Bei uns im Ort war es ganz ein­fach: Die­je­nigen, die unsport­lich waren, traten der Frei­wil­ligen Feu­er­wehr oder dem Gesangs­verein bei. Alle anderen spielten Fuß­ball. Und wissen Sie was: Aus allen Fuß­bal­lern ist etwas geworden! Die anderen singen teils heute noch…

Ich bin 1951 geboren und in einer Genera­tion groß geworden, die prak­tisch den ganzen Tag draußen war und Fuß­ball gespielt hat. Die ganzen Ablen­kungen wie Com­puter oder Fern­sehen gab es für uns gar nicht. Wir blieben draußen, bis uns unsere Eltern im wahrsten Sinne heim getrieben haben. Die Cle­ver­ness und Tor­geil­heit, die mich dann später aus­zeich­nete und die ein guter Stürmer ein­fach haben muss, lernte ich so schon als Kind. Die Erfah­rungs­werte sind ent­schei­dend. Wenn ich eine Chance vergab, machte ich mir immer Gedanken, wie ich es beim nächsten Mal besser machen könnte. Auf der Straße kann man da genau so viel lernen wie in einem Bun­des­li­ga­sta­dion. Wenn wir zu neunt waren, spielten wir fünf gegen vier – da war doch alles dabei: Mal spielte man Über­zahl, mal Unter­zahl…

Ein Über­an­gebot an Zer­stö­rern im Team

Als Mit­tel­stürmer lebt man natür­lich auch von seinen Mit­spie­lern. Ich hatte das Glück mit Seppl Pir­rung links und Roland Sand­berg rechts zwei tolle Zuar­beiter zu haben, später kam noch Hannes Bon­gartz dazu, der Meister des Über­stei­gers, für dessen Wechsel ich mich vehe­ment ein­ge­setzt hatte. Als ich 1972 zum FCK kam, war das noch ein biss­chen anders. Wir waren damals alles andere als eine Spit­zen­mann­schaft. Wir hatten, salopp gesagt, ein Über­an­gebot an Zer­stö­rern im Team, standen fol­ge­richtig meist im unteren Drittel der Tabelle, vor allem, weil wir aus­wärts fast nie gewannen. Auf fremdem Platz lau­erten wir prak­tisch nur auf Konter. Spielten wir bei einer starken Mann­schaft, bin ich in 90 Minuten viel­leicht zwei, drei Mal im geg­ne­ri­schen Sech­zehner auf­ge­taucht. Dazu kam, dass man damals seinem Gegen­spieler auf Gedeih und Ver­derb hin­terher rennen musste. Peter Nogly, der Vor­stopper des HSV, hat mich einmal über den ganzen Platz geschleppt, so viel war ich in meinem ganzen Leben noch nicht gelaufen. Er hatte am Ende zwei Tore gemacht, ich keins. So war das damals eben.

Aber wenn ich meine Chancen bekam und zehn, elf Meter vor dem Tor an den Ball kam, dann wurde es brand­ge­fähr­lich. Viel ließ ich mir da nicht ent­gehen.

Der FC Bayern lag mir als Gegner

Die Tore gegen die Bayern waren zwei­fellos die schönsten. Sobald der Spiel­plan bekannt wurde, machte ich im Kalender zwei fette rote Kreuze. In der Regel schenkte die Presse dem kleinen Kai­sers­lau­tern kaum Beach­tung, aber wenn es gegen die großen Bayern ging, dann schaute ganz Deutsch­land auf uns. Der FC Bayern lag mir als Gegner: Bis heute bin ich nach Manni Burgsmüller der erfolg­reichste Tor­schütze gegen die Münchner. Beim 2:1‑Heimsieg 1975 machte ich beide Tore, zu unserem 4:3 in Mün­chen nach 1:3‑Rückstand ein Jahr später steu­erte ich drei Treffer bei, beim 5:0 ein paar Jahre später traf ich eben­falls drei Mal. Das waren groß­ar­tige Spiele damals. Auf dem Bet­zen­berg habe ich mit dem FCK nicht einmal gegen die Bayern ver­loren in all den Jahren.

Aus allen Spielen gegen Becken­bauer und Co. ragt dieses 7:4 natür­lich heraus. Es ist im Grunde uner­klär­lich, wie so ein Spiel kippen kann. Schon nach zwölf Minuten führten die Bayern durch zwei Treffer von Bernd Gers­dorff mit 2:0, sie hatten uns richtig kalt erwischt. Zehn Minuten vor der Pause machte Gerd Müller dann auch noch das dritte Tor. Toten­stille im Sta­dion. Immerhin schafften wir durch Pir­rung vor dem Halb­zeit­pfiff noch das 1:3. In der Kabine sagten wir uns: Jetzt pro­bieren wir es noch mal, viel­leicht geht noch was!“ Statt­dessen machte Müller nach dem Wie­der­an­pfiff sein zweites Tor. 1:4! Wir konnten sehen, wie die ersten Zuschauer die Ränge ver­ließen. Eine abso­lute Demü­ti­gung bahnte sich an.

Doch fast im Gegenzug gelang mir ein Super­kopf­balltor. Aus gut fünf­zehn Metern wuch­tete ich den Ball über Sepp Maier ins Netz. Auf einmal war das Publikum wieder da, wir rannten mehr, ver­suchten noch einmal alles. Und ab dann war im Prinzip jeder Schuss ein Treffer. Die großen Bayern waren plötz­lich ver­un­si­chert, Sepp Maier lei­tete das 3:4 durch einen ver­un­glückten Abstoß ein, später musste Gers­dorff auch noch mit Rot vom Feld.




