Der 20-jäh­rige Mit­tel­feld­spieler vom 1. FC Köln hatte am 22. Mai 1979 beim 3:1 Sieg in einem Freund­schafts­spiel gegen Irland sein Debüt im DFB-Dress gegeben. Diese wurde inzwi­schen von Häupt­ling Sil­ber­locke“ Jupp Der­wall trai­niert, der das Amt nach der ent­täu­schenden WM 1978 von seinem eins­tigen Chef Helmut Schön über­nommen hatte.

Die deut­sche Mann­schaft hatte gerade einen gewal­tigen Umbruch hinter sich gebracht. Nachdem Bonhof ver­let­zungs­be­dingt absagen musste, war kein ein­ziger Welt­meister von 74 mehr im Kader und auch aus der Mann­schaft von 1976 war einzig Kapitän Ber­nard Dietz übrig geblieben. Zudem fiel Klaus Fischer ver­let­zungs­be­dingt aus, wes­wegen Horst Hru­besch im Alter von immerhin schon 29 Jahren zu seinen ersten Län­der­spielen kam.

Kaum einer der Spieler war älter als 25


Diese Elf des DFB war die jüngste, die der Ver­band bei einem großen Tur­nier je ins Rennen geschickt hatte, Dietz war der ein­zige Akteur über 30. Die Förster-Brüder, Manni Kaltz, Hans-Peter Briegel, Mirko Votava, Uli Stie­like, Felix Magath, Hansi Müller, Karl-Heinz Rum­me­nigge, Klaus Allofs – kaum einer dieser Spieler war älter als 25. Die beiden jüngsten im Team waren, neben Ersatz­tor­wart Eike Immel, Bernd Schuster und der erst 19-jäh­rige Lothar Mat­thäus, der auf seine Nomi­nie­rung mit Tränen der Ver­zweif­lung reagierte, hatte er doch schon den Urlaub mit der Freundin gebucht.

Zunächst bekam Der­wall aber wohl ein wenig Angst vor der eigenen Cou­rage. Statt der blonden Nach­wuchs­hoff­nung vom 1. FC Köln nahm er dessen Team­kol­legen Bernd Cull­mann für die Auf­takt­partie gegen die CSSR in die Mann­schaft. Cull­mann spielte sehr unglück­lich, und nur mit sehr viel Glück gewannen die Deut­schen die Revanche für die Nie­der­lage von Bel­grad durch ein Tor von Rum­me­nigge mit 1:0. Von der spie­le­ri­schen Klasse ver­gan­gener Jahre war in diesem Spiel nichts zu sehen.

Umso über­ra­schender war die Leis­tung, die die deut­sche Mann­schaft drei Tage später gegen den Erz­ri­valen aus den Nie­der­landen zeigte. Dafür ver­ant­wort­lich war zumin­dest zu Beginn vor allem ein Mann: Bernd Schuster, der nach Cull­manns Kata­stro­phen­spiel ins Team gerutscht war. Beson­ders in der ersten Halb­zeit zeigte Schuster Fuß­ball vom Feinsten und ließ den mit­unter an der Grenze zur Bru­ta­lität spie­lenden Willy van de Kerkhof ein ums andere Mal ins Leere laufen.

Doch Schuster zeigte nicht nur sein Reper­toire an tech­ni­schen Finessen, son­dern berei­tete auch ziel­strebig zwei der drei Tore von Klaus Allofs vor, der alleine durch dieses Spiel zum Tor­schüt­zen­könig des Tur­niers wurde. 3:0 stand es nach 66. Minuten. Dass es beim 3:2‑Sieg über­haupt noch einmal eng wurde, war ledig­lich der Tat­sache geschuldet, dass die Deut­sche Elf ein wenig nach­lässig wurde und der ein­ge­wech­selte Mat­thäus einen – aller­dings sehr zwei­fel­haften – Elf­meter ver­schul­dete.

Am Ende jedoch reichte es zum Sieg und zum bei­nahe schon sicheren Final­einzug. Bernd Schuster hatte eine Leis­tung gezeigt, an der er fortan stets gemessen wurde und die ihn berech­tigte, seinen Spie­lern später als Trainer gön­ner­haft mit­zu­teilen: Keiner muss so super spielen wie ich früher.“

Auch im Finale war er die prä­gende Figur. Er war es, der die bei­nahe per­fekt funk­tio­nie­rende Abseits­falle der Bel­gier aus­he­belte und so den Füh­rungs­treffer Horst Hru­beschs ermög­lichte. Man wählte ihn zum besten Spieler des Tur­niers.

In den Stunden danach erfuhr er, dass sein Trainer Hennes Weis­weiler den FC ver­lassen würde. Was soll ich denn jetzt machen?“, klagte er noch in der Kabine. Seine Frau Gaby wusste es: Es zog sie nach Süd­eu­ropa. Bernd Schus­ters Abschied aus der Bun­des­liga war besie­gelt. Er wech­selte zum FC Bar­ce­lona.

Erkaltet war damit auch sein Ver­hältnis zu Natio­nal­coach Jupp Der­wall, mit dem sich Schuster einige Zeit später derart über­warf, dass er ihn öffent­lich einen Ahnungs­losen“ nannte. Der­wall schätzte es nicht, wenn es seine Spieler ins Aus­land zog.

Viel Obst und Getreide in flüs­siger Form“


Bevor es 1984 zum end­gül­tigen Bruch kam, gerieten die beiden schon einmal heftig anein­ander. Nach einem Län­der­spiel 1981 entzog sich Schuster mit­hilfe der ihn kid­nap­penden Gaby der obli­ga­to­ri­schen blauen Stunde“ der Natio­nalelf, an der auch Biere und Kurze teil­nehmen durften“ (Toni Schu­ma­cher). Plötz­lich ver­misste Der­wall Schuster, griff ange­hei­tert zum Tele­fon­hörer und ließ die zufällig abneh­mende Gaby wissen: Sie üben einen schlechten Ein­fluss auf den Bernd aus. Zum Län­der­spiel nach Finn­land braucht er erst gar nicht kommen.“ Später äußerte Der­wall zu dieser Nacht: Es gab viel Obst und Getreide in flüs­siger Form.“

Auch wenn Schuster danach noch ein paar Spiele für den DFB bestritt, wirk­lich zusam­men­raufen konnten sich Der­wall und er nie wieder. Nachdem er die WM 1982 ver­letzt ver­passt hatte, trat Schuster vor der EM 1984 aus der Natio­nal­mann­schaft zurück. Auch ein von Franz Becken­bauer erwünschtes Come­back 1986 schei­terte. Frau und Bera­terin Gaby, über die Rainer Cal­mund später äußern sollte, sie sei die här­teste Ver­hand­lungs­part­nerin, der er je begegnet sei, ver­langte für die WM-Reise nach Mexiko eine Mil­lion Mark Gage.

Der Deut­sche Fuß­ball-Bund hatte bis dahin noch nie Antritts­gage für einen Spieler bezahlt. DFB-Boss Her­mann Neu­berger war’s egal. Er ging auf Bet­tel­tour und machte vier Geld­geber aus­findig, die bereit waren, ins­ge­samt 300.000 Mark zu geben. Doch das war Schus­ters Ehe­frau zu wenig. So spielte der begna­dete Fuß­baller nie wieder für die Natio­nal­mann­schaft.


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