Holstein Kiels Trainer Tim Walter im großen Interview

»Der Umbruch war ein absolutes Muss«

War es ein Vorteil, dass im Sommer ein personeller Umbruch in Kiel stattgefunden hatte, nach der gescheiterten Relegation? 
Es war ein absolutes Muss. 

Warum?
Weil das zuvor Erlebte zu gegenwärtig war. Fabian (Wohlgemuth, Geschäftsführer Sport, d. Red.) und ich kamen neu nach Kiel. Uns war schon wichtig, dass wir neue Spieler dazubekommen. Wir wollten verjüngen. Wir hatten die Möglichkeit, im Verein Strukturen weiterzuentwickeln, junge Spieler zu fördern und heranzuführen. Das war für mich ausschlaggebend, mich für Kiel zu entscheiden.

Über welche Entwicklung haben Sie sich zuletzt am meisten gefreut? 
Zuallererst über die Entwicklung meiner Mannschaft. Das ist mir das Wichtigste. Aber auch Kleinigkeiten, wie die Optimierung der Anreisen zu Auswärtsspielen, die Platzbeschaffenheit, Kabineneinrichtung. Da sind wir zuletzt auf viele offene Ohren gestoßen.

Zu Saisonbeginn holten Sie Innenverteidiger Hauke Wahl vom FC Ingolstadt. Er gilt als Prototyp Ihres Systems… 
Türchen 11, oder? 

Hm?
Türchen 11 im Adventskalender von »Spielverlagerung.de«. Den Text habe ich gelesen. 

Wahl wird dort als wichtigster Aufbauspieler herausgestellt. War seine Rolle von Beginn festgelegt?
Nein. Das kann ich offen sagen: Ich war nicht von Beginn an überzeugt, ob Hauke das so spielen kann. Wir hatten ihn gesichtet, ich hatte ihn getroffen, aber wirklich überzeugt kann man erst sein, wenn man mit den Spielern gearbeitet hat. 

Wann haben die Zweifel sich gelegt? 
Im ersten Trainingsspiel. Er hat sofort Kommandos gegeben, Verantwortung übernommen. Hauke will sich weiterentwickeln, kennt seine Stärken und Schwächen. Guter Junge. 

Für mehr Aufsehen sorgte zu Saisonbeginn allerdings Jae-sung Lee. Wie überzeugt man einen südkoreanischen Nationalspieler, der gerade Deutschland bei der WM geschlagen hat, vom Zweitligisten Holstein Kiel?
Wir haben mit ihm über »FaceTime« telefoniert. Er hat kein Wort verstanden. Wir haben auf Englisch mit seinem Bruder und seinem Berater gesprochen. Und er hat immer nur fleißig genickt und gelacht. Das liegt daran, dass in Südkorea ein anderes System herrscht. Der Trainer spricht kaum mit der Mannschaft. Fragen stellen dürfen die Spieler nicht. Und wir haben ihm einfach gesagt: »Wir sind für dich da. Wir wollen dich besser machen, sodass du irgendwann in der 1. Liga spielen kannst.« 

Mit Kiel?
Entweder mit Kiel. (Wartet.) Oder mit einem anderen Verein. 

Ihr Engagement kam zustande, nachdem Kiel in der Relegation gescheitert war.
Ich hatte mich ja schon vor den Relegationsspielen entschieden. Das war völlig unabhängig vom Ausgang. 

Glauben Sie, Ihre radikale Idee vom Fußball wäre auch in der ersten Liga zu spielen?
Ich gehe davon aus, dass man das auch in der ersten Liga machen kann. Aus welchem Grund auch nicht? Ich habe diesen Fußball jetzt in der Jugend, in der Regionalliga Bayern und in der 2. Bundesliga spielen lassen. Bisher hat es funktioniert. 

Sie kamen als Trainer von Bayern München II. Gibt es einen Unterschied in der täglichen Arbeit?
Bei Bayern München ist es so: Hier treffen die besten Nachwuchsspieler des Landes aufeinander. Die sind alle gut ausgebildet, haben viel Talent. Denen kannst du sagen, was du erwartest, und sie sind in der Lage, es relativ schnell umzusetzen. Je jünger sie sind, desto eher akzeptieren sie Vorgaben. Aber am Ende unterscheidet sich die tägliche Arbeit nicht so gravierend. Das Wichtigste ist die Bereitschaft der Spieler, Dinge anzunehmen und sich auf meine Idee des Fußballs einzulassen.

Thomas Tuchel hat zu Beginn seiner Zeit beim FSV Mainz festgestellt, dass der Trainer im Jugendbereich noch Spiele alleine entscheiden könne. Im Herrenbereich sei er eher ein Dienstleister für die Spieler.
Das bin ich immer. Ich versuche mein Wissen und meine Fähigkeiten einzubringen, bin dabei aber nur ein kleines Rädchen. Klar, je besser der Jugendspieler ausgebildet wurde, desto eher kann er Spiele entscheiden. 

Es gibt also keinen Unterschied?
Es ist schon so, dass ich als Jugendtrainer einen höheren Einfluss auf einen heranwachsenden Menschen habe. Ich kann seinen Charakter prägen, ihn entwickeln. Das schaffe ich im Herrenbereich nicht mehr so leicht, da befinde ich mich oft in einer Moderationsrolle, weil die Spieler schon eine Persönlichkeit entwickelt haben. 

Tim Walter, die Rückrunde der 2. Liga beginnt. Sie sind aktuell Tabellenfünfter. Wie hat sich Holstein Kiel im Winter vorbereitet?
Es geht immer nur um Prinzipien. Wichtig war mir, dass wir noch sicherer im Ballbesitz werden und bei einem Ballverlust sofort wieder Zugriff finden. 

Sie stehen auch noch im DFB-Pokal. Was erscheint Ihnen gerade einfacher: Aufstieg oder Pokalsieg?
(lacht.) Pokalsieg - weil es weniger Spiele sind. Die Qualität der Gegner steigt natürlich. Es wird schwierig, das Tempo einzuschränken. Aber in einem Spiel ist es machbar.