Vier Tage nach dem ver­lo­renen Euro­pa­meis­ter­schafts­fi­nale in Wem­bley trat Bukayo Saka erst­mals wieder in die Öffent­lich­keit. In einem langen Twitter-Post erklärte er, dass er den Sozialen Netz­werken ein paar Tage fern geblieben sei, um Zeit mit seiner Familie zu ver­bringen und um über die ver­gan­genen Wochen nach­zu­denken. Dann bedankte er sich für die große Unter­stüt­zung seiner Anhänger und beschrieb die unter­schied­li­chen Gefühle, die wäh­rend des Tur­niers in ihm auf­ge­kommen seien: Da waren der Stolz und die Dank­bar­keit, erst­mals nach 55 Jahren als Spieler der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft wieder in einem großen Finale zu stehen, aber auch die tiefe Ent­täu­schung, die er nach seinem ver­schos­senen Elf­meter emp­funden habe. In diesem Moment habe er sofort gewusst, welche Reak­tionen, ins­be­son­dere in den Sozialen Netz­werken, auf ihn zukommen würden. Und so for­derte Saka in seiner Bot­schaft die drei großem Unter­nehmen Insta­gram, Twitter und Face­book dazu auf, mehr gegen die Hass­kom­men­tare zu unter­nehmen.

Neben Saka waren auch Marcus Rash­ford und Jadon Sancho im Nach­gang der Final­nie­der­lage ras­sis­ti­schen und belei­di­genden Kom­men­taren auf den sozialen Platt­formen aus­ge­setzt. Doch das Pro­blem besteht seit län­gerem. Ins­be­son­dere seit dem Aus­bruch der Corona-Pan­demie haben sich Hass und Ras­sismus gegen pro­mi­nente Fuß­baller ver­stärkt. Ein Bericht im Guar­dian legte Anfang des Jahres nahe, dass sich das Phä­nomen beschleu­nigt durch die geschlos­senen Sta­dien immer mehr ins Internet ver­la­gert. Sehr häufig richtet sich der Hass an dun­kel­häu­tige Spieler. Eine Studie der Pro­fes­sional Foot­bal­lers‘ Asso­cia­tion (PFA, die Gewerk­schaft der Pro­fi­fuß­baller in Eng­land und Wales) aus der Saison 2019/20 ent­hüllte, dass 43 Pro­zent der befragten Pre­mier-League-Spieler bereits explizit ras­sis­ti­sche Beschimp­fungen im Internet erhalten hatten. Im Rahmen dieser Ent­wick­lung for­mierte sich in Eng­land dann im Früh­jahr eine weit­rei­chende Pro­test­ak­tion. Zunächst kün­digten die Ver­eine der Pre­mier League im April einen drei­tä­tigen Boy­kott an. Dem schlossen sich viele Ver­eine und Insti­tu­tionen an, dar­unter die Women’s Super League, der schot­ti­sche und iri­sche Fuß­ball­ver­band und der Cri­cket- und Rug­by­ver­band.

Thierry Henry löscht seinen Twitter-Account

Thierry Henry ging sogar noch einen Schritt weiter und löschte seinen Twitter-Account mit der Ankün­di­gung, er werde erst dann zurück­zu­kehren, wenn sich der Umgang der Social-Media-Unter­nehmen mit Hass­bot­schaften auf ihren Platt­formen wirk­lich geän­dert habe. Seine Absti­nenz dauert bis heute an. Das schiere Ausmaß an Ras­sismus, Mob­bing und daraus resul­tie­render psy­chi­scher Folter für Ein­zel­per­sonen ist zu giftig, um sie zu igno­rieren“, schrieb er damals. Das sahen offenbar auch Lewis Hamilton und Prinz Wil­liam so, die sich eben­falls dem drei­tä­gigen Boy­kott der Pre­mier League anschlossen. In Deutsch­land unter­stützen unter anderem die TSG Hof­fen­heim und der FC St. Pauli die Aktion. Holger Kliem, Pres­se­spre­cher des Ver­eins, sagte gegen­über der TAZ: Ras­sis­ti­sche Anfein­dungen gegen­über unseren Spie­lern nehmen auch auf deren Social-Media-Accounts zu. Es sind nicht immer gleich extreme Beschimp­fungen, wie sie unsere Spieler Ryan Ses­se­gnon und Diadié Samas­sékou erleben mussten. Aber Respekt­lo­sig­keit und All­tags­ras­sismus sind leider an der Tages­ord­nung.“ Der Eng­länder Ryan Ses­se­gnon wurde damals nach einem Aus­wärts­spiel bei Union Berlin in Sozialen Netz­werken ras­sis­tisch belei­digt und hatte, wie zuvor Ses­se­gnon, die Bot­schaften dann öffent­lich gemacht. Bei Borussia Dort­mund traf es Jude Bel­lingham, der den Hass eben­falls öffent­lich machte und den Post mit dem Satz Nur ein wei­terer Tag in den sozialen Medien“ kom­men­tierte.

