

Auf der anderen Seite: Schick durch, De Ligt als letzter Mann mit quasi Not­wehr­ak­tion, stol­pert und nimmt den Ball in die Hand. Schieds­richter Sergei Karasev ent­scheidet nach VAR-Betrach­tung der Szene: Kein Kava­liers-De-Ligt. Rote Karte.

58.

Ein Satz, der bei mir doch schlechte Erin­ne­rungen an meine Abi­fahrt her­vor­ruft: Die Tsche­chen jetzt in Über­zahl. Und ergo mein Kumpel Felix und ich gleich ohne Geld und Handy allein um 3 Uhr nachts in einer Prager Gasse.

59.

Die Nie­der­länder wech­seln: Malen raus. Promes rein. Priza und Drönr noch auf der Bank.

64.

Bit­teres Ding von Mat­t­hijs de Ligt. Langer Ball, plötz­lich hakts im Zwei­kampf und der PC stürzt ab, da macht er den Affen­griff zum Ball und startet das Spiel kom­plett neu. Ctrl Alt de Ligt. Ist auf Dauer nicht gut für die Hard­ware.

66.

Geil übri­gens auch, dass hinten links bei den Tsche­chen ein Mann namens Coufal spielt, der Zufall“ aus­ge­spro­chen wird. Find ich schön nahbar, bei uns früher in der Kreis­liga war eigent­lich auch alles Coufal.

70.

Und dann das: TOOOOOOOOOOR für Tsche­chien, den großen Underdog. Eck­ball, dann Kopf­ball an den langen Pfosten, da steht Holes und nickt ein. Ich wusste es ja: Der Mann wird die Kohlen aus dem Feuer holes.

73.

Hol­land jetzt gefor­derter als ich damals beim obli­ga­to­ri­schen IQ-Test zur Ein­stel­lung bei 11FREUNDE. Nor­bert Dronia, Dirk Hupe, Horst Woh­lers, Frank Pagels­dorf – setze die Reihe logisch fort.“ – Johannes Riedl, Ewald Lienen, Dirk Hupe, ach shit, nee, den hatten wir schon. Leute, ich brauche den Job, bitte, ich hab Schulden beim Donut-Laden am Bahnhof, bitte.“

77.

Kommt heute nicht so recht zur Gel­tung, aber Geor­ginio Wij­naldum ist einer meiner High­light-Spieler dieser EM, und ich fände es wahn­sinnig schade, würde er hier jetzt die Segel strei­chen müssen. Was eine Prä­senz, was eine Dynamik. Rennt durch die Spiele wie einst For­rest Gump über die stau­bigen Straßen von Savannah, Georgia. Jeder seiner Ball­kon­takte wie eine Schachtel Pra­linen, man weiß nie, was man kriegt: Super­pass, Box-to-Box-Lauf, Abschluss. Aber gut, das wusste ja seine Mutter schon: Wij­naldum ist der, der Wij­naldummes tut.

80.

Und dann: Angriff Tsche­chien, Über­zahl. Zurück­ge­legt auf Schick und der muss aus viel­leicht acht Metern nur noch ein­schieben. 2:0. Das letzte Mal, dass ein Nie­der­länder so lächer­lich baden ging:

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82.

Den Nie­der­län­dern bleiben noch acht Minuten, um die natio­nale Kata­strophe zu ver­hin­dern. Hat Roland Emme­rich schon die Film­rechte gekauft?

84.

Die Tsche­chen wech­seln, Sevcik geht, Hlozek kommt. Und sie lassen sich dabei wirk­lich viel Zeit. Lang­samer das Feld ver­lassen sah ich zuletzt nur den Greis, der im Park um die Ecke bei mir immer Boule spielt.

88.

Noch zwei Minuten bis zum Über­ra­schungs­sieg. Auf der Prager-Fan­meile testen sie schon mal die Laut­spre­cher: Czech one, czech two.

90.

Noch einmal Ecke für Tsche­chien. Kurz aus­ge­führt. Die Nie­der­länder schnappen sich den Ball, pre­schen, nein schießen ein­fach nach vorne. Doch es bringt nichts, es bringt alles nicht. Denn da steht nie­mand. Jeder Angriff von Oranje jetzt wie die Erst­be­nut­zung eines Dixis­klos: läuft ins Leere.

90.+1

Es gibt sechs Minuten Nach­spiel­zeit. Finde ich ja unfair, die Nie­der­länder jetzt hier auch noch unnötig zu quälen.

90.+3

Irgendein Tscheche, kann gerade nicht erkennen wer, bolzt nochmal aus dem Rück­raum drauf und Stekel­en­burg hält den Schuss wie ein 21-Jäh­riger. Ich bin mir sicher, auch wenn sie hier ver­lieren: Seine Enkel sind trotzdem stolz auf ihn!

90.+5

Auf der Bande jetzt FedEx-Wer­bung. Das nenne ich mal ziel­grup­pen­ori­en­tiert: Denn in den Nie­der­landen wissen sie ja anschei­nend nicht, wie man ablie­fert.

19:55 Uhr

Abpfiff. Nie­der­lande raus. Tsche­chien weiter. Trifft jetzt im Vier­tel­fi­nale auf Däne­mark. Hätte man nicht mit gerechnet. Aber womit rechnet man schon? Also wir noch mit einem Schieber, aber der klemmt gerade irgendwie…

19:57 Uhr

Freunde. Hier geht’s zurück ins ARD-Studio. Schnelle Ana­lyse von Bommes und Co: Die Tsche­chen haben ihre Mög­lich­keiten genutzt.“ Ja, puh. Dann Lot­to­zie­hung. Dann Tages­schau mit Susanne Daubner. Die uns vom Leid der Welt berichtet. Doch das haben wir ja gerade schon gesehen, 90 Minuten lang plus sechs Nach­spiel­zeit. Mir reicht das. Uns reicht das. Wir machen hier Schluss. Bis bald. Und dann. Bestimmt.