Wie Peter Niemeyer seine Karriere beendete

»Als Fußballer hast du eine Sonderstellung«

Sind diese beiden Empfindungen inzwischen einigermaßen im Einklang?
Ich würde am liebsten immer noch spielen. Zuletzt habe ich beim Abschiedsspiel von Per Mertesacker gekickt. Das hat Mega-Bock gemacht, auch wenn es natürlich ein anderes Niveau war. Ich habe 15 Jahre Fußball gespielt, auf höchsten Niveau und mit extrem viel Leidenschaft. Aber ich freue mich jetzt auf die neuen Dinge, die vor mir liegen. Trotzdem: Ich habe es mir einfacher vorgestellt. Manchmal, als ich morgens aufgestanden bin, wusste ich nicht, welchen Wochentag wir gerade haben. Einige haben gesagt: Wow, das ist ja wie Urlaub. Aber für mich war das eher beklemmend.

Hat es Sie überrascht, wie schwierig die neue Situation für Sie ist?
Ja, unfassbar. Ich habe immer von mir gedacht, dass ich reflektiert bin und über den Tellerrand hinausschauen kann. Trotzdem kannst du dich nicht darauf vorbereiten, auf einmal nicht mehr Fußball zu spielen und dadurch auch anders wahrgenommen zu werden. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich über den Fußball profiliert habe. Trotzdem war ich Peter Niemeyer, der Fußballer. Auf einmal aber bist du nur noch der Peter Niemeyer. Gefühlt wirst du ein Stück zurückgestuft in der Gesellschaft. Ich hätte nie gedacht, dass das ein Problem für mich sein würde.

Haben Sie sich mal mit Ex-Profis ausgetauscht?
Mit Clemens Fritz habe ich darüber gesprochen. Im Grunde machen wir alle ähnliche Erfahrungen. Als Fußballer hast du eine Sonderstellung in der Gesellschaft, selbst wenn du es eigentlich gar nicht willst. Du wirst da ja auch reingedrückt. Wenn es dir gut geht, ist es einfach, bescheiden zu sein. Bescheiden zu sein, wenn es dir schlecht geht, das ist sicherlich schwieriger.

Man hatte bei Ihnen immer das Gefühl, dass Sie in Ihrer Zeit bei Hertha zu einem richtigen Fan des Vereins geworden sind.
Total. Wenn ich etwas mache, dann mit hundert Prozent. Das funktioniert aber nur, wenn du von einer Sache überzeugt bist. Von Hertha war ich so was von überzeugt. Und bin es immer noch. Das ist einfach ein geiler Verein. Aber Darmstadt fand ich auf seine Art auch geil. Wenn Hertha und Darmstadt nicht gerade gegeneinander spielen, bin ich immer für Hertha und Darmstadt. Genau wie auch für Twente oder Werder. Weil ich meine Vereine immer auch mit Leuten in Verbindung bringe, die mir was bedeuten. Mit Leuten, die im Hintergrund arbeiten, wie David de Mel bei Hertha …

… der Physiotherapeut …
… oder Zeugwart Robert Abramczyk. Das ist aber bei Darmstadt genauso. Ich bin von beiden Vereinen Fan, auch wenn das sauwaschlappenmäßig klingt.

Das »Darmstäder Echo« hat Sie immerhin als »Lilien-Legende« bezeichnet.
Legende? Ich weiß nicht. Aber ich habe auf jeden Fall eine unheimliche Dankbarkeit gespürt, als ich mit Sandro …

… Wagner …
… nach Darmstadt gekommen bin: zwei Spieler von der großen Hertha, die zu Darmstadt 98 wechseln. In der vergangenen Saison habe ich gerade vier Spiele gemacht. Und durfte trotzdem nach dem letzten Spieltag zu den Fans auf den Zaun klettern und wurde gefeiert. Ich kann Ihnen gar nicht erklären warum. Vielleicht, weil ich immer so war, wie ich bin. Ich habe einfach versucht, mich mit dem Verein zu identifizieren und den Verein zu leben, so wie ich es mit Hertha auch getan habe.

Haben Sie Hertha in dieser Saison schon mal im Stadion gesehen? Noch nicht (das Interview wurde vor dem Spiel zwischen Darmstadt und Hertha geführt, d. Red.). Aber was da passiert, ist genial. Wobei, noch genialer finde ich, dass die A-Jugend Deutscher Meister geworden ist. Und das mit elf Berliner Jungs in der Startelf. Solche Leistungen sind für mich noch höher einzuschätzen. Genau daraus entsteht so eine Mannschaft, wie wir sie jetzt bei den Profis sehen.