Am 2. Juli 2010 sprach blankes Ent­setzen aus den Schlag­zeilen der bra­si­lia­ni­schen Presse. Die Chronik eines ange­kün­digten Todes“, titelte O Globo und die Estado de São Paulo sah Bra­si­liens Schloss aus Sand ein­ge­stürzt“. Das große, stolze Land trug Trauer und Wut, weil die Seleção mit einem 1:2 gegen die Nie­der­lande aus dem Tur­nier in Süd­afrika getau­melt war, früh­zeitig, wieder einmal, wie schon 2006 im Vier­tel­fi­nale.

Der Toten­gräber, Teufel und Zer­störer, da waren sich die Blätter einig, saß an der Sei­ten­linie. Carlos Dunga und seine Idee vom Fuß­ball hatten den Rekord­welt­meister rui­niert. Im Eil­tempo wurde der unge­liebte Coach geschasst und sein Nach­folger gesucht. Weil Wunsch­kan­didat Muricy Ramalho absagte, prä­sen­tierte der Ver­band CFB schließ­lich Luiz Antonio Venker de Menezes, kurz Mano Menezes. Der 48-Jäh­rige hatte vorher Corin­thians und Grêmio Porto Alegre trai­niert, jetzt war­tete eine ungleich grö­ßere Auf­gabe. Dies sollte kein Trai­ner­wechsel wie sonst üblich werden. Bra­si­lien wollte mehr, viel mehr. Das unbe­dingte Ver­spre­chen auf eine gol­dene Zukunft, den abso­luten Bruch mit der schnöden Ver­gan­gen­heit – nicht mehr und nicht weniger als eine Zäsur wurde gefor­dert.

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Mano Menezes gab sich gleich zu Beginn red­lich Mühe, diesen Hoff­nungen zu ent­spre­chen. Ich will den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball zu frü­herem Glanz zurück­führen und Träume wahr machen. Ich werde eine Mann­schaft formen, die in der Lage ist, im Sta­dion all unsere Ansprüche und Wün­sche zu erfüllen“, ver­kün­dete der Mann mit dem runden Kopf und der Halb­glatze bei seiner Vor­stel­lung blumig. Als Reak­tion auf das beschä­mende Abschneiden der Europa-Legio­näre, die nach dem WM-Aus unter Poli­zei­schutz in die Heimat eskor­tiert werden mussten, ver­sprach der Coach eine neue Genera­tion. Er wolle end­lich wieder jungen Spie­lern aus dem Cam­pe­o­nato Bra­si­leiro eine Chance geben. Er ver­sprach eine Abkehr vom Dun­ga’­schen 4−2−3−1, das mit zwei Abräu­mern und nur einem echten Stürmer vor allem auf Defen­sive und Konter gesetzt hatte. Er ver­sprach anzu­greifen statt abzu­warten, Spek­takel statt Lan­ge­weile, und für 2014 natür­lich den Titel im eigenen Land. Exakt ein Jahr ist nun seit Menezes‘ Inthro­ni­sie­rung ver­gangen, heute testet Bra­si­lien gegen Deutsch­land. Das Spiel ist nach der ver­korksten Copa Amé­rica ein neu­er­li­cher Grad­messer. Was ist geworden aus dem großen Umbruch?

Ein neues System als großes Ver­spre­chen

Alles begann viel­ver­spre­chend. Bei seinem Trainer-Debüt, einem 2:0 gegen die USA am 11. August, berief Menezes gleich elf Spieler ohne Ein­satz im Natio­nald­ress. Aus dem 23er-Kader der WM schafften es einzig Dani Alves, Ramires, Thiago Silva und Robinho ins Auf­gebot, der Alters­chnitt fiel von 28,7 auf 23,1 Jahre. Menezes ließ ein 4−3−3 spielen, in dem Jung­star Neymar und der neue Kapitän Robinho als Außen- und Pato als Stoß­stürmer fun­gierten. Dahinter ver­teilte Wun­der­kind Ganso die Bälle. Das System kam unwahr­schein­lich angriffs­lustig daher, weil auch Ramires seine Mit­tel­feld­po­si­tion offensiv inter­pre­tierte, André Santos und Dani Alves bei jeder Gele­gen­heit nach vorne sprin­teten. Gegen die USA pro­du­zierte das schnelle One-Touch Chance um Chance, es war ein Wirbel, wie ihn sich Menezes tur­bu­lenter nicht hätte wün­schen können, um einen Neu­an­fang zu sym­bo­li­sieren.

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Weiter ging es mit einem 3:0 gegen den Iran sowie einem 2:0‑Erfolg über die Ukraine. Beide Par­tien waren getragen vom wun­der­samen Wind des Neuen und des Wan­dels. Dann aber kamen Argen­ti­nien und Frank­reich und mit diesen Geg­nern auch die ersten Dämpfer.

