Luka Jovic über seine Liebe zur Eintracht und Nächte im Kofferraum

»Schwarz! Weiß! Rot! Das ist beste Farbe!«

Er brauchte nur zwei Jahre, um bei der Eintracht zur Legende zu werden - und will jetzt mit Madrid die ganze Welt verzaubern. Luka Jovic über seine Kindheit in Belgrad, dicke Waden und Frankfurts fabelhafte Reise durch Europa.

Bild: Players Tribune / Sam Robles - adidas
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212

Am Freitag wurde Luka Jovic bei der 11FREUNDE-Meisterfeier als Spieler des Jahres ausgezeichnet. Hier lest ihr erstmals online das ausführliche Interview, das wir mit ihm für Ausgabe #212 geführt haben. 

Luka Jovic, können Sie mit dem Namen Ulf Kirsten etwas anfangen? Ulf Kirsten?

Nein, ich fürchte nicht.

Ulf Kirsten stürmte für Bayer Leverkusen und war dreimal Bundesliga-Torschützenkönig. Frankfurts Sportdirektor Fredi Bobic sagte kürzlich über Sie: »Von der Statur erinnert er mich an Ulf Kirsten. Oberschenkel, Waden – unglaublich fest. So wie der Ulf. Und im Strafraum ist er ein Killer!«
Ich weiß, meine Beine fallen auf. Aber mir ist viel wichtiger, clever zu spielen. Ich liebe schlaue Spieler und versuche, mit Köpfchen zu spielen. Mit nur einem Kontakt Bälle klatschen zu lassen, danach in den freien Raum zu starten, den Angriff zu beschleunigen, simplen Fußball zu spielen. Ich bin kein Kämpfer, der 90 Minuten rackert. Ich liebe das Einfache. Meine Kraft will ich nur einsetzen, wenn ich mit Köpfchen nicht weiterkomme.

Trotzdem müssen wir noch einmal wegen der Waden nachhaken: Waren die schon in ihrer Kindheit so beeindruckend dick?
Ich spielte bereits als 15-Jähriger in der U19 von Roter Stern Belgrad und schoss, obwohl ich drei, vier Jahre jünger war als die Gegner, 40 Tore pro Saison. Mich gegen diese Spieler durchzusetzen, das klappte natürlich nur, weil ich körperlich schon so weit war. Kennen Sie die Sage von Samson und Delila?

Wir wissen, dass es um lange Haare und sehr viel Kraft geht.
Genau, Samson tötet mit bloßen Händen einen Löwen. Doch als ihm seine langen Haare von Delila abgeschnitten werden, verliert er all seine Kraft und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Früher hatte ich ganz langes, wuscheliges Haar, weil ich aussehen wollte wie mein Lieblingsspieler Falcao. Und mein Berater sagte immer zum Spaß: Schneid’ dir bloß nicht deine Haare ab, deine Stärke liegt in deinen Haaren. Genau wie bei Samson! Aber: Meine Stärke liegt in meinen Waden. Und als Falcao sich die Haare schnitt, mussten meine auch ab. Ich traf trotzdem weiter.

Sie fingen bereits als Achtjähriger an, für Roter Stern Belgrad zu spielen. Dabei wuchsen Sie gar nicht in Serbien auf, sondern in Batar, einem bosnischen Dorf nahe der serbischen Grenze.
Batar ist ein winziges Dorf, es gibt dort nur 105 Häuser. Belgrad liegt 150 Kilometer davon entfernt. Meine Eltern haben sehr viel Zeit und Energie in meine Entwicklung gesteckt, sie waren meine größten Unterstützer. Um dort anzukommen, wo ich heute bin, mussten sie viel opfern.


Bild: Players Tribune / Sam Robles - adidas

Zum Beispiel?
Mein Vater fuhr mich dreimal in der Woche in unserem klapprigen Passat nach Belgrad, zwei Stunden pro Strecke. Oft spielte ich am Wochenende zweimal, samstags nachmittags und sonntags morgens. Weil es keinen Sinn gemacht hätte, zwischen den Spielen nach Hause zu fahren, stellten wir uns auf einen Parkplatz und übernachteten dort. Ich im Kofferraum, er auf dem umgeklappten Vordersitz. Für mich war das kein Problem, ich war ja klein, vielleicht zehn, und hatte kurze Beine. Aber für ihn war es nicht immer angenehm. Im Gegenteil: Es waren abenteuerliche Nächte.

War Ihr Vater ebenfalls Fußballer?
Nein. Ihm gehörte ein kleiner Supermarkt in Batar.

Gibt es den noch?
Seitdem ich Profi bin, hat er einen etwas größeren Laden. (Lacht.) Das Geld, das ich mit meinem ersten Vertrag verdient habe, ist quasi direkt ins Familienunternehmen geflossen.

Sie kamen 1997 zur Welt, zwei Jahre nach Ende des Bürgerkriegs. Was bekommt man als Kind von den Folgen eines Krieges mit?
Ich hatte großes Glück. Die schrecklichen Dinge sind vor meiner Geburt passiert, Batar selber wurde auch nicht zerstört. Insofern waren zum Beispiel die Häuser noch heile, man sah keine Einschusslöcher. Und für mich bestand das Leben ohnehin vor allem aus Fußball. Mit fünf Jahren ging ich in einen Verein bei mir in der Gegend, wenig später entdeckte mich ein Scout und ich landete bei Roter Stern. Mit elf Jahren zog ich dann nach Belgrad.