Die Moor­field Street ist eine kleine unschein­bare Straße in Wit­hington, einem Vorort im Süden von Man­chester. Wett­büros, kleine Geschäfte und Imbiss­buden prägen die Umge­bung. Nach Fei­er­abend, wenn die Roll­läden her­un­ter­ge­lassen werden und das eng­li­sche Wetter seinem Ruf nach­kommt, wirkt der Ort nicht so, als dass er einmal im Zen­trum der medialen Öffent­lich­keit stehen könnte. Im ver­gan­genen Jahr sprayte der Stra­ßen­künstler Akse P19 dann ein Wand­ge­mälde von Marcus Rash­ford an die Außen­fas­sade eines Cafés in der Copson Street: Sei stolz darauf zu wissen, dass deine Anstren­gungen die größte Rolle bei deinem Vor­haben spielen wird“, steht dort neben dem Kon­terfei des Spie­lers von Man­chester United. Rash­ford wuchs in Wit­hington und dem nahe­ge­le­genen Wythens­hawe in armen Ver­hält­nissen auf.

Nach seinem ver­schos­senen Elf­meter im EM-Finale gegen Ita­lien wurde das Wand­bild mit einer ras­sis­ti­schen Belei­di­gung ver­un­staltet. Und auch in den sozialen Netz­werken kam es zu ras­sis­ti­schen Anfein­dungen gegen­über Rash­ford, Jadon Sancho und Bukayo Saka, die eben­falls einen Elf­meter ver­gaben. Die UK Foot­ball Poli­cing Unit (UKFPU), die sich auf die Bekämp­fung von Kri­mi­na­lität, Gewalt und Stö­rungen bei Fuß­ball­ver­an­stal­tungen spe­zia­li­siert, teilte mitt­ler­weile mit, dass sie in diesem Zusam­men­hang vier Per­sonen fest­ge­nommen habe.

In der Folge der Ver­un­stal­tung des Wand­bilds ver­sam­melten sich immer mehr Men­schen vor dem Kunst­werk im Süden Man­ches­ters. Zuerst über­klebte eine Frau die ras­sis­ti­sche Äuße­rung mit schwarzer Folie, dann kamen immer mehr unter­stüt­zende Bot­schaften für die drei Spieler hinzu, bis die Wand schließ­lich mit ihnen übersät war und nur noch Rash­fords Gesicht her­aus­schaute. Bot­schaften wie Mein Pre­mier­mi­nister“, Herz der Nation“ oder Sohn Man­ches­ters“ standen auf den Zet­teln. Der Künstler Akse P19 hat das Wand­bild mitt­ler­weile wieder voll­ständig restau­riert.

Rash­ford zeigte sich auf Twitter tief berührt von der breiten Unter­stüt­zung: Die Bot­schaften, die ich heute erhalten habe, waren gera­dezu über­wäl­ti­gend, die Reak­tion in Wit­hington hat mich den Tränen nahe gebracht.“ Der gesamte Vor­fall rund um die Moor­field Street ist auch ein Spie­gel­bild der gesell­schaft­li­chen Spal­tung in Eng­land. Von hier sind es etwa sechs Kilo­meter bis zum Old Traf­ford, dem Theater of Dreams, in dem der 23-Jäh­rige nor­ma­ler­weise für Man­chester United auf­läuft. Zwi­schen diesen beiden Extremen, Wit­hington als Ort einer von Armut geprägten Kind­heit und das Old Traf­ford als Bühne des Mil­li­ar­den­ge­schäfts Fuß­ball, ver­lief der Lebensweg von Marcus Rash­ford.

Rash­fords Kampf gegen Kin­der­armut

Seine Her­kunft hat der nie ver­gessen. Mit dem Aus­bruch der Corona-Pan­demie begann Rash­ford damit, sich intensiv für die Bekämp­fung von Kin­der­armut ein­zu­setzen. So wandte er sich mit offenen Briefen und Peti­tionen an die bri­ti­sche Regie­rung um Pre­mier­mi­nister Boris Johnson, wei­terhin Essens­gut­scheine für bedürf­tige Schul­kinder zu ver­geben. Gleich zweimal gelang es ihm, die Regie­rung zum Umdenken zu bewegen, sodass wieder Essens­marken ver­teilt wurden. Über die Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tion FareShare“, die eben­falls Hunger und Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung bekämpft, sam­melte er zudem mehr als zwanzig Mil­lionen Pfund an Spen­den­gel­dern ein. Ich will, dass kein Kind durch­ma­chen muss, was ich durch­ge­macht habe und kein Eltern­teil das erleben muss, was meine Mutter erlebt hat“, sagte er damals über seine Moti­va­tion. 

Für sein soziales Enga­ge­ment erhielt der eng­li­sche Natio­nal­spieler viel Aner­ken­nung: Die Uni­ver­sität von Man­chester ver­lieh ihm die Ehren­dok­tor­würde und Königin Queen Eliza­beth II. ernannte ihn zu Mit­glied des bri­ti­schen Rit­ter­or­dens. Dass Rash­ford als Ein­zel­person der bri­ti­schen Regie­rung eine bes­sere Sozi­al­po­litik abringen konnte und weniger als ein Jahr später auf­grund seiner sport­li­chen Leis­tung wie­derum ras­sis­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rungen aus­ge­setzt ist, zeigt aber auch deut­lich die Miss­stände der eng­li­schen Politik, Gesell­schaft und Fuß­ball­welt auf.