Zur großen Karriere von Raúl

Er wollte nur spielen

Heute vor 25 Jahren betrat mit Rául González Blanco einer der größten Spieler unserer Zeit die Fußballbühne. Erinnerungen an eine großartige Karriere.

imago images

Zuerst ein paar Zahlen. 550 Spiele für Real Madrid. 228 Tore. 66 Spiele für Schalke 04. 28 Tore. Und hier noch ein paar mehr. Fünf Meisterschaften in Spanien, drei Champions-League-Titel, zwei Weltpokaltriumphe, einmal Welttorjäger. Es sind Kennzahlen, die in einigen Jahren für viele Menschen all das sind, was von Raúl in Erinnerung bleiben werden. Es sind jene Leute, die gar nichts verstanden haben. 

Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für ihn

Denn als Raúl González Blanco endgültig seine Schuhe an den Nagel hängte, trat nicht nur ein Weltklassestürmer vom Parkett, sondern eine Erscheinung, wie sie der Fußball nur noch selten produziert.

Ein Mann, der Fußball gespielt hat, weil er Fußball liebte. Der natürlich reich geworden ist durch diesen Sport, aber kein Großmaul war wie viele vor und noch mehr nach ihm. Der gegen den AC Mailand, den SC Freiburg oder die Tampa Bay Rowdies geackert hat, als ginge es um sein Leben. Der sich nie über das Spiel gestellt hat, sondern mit kindlicher Freude und einem Leuchten in den Augen auf den Rasen getreten ist. Weil er es geliebt hat. Das Schießen, das Passen, das Gefoultwerden. Den Geruch des Rasens. Den Atem des Gegners im Nacken. Und das Swoosh des Netzes, wenn der Ball mal wieder von seinem Fuß den Weg ins Tor gefunden hatte. Alles, was Fußball so groß macht. In der Champions League. Der Bundesliga. Der Kreisklasse.

Er schämte sich, einer der Besten aller Zeiten zu sein

Für Anhänger von Real Madrid wird er der ewige Kapitän bleiben, für Fans des FC Schalke ist es bis heute unbegreiflich, dass man ihn hat gehen lassen. Und dass er überhaupt das königsblaue Trikot getragen hat. Raúl ist der größtmögliche Verlust für den Fußball seit sich Ronaldo und Ronaldinho dem Fastfood zugewandt haben. Denn Raúl prägte eine ganze Generation von Fußballfans auf diesem Planeten. Er war immer da, ohne unangenehm aufzufallen. Er war der Antitypus zum gekünstelten Hype, der heute von Medien, Marken und Vereinen um Spieler gemacht wird. Er war keine perfekt gebaute Plastikpuppe mit eigener Unterhosenkollektion, kein mystischer Spielmacher mit Hang zum Ausraster, sondern schweigender Sympathieträger, der sich immer ein bisschen dafür zu schämen schien, dass er einer der größten Spieler aller Zeiten ist. Der irgendwie immer nur spielen wollte. Ohne Blitzlichter. Ohne Interviews. Ohne roten Teppich.

»Was tue ich hier«

In meinem Kopf wird für immer dieses eine Bild von ihm bleiben: 13. April 2011. Nach einer magischen Nacht von Mailand vergoldet Raúl mit seinem 1:0 in der Arena »Auf Schalke« in der 45. Minute sein Werk gegen Inter Mailand.

Nach dem Abpfiff ist klar: Schalke steht im Halbfinale der Champions League. Es ist absurd. Die Fans fordern den spanischen Altstar auf das Podest vor der Kurve. Und da steht er dann tatsächlich. Der Señor  Arm in Arm mit den Fans. Er ist das erste Mal der Taktgeber der Massen – und alle gehorchen ihm. Nach dem ersten Gesang dreht er sich zu seiner Mannschaft, greift sich an den Kopf. »Was tue ich hier?«, sagt sein Blick. »Es soll niemals aufhören«, sagen seine Augen.


Dann trat er ab. Heimlich, still und leise. Wie es zu ihm passt. Für mich steht er immer auf dem Rasen. Vor dem Fanblock. 

»Es ist der richtige Zeitpunkt«, sagt er zum Abschied. Für so etwas Trauriges gibt es keinen richtigen Zeitpunkt, sage ich.

Gracias por todo y adios, Senor!