Kunst ohne Ziel, ohne Auf­trag

Beide Spiele mussten als Rück­schritt emp­funden werden, nicht nur wegen der Ergeb­nisse, jeweils ein 0:1: Wie bei der WM offen­barte die Seleção die ekla­tante Schwäche, nach einem Gegentor nicht zurück­schlagen zu können. In Rück­stand lie­gend, ver­kamen schöne Kom­bi­na­tionen plötz­lich zu Kunst ohne Ziel, ihnen ging die Effek­ti­vität ab. Es wurde dies die dring­lichste Auf­gabe für Menezes; einen Weg finden, das Angriffs­spiel ergeb­nis­un­ab­hän­giger zu gestalten. Der Fuß­ball­lehrer muss seine Klasse lehren, Rück­schläge zu ver­dauen und nicht ein­zu­kni­cken. Er muss ihr nicht nur Leich­tig­keit, son­dern auch Hunger bei­bringen.

Auf­fällig an den Nie­der­lagen war zudem, wie Menezes mit seiner Beru­fungs­praxis brach. Er holte Tor­wart Júlio César, Ronald­inho, Lúcio, Elano und Maicon zurück. Die hei­mi­sche Presse pro­tes­tierte, genau wie dieser Tage, da auch für das Test­spiel gegen Deutsch­land wieder etliche Akteure dabei sind, die schon zur WM reisten. Dabei ist Menezes nichts vor­zu­werfen, solange er die Rück­hol­ak­tionen dosiert. 2012 steht Olympia an, 2013 der Konfed-Cup, die Belas­tung ist nur mit Spie­lern aus der bra­si­lia­ni­schen Liga nicht zu stemmen. Menezes darf den ein­ge­lei­teten Umbruch aber auch nicht mit einer großen Come­back­welle kon­ter­ka­rieren. Das wäre gefähr­lich, für das System, vor allem aber für die Stim­mung im Land.

Spott und Häme statt Wut

Am 27. Juni 2011 mel­dete Bra­si­lien sein 22er-Auf­gebot für die Copa Ame­rica. Es war die Stunde für den Trainer aus Passo do Sob­rado, da er ent­scheiden musste: Will ich einen Neu­an­fang oder alles nur am Anfang neu? Er ent­schied sich, wenig über­ra­schend, für einen Mit­telweg. Das war eigent­lich richtig. Die Ent­schei­dung bediente die Sehn­sucht der Bra­si­lianer nach Talenten aus der hei­mi­schen Liga. Die Beru­fung von Stars aus Europa sollte aber auch einem Aus, das nur auf junge, uner­fah­rene Spieler abge­laden wird, vor­beugen. Das Aus kam, aller­dings auf eine Art und Weise, die so nicht erwartet werden konnte: gegen ein destruk­tives Para­guay, in einem Elf­me­ter­schießen, bei dem kein Bra­si­lianer seinen Straf­stroß im Netz unter­bringen konnte. Statt Wut kippte die Heimat Spott und Häme aus über der Seleção. 

Spott und Häme, die sicher­lich Berech­ti­gung hatten, aber trotzdem nicht über­de­cken konnten, das Menezes einen neuen Stil eta­bliert hat. Er bricht nicht voll­ends mit Carlos Dunga, das wäre auch ver­messen, immerhin gewann das tak­ti­sche Kor­sett des Vor­gän­gers einst die Copa Ame­rica, den Konfed-Cup und die Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe zur WM. In Süd­afrika mar­schierte Dunga sou­verän durch die WM-Vor­runde, das Ach­tel­fi­nale gegen Chile und domi­nierte auch gegen Oranje im ersten Durch­gang. Es kann nicht alles schlecht gewesen sein, nein – es war nicht alles schlecht.

Die Wahr­heit liegt in der Mitte

Mano Menezes sucht die Mitte, einen Kom­pro­miss, den Weg der Wahr­heit. Er ver­meidet, ins totale Extrem zu kippen. Einem blinden Popu­lismus, der lang­fristig nicht funk­tio­nieren kann, geht er nicht in die Falle. Und so ist das neue Bra­si­lien“ so neu gar nicht. Es greift die Dunga-Ord­nung auf und würzt sie mit der Show und den Über­ra­schungen eines Neymar, Ganso oder Pato. Es berück­sich­tigt, dass auch die Fuß­ball­zwerge das effek­tive Ver­tei­digen längst gelernt haben, dass die Fuß­ball­welt also, wie die Welt im All­ge­meinen, näher zusam­men­ge­rückt ist. Die bra­si­lia­ni­schen Auf­tritte von 1970, 1986 und 2002 waren sicher­lich begeis­ternd. In dieser Form wie­der­holbar sind sie nicht. Wenn Mano Menezes seinen Weg kon­se­quent wei­ter­geht, scheint der WM-Titel 2014 allen Rück­schlägen zum Trotz aber wieder holbar.