Lucien Favre schaut an den Zuhö­rern vorbei, als er über Fran­c­fort“ spricht. Sein Blick fla­ckert hin und her, wie er das meis­tens tut. Der Trainer von Borussia Mön­chen­glad­bach erklärt den Jour­na­listen, wie viel fuß­bal­le­ri­sches Poten­tial die Ein­tracht habe und man ahnt, dass dabei rei­hen­weise Spiel­szenen durch seinen Kopf rat­tern. Hat er noch was über­sehen? Gibt es viel­leicht noch einen tak­ti­schen Kniff?

Auch für dieses Spiel hat Favre sich wieder die letzten vier Par­tien des Geg­ners ange­schaut. Wie immer mit dem Finger auf der Fast-For­ward-Taste des DVD-Spie­lers, um sofort wei­ter­zu­spulen, sobald der Ball nicht im Spiel ist. Wenn man das nicht gewöhnt sei, bekomme man schnell Kopf­schmerzen davon, sagen die, die ihn dabei beob­achtet haben.

Der ver­rückte Pro­fessor der Bun­des­liga

Die Reporter notieren Favres War­nungen geduldig, hinten im Pres­se­raum warten zur Beloh­nung schon Rou­laden mit Rosen­kohl und Kar­tof­feln. Die meisten halten den kau­zigen Schweizer für den besten Trainer, der in den letzten Jahr­zehnten bei Borussia Mön­chen­glad­bach gear­beitet hat. Wie er das genau macht, ist aber auch nach fast vier Jahren irgendwie undurch­schaubar. Klar ist nur: Favre ist der ver­rückte Pro­fessor unter den Bun­des­li­ga­trai­nern. In einem ame­ri­ka­ni­schen Kin­der­film würde er eine über­große Brille mit schwarzem Rand tragen und ein Per­pe­tuum mobile bauen, aus dem unauf­hör­lich Bon­bons plumpsen. In der Kin­der­welt des Fuß­balls hat er Borussia Mön­chen­glad­bach durch einen Time Tunnel“ geführt und aus der Ver­gan­gen­heit eine Zukunft gemacht.

Neu­lich etwa hat Favre einen jahr­zehn­te­alten Rekord von Hennes Weis­weiler gebro­chen. 18 Pflicht­spiele hin­ter­ein­ander ohne Nie­der­lage, das war nicht einmal dem alten Meis­ter­trainer gelungen, der vier der fünf Deut­schen Meis­ter­schaften und den UEFA-Pokal nach Glad­bach geholt hat. Und wie selbst­ver­ständ­lich stellte sich die Frage, die bei diesem Klub im Erfolgs­fall immer kommt: Wie viel Ver­gan­gen­heit ist in der Gegen­wart mög­lich? Oder anders gefragt: Wie viel Foh­lenelf steckt in der Mann­schaft von heute?

Her­bert Wimmer, den noch immer alle Hacki“ nennen, war dabei, als 1965 ein bis dahin unbe­deu­tender Pro­vinz­verein mit einer Mann­schaft, die im Durch­schnitt kaum älter als 21 Jahre alt war, in die Bun­des­liga auf­stieg. Fünf Jahre später wurde Wimmer erst­mals Meister mit der Foh­lenelf, die man nicht nur wegen ihrer Jugend, son­dern auch wegen ihres stür­mi­schen Unge­stüms so nannte. Bis heute kommt er zu jedem Spiel und gesellt sich unauf­fällig an den Tra­di­ti­ons­stamm­tisch, den es gibt, seit der Klub 2004 den Borussia-Park bezogen hat. Zwei Dut­zend ehe­ma­lige Spieler kommen jedes Mal und werden bemer­kens­wert herz­lich betreut.

