Tomislav Piplica über Patzer, den Krieg und Cottbus

»Ich unterschrieb für ein Jahr – und blieb zehn«

Stimmt es, dass Geyer anfangs enttäuscht von Ihnen war?
Vor der ersten Trainingseinheit schmiss der Zeugwart einem anderen Testspieler – einem 1,90-Meter-Typen mit großen Händen – das Torwarttrikot zu. Als sich dann herausstellte, dass ich der neue bosnische Torwart bin, schaute Geyer skeptisch. In einer Statistik, die ihm vorgelegt wurde, stand nämlich, ich sei größer.

Sie sind mit 1,82 Meter tatsächlich recht klein für einen Torhüter.
Geyer schimpfte deshalb ein paar Minuten mit meinem Berater. Irgendwann sagte ich: »Egal, ich fahre wieder nach Hause.« Aber irgendwie einigten wir uns darauf, dass ich einmal beim Training mitmache. Und dann war ich richtig gut. Vor allem bei den Standards. »Ist doch nicht so klein«, grummelte Geyer danach. »Kann jedenfalls gut springen.« Ich unterschrieb für ein Jahr – und blieb zehn.

Wie lebten Sie sich ein?
Cottbus hat nicht den besten Ruf, aber ich mochte die Stadt und die Leute. Außerdem waren wir eine tolle Truppe. Viele Spieler lebten in meiner direkten Nachbarschaft: Zanko Zwetanow, Christian Beeck, Franklin Bittencourt, Steffen Heidrich. Und mit Antun Labak habe ich mir ein Doppelhaus geteilt.

Der Kader bestand zum Großteil aus ausländischen Spielern. Wie wirkte sich das auf das Spiel aus?
Gegen Wolfsburg waren wir das erste Bundesligateam, das mit elf Ausländern auflief. Vielleicht waren wir in jenen Jahren
 auch so erfolgreich, weil wir eine Multikultimannschaft waren, wir waren Reisende in der Fremde, die eine Sprache sprachen: Fußball. Das schweißte zusammen.

Sie wurden sofort Nummer eins, und nach ein paar Monaten sagte Ihr Mitspieler Bruno Akrapovic: »Für mich stehen Kahn, Kiraly und Piplica auf einer Stufe.«
Interessante Liste. Kahn war natürlich ein anderes Level. Aber auch er konnte nicht immer gewinnen. Erinnern Sie sich an unser Duell?

Kahn schoss gegen Sie einen Elfmeter.
Das war Anfang 2002, wir gingen damals in München unter. Es stand 0:6, glaube ich, als die Bayern noch einen Elfmeter bekamen. Kahn wollte endlich mal ein Tor machen. Gegen Rostock hatte er es ja ein Jahr zuvor schon mal versucht, als er den Ball mit der Faust ins Tor boxte. (Lacht.) Nun also: Kahn beim Elfmeter. Ich stellte mich zunächst mit dem Rücken zu ihm auf die Linie. Das schien ihn zu verwirren, ich lenkte den Ball an den Pfosten. Er war danach richtig sauer, aber wir haben uns später noch mal getroffen – und über die Szene gelacht.

Hatten Sie je Angst?
Nein, ich habe immer gerne Verantwortung übernommen. Angst habe ich höchstens vor Wasser. Zumindest gehe ich nicht gerne baden. Als Kind habe ich mich unter Wasser mal in einer Wurzel verfangen. Drei Minuten lang. Ich musste wiederbelebt werden.

2000/01 übernahmen Sie Verantwortung bei einem Elfmeter, aber scheiterten. Haben Sie es später bereut, dass sie geschossen haben?
Wir spielten damals gegen den Abstieg und mussten gewinnen. Kurz vor der Halbzeit gab es Elfmeter für uns. Geyer hatte eigentlich Witold Wawrzyczek als Schützen auserkoren, aber der bekam plötzlich Muffensausen. Also nahm ich mir den Ball – und Martin Pieckenhagen parierte. Bereut habe ich es aber nicht. Ich war ja eigentlich ein guter Elfmeterschütze. Gegen Essen hatte ich mal im Pokal getroffen, in Kroatien war ich auch oft erster Schütze. Diesmal hatte ich halt Pech, wir verloren 0:1 und standen weiterhin auf einem Abstiegsplatz. (Am Ende rettete sich Cottbus noch auf Platz 14, d. Red.) Trotzdem nahm mir den Fehlschuss niemand krumm. Auf dem Heimweg traf ich Fans an der Tankstelle, die nahmen mich sogar in den Arm und trösteten mich. Auch das war Cottbus in jener Zeit: ein starker Zusammenhalt, ein familiärer Klub, der 2000 sensationell in die Bundesliga aufstieg und über drei Jahre mithalten konnte.