Mit­ter­nacht war schon passé und das Stade de France men­schen­leer. Es begann die Vor­be­rei­tung für die große Party, die Frank­reich noch feiern will. Mit Rasen­mä­hern schritten die emsigen Helfer über das Grün von Saint-Denis, auf dem am kom­menden Sonntag das Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft aus­ge­spielt wird. Der Dau­er­regen hatte ein wenig nach­ge­lassen, er störte die Männer und Frauen ohnehin nur am Rande, denn in der Luft lag immer noch der jüngste Tri­umph der Equipe Tri­co­lore, jenes 5:2 im Vier­tel­fi­nale gegen den Favo­ri­ten­schreck Island. Es war das tor­reichste Spiel eines Tur­niers, das wahr­schein­lich nicht als Offen­siv­spek­takel in die Geschichte des Fuß­balls ein­gehen wird. Aber wen inter­es­siert schon die Ver­gan­gen­heit, wenn die Zukunft so hell strahlen kann?

Frank­reich freut sich auf Deutsch­land

Diese fünf Tore helfen uns“, spricht Paul Pogba, der fran­zö­si­sche Antreiber mit den raum­grei­fenden Schritten, er hat wie seine Kol­legen in Blau-Weiß-Rot end­lich so auf­ge­spielt, wie es die Nation ver­langt. Domi­nant, schön und erfolg­reich. Frank­reich ver­langt nach einer Rück­kehr ins Stade de France, und dass dieser Weg nur über den Welt­meister führt, beflü­gelt die Grande Nation eher, als dass es sie hemmen könnte. Frank­reich freut sich auf Deutsch­land.

Frank­reichs Selbst­wert­ge­fühl ist in diesen euro­päi­schen Wochen von Tag zu Tag gewachsen. Das ist keine ein­fache Zeit für unser Land“, kon­sta­tiert der Trainer Didier Deschamps, des­wegen ist es für uns sehr wichtig, dass wir den Leuten hier Freude bereiten können.“

Ist die Euro­pa­meis­ter­schaft, ist die Equipe end­lich ange­kommen bei den Lands­leuten? Ein fran­zö­si­scher Reporter kon­sta­tiert, mit der Qua­li­fi­ka­tion für das Halb­fi­nale sei das Ziel doch schon erreicht. Ist es das?“, ent­gegnet Deschamps. – So hat es der Ver­bands­prä­si­dent doch vorher gesagt!“ – So, hat er das? Na, dann ist ja gut!“

Der Mit­tel­feld­spieler Deschamps hat mit Frank­reich 1998 die Welt­meis­ter­schaft gewonnen und zwei Jahre später die Euro­pa­meis­ter­schaft. Ist schon lange her, ich kann mich gar nicht mehr genau daran erin­nern“, sagt der grau­me­lierte Trainer. Dass er nun als Ver­ant­wort­li­cher auf der Bank ein Da Capo hin­legen kann, hat er vor allem der wieder belebten Angriffs­lust seiner Mann­schaft zu ver­danken.

Die Geschichte des fran­zö­si­schen Fuß­balls ist eine Geschichte von Offen­siv­be­ga­bungen. Ray­mond Kopa, Just Fon­taine, Michael Pla­tini, Thierry Henry, Zine­dine Zidane – die Liste ist lang. Die Bereit­schaft zur Offen­sive ist ein fran­zö­si­scher Mythos, und er erfährt seine Bestä­ti­gung im Sommer 2016. Frank­reich kann wieder atta­ckieren, und wie!