Ras­sis­ti­sche Belei­di­gungen in sozialen Medien sind ein über­grei­fendes Pro­blem in Sport und Gesell­schaft, die Auf­for­de­rung an Face­book, Insta­gram und Twitter, ent­schlos­sener gegen sie vor­zu­gehen, wohl eine trau­rige Not­wen­dig­keit. Doch wie könnten wirk­same Stra­te­gien zur Bekämp­fung kon­kret aus­sehen? Trotz der Reich­weite des Pro­blems und des Pro­testes ist bis dato wenig pas­siert. Das liegt aber nicht nur am zöger­li­chen Ein­lenken der Unter­nehmen, die zwar durch auto­ma­ti­sierte Fil­ter­sys­teme ras­sis­ti­sche Belei­di­gungen immer besser erkennen können, doch von einer flä­chen­de­ckenden Über­wa­chung offenbar noch weit ent­fernt sind. So belegt die Studie der PFA auch, dass 29 Pro­zent der Dis­kri­mi­nie­rungen in der Pre­mier-League-Saison 2019/20 in Form von Emojis getä­tigt wurden. Das erschwert die rein auto­ma­ti­sierte Fest­stel­lung, was eine ras­sis­ti­sche Äuße­rung ist und was nicht. Wird das ganze zu restriktiv, droht der Vor­wurf der Zensur. Daniel Kil­vington, der an der Leeds Becket Uni­ver­sity zu Ras­sismus im Sport forscht, wies gegen­über dem Deutsch­land­funk zusätz­lich auf das Pro­blem hin, dass Soziale Medien Nationen, Kul­turen und Rechts­sys­teme über­schreiten. Was in einem Land unter bestimmten Gesetzen als anstößig ange­sehen wird, wird mög­li­cher­weise in einem anderen Land nicht als anstößig ange­sehen.“

Ein wei­terer Vor­schlag zur Bekämp­fung von dis­kri­mi­nie­renden Bot­schaften im Internet ist die soge­nannte Klar­na­men­pflicht“, die in leicht abge­mil­derter Form auch mal als Iden­ti­fi­zie­rungs­pflicht“ dis­ku­tiert wird. So sollen Social-Media-Konten nur noch mit dem echten Namen (Klar­na­men­pflicht) oder wenigs­tens mit hin­ter­legter und veri­fi­zierter Iden­tität betrieben werden können. Die Hoff­nung ist, dass Men­schen, die mit ihrem echten Namen im Internet unter­wegs sind, aus Angst vor Straf­ver­fol­gung auf Hass­postings ver­zichten. Doch auch hier ist nicht alles so ein­fach, wie es auf den ersten Blick scheint. So weist der Netz­ak­ti­vist­Markus Reuter dar­aufhin, dass die Lösung nicht Miss­trauen gegen unbe­schol­tene Bürger:innen und ein Iden­ti­fi­zie­rungs­zwang aller sein [kann], nur weil eine kleine Gruppe der Gesell­schaft straf­recht­lich rele­vante Dinge tut. Das ist unver­hält­nis­mäßig – und ein gefähr­li­cher fal­scher Ansatz.“ Reuter zufolge droht die Gefahr der Mas­sen­über­wa­chung.

Es bleibt die Frage, wie man wirksam gegen Hass und Ras­sismus im Internet vor­gehen kann. Ist ein Boy­kott ein guter Weg? Daniel Kil­vington hat darauf keine ein­deu­tige Ant­wort. Einer­seits finde er die Soli­da­ri­sie­rung von Fuß­bal­lern und Pro­mi­nenten sehr positiv, weil sie den Druck auf die Social-Media-Unter­nehmen erhöhe. Doch die Tat­sache, dass bei sol­chen Aktionen die Opfer aus der Öffent­lich­keit ver­schwinden und nicht die Täter, sieht er wie­derum kri­tisch. Und selbst wenn ein län­ger­fris­tiger Boy­kott eine effek­tive Methode sein sollte: Die finan­zi­ellen Inter­essen der Ver­eine und Spieler wider­spre­chen so einer Stra­tegie, denn der Auf­tritt und die gene­rierte Reich­weite in den Sozialen Netz­werken hängt im Pro­fi­ge­schäft mitt­ler­weile eng mit den Ver­mark­tungs- und Ver­dienst­mög­lich­keiten zusammen. So ver­dienen Top-Spieler wie Kylian Mbappé, Neymar oder Chris­tiano Ronaldo bereits einen bedeu­tenden Anteil ihres Jah­res­ge­halts durch Insta­gram-Posts. Und auch für die Ver­eine wird es bei Neu­ver­pflich­tungen zuneh­mend ein Thema, wie viele Fol­lower ein Spieler in den sozialen Netz­werken hat, denn digi­tale Reich­weite bedeutet poten­ti­elle Kund­schaft etwa für Mer­chan­dise Artikel und lukra­tive Wer­be­part­ner­schaften.

Es gibt keinen Platz für Ras­sismus oder Hass jeg­li­cher Art im Fuß­ball oder in irgend­einem Bereich der Gesell­schaft. Indem wir freund­lich zuein­ander sind, werden wir gewinnen. Liebe gewinnt immer.“

Bukayo Saka

Und dann ist da noch der gesamt­ge­sell­schaft­liche Hin­ter­grund des Pro­blems. Schließ­lich sind die Sozialen Medien immer noch vor allem Platt­formen, Ver­mittler, Ver­stärker. Gäbe es keinen Hass und Ras­sismus in der Gesell­schaft, könnten sie dort auch nicht ver­breitet werden. Die Hoff­nung auf eine Ver­bes­se­rung der Gesell­schaft hat Bukayo Saka jeden­falls noch nicht auf­ge­geben. Er been­dete seinen Bot­schaft am Don­nerstag mit den Worten: Es gibt keinen Platz für Ras­sismus oder Hass jeg­li­cher Art im Fuß­ball oder in irgend­einem Bereich der Gesell­schaft. Indem wir freund­lich zuein­ander sind, werden wir gewinnen. Liebe gewinnt immer.“