Dieses Inter­view erschien erst­mals im Jahr 2014.

Helmut Rahner, Sie haben das Fuß­ball­spielen in Ihrem Hei­matort Wein­garts begonnen und später in der B- und A- Jugend des 1. FC Nürn­berg gespielt. Ihre erste Sta­tion im Pro­fi­fuß­ball war Blau Weiß 90 Berlin, wohin Sie im Jahr 1990 gewech­selt sind. Wie kam der Wechsel zustande?
Blau Weiß 90 hatte zu der Zeit einen frän­ki­schen Mäzen, was zur Folge hatte, dass immer einige Spieler aus Franken oder Bayern in Berlin unter Ver­trag standen. Als 18-Jäh­riger bin ich direkt nach der A‑Jugend nach Berlin gegangen. Dort konnte ich in der zweiten Bun­des­liga spielen, außerdem war die Stadt unmit­telbar nach der Wende eine unheim­lich inter­es­sante Adresse: Da ging für mich natür­lich ein Traum in Erfül­lung.

Nur ein Jahr später ging der Transfer zu Bayer Uer­dingen über die Bühne. Stimmt es, dass Uer­dingen Sie sei­ner­zeit nur im Paket zusammen mit Thomas Adler und Alex­ander Kut­schera ver­pflichten wollte?
Das stimmt: Ich bin damals zusammen mit Adler und Kut­schera nach Uer­dingen gekommen und war sozu­sagen die Drein­gabe. Thomas Adler galt damals als aus­ge­spro­chener Knipser, und auch Alex­ander Kut­schera war schon relativ eta­bliert. Mein Glück: Uer­dingen suchte noch einen Spieler für die linke Mit­tel­feld­seite, bis dahin meine Stamm­po­si­tion. Außerdem ver­band mich mit Bayer Uer­dingen bereits ein sehr ein­schnei­dendes Erlebnis: In der B‑Jugend verlor ich mit dem Club das Deut­sche Pokal­end­spiel zuhause im Fran­ken­sta­dion – aus­ge­rechnet gegen Uer­dingen mit 0:4.

Wie war Ihr erster Ein­druck vom Verein und vom Umfeld?

Damals spielte Uer­dingen eine ähn­liche Rolle wie heute der VfL Wolfs­burg: Durch die Nähe zum Bayer-Kon­zern war alles sehr gut struk­tu­riert, das Umfeld war äußerst pro­fes­sio­nell. Auch im Nach­hinein muss ich sagen: Der Wechsel nach Uer­dingen war für mich wie ein Sechser im Lotto.

Nach dem Bun­des­li­ga­ab­stieg im Sommer 1993 schaffte die Mann­schaft in der dar­auf­fol­genden Saison den direkten Wie­der­auf­stieg. Im Laufe dieser Zeit wurden Sie zu einer festen Größe – obwohl die Kon­kur­renz groß war. Wie haben Sie es geschafft, sich durch­zu­setzen?

Obwohl ich vom dama­ligen Manager Felix Magath quasi als Zugabe ver­pflichtet wurde, hat Fried­helm Funkel mir von Anfang an eine faire Chance gegeben. Ich gab im Trai­ning ordent­lich Gas, das sorgte für Respekt bei Trainer und Mit­spieler und half mir, zu Ein­satz­zeiten zu kommen. Tugenden wie Wille, Fleiß, Dis­zi­plin und die Über­win­dung, nie­mals auf­zu­geben waren natür­lich auch wichtig. Härter trai­nieren als andere, denn Qua­lität kommt von quälen. Ich lebte meinen Traum: Fuß­ball, Fuß­ball, Fuß­ball. Außerdem hatte ich schnell ver­standen, dass man als junger Spieler den älteren gegen­über, wie bei­spiels­weise den Leit­wölfen Peschke, Dreher oder Lässig, einen gewissen Respekt ent­ge­gen­bringen muss, Koffer tragen gehört dann auch dazu.

