Seite 3: „Wenn ich einen 35-Jährigen nicht attackiere, habe ich es auch nicht verdient“

Was war in den Gesprä­chen mit den Bayern ent­schei­dend?
Alex ist ein boden­stän­diger Kerl. Er mag kein groß­kot­ziges Auf­treten. Auf den Umgang legt er sehr viel Wert. Das war ein Punkt. Hinzu kam der Kar­rie­re­plan. Was pas­siert in den nächsten drei, vier Jahren? Und man darf nicht ver­gessen: Nicht jeder Tor­wart hat die Mög­lich­keit, zum besten deut­schen Klub zu gehen. Das ist eine große Chance. Die Bayern hatten in den Gesprä­chen das beste Auf­treten und das beste Paket.

Der kicker“ hat Nübel in der Hin­run­den­bi­lanz in die vierte Kate­gorie („Im Blick­feld“) ein­ge­ordnet. Hat ihn der Wirbel um seinen Wechsel beein­träch­tigt?
Ich schätze den kicker“ sehr, aber diese Kate­go­rien sind Spie­le­reien für Fans. Die Rang­liste ent­stand auch unter dem Ein­druck der roten Karte gegen Frank­furt und viel­leicht einem Wackler gegen Leipzig. Alex kann äußere Umstände sehr gut aus­klam­mern, also auf Ihre Frage geant­wortet: klares Nein! Die Wackler waren kein Aus­druck von Ner­ven­schwäche, son­dern von einer Ent­wick­lung. Ter Stegen und Neuer haben als junge und vor allem auch offen­sive Tor­hüter ähn­liche Schritte gemacht. Jeder Fehler, den Alex macht, ist wichtig für seinen Lern­pro­zess.

Bei Schalke wären ihm diese Fehler aber eher ver­ziehen worden als nun bei den Bayern.
Ers­tens: Er ist noch nicht bei den Bayern, son­dern noch ein halbes Jahr auf Schalke. Zwei­tens: Welt­klas­se­ver­eine kaufen Spieler nach Poten­zial. Sie bil­ligen Talenten Fehler zu. Ein Kim­mich oder ein Davies waren am Anfang auch noch nicht kom­plett, sie konnten lernen. Die Bayern haben zudem mit Neuer einen Welt­klas­se­mann, von dem Alex zunächst einmal pro­fi­tieren kann.

Im Dop­pel­pass kur­sierte die These: Nübel hat Bayern die Zusage gegeben, sollte aber noch zwei Jahre bei Schalke geparkt werden.
Diesen Plan gab es nie. Der Transfer eines Tor­hü­ters ist immer anders anzu­gehen als jener eines Feld­spie­lers, weil das Zeit­fenster für eine Ablö­sung kleiner ist. Des­halb mag der Wechsel nun etwas knaut­schig wirken, weil Neuer bei den Bayern noch spielt. Es ist per­spek­ti­visch jedoch der rich­tige Schritt für Alex.

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Fritz Beck

Wenn ich einen 35-Jäh­rigen nicht atta­ckiere, habe ich es auch nicht ver­dient“

Sie spra­chen von einem Kar­rie­re­plan bei den Bayern. Im Dezember sagten Sie der AZ: Die wich­tigste Vor­aus­set­zung für Alex ist, dass er Spiel­praxis bekommt. Wie soll das bei den Bayern funk­tio­nieren?
Meine Aus­sage mag erst einmal komisch klingen. Das Thema Spiel­praxis“ haben wir in den Gesprä­chen mit den Bayern natür­lich geäu­ßert, und auch die Bayern hatten diese The­matik auf dem Zettel. Manuel Neuer in diesem Sommer zu ver­drängen – das wäre ein sehr ambi­tio­niertes Ziel.

Und danach?
Alex will Neuer mit­tel­fristig ver­drängen. Wenn ich zu den Bayern wechsle, muss ich mich da durch­setzen wollen. Neuer ist ein Welt­klas­se­tor­wart, aber bei Bayern hat jeder Neue erst einmal einen Welt­klas­se­mann vor sich. Das war bei Kim­mich oder Davies auch so. Man wird in drei Jahren sehen, ob Alex’ Weg der rich­tige ist. Aber er ist fest ent­schlossen und geht das jetzt an.

Wurden Nübel 15 Ein­sätze in der nächsten Saison garan­tiert?
Dazu kann und darf ich nichts sagen. Aber lassen Sie es mich noch einmal skiz­zieren: Manuel Neuer ist wahr­schein­lich der beste deut­sche Tor­wart aller Zeiten. Alex kann im Trai­ning und in den Ein­sätzen viel lernen. Als er zu Schalke kam, hat er sich auch ohne Spiel­praxis wei­ter­ent­wi­ckelt, bis er Ralf Fähr­mann ver­drängt hat. Manuel Neuer wird nicht jünger. Wenn ich also ein großer Tor­hüter werden will und dann nicht einen 35- oder 36-jäh­rigen Tor­wart atta­ckiere, dann habe ich es auch nicht ver­dient.

Deutsch­lands Tor­wart­trainer Andreas Köpke sagt, dass es ohne Spiel­praxis schwierig für Nübel in der Natio­nalelf werde.
Kevin Trapp fuhr ohne Spiel­praxis zur WM 2018, Manuel Neuer hatte vorher kein ein­ziges Spiel in der gesamten Saison gemacht.