Sicherheitsexperte Helmut Spahn über die EM

»Der alternative Spielplan liegt in der Schublade«

Doppeltes Budget, doppelte Kontrollen – Frankreich rüstet sich gegen den Terror. Sicherheitsexperte Helmut Spahn spricht über die Maßnahmen und zeigt Risiken auf.

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Helmut Spahn ist Direktor des International Centre for Sport Security (ICSS) und war der Sicherheitsbeauftragte für die WM 2006.

Helmut Spahn, Frankreich hat vor der Europameisterschaft in vielen Städten große Polizeiübungen abgehalten und dabei Terrorattacken simuliert. Ist das eine geläufige Praxis?
Diese Übungen sind normal und finden eigentlich vor jedem Turnier statt. Es ist immer eine Frage, inwieweit dies medial begleitet wird. Auch die viel diskutierten Übungen, in denen chemische oder radioaktive Substanzen vorkommen, haben wir vor der WM 2006 auch genauso praktiziert.

Bei den Anschlägen in Frankreich und Belgien soll die Kommunikation zwischen den Nachrichtendiensten nicht funktioniert haben. Könnte dies auch zum Problem bei der EM werden?
Es ist immer schwer, diese Gemengelage als Außenstehender zu beurteilen. Um es so zu auszudrücken: Man hatte schon das Gefühl, dass die Zusammenarbeit der internationalen Nachrichtendienste nicht immer auf freundschaftlichem Niveau ablief. Doch genau in diesem Bereich muss man eng zusammen arbeiten. Meine Prämisse war immer, diese geopolitische, außenpolitische Lage außen vor zu lassen. Gerade bei einem solchen Turnier bedarf es schließlich eines differenzierten, sicheren Lagebildes.

Wie lief das bei der WM 2006 ab?
Es gab internationale Konferenzen. Wir haben dabei nicht nur die teilnehmenden Länder, sondern auch die Nachbarländer zum Informationsaustausch in einem Raum eingeladen. Es ging im Wesentlichen darum, jeden auf den gleichen Stand zu bringen. Jeder wusste beispielsweise, wie der Notfallplan im Team Basecamp aussah. Unsere Einsatzzentrale lag in Berlin, wo alle Informationen zusammen gelaufen sind. Wir haben überdies die Möglichkeit gegeben, mobile Fanbotschaften einzurichten, damit sich die Fans der jeweiligen Länder bei Auffälligkeiten an diese Stellen wenden konnten.


Helmut Spahn

Gab es Terrorwarnungen während der WM 2006?
Nicht im eigentlichen Sinne, doch wenig später tauchte der Fall der »Kofferbomber« an deutschen Bahnhöfen auf. Dieser geplante Anschlag sollte ursprünglich während der WM durchgeführt werden, wie die Untersuchungen danach zeigten. Die Terroristen wurden aber durch die hohe Polizeipräsenz und das hohe Entdeckungspotenzial davon abgehalten.

Das heißt, dass sich Terroristen von der erhöhten Polizeipräsenz abschrecken lassen?
Die Sicherheitsvorkehrungen sind nun mal aktuell nach den tragischen Ereignissen in Paris und Brüssel in aller Munde. Es mag sich komisch anhören, aber im Endeffekt agieren Terroristen genauso wie Sicherheitsbehörden: Sie wägen ihre Risiken ab und machen eine Lagebeurteilung. Danach treffen sie eine Entscheidung.

Das klingt nach sehr rationalen Tätern.
Viele sagen: »Das sind Verrückte, die sprengen sich mal eben in die Luft.« Man muss sich ein Stück weit von diesem Eindruck lösen. Klar gibt es diesen Typus der Terroristen auch, aber in der Regel sind diese Anschläge von langer Hand geplant, fast schon generalstabsmäßig, mit einem genauen Ablauf, was die Zeit und den Ort angeht.

Auch in Paris hatten die Attentäter einen genau durch getakteten Plan. Dennoch soll ein Attentäter am Einlass des Stadions gescheitert sein. Die Terroristen müssten doch bedacht haben, dass es vor dem Stadion Kontrollen gibt.
Dazu existieren unterschiedliche Theorien. Eine ist, dass die Täter sich untereinander zeitlich nicht ganz bis ins letzte Detail abgestimmt hatten und es deswegen zu Irritationen kam. Eine andere Theorie behandelt das individuelle Vorgehen. Auch das mag ein ungewohnter Satz sein, aber Terroristen sind eben Menschen, die auch unter Druck Fehler machen. Ich will diese Theorien im Einzelnen gar nicht bewerten, weil es im Grunde an der Sachlage nichts ändert: Die Einlasskontrollen sind wichtig und wir müssen schauen, wie sie optimiert werden können.

Frankreich hat nun reagiert und führt eine zusätzliche Kontrolle weit vor dem Stadion durch.
Ob diese Kontrollen 50, 500, oder 5000 Meter vor dem Stadion durchgeführt werden, ändert nichts an einem entscheidenden Problem: Irgendwo rund um das Stadion gibt es eine Menschenansammlung vor dem Stadion. Genau dies muss aber vermieden werden.

Nach den Anschlägen in Paris wurden die Kontrollen vor den Bundesligastadien verstärkt, so stauten sich Hunderte vor dem Eingang. Terroristen hätten dabei noch »leichteres Spiel« gehabt.
Richtig. Es ist wie am Flughafen, wo die Sicherheitsmaßnahmen erst am Gate greifen, wenn die Passagiere die Scanner durchquert haben. In den Abflughallen selbst gibt es aber keine Kontrollen. Man kann also auch bei den Stadien den äußeren Sicherheitsring verlegen, behebt damit allerdings nicht das Problem einer Menschenansammlung. Und damit: eines potenziellen Anschlagziels für Terroristen.