Meine Bot­schaft war: Lass dich lieber aus­wech­seln, bleib besser in deiner Hälfte!“

Im Herbst 1994 gab es eine ziem­liche Hetz­kam­pagne sei­tens Medien und Gegen­spie­lern gegen Sie. Die Bild“ beti­telte Sie unter anderem als Rambo-Rahner“, Spieler wie Karl-Heinz Riedle oder Gio­vanne Elber beschwerten sich über Ihre angeb­lich über­harte Gangart. Wie sind Sie per­sön­lich mit dem Ruf eines Tre­ters umge­gangen?
Ganz ehr­lich: ein grö­ßeres Kom­pli­ment kann man ja als Abwehr­spieler gar nicht bekommen. In den 90er Jahren wurde ja gene­rell noch viel man­n­ori­en­tierter gespielt als heute. Damals hatten die großen Ver­eine immer zwei bis drei Top-Stars, die man an die Kette legen musste, und jede Mann­schaft brauchte Spieler, die diesen Job erle­digten. Das ist heute übri­gens immer noch so: Mike Franz, Marc van Bommel oder auch Gat­tuso sind gute Bei­spiele für solche Spie­ler­typen. Besser, du hast sie in deiner Mann­schaft …

Stich­wort Treter“: In ins­ge­samt 151 Spielen für Bayer Uer­dingen bezie­hungs­weise den KFC sind Sie nur zwei Mal vom Platz gestellt worden.
Da muss ich selbst nach­denken, wann das gewesen sein könnte. Jürgen Kohler, der letzte deut­sche Welt­klasse-Vor­stopper, und der gesamte deut­sche Fuß­ball der 80er und 90er Jahre lebten es uns vor, die berühmten deut­schen Tugenden. Durch Trainer wie Ger­land, Funkel oder auch Magath habe ich gelernt, immer an der Grenze des Erlaubten zu spielen. Meis­tens ist mir das auch ganz gut gelungen. Den Stür­mern habe ich ver­sucht, keine Ball­kon­takte zu geben. Zur Begrü­ßung gab es in den ersten Minuten ein Tack­ling mit Ball. Verbal und mit Mimik und Gestik wurde dem Gegen­spieler der Hin­weis gegeben: Lass dich lieber aus­wech­seln, bleib besser in deiner Hälfte! Ein Vor­stopper der wirk­lich klas­si­schen Prä­gung ließ in einer Halb­zeit viel­leicht fünf bis sechs Ball­kon­takte des Stür­mers zu. Und der musste ja meis­tens schon in der Halb­zeit­pause frus­triert und schimp­fend auf Mit­spieler und Schieds­richter her­aus­ge­nommen werden, da er rot­ge­fährdet war. Gutes Zwei­kampf­ver­halten, eine gesunde Grund­ag­gres­si­vität und der abso­lute Wille, Gegen­tore zu ver­hin­dern – das ist es, worauf es ankommt. Eben, authen­tisch bleiben, hart aber herz­lich!

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Hart, aber herz­lich, hier zu Axel Kruse: Helmut Rahner.

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Die Saison 1994/95 haben viele Uer­dingen-Fans noch heute in sehr schöner Erin­ne­rung. Ins­be­son­dere die Abwehr trug maß­geb­lich dazu bei, dass die Mann­schaft wäh­rend der ganzen Saison nicht einmal auf einem Abstiegs­platz stand. Was war das Erfolgs­re­zept?
In erster Linie unsere mann­schaft­liche Geschlos­sen­heit und unsere gute Kame­rad­schaft. Gerade die Achse um Peschke, Dreher, Gor­lu­ko­witsch, Bit­tengel, Lässig und mich hat ja über Jahre hinweg zusammen gespielt und war ent­spre­chend gefes­tigt. Hinzu kam mit Fried­helm Funkel ein super Trainer. Da passte ein­fach alles zusammen. Und bei aller harten gewis­sen­haften Arbeit habe ich durch meine Zeit im Rhein­land auch eine gewisse Locker­heit dazu­ge­lernt.

Aus­ge­rechnet im Jahr eins nach dem Aus­stieg des Bayer-Kon­zerns erfolgte nach einer schwa­chen Saison 1995/96 der Abstieg in die 2. Liga. Was lief nicht mehr so wie zuvor?
Noch in der Vor­runde der Saison hatten wir die beste Abwehr der Liga. Danach wurden wir wahr­schein­lich ein wenig über­mütig, und es wurde zu offensiv gespielt. Das ging bekannt­lich leider nach hinten los. Hinzu kam, dass der Team­geist der vor­he­rigen Saison mehr und mehr nach­ließ. Zusätz­lich hatten einige Spieler bereits in der Win­ter­pause bei anderen Ver­einen zuge­sagt, so dass sie in der wirk­lich heißen Phase der Saison gedank­lich wahr­schein­lich schon woan­ders waren. Hinzu kam Ver­let­zungs­pech, ver­schos­sene Elf­meter ver­schossen, das berühmte zweite Jahr des Auf­stei­gers eben. Von den Namen her waren wir natür­lich noch stärker besetzt als im Jahr zuvor, des­halb war der Abstieg auch unnötig und wäre eigent­lich ver­meidbar gewesen.