Noch lagen wir aber hinten. Der Aus­gleich fiel nach einer beson­deren Frei­stoß­va­ri­ante, die ich bei den Bra­si­lia­nern gesehen hatte. Das Leder anlupfen und volley aufs Tor – was schwierig aus­sieht, hatte erstaun­lich oft Erfolg. So konnte man den Ball wun­derbar mit dem Voll­spann über die Mauer heben. Das hatten wir oft trai­niert. Und genau solch eine Szene ging dem Aus­gleich voraus: Der Frei­stoß knallte gegen den Pfosten und wie­derum Pir­rung voll­endete per Nach­schuss aus spitzem Winkel.

Dann erzielte ich das 5:4, wieder durch einen Kopf­ball. Neben dem Tor hatten sich schon vorher Dut­zende Fans ver­sam­melt, ich tauchte kom­plett in der Menge unter. Als ich wieder her­vorkam, folgte die Ernüch­te­rung: Der Schieds­richter deu­tete an, dass er ein Foul­spiel gesehen hätte. Das Tor zählte nicht! Es stand weiter unent­schieden. Wenig später war es dann aber soweit, unser Kapitän Ernst Diehl erzielte den über­fäl­ligen Füh­rungs­treffer. Nun gelang uns alles.

Hi, ha, ho, Bayern ist k.o.!“

Durch die zwei wun­der­schönen Treffer von Her­bert Laumen wurde die Schmach für die Bayern per­fekt. 7:4 nach 1:4! Hi, ha, ho, Bayern ist k.o.!“, schmet­terten die 35.000. Mitt­ler­weile waren auch alle die­je­nigen wieder da, die sich vorher schon auf den Heimweg gemacht hatten, zurück­ge­lockt von den Tor­schreien der Ver­blie­benen. Abso­lute Fest­tags­stim­mung auf dem Bet­zen­berg! Wie heißt es doch so tref­fend: Ein Tag, so wun­der­schön…

Einige Zeit später ver­suchten die Bayern, mich abzu­werben, wahr­schein­lich hatten sie genug von den ganzen Toppi-Toren… Aber ich war immer schon ein sehr hei­mat­ver­bun­dener Mensch. Meine Eltern lebten damals noch, und ihnen nahe zu sein war mir wich­tiger als das große Geld. Ich wollte ein­fach nicht von zu Hause weg! Und schließ­lich ist die Mosel­re­gion, wo ich her­komme, ein­fach die schönste Gegend in Deutsch­land…

Den FCK hatte ich außerdem schon von Kin­des­beinen an ins Herz geschlossen. Als ich sechs Jahre alt war, hockte mich mein Vater auf sein Motorrad und wir fuhren nach Trier, wo die Ein­tracht gegen den FCK spielte. Auf den Schul­tern meines Vaters sit­zend sah ich Fritz Walter und die anderen Lau­terer Welt­meister spielen. Als ich Fritz dann Jahre später zum ersten Mal begeg­nete, war ich voller Ehr­furcht. Später wurde unser Ver­hältnis immer enger. Viel­leicht gefiel ihm, dass ich genau wie er selbst dem FCK immer die Treue hielt und nie woan­ders spielte. Nach meiner aktiven Lauf­bahn habe ich zahl­reiche seiner Geburts­tage im engsten Fami­li­en­kreis ver­bracht.

Fritz bleibt uner­reichbar

Auch in einer anderen Sache bin ich Fritz viel­leicht etwas ähn­lich: Ich habe nie ver­gessen, wo ich herkam. Als kleiner Bub schwärmte ich von Heinz Vollmar, einem Natio­nal­spieler vom 1. FC Saar­brü­cken. Mein größter Traum war, ihn einmal zu berühren – er war ja so etwas wie ein Gott für mich! Als ich das nach einem Spiel auch schaffte, war ich über­glück­lich. Das habe ich mir bewahrt. Des­halb hätte ich später nie jemandem einen Auto­gramm­wunsch abschlagen können. Immer, wenn mir ein kleiner Junge mit hoff­nungs­vollem Blick gegen­über stand, dachte ich: Das könnte mal dein Nach­folger sein..

Den­noch: Einen wie Fritz Walter wird es nie wieder geben. Egal ob Topp­möller, Briegel, Kuntz oder andere – Fritz bleibt uner­reichbar, als Spieler und als Mensch.

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20. Oktober 1973
FCK – Bayern Mün­chen 7:4 (1:3)

FCK: Elting – Huber, Diehl, Schwager, Fuchs – Topp­möller, Bitz, Laumen – Pir­rung, Sand­berg, Acker­mann
Mün­chen: Maier – Hansen, Schwar­zen­beck, Becken­bauer, Dürn­berger – Zobel, Roth, Hoeneß – Gers­dorff, Hoff­mann, Müller
Tore: 0:1 Gers­dorff (3.), 0:2 Gers­dorff (12.), 0:3 Müller (36.), 1:3 Pir­rung (43.), 1:4 Müller (57.), 2:4 Topp­möller (58.), 3:4 Pir­rung (61.), 4:4 Pir­rung (73.), 5:4 Diehl (84.), 6:4 Laumen (87.), 7:4 Laumen (89.)
Rot: Gers­dorff (76.)
Zuschauer: 35.000 (Bet­zen­berg)

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Text ent­nommen aus:
Johannes Ehr­mann
Wenn der Betze bebt“. 20 legen­däre Spiele des 1. FC Kai­sers­lau­tern
Verlag Die Werk­statt

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