Wenn irgend­wann mal über die Saison 2020/21 geur­teilt werden wird, dann dürfte, unab­hängig vom sport­li­chen Aus­gang, das Urteil ver­nich­tend aus­fallen, wegen Corona, Geis­ter­spielen und dem ganzen Elend. Mit anderen Spiel­zeiten ist es kom­pli­zierter, die Saison 1971/72 dient da als beson­ders anschau­li­ches Bei­spiel. 

Einer­seits schwingt sich die deut­sche Natio­nalelf zu unge­ahnter spie­le­ri­scher Finesse auf, gekrönt vom EM-Titel 1972, juve­nile Schalker Him­mels­stürmer lie­fern dem FC Bayern einen span­nenden Kampf um die Meis­ter­schaft und Borussia Mön­chen­glad­bach fegt Inter Mai­land mit 7:1 vom Bökel­berg. Ande­rer­seits wird eben dieses 7:1 wegen eines Büch­sen­wurfs annu­liert, das hoff­nungs­volle Schalker Team durch die juris­ti­sche Auf­ar­bei­tung des Bun­des­li­ga­skan­dals kom­plett zer­schlagen, und im Sommer ver­wan­deln paläs­ti­nen­si­sche Ter­ro­risten die anfangs hei­teren Olym­pi­schen Spiele von Mün­chen in einen Alp­traum. 

Ein wilder Ritt zwi­schen Genie und Wahn­sinn

Wie lässt sich von einer sol­chen Saison berichten? Bernd Beyer, der schon eine sorg­fältig recher­chierte Bio­grafie über Helmut Schön und einen bio­gra­fi­schen Roman über den Kicker“-Gründer Walther Ben­se­mann geschrieben hat, ent­scheidet sich dafür, alles zu erzählen: Das Sport­liche sowieso, dazu vieles von dem, was Drum­herum in der Gesell­schaft pas­siert. Und so besetzt Rio Reiser ein Haus in Kreuz­berg und radi­ka­li­siert sich die RAF, wäh­rend Stan“ Libudas Form dar­unter leidet, dass er sich fragt, ob seine Frau ihn betrügt, und Paul Breitner (damals in seiner Revo­luz­zer­phase) for­dert, dass bei Län­der­spielen keine Natio­nal­hymnen mehr gespielt werden. 

Das alles von Spieltag zu Spieltag, die strenge Form des Rah­men­ter­min­ka­len­ders täuscht dabei eine Ord­nung vor, die im Fuß­ball und in der Gesell­schaft schon längst aus den Fugen geraten ist. Ganz am Anfang steht die berüch­tige Gar­ten­party des Horst-Gre­gorio Canellas, danach ist klar, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann. Was folgt, ist ein wilder Ritt zwi­schen Genie und Wahn­sinn. Selten wurden Fuß­ball und Zeit­ge­schichte so span­nend gegen­ein­ander geschnitten wie in diesem Buch.

9783730705407

Bernd‑M. Beyer
71/72 – Die Saison der Träumer
352 Seiten, Hard­cover
22,- €
Auch als E‑Book und als Hör­buch erhält­lich.

Die Aus­zeich­nung Fuß­ball­buch des Jahres 2021“ ist mit einem Preis­geld von 5000 Euro dotiert. Am 29. Oktober findet im Rahmen einer Gala in der Nürn­berger Tafel­halle die Preis­ver­lei­hung statt. Wei­tere Infor­ma­tionen zur Preis­ver­lei­hung sowie zu allen nomi­nierten Fuß­ball­bü­chern des Jahres gibt es hier