Seite 2: „Gekämpft wie Soldaten“

Wales ist ein Fuß­ball­zwerg. Ein Länd­chen, das zwar über die Aus­nah­me­spieler Aaron Ramsey und Gareth Bale ver­fügt, seine Mann­schaft dar­über hinaus aus inter­na­tional zweit- und dritt­klas­sigen Klubs rekru­tiert. Hal Robson-Kanu war in der ver­gan­genen Saison für den eng­li­schen Zweit­li­gisten FC Rea­ding nicht mehr gut genug. In Lille hat Wales gewonnen, weil es die bes­sere Mann­schaft war. Trotz der grö­ßeren indi­vi­du­ellen Qua­lität auf bel­gi­scher Seite. Wales war uns tak­tisch über­legen“, befand Bel­giens Tor­hüter Thibaut Cour­tois.

Mann­schafts­geist schlägt indi­vi­du­elle Klasse

So etwas ist im großen Geld­ver­meh­rungs­wett­be­werb der Cham­pions League nicht mehr mög­lich. Im Klub­fuß­ball werden immer wieder die­selben fünf, sechs Mann­schaften domi­nieren, weil sie über Jahre hinweg tag­täg­lich mit ihrem Per­sonal arbeiten und damit auf ein Niveau kommen, das kein Außen­seiter errei­chen kann. Die Euro­pa­meis­ter­schaft kann dieses Niveau nicht bieten, nach einer kräf­te­zeh­renden Saison, in der die jewei­ligen Trainer Spieler zusam­men­wür­feln, die im Alltag nicht auf­ein­ander abge­stimmt werden können. Bei diesem Tur­nier kann indi­vi­du­elle Qua­lität auch schon mal durch außer­ge­wöhn­li­chen Mann­schafts­geist kom­pen­siert werden. So hat Grie­chen­land die EM 2004 gewonnen, so ist Wales am Freitag ins Halb­fi­nale gekommen. Wir haben gekämpft wie Sol­daten“, sagte Trainer Coleman.

Wer gesehen hat, wie der 100 Mil­lionen Euro schwere Super­star Bale am Freitag nach dem zwi­schen­zeit­li­chen Aus­gleich als letzter auf die Traube seiner jubelnden Kol­legen sprang, eine Art Stage Diver des Fuß­balls, der kann die Begeis­te­rung und den Zusam­men­halt in dieser Mann­schaft erahnen. Der große Gareth Bale tourt seit drei Wochen mit klein­kind­li­cher Begeis­te­rung durch Frank­reich. Alle betonen sie immer wieder, wie stolz sie auf ihr Land sind, dabei sind neun von ihnen gebür­tige Eng­länder. Abwehr­chef Ashley Wil­liams hat einen wali­si­schen Groß­vater, Hal Robson-Kanu eine wali­si­sche Groß­mutter, das reicht schon für die Spiel­be­rech­ti­gung. Aber wir alle wissen nicht nur um unsere gemein­same Vision, son­dern auch um unsere gemein­same Iden­tität“ , sagt Chris Coleman. Auch die eng­li­schen Waliser vor jedem Spiel singen laut und begeis­tert die Natio­nal­hymne Hen Wlad Fy Nhadau“, altes Land meiner Väter. Die erste Strophe geht so:

Mae hen wlad fy nhadau yn annwyl i mi Gwlad beirdd a chan­to­rion, enwo­gion o fri; Ei gwrol ryfelwyr, gwlad­garwyr tra mâd, Tros ryddid gol­lasant eu gwaed!

Wer das feh­ler­frei into­niert, kann am Mitt­woch auch Por­tugal besiegen. Selbst wenn die Kno­chen schmerzen, der über­ra­gende Spiel­ma­cher Aaron Ramsey gesperrt ist und der Ver­tei­diger Ben Davies auch. Die Jungs mit dem grünen Dra­chen auf dem roten Trikot wollen weiter nach Paris.

Don’t take me home, please don’t take me home…