Paderborns Trainer Steffen Baumgart im großen Interview

»Solange ich pushe, ist alles gut«

Steffen Baumgart übernahm den SC Paderborn im Frühjahr 2017. Damals stand der Verein am Abgrund - jetzt ist er Bundesligist. Wie ist die komplette Kehrtwende möglich?

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Dieses Interview erschien erstmals am 02. April.

Steffen Baumgart, es gibt ein Video von Ihnen mit dem Titel »Skills and Goals - Steffen Baumgart«.
Oha, und? 

Ehrlicherweise: Viele Goals, wenig Skills.
Das fasst meine Spielweise ganz gut zusammen. Ich war geradlinig, habe von meiner Athletik gelebt und Tore gemacht. Abgesehen vom Hakenschlagen konnte ich keine Tricks. Aber mit schwierigen Situationen wusste ich umzugehen. Ich habe nie gezittert. 

Es hat trotzdem lange gedauert, bis Sie den Sprung in den Profifußball gemacht haben.
Das kommt ein bisschen darauf an, was Sie meinen. 

In der DDR-Sportschule waren Sie nicht.
Dafür hatten meine Eltern gesorgt. Ich hätte 1984 in die DDR-Sportschule gehen können, aber meine Eltern waren der Meinung, dass das keine gute Entwicklung verspreche, wenn ich mit 12 Jahren nach Berlin gekommen wäre. Sie sagten, ich solle erst einmal zuhause bleiben. Dort, bei Dynamo Rostock-Mitte, habe ich auch eine gute Ausbildung genossen. Im Leistungszentrum haben wir fünf-sechs Mal in der Woche trainiert, hatten am Wochenende unsere Spiele. Vier Wochen Vorbereitung mit Trainingslager. Und im Profibereich der DDR war ich dann schon mit 17 Jahren. 

Sie waren auf der einen Seite Zweitligaprofi bei SG Dynamo Schwerin. Und auf der anderen Seite als Polizist beim Meisterschaftsfinale zwischen Hansa Rostock und Dynamo Dresden im Einsatz.
Genau, das war die Wendezeit. Ich hatte meine Lehre abgeschlossen. Und weil ich zu der Zeit bei Dynamo Schwerin gespielt hatte, war ich Angestellter der Deutschen Volkspolizei und später dann in der neueingerichteten Bereitschaftspolizei in Schwerin. 

Sie sind dann recht überraschend zur SpVg Aurich, Viertligist aus Ostfriesland, gewechselt. Warum?
Wir haben die Möglichkeit genutzt, im Zuge der so genannten »Goldgräberzeit« den Weg in den Westen zu gehen. Wir sind damals mit zahlreichen Leuten nach Aurich gegangen, bekamen eine Ausbildung - der eine wurde Versicherungsvertreter, der andere hat im Steuerbüro gearbeitet, ich wurde KFZ-Mechaniker. In den Vereinen war bekannt, dass es eine gute Fußballausbildung im Osten gab. An Fußball war im ersten Moment dann nicht mehr in dieser Form zu denken. Aber wir haben trotzdessen vier-fünfmal die Woche trainiert und guten Fußball gespielt. 

Haben Sie sich da noch als Profi verstanden? 
Nein, um sieben Uhr war ich auf der Arbeit und um 18 Uhr habe ich das erste Mal trainiert. Das ist kein Profitum. 

Drei Jahre später, im Sommer 1994, ging es zurück zum Zweitligisten Hansa Rostock. Sie sollen zu Ihrem Vater gesagt haben: »Ein Spiel für Hansa, dann kann ich mich voll auf meine Trainerkarriere konzentrieren.« 
Genau, das war so. Ich wollte von kleinauf Trainer werden. Schon als Jugendlicher hatte ich meine ersten Trainerscheine in der DDR gesammelt. Auch wenn die nach der Wende nicht mehr gültig waren, habe ich mich als Trainer gesehen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich Jungs voranbringen kann. Das ist mein Antrieb. Und vor allem habe ich gedacht, dass ich als Trainer mehr Erfolg haben kann.

Warum? 
Mein Talent als Spieler… im Nachhinein kann man sagen, dass ich genug Talent hatte. Aber ich glaube, es waren eher Waffen, die ich eingebracht habe: Athletik, Geschwindigkeit, Geradlinigkeit. Spielerisch talentiert waren andere. Deshalb habe ich nie gedacht, dass ich in in diesen Bereichen spielen würde. 

Egal, wo Sie spielten, galten Sie immer als Publikumsliebling. Wie macht man das?
Wenn ich auf den Platz kam, wussten die Zuschauer: Jetzt passiert was! In meiner Zeit in Cottbus bin ich oft eingewechselt worden, das hat mir auch gelegen. Weil alle ahnten, dass mit meiner Einwechslung vielleicht nochmal etwas geht. Dass ich nie aufgegeben habe, hat mich ausgezeichnet.