Große Momente, große Zeiten

Wimmer ist an diesem Tra­di­ti­ons­stamm­tisch nicht nur einer der treu­esten, son­dern einer der scheu­esten Gäste. Auch mit 70 Jahren ist der eins­tige Was­ser­träger von Günter Netzer ein fast schüch­terner Mann. Erin­nert ihn die Mann­schaft von heute an früher? Am ehesten, wenn sie schnelle Konter spielen“, sagt Wimmer leise, aber wir hatten mehr Ein­hei­mi­sche.“ Klar, Jupp Heynckes, Günter Netzer und Her­bert Laumen wurden in Mön­chen­glad­bach geboren, Berti Vogts kam aus Kor­schen­broich, ein paar Meter die Straße runter, und Wimmer selbst aus der Nähe von Aachen. So was gibt es heute weder in Glad­bach noch eigent­lich sonst irgendwo.

Wimmer mag eine Legende des Ver­eins sein, aber er ist auch ein pro­sai­scher Mann, dem die Idee einer Wie­der­ge­burt der Foh­lenelf im Geiste des 21. Jahr­hun­derts fremd ist. Und worum würde es da eigent­lich gehen? Um hin­rei­ßenden Kon­ter­fuß­ball, um euro­päi­sche Flut­licht­nächte durch­zogen von nie­der­rhei­ni­schen Nebel­fetzen, um Pfos­ten­bruch und Büch­sen­wurf? Überall im Sta­dion und in der Geschäfts­stelle wird diese His­torie beschworen. Auf den Gängen und in den Büros, in den Logen und an den Wänden der VIP-Ebene hängen Fotos in Schwarz und Weiß. Große Momente, große Zeiten, gol­dene Ver­gan­gen­heit.

Doch bedient das mehr als Nost­algie? Ste­phan Schip­pers greift in den Büro­schrank hinter seinem großen, weißen Schreib­tisch und holt Die Mit­spiel­erfibel“ hervor. Jeder Mit­ar­beiter von Borussia Mön­chen­glad­bach bekommt zum Dienst­an­tritt das kleine Bänd­chen mit dem weißen Umschlag. Es erklärt auf knapp fünfzig Seiten das Mar­ken­ver­spre­chen („Die Foh­lenelf“), dessen Treiber („Zuge­hö­rig­keit, Zugäng­lich­keit, Indi­vi­dua­lität und Fri­sche“) und die Werte des Ver­eins, alles her­ge­leitet aus der Geschichte des Klubs. Fami­liär, glaub­würdig, jung, begeis­ternd, mutig, selbst­be­wusst, unab­hängig und tra­di­ti­ons­be­wusst will Borussia Mön­chen­glad­bach sein. Aber nicht tra­di­tio­nell“, ergänzt Schip­pers, der Geschäfts­führer und starke Mann des Klubs.

Borussia ist ein Verein, der nicht pola­ri­siert“

Solche Selbst­ver­ge­wis­se­rungen gibt es inzwi­schen bei vielen Pro­fi­klubs, mal heißen sie Leit­bild, mal Mar­ken­fibel. Hilf­reiche Ori­en­tie­rungen dafür, wie man han­delt. Glaub­würdig zu sein, heißt: Wir werden nicht wort­brü­chig“, sagt Schip­pers bemer­kens­wert bestimmt. Wenn einem Spieler die Ver­trags­ver­län­ge­rung zuge­sagt ist, gilt das genauso wie die Zusage, ein ver­spro­chenes Inter­view auch wirk­lich zu geben. Unab­hängig zu sein, heißt, sich nicht auf Modelle ein­zu­lassen wie der Ham­burger SV mit dem Investor Kühne. Und noch was ist wichtig: Borussia ist ein Verein, der nicht pola­ri­siert.“ In Köln mögen sie dar­über lachen, aber eigent­lich stimmt das.

