Karl-Heinz Körbel über seine lange Karriere bei Eintracht Frankfurt

»Wir feierten bis in die Puppen«

Wenig später machten Sie Ihr erstes Bundesligaspiel, ausgerechnet gegen Gerd Müller. Waren Sie nervös? 

Erst als ich die ganzen Bayern-Stars am Spieltag beim Aufwärmen sah. Vor allem, weil ich zu dem Zeitpunkt noch ein wenig Bayern-affin war. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich in der Schule eine Projektarbeit über den FC Bayern geschrieben, zwanzig Seiten lang. Mein Sportlehrer war der Bruder vom FCB-Profi Rainer Ohlhauser und besorgte mir Autogramme. Aber mit dem Anpfiff war die Nervosität weg. Und gegen Müller schlug ich mich gut, wir gewannen 2:1. Mit den Jahren wurde er einer meiner Lieblingsgegner.

Sie spielten sich mit 17 Jahren direkt in der Mannschaft fest. Wie bleibt man da auf dem Boden? 

Es gab genug Leute, die dafür sorgten. In meiner zweiten Saison wurden wir Pokalsieger. 1975 verteidigten wir den Cup, ich schoss das Siegtor. Auf dem Bankett verteilten Gert Trinklein und Thomas Rohrbach Zigarren. Ich war gerade 19, wollte mit den Großen feiern und nahm mir auch eine. Da kam Trainer Dietrich Weise auf mich zu und schrie mich an: »Karl-Heinz, nehmen Sie das Ding aus dem Mund.« Dass ich die Zigarre nicht vor Schreck verschluckt habe, war alles. Aber das hat mich geerdet. Ich habe bis heute keine Zigarre mehr im Mund gehabt. (Lacht.)

Sie sind vier Mal DFB-Pokalsieger geworden und haben den UEFA-Cup gewonnen. Warum hat es nie mit der deutschen Meisterschaft geklappt? 

Der Name »Diva vom Main« kommt nicht von ungefähr. Über mein Debüt haben wir ja schon gesprochen, wir besiegten die Bayern mit 2:1. Am nächsten Spieltag verloren wir 0:1 in Oberhausen. Gegen die Großen gewinnen, gegen die Kleinen stolpern – das war schon immer ein Teil der Eintracht.

Immerhin holten Sie den UEFA-Cup 1980. 

Trotzdem blieben wir die Diva. Im UEFA-Pokal schossen wir alle weg, in der Liga ließen wir ständig Punkte liegen. Bruno Pezzey spielte in der Saison 1979/80 in der Liga kaum. Erst war er zehn Spiele wegen eines Ellbogenschlages gesperrt. Als er dann wieder spielen durfte, sah er direkt wieder die Rote Karte und war erneut fünf Spiele raus. Er hat eigentlich nur die UEFA-Cup-Spiele gemacht.

Pezzey kam als Weltklassemann nach der WM 1978. Wie gut war er wirklich? 

Eine ganz andere Klasse. Ein Musterprofi, der hier Saunagänge und Eistonnen einführte, das hatte er sich von den österreichischen Skiprofis abgeguckt. Vor allem taktisch war er herausragend. So sehr, dass wir uns ab und an einen Spaß daraus machten.

Wie das? 

Vor einem Spiel gegen den VfB Stuttgart sagte Bruno zum Beispiel zu mir: »Ich wette, dass wir den Mittelstürmer heute mindestens acht Mal ins Abseits stellen.« Ich antwortete: »Bruno, die Leute reißen uns den Kopf ab, wenn das nicht klappt und der ständig durch ist.« Aber wir zogen die Sache durch. Der Stürmer lief acht Mal ins Abseits, und bei jedem Mal klatschten Bruno und ich uns ab.

Im Halbfinale des UEFA-Cups 1980 standen vier deutsche Mannschaften. Fühlte sich das noch an wie Europapokal? 

Nach dem Finalsieg war es komisch. Das Rückspiel gegen Gladbach fand an einem Mittwoch statt, am Wochenende danach war ganz normal Bundesliga. Nach dem Endspiel gab es ein Bankett in einem Hotel, irgendwann war der Cup verschwunden. Bernd Hölzenbein hatte ihn mit aufs Hotelzimmer genommen, die Party versandete. Donnerstags war frei, freitags fuhren wir zum Spiel nach Uerdingen. Dort angekommen, dachten wir: Das kann es nicht gewesen sein – und feierten bis in die Puppen. Unverantwortlich, für Uerdingen ging es gegen den Abstieg.

Wie lief das Spiel? 

Nach fünfzig Minuten stand es 3:0 für Uerdingen. Wir haben uns dann am Riemen gerissen und nur 2:3 verloren. Aber durch diesen Sieg von Uerdingen ist die Hertha abgestiegen. Von Berlin kam zur neuen Saison Michael Sziedat zu uns, der sagte: »Leute, ich hoffe, dass ihr nie auf eine andere Mannschaft angewiesen seid.«