Der Beschluss ist ers­tens nicht neu, und zwei­tens kam er nicht über­ra­schend: Ab dieser Saison, so schreibt es die bereits letztes Jahr ange­kün­digte Regel­ver­schär­fung vor, duldet die Deut­sche Fuß­ball-Liga (DFL) keine Bun­des­li­ga­trainer mehr, die nicht über eine Fuß­ball­lehrer-Lizenz ver­fügen. Das gilt sowohl für die Bun­des­liga als auch für die Zweite Liga. Außerdem gibt es keine Aus­nahmen für ehe­ma­lige Natio­nal­spieler mehr.

So gesehen, hat der FC St. Pauli ent­weder etwas ver­säumt, oder nicht ernst­haft an den Auf­stieg in die Zweite Liga geglaubt. Und jetzt hat der Klub aus dem Ham­burger Sze­ne­kiez ein Pro­blem. Wir haben bis zum Schluss auf eine Son­der­re­ge­lung gehofft“, sagt André Trulsen, der am Montag über­ra­schend vom Ko- zum Chef­trainer beför­dert wurde. Der Hin­ter­grund: St. Paulis Erfolgs­trainer Holger Sta­nis­lawski, der wie­derum dem Trend fol­gend zum Team­chef avan­cierte, hat die von der DFL gefor­derte Lizenz bis­lang nicht erworben – er kann nicht einmal einen B‑Trainerschein vor­weisen. Und auch, wenn er es bereits bewiesen hat, dass er es kann“, so Trulsen, muss Stan­sis­lawski wieder die Schul­bank drü­cken. Erich Rutem­öller, Chef­aus­bilder des Deut­schen Fuß­ball-Bundes (DFB) und Lehr­gangs­leiter der Sport­hoch­schule Köln, wartet bereits.

Nicht alleine mit der Dop­pel­be­las­tung

Doch damit nicht genug: Trulsen ist näm­lich eben­falls kein nach DFL-Richt­li­nien zer­ti­fi­zierter Fuß­ball­lehrer. Zwar kann er einen A‑Trainerschein vor­zeigen, die höchste Stufe der DFL-Aus­bil­dungs­py­ra­mide hat er damit aber noch nicht erklommen. Daher wird das Trai­ner­ge­spann vor­aus­sicht­lich von August an auch eine Lern­ge­mein­schaft sein. In Abwe­sen­heit der beiden wird der zuvor eben­falls als Kan­didat für den Chef­posten gehan­delte Tor­wart­trainer Peter Nemet das Trai­ning leiten. Wir drei har­mo­nieren wie eine Band. Egal, wer der Front­mann ist“, sagt Trulsen. Und da wir keine Ein­zel­ent­schei­dungen treffen, son­dern immer als Team auf­treten, sehe ich für diese Zeit keine Pro­bleme.“ Man werde ja an den Wochen­enden nach Ham­burg kommen. Und außerdem sei man nicht alleine mit der Dop­pel­be­las­tung.

In der Tat: Zurück in die Schule müssen auch andere nam­hafte Übungs­leiter: Claus-Dieter Wol­litz vom VfL Osna­brück, Chris­tian Hock vom SV Wehen und Jos Luhukay von Borussia Mön­chen­glad­bach. Auf sie wartet ein halb­jäh­riger Kurs mit 20 Unter­richts­wo­chen plus einem vier­wö­chigen Prak­tikum. Ver­mit­telt werden ihnen dabei Inhalte, die weit über ein bloßes Technik-Taktik-Trai­ning hin­aus­gehen.

Wel­ches Fach sei zu befürchten? In Sport­me­dizin habe ich sicher­lich noch die größten Lücken“, gibt Trulsen zu. Ich sollte mir daher nicht allzu oft eine Aus­zeit nehmen. Es ist nicht mehr so wie früher.“ Aber mit der rich­tigen Ein­stel­lung werde es schon klappen – so wie bei Jürgen Klopp.

Die Aus­gangs­lage ist ver­gleichbar: Auch Mainz hatte einen Stroh­mann“ auf den Chef­trai­ner­stuhl gehievt und ist bis in die Bun­des­liga gerauscht. Ließe sich diese Geschichte nicht wie­der­holen? Machen wir uns doch nichts vor, wir gehen als krasse Außen­seiter in die Saison mit dem ein­zigen Ziel, die Klasse zu halten. Aber keine Angst: Wir werden uns nicht ver­ste­cken“, sagt Trulsen. Warum auch? Mit einer guten Aus­bil­dung in der Tasche braucht man keine Angst zu haben.

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Paul Linke ist Autor des Ber­liner Tages­spie­gels“ www​.tages​spiegel​.de .