Wie ein Werder-Fan sein eigenes Pokalwunder im Linienbus erlebte

»Willste mitgucken?«

Bremen-Fan Dennis Klammer hätte den Werder-Wahnsinn gegen Dortmund beinahe verpasst – doch dann rettete ihn ein fremder Junge im Bus per Handystream. Am Ende liefen beide grölend durch die Stadt.

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Dennis Klammer, Sie sind Werder-Fan. Warum haben Sie das Spiel am Dienstag nicht einfach gemütlich zu Hause auf der Couch geschaut?

Weil ich auch Dendemann-Fan bin und deswegen Tickets für dessen Konzert hatte. Dummerweise fand das Spiel in Dortmund zeitgleich mit dem Konzert statt. 



Konnten Sie sich überhaupt auf Dendemann konzentrieren? Sie haben ja sicher mitbekommen, was in Dortmund passierte.

Da das Spiel in die Verlängerung ging, erlebte ich die heißen Minuten der Partie auf dem Nachhauseweg. Direkt nach dem Konzert quetschte ich mich in die Bahn, netterweise ließ mich schon da jemand auf seinem Handy mitschauen. Denn ich selbst hatte ein großes Problem: nur noch vier Prozent Akku! Ohne die netten Menschen in der Bahn hätte ich das Pizarro-Tor verpasst.

Waren Sie die einzigen, die in der Bahn das Spiel schauten?

Nein: Aber wir hatten die beste Empfangsqualität. Zwei Minuten, nachdem wir das Pizarro-Tor gefeiert hatten, brach ein paar Meter weiter vorne derber Jubel aus. Die hinkten ein bisschen hinterher. Die Stimmung war danach noch besser.

Warum haben Sie dieses Super-Abteil verlassen?

Weil ich umsteigen musste. Ich wollte ja nach Hause. Aber als ich auf den Bus wartete, da begann die eigentlich großartige Geschichte.

Schießen Sie los!

Mit der letzten Ticker-Aktualisierung zeigte mir das Handy den 3:2-Führungstreffer für Dortmund. Danach ging mir der Saft aus. Ein paar Minuten später kam der Bus. Ich stieg ein, und sah ihn sofort: einen Jungen, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, mit einem extrem breiten Grinsen auf den Lippen und einem Handy in der Hand. 


Haben Sie zunächst versucht, dem Jungen heimlich über die Schulter zu schauen?
Nein, ich ging sofort rüber und fragte ihn, warum er so fröhlich sei. Da sagte er nur: »Wir haben gerade das 3:3 gemacht!« Ich so: »Kann nicht sein!« Er so: »Na und ob! Willste mitgucken?«. Natürlich wollte ich.

Wie groß war das Display?

Nicht sonderlich groß. Aber für uns beide reichte es. Ich war auch wirklich erstaunt, wie reibungslos der Stream lief. Es ruckelte kein einziges Mal. Dafür gab es ein anderes Problem. 



Und zwar?

Als Pavlenka gerade den ersten Elfer, den von Paco Alcacer, pariert hatte, sagte der Junge: »Du: Bei der nächsten Station muss ich raus.« Ich dagegen musste bis zur Endhaltestelle fahren.

Ein Wettlauf gegen die Zeit. Wurden Sie panisch?

Ich habe eher gehadert. Nach dem Motto: Das kann doch alles nicht wahr sein.

Und er?

Kurz vor seiner Station sagte er: »Pass auf. Wir ziehen die Nummer jetzt durch.« Er blieb einfach sitzen. Dann ist er bis zur Endhaltestelle mit mir mitgefahren.

Wäre es nicht fairer gewesen, wenn Sie mit ihm bei seiner Stadion ausgestiegen wären?

Klar, das habe ich ihm auch angeboten. Aber davon wollte er nichts wissen. Er meinte nur, er hätte am nächsten Tag außer einer Tauchprüfung ohnehin nicht viel vor.



Aber eine Tauchprüfung ist doch wichtig!
Das habe ich ihm auch gesagt. Aber er antwortete: »Ich bleibe hier sitzen. Für Werder!« Daraufhin lagen wir uns nach jedem erfolgreichen Elfmeter in den Armen und schrieen laut »JAAAA!« durch den ganzen Bus.

Wie reagierten die anderen Fahrgäste?

Es waren noch fünf weitere Menschen im Bus. Die haben sich irgendwann mit uns gefreut. Der Mann, der vor uns saß, hörte das Spiel glaube ich ohnehin über’s Radio. Er hatte zumindest Kopfhörer im Ohr und grinste so breit wie der Junge.

Was passierte im Bus nach dem Kruse-Elfmeter? Polonaise durch den Gang? Hupkonzert?

Als Kruse zum entscheidenden Elfer antrat, kamen wir gerade an der Endhaltestelle an. Kruse verwandelte, die Türen öffneten sich, wir stiegen grölend aus und hörten auch von den umliegenden Häuser Jubelschreie. Da standen Leute auf ihren Balkonen und feierten. Das war wie bei einer WM.

Haben Sie mit ihrem Handy-Retter auf den nächsten Bus gewartet? Er musste ja wieder eine ganz ordentliche Strecke zurückfahren…
Nein. Wir sind zunächst zusammen bis vor zu meiner Ecke gelaufen. Dann meinte er: »So eine geile Nacht, den Rest des Weges spaziere ich jetzt auch.«


Dennis Klammer ist Redakteur bei Radio Bremen. Auf die Geschichte aufmerksam wurden wir durch folgenden Tweet.