Dieter Hecking im Interview

Der Pokalsieg war eine Genugtuung gegenüber den Medien

Im Profifußball hängt eben vieles von kurzfristigen Stimmungen ab. 

Ich habe im Urlaub einen Kollegen getroffen. Langjähriger Erstligatrainer, der durchaus den Job machen könnte, den ich mache. Der sagt: »Dieter, ich komme nicht mehr dazwischen, an mich denkt keiner mehr.« Die Nachwuchsförderung hat dazu geführt, dass immer öfter jungen Trainern aus den eigenen Reihen eine Chance gegeben wird. Da wissen die Vereine, worauf sie sich einlassen. Andererseits nehmen die Topvereine oft nur solche Trainer, die schon Titel haben, weil sie glauben, nur die hätten die nötige Erfahrung und Autorität gegenüber den Stars. 

Sie haben einen Titel in Ihrem Lebenslauf. Allerdings geriet Ihr Triumph im DFB-Pokal-Finale 2015 fast zur Farce, als sich nach Abpfiff die Kameras vor allem auf Jürgen Klopp richteten, der sich vom BVB verabschiedete. Wie sah es da in Ihnen aus?
Mir war vorher klar, dass der Fokus auf Jürgen liegen würde. Als mir dann in der Pressekonferenz vor dem Finale aber nur zwei Alibifragen gestellt wurden, habe ich mich schon verarscht gefühlt. Andererseits haben wir aus dieser Konstellation auch Motivation gezogen: Wir haben gesagt, bei aller Wertschätzung für Jürgen und Borussia Dortmund, aber die gewinnen dieses Spiel nicht! Am Ende war es für mich keine Genugtuung gegenüber Jürgen, sondern gegenüber den Medien, die die Geschichte, wie Klopp als Pokalsieger abtritt, in die Tonne treten und stattdessen über den VfL Wolfsburg berichten mussten.

In Ihrer Bodenständigkeit geben Sie dem Affen aber auch Zucker. Etwa, wenn Sie sagen, dass Sie nicht verstehen, was Taktikportale so alles aus Ihrer Aufstellung herauslesen. 

Ich habe nur gesagt, dass ich es öfter zwei Mal lesen muss, um zu verstehen, was die meinen. Natürlich ist mir klar, dass es Anglizismen und Wortneuschöpfungen gibt. Das Leben ist nun mal Veränderung. Als mein Vater 58 war, kamen Computer in sein Büro. Er wollte sich nicht mehr damit auseinandersetzen, und zwei Jahre später war er entlassen. 

Sie haben fünf Kinder im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Hilft Ihnen das, um den Anschluss bei Ihren Spielern nicht zu verpassen? 

Natürlich. Bei der Jüngsten sehe ich, dass das Handy mitunter wichtiger ist als die Kommunikation mit den Eltern. Bei den Söhnen, welche Probleme sich bei Auslandsaufenthalten auftun. Da sind viele Dinge, die ich auf meine Spieler übertragen kann. Trotzdem sehe ich meine Aufgabe darin, ihnen vor Augen zu führen, dass Internet und Handy nicht alles sind und es darüber hinaus Werte gibt, die generationsübergreifend von Bestand sind. 

Merken Sie, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei den »Digital Natives« geringer geworden ist? 

Jeder Mensch ist anders. Aber ich erkenne schon, dass die Jungs heute in ihrem Freizeitverhalten ganz anders sind als ich. 

Zum Beispiel?
Als ich in Kassel spielte und einen Tag frei hatte, habe ich es mir zwei Mal überlegt, ob ich die 120 Kilometer zu meinen Eltern nach Soest fahren soll, weil ich es als Belastung empfand. Heute fliegen Spieler an einem freien Tag von Düsseldorf nach Rom und wieder zurück. 

Braucht ein Spieler wie der 23-jährige Matthias Ginter, der für 17 Millionen Euro vom BVB nach Gladbach wechselte, eine besondere Führung? 

Warum?

Weil die Erwartungshaltung angesichts solcher Summen doch enorm ist. 

Diese Summen sind inzwischen Normalität. Anthony Brooks geht für 20 Millionen nach Wolfsburg, Niklas Süle für 25 Millionen nach München, Antonio Rüdiger für 38 Millionen zu Chelsea, Shkodran Mustafi für 41 Millionen zu Arsenal – wenn die Summen stimmen. 

Sie meinen, es macht den Jungs nichts mehr aus? 

Auch das ist eine Zeiterscheinung, Matthias Ginter ist mit diesen Summen groß geworden. Er ist Weltmeister, hat den Confed Cup geholt und den DFB-Pokal, er war Stammspieler in Dortmund in der Champions League. Wenn ich er wäre, würde ich auch denken: Das entspricht meinem Marktwert!

Lösen wir es mal von aktuellen Spielern. War es für Sie eine Umstellung, in Wolfsburg plötzlich mit Stars wie Nicklas Bendtner, André Schürrle oder Kevin De Bruyne zu arbeiten? Es gab da ja auch öfter mal Auseinandersetzungen. 

Vorab: Konflikte in einem Fußballteam sind völlig normal, die werden heute nur medial ganz anders aufbereitet. Über André Schürrle beispielsweise habe ich gesagt – und das wusste ich aus Gesprächen mit ihm –, dass er seine persönliche Erwartungshaltung nicht erfüllt sieht und ich auch nicht. Mehr nicht! Daraus machten bestimmte Medien zwei Wochen lang die Schlagzeile: »Hecking kritisiert Weltmeister Schürrle!« Zurecht fragte André: »Was soll das, Trainer?« Heute ist alles mal fünf. 

Wie arbeitet es sich denn nun mit Stars? 

Die Kunst ist, sich mit Kevin De Bruyne, der für 23 Millionen von Chelsea kommt, auf derselben Ebene unterhalten zu können wie mit einem Youngster aus der eigenen Jugend. Ich muss es schaffen, jedem das Gefühl zu geben, dass ich ihn fordere und fördere, dass nicht immer alles reibungslos läuft, aber doch nach dem Prinzip der Gleichbehandlung.