Wie das funk­tio­niert, zeigt sich zwei­ein­halb Stunden vor dem Spiel am Fan­haus. Es kämen immer mehr Autos aus Hol­land und Bel­gien, sagt der Ordner am Ein­gang zum Park­platz davor, und auch das Num­mern­schild MYK“ sei ver­stärkt ver­treten: Mayen-Koblenz, der größte Land­kreis in Rhein­land-Pfalz. Nir­gendwo in der Bun­des­liga gibt es mehr Fans, die nicht aus der Stadt selbst und nächster Umge­bung zum Spiel kommen, als in Mön­chen­glad­bach. Nur ein Drittel stammt aus der Stadt selbst, das zweite Drittel aus bis zu 200 Kilo­me­tern Ent­fer­nung, der Rest kommt von weiter her. Woher sie anreisen, kann man im Fan­haus sehen. In dem Gebäude, das an ein Schüt­zen­zelt erin­nert, erklingt halb­stünd­lich die Sta­di­onhymne Ja, wir schwören Stein und Bein / auf die Elf vom Nie­der­rhein“. Die Fans essen Brat­wurst, Pommes und Grün­kohl. Getrunken wird Die­bels Alt aus großen Glä­sern. Unter der Decke hängen die Schals der Schwalm­bo­russen“ und Spree­bo­russen“. An der Wand: eine große Deutsch­land­karte, in der die Wap­pen­nadel eines jeden Fan-Clubs steckt. Beson­ders viele ste­cken in Franken und Bayern.

Wir expan­dieren defi­nitiv“

Das ist ein Erbe aus der Hoch­zeit der Foh­lenelf in den Sieb­zi­gern, als es in Deutsch­land, so sieht man es hier im Fan­haus, nur zwei Fuß­ball­klubs gab: Glad­bach und Bayern. Und die Borussia war der Klub, der Fuß­ball gespielt hat“, sagt Charly Ritter, 45. Der Prä­si­dent des Foh­len­fan­club Unter­allgäu“ trinkt ein Bier. Sie haben sich erst im Januar 2014 gegründet und bereits 57 Mit­glieder. Ten­denz: stei­gend. Wir expan­dieren defi­nitiv“, sagt Ritter. Viermal pro Saison fahren sie gemeinsam in den Borussia-Park. Um 4.45 Uhr ist ihr Bus diesmal los­ge­fahren, um halb eins waren sie da. Dahoim“ sind sie erst wieder am Sonn­tag­morgen in aller Herr­gotts­frühe.

Sonst treffen sie sich in der Piz­zeria Loris“ in Pfaf­fen­hausen, weil der Wirt ein Sky-Abo hat. Die Mit­glieder stammen aus Schlingen, Nie­der­gel­tingen und Kirch­heim. Wären sie Fans des FC Augs­burg, bräuchten sie nur 45 Minuten ins Sta­dion. Aber warum stehen vor dem Fan­haus denn nun so viele junge Fans, die mit baye­ri­schem Idiom spre­chen? Der 21-jäh­rige Johannes Wind­rath sagt: Bei uns gibt es ein­fach in jedem Dorf ein paar Glad­ba­cher. Das wird von den Vätern und Groß­vä­tern auf die Söhne über­tragen.“ Die Dörfler suchten in den sieb­ziger Jahren hän­de­rin­gend nach einem Klub, der in Oppo­si­tion zum FC Bayern stand. Die Bayern hielten sie für arro­gant, und im Grund­satz ist das bis heute so geblieben.

Borussia Mön­chen­glad­bach hin­gegen ist so was wie der deut­sche Kon­sens­verein. Nicht so domi­nant wie Bayern, nicht so laut wie Dort­mund, nicht so ver­rückt wie Schalke, aber auch kein Nischen­klub wie Mainz oder Frei­burg. Glad­bach ist groß, hält sich in den Debatten des Fuß­balls aber bewusst zurück. Auch hat die Borussia nie jemandem so richtig weh getan. Selbst in den großen Zeiten war die sport­liche Über­le­gen­heit immer fragil, weil noch Grö­ßere die besten Spieler weg­holten: Heynckes, Netzer, Stie­like, Mat­thäus, Effen­berg und zuletzt Reus. Ein Spit­zen­klub, der immer auch etwas Underdog blieb und von Tragik umweht. Wie bei diesem Büch­sen­wurf 1971, der den größten Sieg im Euro­pa­pokal aus­löschte, das 7:1 über Inter Mai­land.

