Zur Achterbahn-Karriere des Paolo Guerrero


Besser spät als nie

Zum ersten Mal seit 1975 steht Peru im Finale der Copa América. Wird für Skandalnudel Paolo Guerrero zum Ende der Karriere also doch noch alles gut?

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Wer sucht, der findet. Zum Beispiel Gemeinsamkeiten zwischen Paolo Guerrero und Claudio Pizarro. Beide kamen in Peru zur Welt, beide versuchen seitdem, möglichst viele Tore zu schießen, beide taten oder tun dies in Deutschland, entweder für die Bayern oder für einen Verein aus dem Norden. Beide wurden Nationalspieler, beide trugen die Kapitänsbinde ihres Landes. 



Wer sucht, der findet zwischen den zwei Spielern aber eigentlich vor allem: Unterschiede. Denn wo sich Claudio Pizarro in den vergangenen 20 Jahren zum kleinsten gemeinsam Nenner Fußballdeutschlands lächelte und zu dem Stürmer wurde, auf den sich wirklich alle einigen können, da verbinden viele mit dem Namen Paolo Guerrero nach wie vor einen Flaschenwurf aus dem Jahr 2010, der zwar auf ungeahnte Zielsicherheit schließen ließ, der den jungen Mann damals unterm Stricht aber knapp 100.000 Euro kostete. Wo sich Pizarro seit Jahren als Vorzeige-Veteran ohne zu murren in den Dienst der Mannschaft stellt, hätte Geurrero wegen einer Doping-Sperre fast eine Weltmeisterschaft verpasst. Und als sich Pizarro zum erfolgreichsten ausländische Torschützen der Bundesliga-Geschichte gemausert hatte, da war Guerrero schon längst zurück nach Südamerika gewechselt, weil er in Deutschland dann doch nie so richtig glücklich geworden war. 



Zu Hause lieferte Guerrero ab

Obwohl es über ihn doch hieß, dass er mal ein ganz, ganz Großer werden würde. Was nicht irgendwer prophezeit hatte, sondern ein ganz, ganz, ganz, ganz Großer. Gerd Müller nämlich, der Guerrero während dessen Zeit bei Bayern II trainiert hatte und der wohl einschätzen konnte wie kein anderer, ob ein Stürmer stürmen kann. Aus deutscher Sicht muss man allerdings sagen: Gerd Müller hat sich geirrt. Mehr als neun Tore in einer Saison schoss Guerrero in der Bundesliga nie, egal ob beim FC Bayern oder beim HSV. Andererseits, und damit kommen wir wieder zu den Dingen, die ihn von Pizarro unterscheiden, hat Guerrero auf seinem Heimatkontinent abgeliefert.



Egal ob bei Corinthians Sao Paolo in Brasilien, die er 2013 zur Klubweltmeisterschaft schoss, oder für die peruanische Nationalmannschaft, die er sowohl 2011 als auch 2015 auf den dritten Platz der Copa ballerte. 2011, als Guerrero Torschützenkönig des Turniers wurde, war Pizarro gar nicht dabei. 2015, als Guerrero schon wieder vier Tore schoss, saß Pizarro meist nur noch auf der Bank. Und wenn Guerrero am Sonntag, im Finale der diesjährigen Copa-Ausgabe, mit seiner Mannschaft tatsächlich Brasilien schlägt, dann kann man Gerd Müller aus internationaler Sicht und mit etwas Verspätung wohl doch noch Recht geben. Denn wenn Guerrero mit Peru die Copa gewinnt, zum ersten Mal seit 1975, dann ist er ein Großer.


35 Jahre, 91 Spiele, 36 Tore – und endlich der Titel?

Um die Chance zu bekommen, die sich Guerrero am Sonntag bietet, musste er einige Umwege nehmen. Er grätschte sich in monatelange Sperren, so wie im März 2012 nach einer brutalen Kniekehlen-Attacke gegen Sven Ulreich oder im Sommer 2009 bei einem Länderspiel. Einmal drohte er einem Fan Prügel an, und erst in diesem Frühjahr musste er seine für die WM 2018 kurzzeitig ausgesetzte Doping-Sperre – die er nach wie vor als große Verschwörung gegen seine Person bei Seite schieben möchte – absitzen. Manchmal fiel er in Ungnade, weil er ob seiner Flugangst das Training in Hamburg verpasste und manchmal auch einfach, weil er einen Schiedsrichter beleidigte. Zum unumstrittenen Kapitän Perus, unumstrittener übrigens, als es Pizarro je war, reifte er trotzdem.

Weil er weiß, wo das Tor steht. Und weil sie, seine Mitspieler und der Großteil der peruanischen Fans, auch immer das Gute in ihm sahen. Die Leidenschaft, die er auf dem Platz an den Tag legt. Die Bereitschaft, nach dramatischen Niederlagen wie der im Copa-Halbfinale 2011 gegen Uruguay wieder aufzustehen und dann eben das Spiel um Platz Drei im Alleingang zu entscheiden. 

Die Liebe zu seinen Kollegen. Mittlerweile ist Guerrero 35 Jahre alt, hat 91 Länderspiele auf dem Buckel und dabei 36 Tore erzielt. 13 davon alleine bei seinen Copa-Teilnahmen, kein anderer aktiver Spieler traf häufiger beim wichtigsten Wettbewerb des Kontinents. 

Auf Brasilien ist Guerrero mit Peru bei dieser Copa schon getroffen, im dritten Gruppenspiel setzte es eine 0:5-Klatsche. Nach der Partie hätte kaum jemand gedacht, dass Peru nur wenige Tage später eine Chance auf den Titel haben würde. Andererseits sollte niemand ernsthaft überrascht sein, wenn Guerrero im Finale, wenn es wirklich drauf ankommt, zu Höchstform aufläuft. So machen das große Spieler nun mal. 

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Zweite Chance