Wenn über Weg­be­reiter des deut­schen Fuß­balls gespro­chen wird, geht es fast immer um Männer. Um den Konrad Koch etwa, der den Fuß­ball aus Eng­land nach Deutsch­land brachte. Um Walther Ben­se­mann, der das Kicker“-Magazin grün­dete und an der Grün­dung des DFB betei­ligt war. 

Aber Frauen? Gele­gent­lich wür­digt man Han­ne­lore Rat­ze­burg, die sich schon seit den sieb­ziger Jahren für Frau­en­fuß­ball enga­giert. Dieser Tage ist auch wieder häu­figer von Bibiana Stein­haus die Rede, denn sie wird heute das Spiel zwi­schen Hertha BSC und Werder Bremen leiten. Als erste lei­tende Schieds­rich­terin in der Bun­des­liga.

Der Name Ger­trud Geb­hard taucht in Rück­bli­cken eher selten auf. Dabei leis­tete auch sie Pio­nier­ar­beit. Sie war die erste Schieds­rich­terin, die ein Damen­län­der­spiel pfiff. Die erste Frau, die im DFB-Pokal der Männer an der Sei­ten­linie stand. Und vor allem: Sie war die erste Frau, die es bis in die Bun­des­liga schaffte. 22 Jahre vor Bibiana Stein­haus.

Ein unschönes“ Ende?

Man erreicht Ger­trud Geb­hard, 55 Jahre, gebo­rene Regus, tele­fo­nisch in Süd­deutsch­land. Ob sie aus ihrer Bun­des­li­ga­zeit erzählen möchte? Nein“, sagt sie, ohne Ver­bit­te­rung und mit sanfter Stimme zwar, trotzdem bestimmt. Sie bedankt sich für die Anfrage, ihre Zeit als Pro­fi­schieds­rich­terin sei aller­dings sehr unschön“ zu Ende gegangen. Dann wünscht sie einen schönen Tag.

Ein unschönes Ende? Die alten Inter­views und Artikel ergeben zunächst das Bild einer starken Frau. Sie erzählen eine Geschichte, die von einem steilen Auf­stieg han­delt. Aber eben auch von Macho­sprü­chen, von Medi­en­hys­terie und ver­krus­teten Ver­bands­struk­turen. Von einem aus­sichts­losen Kampf in einer von grauen Män­nern domi­nierten Fuß­ball­welt.

Es fängt alles in den späten Sieb­zi­gern an, in Hall­stadt, 8000 Ein­wohner, ober­frän­ki­scher Land­kreis Bam­berg. Geb­hard liebt Fuß­ball, und schon das ist außer­ge­wöhn­lich, denn in den Bun­des­li­ga­sta­dien domi­nieren damals die starken Männer. Vokuhila, Schnurr­bart, Bier. Wer Stress sucht, findet ihn. Wer ihn nicht sucht, auch. Frauen kann man in den meisten Kurven an einer Hand abzählen. Dafür sind sie Teil von Fan­ge­sängen („Eine kleine Nym­pho­manin…“) oder prangen auf Kut­ten­auf­nä­hern, in Form von atom­bu­sigen Ver­ge­wal­ti­gungs­phan­ta­sien ihrer Träger.

Geb­hard schaut sich aber nicht nur Fuß­ball­spiele an, sie spielt auch selbst. Weil es keine Damen­mann­schaft gibt, kickt sie mit ihren Brü­dern im Garten, und als sich die Jungs 1980 einer lokalen Fuß­ball­mann­schaft anschließen, über­legt sie, wie sie dem Sport erhalten bleiben kann. Eines Tages drückt ihr der Obmann einer ört­li­chen Schieds­rich­te­gruppe Pfeife und Karten in die Hand. Er bittet sie, das Spiel einer Christ­li­chen Arbeit­neh­mer­ju­gend zu leiten. Damals sind im deut­schen Fuß­ball gerade mal 0,8 Pro­zent der Schieds­richter Frauen.

Geb­hard, die 1,65 Meter große Ver­wal­tungs­an­ge­stellte, findet Gefallen an der Auf­gabe. Sie zückt Karten, nie­mand kommt ihr krumm. Sie darf Jugend- und Schü­ler­mann­schaften pfeifen. Dann geht es zu den Her­ren­teams, Kreis­klasse, Kreis­liga, Bezirks­liga. Jedes Jahr über­springt sie zwei Klassen. 1989 wird sie in die Ver­bands­liste der Lan­des­liga geführt, 1992 schafft sie es als erste Frau in die Bay­ern­liga. Danach: Frauen-Län­der­spiele, Teil­nahme bei der Frauen-WM in China, DFB-Pokal­fi­nale der Damen.

Auch bei den Män­nern mischt sie bald mit, Anfang der Neun­ziger pfeift sie Spiele in der dritt­klas­sigen Regio­nal­liga, sie gilt sie als beste deut­sche Schieds­rich­terin. Wenig später, zur Saison 1993/94, wird sie als Lini­en­rich­terin für Spiele der Zweiten Bun­des­liga nomi­niert. Ihr Chef Johannes Malka sagt: In Ozea­nien steht schon eine Frau auf der Fifa-Liste. Warum soll das nicht bei uns auch mög­lich sein?“

Ich denke, eine Frau hätte Pro­bleme“

Viel­leicht ist dieser Auf­stieg das Anfang vom Ende, denn ab Juli 1993 bricht ein unge­ahnter Rummel über sie herein. Jeder Fuß­ballfan, Jour­na­list oder Spieler hat eine Mei­nung, und jeder tut sie kund. In Leser­briefen, in Umfragen, in Inter­views, in Zei­tungs­kom­men­taren. Im Kicker“ dürfen sich ver­schie­dene Bun­des­li­ga­trainer und –spieler an Geb­hard abar­beiten. Pierre Litt­barski, Chris­toph Daum oder Peter Neururer spre­chen sich für Schieds­rich­te­rinnen in der Bun­des­liga aus. Ottmar Hitz­feld hin­gegen sagt: Ich habe ganz bestimmt nichts gegen Gleich­be­rech­ti­gung, aber es spielen ja auch keine Frauen mit. Ich denke, eine Frau hätte Pro­bleme, das Pensum läu­fe­risch zu bewäl­tigen.“

Nach einem Spiel urteilt der Kicker“: Vor Auf­re­gung hielt sie die Fah­nen­stange in der Hand, als müsste sie eine Kar­toffel zer­man­schen.“ Die FAZ“ berichtet stau­nend, dass Schieds­richter Helmut Flei­scher in einer Situa­tion auf Abseits ent­scheiden wollte, dann aber hin­über zu seiner Assis­tentin schaute, die, potz­blitz, ihre Fahne gar nicht gehoben hatte. Er ließ also wei­ter­spielen. Er ver­traute seiner Gehilfin.“