Von der Zahl der Sym­pa­thi­santen ist Borussia Mön­chen­glad­bach in Deutsch­land ver­mut­lich der viert­größte Verein hinter Bayern, Dort­mund und Schalke. Überall gibt es Fans, die selbst mit der Geschichte der Foh­lenelf groß geworden sind oder sie wei­ter­ge­geben bekamen. Aller­dings wäre die 1999 fast zu Ende gegangen. Glad­bach war zum ersten Mal aus der Bun­des­liga abge­stiegen, die Schulden höher als der Jah­res­um­satz, das Bökel­berg­sta­dion nicht mehr kon­kur­renz­fähig und aus Sicher­heits­gründen von der Schlie­ßung bedroht. Es gab weder ver­nünf­tige Trai­nings­plätze noch eine ernst­zu­neh­mende Nach­wuchs­ar­beit. Sport­lich und wirt­schaft­lich stimmte nichts“, sagt Rolf Königs.

Schon damals gehörte der Tex­til­un­ter­nehmer zum drei­köp­figen Vor­stand, der sich daran machte, den Klub zu sanieren. Seit 2004 ist er Vor­sit­zender, immer noch ehren­amt­lich, immer noch ohne einen Euro Kosten abzu­rechnen, wie er betont. Bis heute wirkt er fremd in der Welt des Fuß­balls. Königs trägt zum Anzug stets Ein­steck­tü­cher und tritt auch sonst so auf, dass einem sofort das Wort dis­tin­gu­iert“ ein­fällt. Obwohl er bei inter­na­tio­nalen Aus­wärts­spielen stets dorthin kommt, wo sich die mit­ge­reisten Anhänger treffen und bereit­willig Hände schüt­telt, ist er zwei­fellos nicht das, was man fannah nennt. Ver­mut­lich kennen ihn selbst viele Glad­bach-Fans nicht. Genauso wenig wie Geschäfts­führer Schip­pers oder die Namen der Abtei­lungs­leiter für Mar­ke­ting, den Sta­di­on­be­trieb oder die Nach­wuchs­ar­beit.

Keine Trans­fers auf Pump

Dabei ist es wichtig, ihre Geschichte zu kennen, denn die Wie­der­ge­burt der Foh­lenelf vollzog sich ab 1999 nicht zuerst auf dem Rasen, son­dern in den Büro­zim­mern des Ver­eins. Die meisten, die an der Renais­sance des Klubs betei­ligt waren, stammen wie auch Königs und Schip­pers aus Mön­chen­glad­bach selbst. Und als sie zur Borussia kamen, waren sie New­comer. Schon drei Jahre nach dem Fast-Kol­laps schrieb der Klub dank dieser Fohlen erst­mals wieder schwarze Zahlen, 2004 zog er ins eigene Sta­dion. In diesem Jahr wird er 125 Mil­lionen Umsatz machen und schul­den­frei sein. Wir geben nicht mehr Geld aus, als wir haben“, sagt Königs. Es gibt keine Trans­fers auf Pump, dafür hat der Klub einige Hektar Gelände um das Sta­dion zuge­kauft, als die Gewer­beer­schlie­ßung zu nahe rückte. Alles, was bei diesem Klub pas­siert, ist so unglaub­lich solide und ver­nünftig, dass es fast schon unsexy ist.

Auch Max Eberl kam 1999 und arbei­tete zunächst fünf Jahre lang als ein Außen­ver­tei­diger, dem man nicht unrecht tut, wenn man seine Spiel­weise brav und wacker nennt. 2005 wurde er Nach­wuchs­ma­nager von Borussia Mön­chen­glad­bach. Dass das Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum heute zu den am besten bewer­teten in Deutsch­land gehört, liegt auch an seiner Arbeit. Als er begann, hatte der Klub einen Natio­nal­spieler in den Jugend­na­tio­nal­mann­schaften, im Moment sind es 18. Seit sechs Jahren ist er Sport­di­rektor und als sol­cher sagt Eberl an einem Frei­tag­morgen im November: Das ist unsere Keim­zelle.“

