Wie heiß bin ich auf die WM?

Eigent­lich eine dumme Frage. Eine Welt­meis­ter­schaft, dazu noch in Bra­si­lien – allein diese Infor­ma­tionen würden nor­ma­ler­weise aus­rei­chen, um mein Herz zu ent­flammen. Doch diesmal ist irgendwie alles anders. Und das hat damit zu tun:

Funk­tio­näre und Poli­tiker, die aus der Kor­rup­tion eine Art Volks­sport gemacht haben.

Unter­be­zahlte Arbeiter, die sich bei unnö­tigen und über­teu­erten Sta­di­on­bauten zu Tode schuften.

Tau­sende von armen Schlu­ckern, die aus ihren Favelas geprü­gelt werden, um Platz für Park­plätze zu schaffen.

Ein angeb­li­cher Volks­held namens Pelé, der sich bei dieser WM dumm und dus­selig ver­dienen wird und sich trotzdem erdreistet, es als normal“ zu bezeichnen, dass es Tote und Ver­prü­gelte gegeben hat.

Ein Welt­ver­band, der sich auf­führt wie eine Kolo­ni­al­macht und in Zusam­men­ar­beit mit einem will­fäh­rigen Regime dafür gesorgt hat, dass unsere große Liebe Fuß­ball als Mil­li­ar­den­ge­schäft inzwi­schen mehr Geld ver­un­treut als die ita­lie­ni­sche Mafia.

Fuß­baller, die in abge­le­gene Dschungel-Luxus­camps ein­ziehen, um ja nicht wieder in Kon­takt mit der Rea­lität zu kommen.

Sepp Blatter, diesem Mann, der längst für so viel Schlechtes im Fuß­ball steht, dass man gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, sich zu beschweren.

Ich könnte damit ewig wei­ter­ma­chen. Denn wenn sich sich ein roter Faden durch die Vor­be­richt­erstat­tung dieser WM gezogen hat, dann dieser: Schlechte, bis sehr schlechte Nach­richten. Das war zwar schon immer so – man denke nur an die War­nungen der Medien vor so genannten No-go-Areas“ im Vor­feld der WM 2006 – aber in diesem Jahr sind die Hiobs­bot­schaften nicht nur Som­mer­loch-Folk­lore, son­dern die bit­tere Rea­lität. Die Toten und Ver­prü­gelten gibt es wirk­lich. Die Kor­rup­tion sowieso. Pelé hat das leider wirk­lich gesagt. Und Sepp Blatter wird dem­nächst wahr­schein­lich sogar wie­der­ge­wählt.

Eine gewisse Distanz

Bad news are good news“, lautet eine alter Reporter-Weis­heit. Aber für diese WM gilt das nicht. Weil ein­fach fast jede News im Vor­feld bad“ war. Die Fuß­baller können dafür nichts, sie haben schließ­lich noch nicht eine Minute lang gegen den Ball getreten. Aber für die Vor­freude auf dieses Sport­er­eignis waren die ganzen schlechten Nach­richten pures Gift. All die Euphorie der WM-Vor­freude ist einer kri­ti­schen Distanz gewi­chen. Distanz zum Tur­nier an sich, Distanz zu den teil­neh­menden Mann­schaften – Distanz vor allem zum Gast­ge­ber­land Bra­si­lien, das diese Ver­an­stal­tung nicht etwa genutzt hat, um die eigenen Miss­stände zu bekämpfen, son­dern sich so der­maßen von der Fifa gän­geln ließ, dass die Miss­stände zum Teil noch ver­grö­ßert wurden.

Gut mög­lich, dass diese emo­tio­nale Distanz Geschichte sein wird, wenn heute Abend ab 22 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit der Ball end­lich rollt. Aber zumin­dest ein fader Bei­geschmack wird bleiben. Denn so schmeckt mir der Fuß­ball ganz und gar nicht.