Die vier Galak­ti­schen

Die unbe­dingte Angriffs­be­reit­schaft der Grande Nation bei dieser Euro­pa­meis­ter­schaft spie­gelt sich in vier Inter­preten, die in der Heimat schon die Galak­ti­schen genannt werden. Die Wucht dieses Quar­tetts trat am Sonntag gegen Island so deut­lich zutage, wie sie von keiner anderen Mann­schaft bisher zu sehen war. Es han­delt sich dabei um:

Antoine Griez­mann, den Wind­hund mit dem blonden Haar­schopf, der seine Tor­chancen so gna­denlos nutzt wie früher das deut­sche Straf­raum-Phä­nomen Gerd Müller. Dazu ist Griez­mann schnell, per­fekt am Ball und robuster, als es seine fili­grane Gestalt ver­muten lässt. Am Sonntag schoss er das schönste der vier Tore, mit einem Chip aus vollem Lauf über den islän­di­schen Tor­hüter. Anschlie­ßend ver­beugte sich der Künstler Dimitri Payet vor ihm und küsste sym­bo­lisch Griez­manns gol­denen Fuß, der im kon­kreten Fall in einem rosa-schwarz-weißem Schuh steckte.

Eben jener Payet, der so schön und ziel­ori­en­tiert drib­beln kann wie kaum ein anderer. Auf sein Konto ging natür­lich auch ein Tor, das zwi­schen­zeit­liche 3:0, das alle Zweifel am Einzug ins Halb­fi­nale besei­tigte.

Dann ist da noch Paul Pogba, die fran­zö­si­sche Anti­lope. Pogba war zuletzt häufig und schwer kri­ti­siert worden, als einer, der zuvor­derst auf seine wech­selnden Fri­suren bedacht sei. Gegen Island brachte er seinen Speed so gewinn­brin­gend ein, dass ihm das Stade de France Ova­tionen wid­mete. Sein ganzer Willen kul­mi­nierte in jenem 3:0, als er den Ball mit dem Kopf ins Tor rammte und der neben ihm hoch sprin­gende Ver­tei­diger hilflos von Pogba abprallte. Im zen­tralen Mit­tel­feld ist er von einem Wert wie bei den Deut­schen Sami Khe­dira oder Bas­tian Schwein­s­teiger, beide werden den Deut­schen am Don­nerstag wohl nicht zur Ver­fü­gung stehen.

Und, vier­tens, Oli­vier Giroud. Der Stürmer vom FC Arsenal ist in Frank­reich nicht immer geliebt worden. Er wirkt ein biss­chen höl­zern, Schön­heit ist seinem Spiel nur bedingt zu unter­stellen. Vor ein paar Wochen hat ihn das Publikum im Test­spiel gegen Kamerun aus­ge­pfiffen. Giroud war in der Heimat noch vor kurzem unge­fähr so beliebt wie Mario Gomez in Deutsch­land nach seinem legen­dären Fehl­schuss bei der EM 2008 gegen Öster­reich.

Wir wollen Revanche für Bra­si­lien“

Dass viele Fran­zosen über die dubiose Rolle von Karim Ben­zema in der Erpres­sungs­af­färe um Mathieu Ben­zema gern hin­weg­ge­sehen hätten, lag vor allem daran, dass ihnen damit Oli­vier Giroud erspart geblieben wäre. Gegen Island aber zeigte der unge­liebte Stürmer, wie wert­voll er für seine Mann­schaft sein kann. Giroud schoss zwei Tore und war an zwei wei­teren betei­ligt. Es war sein bisher bestes Spiel für Frank­reich.

Alle vier fran­zö­si­schen Galak­ti­schen trafen am Sonntag für Frank­reich, und nun freuen sie sich auf Deutsch­land. Wir wollen Revanche für Bra­si­lien“, sagt Giroud – Satis­fak­tion für das 0:1 im Vier­tel­fi­nale der WM 2014, als die Fran­zosen schon dicht dran waren am Tri­umph, aber eben nicht dicht genug. Das deut­sche Siegtor schoss damals Mats Hum­mels, aber der wird am Don­nerstag fehlen. Frank­reich bietet seine Best­be­set­zung auf. Giroud durfte vor zwei Jahren im Mara­cana von Rio de Janeiro nur die letzten fünf Minuten spielen.

Diesmal ist er gesetzt und hofft auf die sym­bo­li­sche Kraft seines Voll­barts, er will ihn pflegen bis zum Finale, für das die emsigen Helfer schon kurz nach dem Schüt­zen­fest gegen Island den Rasen pflegten. Der Bart bleibt stehen“, sagt Giroud, er will ihn in einer Woche sehr gern blau-weiß-rot färben.