Alle Trainer des Klubs, auch die der Jugend­mann­schaften und des Frau­en­teams, sitzen an den langen Tischen im Spel­ershome“ im Sou­ter­rain des Borussia-Parks. Den Begriff hat der ehe­ma­lige Trainer Hans Meyer aus Hol­land mit­ge­bracht, im Spel­ershome“ ver­bringen sonst die Spieler ihre freie Zeit. Doch frei­tags vor jedem Heim­spiel treffen sich hier die Coa­ches zum Früh­stück, heute hat Tor­wart­trainer Uwe Kamps für die Bröt­chen und das Rührei gesorgt. Fans könnten bei dieser Gele­gen­heit prima ihre Auto­gramm­samm­lung von Borussia-Helden auf­fri­schen. Oliver Neu­ville ist da, Arie van Lent, Markus Haus­weiler, Steffen Korell, Man­fred Stefes, alle arbeiten als Trainer für diverse Teams. Man kennt sich also oft schon seit Jahren, das Fami­liäre ist keine Behaup­tung. Nach dem Früh­stück gibt es regel­mäßig einen kurzen Vor­trag. Mal geht es um tak­ti­sche Fragen, um die Schu­lung von Jugend­spie­lern oder adäquates Tor­wart­trai­ning. Heute erklärt die Pres­se­ab­tei­lung, wie soziale Medien funk­tio­nieren, in welche Fallen auch Nach­wuchs­spieler tappen können und welche Regeln gelten sollten.

Der Vor­trag ist knapp und klar, die anschlie­ßende Dis­kus­sion kurz, die Fragen prä­zise. Auch hier wirkt der Klub durch­dacht, ziel­ori­en­tiert, pro­fes­sio­nell und für einen Fuß­ball­verein ziem­lich unauf­ge­regt. Man kann ihn sich vor­stellen wie den Flip­chart im Büro von Max Eberl. Dort sind mit roten und blauem Filz­stift die Spiel­zeiten ein­ge­tragen, die Punkte aus der Hin- und die aus der Rück­serie, und die Namen der Trainer: HM für Hans Meyer, MF für Michael Front­zeck und LF für Lucien Favre. Ein­ge­tragen sind auch die Tabel­len­plat­zie­rungen der letzten Jahre. Gemit­telt ist es, seit Eberl Sport­di­rektor ist, ständig nach oben gegangen. 

Marin, Dante, Reus – die Abgänge waren schmerz­haft

Es muss eine Leit­linie geben und einen Plan, wie die Mann­schaft aus­sehen soll“, sagt er. Das hört sich wie ein All­ge­mein­platz an, aber in Mön­chen­glad­bach ist der Plan auch umge­setzt worden. Der Kader, so war die Vor­gabe, soll zu einem Drittel aus eigenen Nach­wuchs­spie­lern bestehen, und tut es auch. Dazu kommen ent­wick­lungs­fä­hige Talente aus anderen Klubs, für die Borussia oft nur eine Durch­gangs­sta­tion ist, wie einst für Marco Reus, Roman Neu­städter oder der­zeit wahr­schein­lich Granit Xhaka und Chris­toph Kramer. Und dann sind da noch die Füh­rungs­spieler, fer­tige Profis wie Max Kruse, der Bra­si­lianer Raf­fael oder Tor­hüter Yann Sommer. Natür­lich war es schmerz­haft, als Marko Marin den Klub ver­ließ, dann Marco Reus und Dante, oder als in diesem Sommer Tor­wart Mark André ter Stegen zu Bar­ce­lona wech­selte, aber Eberl hat die opu­lenten Ablö­se­summen so inves­tiert, dass sich die Qua­lität der Mann­schaft kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­sert hat.

Auf seinem Flip­chart ist jedoch auch ein Blitz ein­ge­zeichnet, direkt über 10÷11 MF 10“. In der Hin­runde der Saison 2010/11 hatte Michael Front­zeck nur zehn Punkte geholt, und Borussia drohte der dritte Abstieg aus der Bun­des­liga. Ins Bild auf­stei­gender Kurven passt das nicht. Das ist das Loch, wo wir den Trainer ent­lassen haben“, sagt Eberl. Er hätte auch sagen können: Hier begannen die dra­ma­tischsten Wochen der jün­geren Ver­eins­ge­schichte und auch die auf­re­gendsten für ihn selbst. Denn in fast aus­sichts­loser Situa­tion im Abstiegs­kampf ent­ließ er Front­zeck und ver­pflich­tete einen Trainer, der zu diesem Zeit­punkt fast andert­halb Jahre arbeitslos war, weil er nach seinem Raus­wurf bei Hertha BSC als ner­vöser Zau­derer galt: Lucien Favre. Wer ihn damals wohl­wol­lender sah, hielt ihn für einen inter­es­santen Kon­zept­trainer, aber wohl nie­mand für einen Feu­er­wehr­mann.

Eberl hatte Favre Anfang 2008 in der Schweiz besucht, als er noch den Nach­wuchs managte und sich dar­über infor­mieren wollte, wie in der Schweiz aus­ge­bildet wird. Drei­ein­halb Stunden hatte er bei Favre auf der Veranda gesessen, den Mont Blanc im Hin­ter­grund. Das war stress­frei, weil weder er mir noch ich ihm etwas ver­kaufen wollte“, sagt Eberl. Als ich weg­fuhr, hatte ich ein biss­chen im Kopf: Wenn du irgend­wann mal was machen dürf­test, dann wär das schon ein Trainer, bei dem man denkt, es könnte gut passen.“

Vogts‘ Kritk an Eberl

Im Februar 2011 durfte er nicht nur machen, es musste auch passen, denn Eberl und Borussia Mön­chen­glad­bach lebten im Bela­ge­rungs­zu­stand. Berti Vogts ver­spot­tete den Sport­di­rektor öffent­lich als Ja-Sager seiner Majestät“, gemeint war Prä­si­dent Königs. Eberl weiß ja gar nicht, wie er in diese Posi­tion gekommen ist. Er ist kein Borusse! Er ist mal von Tor­pfosten zu Tor­pfosten gelaufen und mehr nicht“, gif­tete Vogts, immerhin einer aus der Foh­lenelf. Die Gehäs­sig­keit traf durchaus eine all­ge­meine Stim­mung. Genau wie die Initia­tive Borussia“ mit Front­män­nern wie Stefan Effen­berg und Horst Köppel. Sie mobi­li­sierte im Prinzip gegen alle, die den Klub 1999 über­nommen hatten. Ein Schat­ten­ka­bi­nett stand bereit, ihre Posten zu besetzen.

Wie zuge­spitzt die Situa­tion war, zeigt sich dadurch, dass alle im Verein die gleiche Ant­wort auf die Frage nach dem größten Moment der letzten Jahre geben. Die Rele­ga­tion gegen Bochum“, sagt Eberl. Sagt Schip­pers. Sagt Königs. Sagt Favre. Sagen alle. Uwe Kamps, der im Tor stand, als Borussia Mön­chen­glad­bach 1995 beim Sieg im DFB-Pokal­fi­nale gegen Wolfs­burg den letzten Titel gewann, meint sogar: Für den Erfolg in der Rele­ga­tion kannst du den Pokal­sieg in die Tonne kloppen.“ Dass durch einen Abstieg der kom­plette Umsturz drohte, sorgte inner­halb des Ver­eins für ein großes Zusam­men­rü­cken. Alle haben darum gekämpft, dass wir drin bleiben. Da hat sich gezeigt, dass es im Klub stimmt“, sagt Kamps.

Auch das Publikum soli­da­ri­sierte sich mit einer Mann­schaft, die unter Favre in der Rück­runde unglaub­liche 16 Punkte mehr als in der Hin­runde geholt hatte. Im Hin­spiel der Rele­ga­tion gegen den VfL Bochum feu­erten sie ihr Team bis zum Schluss fre­ne­tisch an, obwohl es ewig lange 0:0 stand. So hatte das Publikum hier noch nie­mand erlebt. Die Geduld und die Pas­sion wurden belohnt, in der 94. Minute schoss Glad­bach das 1:0, im Rück­spiel reichte ein 1:1‑Unentschieden. Auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung kurz drauf erlebte die Initia­tive Borussia“ ihr Waterloo. Ihre Anträge wurden mit über­wäl­ti­gender Mehr­heit abge­schmet­tert.

Dass die Mit­glieder damals unserem Weg ver­traut haben, war ein ganz ent­schei­dender Punkt in den letzten 15 Jahren“, sagt Eberl. Alles fühlte sich anschlie­ßend leichter an. Die sen­sa­tio­nelle Saison danach sowieso, als der vor­ma­lige Abstiegs­kan­didat mit der fast glei­chen Mann­schaft Vierter wurde. Aber auch der Neu­an­lauf nach den Ver­käufen von Reus, Dante und Neu­städter. Die neun Bun­des­li­ga­spiele ohne Sieg in der letzten Saison, der kleine Ein­bruch in dieser Spiel­zeit nach der langen Serie unge­schla­gener Spiele sind nur ober­fläch­liche Erre­gungen im Ver­gleich zu jenen Tagen der Rele­ga­tion im Mai 2011.

Ein Trainer muss seine Koffer immer gepackt haben“

Wäh­rend die Jour­na­listen im Pres­se­raum inzwi­schen Rou­laden auf den Tel­lern haben, hat Lucien Favre noch einmal kurz Platz genommen. Das Publikum liebt ihn, und er wird von den Ange­stellten im Klub ver­ehrt, für die Ret­tung vor dem Abstieg und seine Arbeit in den Jahren danach. Man erkennt die Ver­eh­rung am besten daran, dass ihn alle nach­ma­chen, sein fran­zö­sisch ein­ge­färbtes Kau­der­welsch, seinen selt­samen Satz­rhythmus und die hoch­gepitchte Stimme. Auf die Frage, ob er denn beim Klub inzwi­schen ange­kommen ist, sagt Favre: Ein Trainer muss seine Koffer immer gepackt haben.“

Ein halbes Dut­zend Mal hat Favre klub­in­tern angeb­lich schon seinen Rück­tritt ange­boten. Er wollte dann nicht mehr aus der Schweiz zurück­kommen, fand sich aus­ge­brannt oder sah keine Ent­wick­lungs­mög­lich­keiten mehr. Max Eberl stand auch schon kurz davor, die Bro­cken hin­zu­schmeißen, ent­nervt von seinem Trainer. Zugeben würde das beide nicht, Eberl sagt nur: Wir sind schon ein paar Mal aus­ein­an­der­ge­gangen, wo ich gedacht habe: Mann, Mann, Mann …“

Denn so sym­pa­thisch Favre ist, so fleißig und besessen von seiner Arbeit, ist er auch eine Dra­ma­queen. Die Geschichten von seiner Unent­schlos­sen­heit bei Trans­fers gehören längst zur Bun­des­li­ga­folk­lore und werden kichernd hinter vor­ge­hal­tener Hand erzählt. Eine Anek­dote besagt, dass Favre gemeinsam mit Eberl den Stürmer Eren Der­diyok von einem Wechsel nach Glad­bach über­zeugen sollte. Der Trainer erklärte Der­diyok auch enga­giert seine Spiel­idee, und als der fragte, wel­cher Platz dort für ihn vor­ge­sehen sei, soll Favre gesagt haben: Das weiß ich auch nicht.“

Doch inzwi­schen sitzt Lucien Favre eben nicht mehr auf gepackten Kof­fern, auch wenn die, die bei ihm zu Hause waren, sagen, dass es dort so flüchtig ein­ge­richtet wirkt, dass er jeder­zeit abrei­se­be­reit sei. Favre zeigt nach dem Ende des Gesprächs sogar noch einmal auf das Auf­nah­me­gerät. Stellen Sie das noch mal an.“ Der Trainer will Borussia Mön­chen­glad­bach loben: Der Klub ist sehr gut orga­ni­siert. Es ist ein­fach ange­nehm. Keine Dis­kus­sion, eine Top-Adresse!“ So etwas hätte er noch vor einem Jahr nicht einmal unter der Andro­hung gesagt, dass man ihm seine DVDs weg­nimmt.

Lucien passt per­fekt zur Borussia“

Doch sie haben inzwi­schen zuein­ander gefunden, vor allem Trainer und Manager. Lucien Favre ver­sucht alle Even­tua­li­täten zu klären, alles zu kennen. Das tut auch mir gut, weil ich im Gegen­satz zu ihm schnell ent­scheide“, sagt Eberl. Wahr­schein­lich ist er im Nach­hinein auch nicht unfroh, dass es mit Der­diyok damals nicht geklappt hat. Und die Trans­fers vor dieser Saison waren schon im März weit­ge­hend erle­digt.

Lucien passt per­fekt zu Borussia Mön­chen­glad­bach, aber der Klub auch zu ihm“, sagt Eberl. Viel­leicht können andere Klubs daraus lernen, dass es manchmal eben dauert, bis alles seinen Platz gefunden hat, und zu so einem Pro­zess auch Krisen und Kon­flikte gehören. In Mön­chen­glad­bach ist jeden­falls eine beson­dere Chemie ent­standen zwi­schen dem ein­ge­schwo­renen Kern lang­jäh­riger Mit­ar­beiter und dem genia­li­schen Mann auf der Trai­ner­bank.

Den hatte auch die Foh­lenelf in Hennes Weis­weiler, der den Ball haben wollte und mutigen Offen­siv­fuß­ball spielen ließ. Der auch ein Auge für Talente besaß und sie vor allem auch wei­ter­brachte. Bei Favre ist das ähn­lich, wenn auch sein Weg ein anderer ist. So rückt er nie in fremde Sta­dien aus, um Gegner anzu­schauen oder einen inter­es­santen Spieler, er ver­tieft sich lieber in Video­mit­schnitte. Als ver­rückter Pro­fessor gehört er zu jener Avant­garde von Trai­nern, die sich bis in die Atom­struktur des Spiels hin­ein­fressen. Ständig auf der Suche nach wie­der­keh­renden Mus­tern und unauf­fäl­ligen Details, aus denen man den ent­schei­denden Vor­teil ziehen kann. So wie Pep Guar­diola oder Thomas Tuchel, auch sie Fuß­ball­trainer aus dem Geist der Spiel­ana­lyse. Mit den Ergeb­nissen aus der Bil­der­schau geht Favre zu seiner Mann­schaft auf den Platz und ver­wan­delt sie in Praxis, spielt Elf gegen Null, um ihnen zu zeigen, wie sie aus dem, was er gesehen hat, einen Vor­teil ziehen können. Wohin sie in wel­chem Moment spielen sollen, weil der Gegner dort anfällig ist. Er ist ein Gott der kleinen Dinge. Dem Links­ver­tei­diger Tony Jantschke etwa hat er bei­gebracht, geg­ne­ri­sche Flanken mit dem rechten Bein abzu­wehren. Weil er dann nicht nur sta­biler steht, son­dern das Bein auch zehn Zen­ti­meter weiter in die mög­liche Flug­bahn hin­ein­reicht. Zehn Zen­ti­meter, in Favres Welt kann das über Sieg und Nie­der­lage ent­scheiden.

Wahr­schein­lich tun der Verein und er sich wech­sel­seitig so gut, weil sie so unter­schied­lich sind. In der durch und durch ver­nünf­tigen Welt von Borussia Mön­chen­glad­bach, in der alle so gut orga­ni­siert und brav sind wie die Anzüge, die sie am Spieltag tragen, ist der Trainer für krea­tiven Irr­sinn zuständig und für die Schön­heit. Das belebt alle, und umge­dreht hilft es Favre, dass sie ihm wirk­lich ver­trauen und er sich in diesem zutiefst sta­bilen Umfeld unge­stört aus­leben darf. Dass er damit Geschichte schreiben und eine Ära prägen könnte, ist für ihn jedoch ein fast schon absurder Gedanke: Ich denke über­haupt nicht an so etwas. Die Zeit rennt, und ich schaue nur auf das kom­mende Spiel.“ Er muss jetzt auch drin­gend weiter. Die nächsten DVDs hat er schon in der Hand.

Dieser Text erschien bereits als Titel­ge­schichte in unserer Aus­gabe 11FREUNDE #158.